09.01.2006

SICHERHEITTod aus Spaß

Mit echt aussehenden Spielzeugwaffen sorgen Jugendliche für Panik - die Polizei fürchtet tödliche Missverständnisse.
Die Meldung alarmierte die Polizisten augenblicklich. Ein Anrufer berichtete, dass auf dem Schulhof des Gymnasiums Adolfinum in Moers ein Mann mit einer Pistole herumfuchtle. Sofort rückten zehn Beamte aus, die Bilder von Erfurt und Columbine vor Augen. Als das Team eintraf, richtete der potentielle Amokläufer seine Waffe auf eine 24-jährige Polizistin.
Die junge Frau feuerte zwei Warnschüsse ab - und schoss dem 52-Jährigen dann gezielt in den Oberschenkel. Als sie dem außer Gefecht Gesetzten die Waffe entriss, wunderte sie sich sofort über das Gewicht: Die Pistole war viel zu leicht.
Der psychisch gestörte Mann hatte mit einer sogenannten Softair-Pistole hantiert, einer Spielzeugwaffe, die Plastikkügelchen verschießt. Das Problem dabei: Diese Waffen sehen neuerdings so täuschend echt aus, dass selbst versierte Waffenexperten wie Wolfgang Dicke von der Gewerkschaft der Polizei "beim bloßen Anblick keinerlei Unterschiede mehr zu echten Pistolen oder Gewehren erkennen" können.
Für Beamte im Einsatz werden solche Softair-Knarren zunehmend zum Horror. Denn Vorfälle wie der vom November in Moers könnten sich "jeden Tag" wiederholen, glaubt Dicke.
Allein in den Tagen vor Silvester gingen bei der Polizei etliche Meldungen von Bürgern ein, die Kinder mit vermeintlichen Sturmgewehren und Maschinenpistolen gesichtet hatten.
In Köln und Dortmund versetzten Nachwuchs-Rambos mit ihren frisch vom Christkind eingetroffenen Kriegswaffenkopien die Nachbarschaft in Panik. In Braunschweig überfielen zwei Buben mit Softair-Gewehren ein Grilllokal. "Aus Spaß", gestanden sie reuig der Polizei. In Recklinghausen überwältigte ein Sondereinsatzkommando zwei junge Männer auf einer Straßenkreuzung. Ein Passant hatte sie beim Hantieren mit einer vermeintlichen Maschinenpistole beobachtet. Und in Ingolstadt wurde ein Kriminalbeamter von einem Gymnasiasten aus einer täuschend echt aussehenden Softair-Waffe beschossen.
Die Innenminister der Länder drängen seit Monaten darauf, dass Softair-Waffen nicht mehr in der Öffentlichkeit mitgeführt werden dürfen. Weil das jedoch gegen europäische Spielzeugrichtlinien verstoßen würde, tut sich der Bund schwer. Um "Handelshemmnisse" für ausländische Produzenten abzubauen, musste das Bundeskriminalamt die für Softair-Gewehre zulässige Geschossenergie von 0,08 auf 0,5 Joule erhöhen - nun lässt sich damit auf fünf Meter Entfernung eine CD-Hülle glatt durchschießen.
Das Hauptproblem aber ist hausgemacht. Mit dem neuen Waffengesetz von 2002 entfiel der "Anscheinsparagraf", der verbot, optisch exakte Kopien von Kriegswaffen in den freien Verkauf zu bringen. Bald boten Waffen- und Spielzeughändler Nachbauten von Kalaschnikows, Uzis und anderen automatischen Waffen an. Das Interesse war gewaltig.
Von einem "Boom bei Spielzeug- und Softair-Waffen im Militarylook" spricht das Bundesinnenministerium und beklagt den "groben Unfug", der damit getrieben wird. "Wir haben die Nachfrage unterschätzt", klagt der rheinland-pfälzische Innenminister Karl Peter Bruch (SPD).
Ein großer Teil der Softair-Waffen wird über martialisch aufgemachte Online-Shops vertrieben. Blondinen in knappen Armee-Shirts preisen Dauerfeuer-MPs an und werben für Schlachten "auch außerhalb des befriedeten Besitztums". Ein Händler, der sich an Kinder ab drei Jahren wendet, wirbt mit Kalaschnikows, die "echt Freude" machen. Ein anderer, der die Nachwuchs-Terminatoren ab 14 bedient, bietet Granatwerfernachbildungen an.
Wegen des "völlig perversen Angebots", sagt Polizeigewerkschafter Dicke, sei es "wohl nur noch eine Frage der Zeit", bis ein Polizist auf eine Fake-Waffe hereinfalle - und vor lauter Verwirrung einen Minderjährigen erschieße. GUIDO KLEINHUBBERT
Von Guido Kleinhubbert

DER SPIEGEL 2/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 2/2006
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SICHERHEIT:
Tod aus Spaß

Video 03:39

Videoanalyse zum Parteitag "Die CSU ist in einem desolaten Zustand"

  • Video "Zwei Reporter in Burma verhaftet: Das letzte Wort hat immer noch das Militär" Video 02:37
    Zwei Reporter in Burma verhaftet: Das letzte Wort hat immer noch das Militär
  • Video "E-Sport an der Universität: Der Weg zum Diplom-Zocker" Video 02:14
    E-Sport an der Universität: Der Weg zum Diplom-Zocker
  • Video "CSU-Parteitag: Zum Streiten machen wir die Haustüre zu" Video 02:25
    CSU-Parteitag: "Zum Streiten machen wir die Haustüre zu"
  • Video "Neue Jupiter-Animation: Sturzflug in den Großen roten Fleck" Video 01:17
    Neue Jupiter-Animation: Sturzflug in den "Großen roten Fleck"
  • Video "Officer down: Britische Polizei lacht über ausgerutschten Kollegen" Video 01:04
    "Officer down": Britische Polizei lacht über ausgerutschten Kollegen
  • Video "Abschied mit Tränen: Wolfgang Kubickis letzter Auftritt im Landtag" Video 02:00
    Abschied mit Tränen: Wolfgang Kubickis letzter Auftritt im Landtag
  • Video "Ex-SPD-Chef Kurt Beck über GroKo-Gespräche: Der gleiche Mist wie bei Jamaika" Video 02:12
    Ex-SPD-Chef Kurt Beck über GroKo-Gespräche: "Der gleiche Mist wie bei Jamaika"
  • Video "Star Wars am Wohnhaus: So haben Sie Darth Vader noch nie erlebt" Video 01:26
    Star Wars am Wohnhaus: So haben Sie Darth Vader noch nie erlebt
  • Video "Waffenschau in Washington: USA präsentieren Beweise für Irans Einmischung im Jemen" Video 00:56
    Waffenschau in Washington: USA präsentieren Beweise für Irans Einmischung im Jemen
  • Video "Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen" Video 00:55
    Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen
  • Video "Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an: Der Kampf geht weiter" Video 02:13
    Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an: "Der Kampf geht weiter"
  • Video "Tatort: Mit dem Blitzkrieg Bop gegen die AFD, brillant!" Video 04:29
    "Tatort": "Mit dem Blitzkrieg Bop gegen die AFD, brillant!"
  • Video "Filmstarts im Video: (Hoffentlich nicht) der letzte Jedi" Video 05:51
    Filmstarts im Video: (Hoffentlich nicht) der letzte Jedi
  • Video "Virales Video: Star-Wars-Crashtest" Video 01:22
    Virales Video: Star-Wars-Crashtest
  • Video "Großes Glück: Baby mit externem Herzen überlebt" Video 01:26
    Großes Glück: Baby mit externem Herzen überlebt
  • Video "Brexit-Abstimmung im Parlament: Rückschlag für May" Video 01:00
    Brexit-Abstimmung im Parlament: Rückschlag für May
  • Video "Weinstein über Hayek: Alle sexuellen Vorwürfe von Salma sind nicht korrekt" Video 00:58
    Weinstein über Hayek: "Alle sexuellen Vorwürfe von Salma sind nicht korrekt"
  • Video "Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama" Video 01:46
    Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama
  • Video "Jerusalem-Demo in Berlin: Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina" Video 03:35
    Jerusalem-Demo in Berlin: "Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina"
  • Video "Videoanalyse zum Parteitag: Die CSU ist in einem desolaten Zustand" Video 03:39
    Videoanalyse zum Parteitag: "Die CSU ist in einem desolaten Zustand"