22.12.1969

DAS PUBLIKUM WIRD MIT TORTUR EMPFANGEN

So schmerzlich nahe war einem Theater noch nie gegangen: Nach dem Eintritt ins stockfinstere Buhnenhaus drückte mir eine Hand die Kehle zu, eine andere zerrte am Haupthaar, perplex fiel ich zu Boden.
Liebevoll ward ich dann aufgerichtet, einer schlang den Arm um mich und leitete den Verstörten zu einem Sitzmöbel; aus Lautsprechern drang derweil orgiastisches Getöse. Der Exilspanier Fernando Arrabal, der Faun und Clown der Theater-Vorhut, hatte zu seiner jüngsten Schock-Séance geladen.
Et us passèrent des menottes aux fleurs" heißt das Werk, das so gräßlich anhebt, "... und sie legten den Blumen Handschellen an". Sein Schauplatz ist ein spanisches Gefängnis, und damit den Besucher schon an der Tür etwas Kerker-Feeling überkommt, wird er mit Tortur empfangen.
Im Spiele dann, im nackten Arena-Rund, wird weitergequält, wüst geträumt und der am Kreuz verstorbene Herr gelästert; eine Blondine gibt weiche Brüste frei, sexuelle Extravaganzen erwecken Wißbegier, ein nackter Mann, .der auf der Garrotte verenden muß, uriniert plätschernd in ein Becken, das wehklagende Frauen ihm reichen.
Der neue Arrabal, vom Autor eigenhändig inszeniert, wird unter großem Zulauf in einer Holzhude des Pariser Quartier Latin vorgeführt, im "Théâtre de l'Epée-de-bois", einer Art Theater-Labor. Im trüben Spielplan der Metropole ist es das kurioseste und kühnste Stück; zunehmend erregt es den Unmut der Einwohner.
In Leserbriefen etwa fordern angeschlagene Besucher eine "Gesellschaft zum Schutze der Theatergänger"; im "Figaro" wird das krasse Kerker-Stück gar mit den "verborgensten, unerlaubtesten Einrichtungen" des Amüsierviertels Pigalle gleichgesetzt.
Das Odium, "théâtre cochon", Ferkeltheater zu machen, hat dem Fernando Arrabal schon immer angehangen. Infantilismus, Kannibalismus, Sadismus, Masochismus oder auch Sado-Masochismus bewegt seine Figuren; gern hantieren sie mit Ketten und Peitschen; sinistre Zeremonien gemahnen an schwarze Messen und die Schrecknisse der Inquisition.
Allmählich freilich greift die Meinung um sich, dieser Basar voll grausig-surrealem Barock sei doch wohl mehr als Cochonnerie. Von Hamburg bis Rio de Janeiro wurde Arrabal in diesem Jahr gespielt, und während die Schöpferkraft der verwandten Großmeister Beckett, Ionesco und Genet mählich versiegt, steht Arrabal, nun 37, im saftigsten Holz.
Eine Ahnung davon gibt ein luxuriöser Bildband, der demnächst (im Melzer-Verlag) erscheint und einer Selbstfeier gleichkommt. Er zeigt den nackten Künstler rund 50mal in stummer, stolzer Zwiesprache mit seinem sieghaft gereckten Phall, den offenbar selbst der Tod nicht fällen kann: Auch auf einem Entwurf zum eigenen Grabmal erhebt sich dies nützliche Glied der Gesellschaft.
Arrabal, fraglos die bizarrste Figur der zeitgenössischen Szene, öffnet außer den Hosen jüngsthin auch die Verliese seiner spanischen Seele, aus denen die Phantasmen und Exaltationen seines Theaters steigen. Mit dem Kritiker Alain Schifres etwa hat er sich ein ganzes Buch lang unterhalten; für ein deutsches TV-Team fuhr er in seiner Heimstatt Rad.
Mit seiner französischen Gattin Luce, einer einstigen Lehrerin, teilt Arrahai eine geräumige Altbauwohnung im Pariser Hallen-Viertel. Dort liegt ein Sortiment von Peitschen aus, Spielzeuge aus der Raumfahrt-Sphäre häufen sich, vor allem aber türmen sich Gemälde in des Künstlers Heim.
Sie sind von spanischen Freunden nach großen Vor-Bildern angefertigt und haben alle das gleiche Sujet: Arrabal -- als Heros, Majestät oder Gigant. Der kleingewachsene Dramatiker, quasi Napoleon in der Maske Toulouse-Lautrecs, erklärt den Personenkult so: "Weil ich mit meinem Körper nicht zufrieden bin, lasse ich mich gern als Riese malen."
Seine anderen Traumata, wie etwa Sex, Gott und Mutter, sublimiert und kompensiert Arrabal auf dem Theater; nur Strindberg hat eigene Konflikte ähnlich offen dargebracht. Wie bei Dali und Buñuel sind Arrabals Obsessionen freilich von sehr spanischer Art.
Arrabals Vater, ein Linker, war zu Beginn des spanischen Bürgerkrieges von Franco-Truppen eingekerkert worden; möglicherweise hatte Arrabals Mutter, eine strenge Katholikin, den Judas gespielt. "Die Sache bleibt nebulos", sagt Arrabal.
Nach langen Kerker-Jahren galt der Vater plötzlich als verschollen, und in Arrabal nistete sich ein profunder Haß gegen die Mutter ein. "Fünf Jahre lang sprach ich kein Wort mit ihr" sagt Arrabal; 1955 verließ er, mit einem französischen Stipendium, sein Heimatland.
Das bigotte, prüde, repressive Franco-Spanien hatte den jungen Mann deformiert. Religion, sagt er, wurde ihm in einer Klosterschule "mit den Methoden der Inquisition beigebracht"; seine Sexualerziehung war "vollkommen autodidaktisch"; bei einer Tante, die Flagellantentum und Fäkalien-Ritualen anhing, lernte er nachtmahrische Ersatz-Verzückungen kennen.
Er war "extrem gläubig", und einmal erschien ihm auch die Mutter Gottes -- "als eine Art Marina Vlady". Von der "Idee Gottes" werde er auch heute noch "heimgesucht": Sein Theater sei "antireligiös bis zur Mystik oder religiös bis zur Blasphemie".
Mit Spanien hat er völlig gebrochen, er haßt selbst Flamenco und Kastagnetten. "Ich bin ein Anti-Spanier", sagt er, und dies erst recht, seit er vor zwei Jahren, während einer Spanienreise, wegen "Gotteslästerung" und "Beleidigung des Vaterlandes" in die Mühle der Franco-Justiz geraten war.
Drei Wochen hatte er damals hinter spanischen Riegeln geschmachtet, auch in Dunkelzellen; das Trauma, das ihn daraufhin befiel, schrieb er sich wieder von der Seele -- mit jenem Kerker-Drama, das den Besucher nun so milieugerecht empfängt.
Arrabal zeigt darin die Qualen und Visionen eines Trupps politischer Gefangener, auch ein verräterisches Weib tritt auf, einem Mann wird der Phall entrissen, doch Christus, dessen Lenden Kakao entströmt, macht den Entmannten wieder tüchtig -- eine Arrabaleske, grell, grotesk und auf morbide Art poetisch.
Anschließend mußten wir Besucher wieder mitspielen. Wir bekamen stickige Tüten über den Kopf gestülpt, Fußtritte trafen uns ins Kreuz, und auf den Nächsten, bei dem wir Schutz suchen sollten, war selten Verlaß: Meiner Begleiterin, die schon beim Eintritt einen scharfen Biß erhalten hatte" griff ein Fremdling knochig an die Brust.
Arrabal, zierlich und proper wie stets, sah von erhöhtem Orte den umhertappenden Tüten-Tölpeln zufrieden zu. Er sei fast jeden Abend hier, sagte er, und er helfe auch an der Eingangstür beim Beißen und Würgen.
Ob er Gefallen hat an diesem Spiel? "O ja", sagt er und lächelt fein. "Großen Gefallen."
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 52/1969
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