09.01.2006

GLOBALISIERUNGDas Hemd des toten Weißen

Kleiderspenden gilt als Wohltat, aber es ist auch ein Geschäft von zweifelhaftem Ruf. Auf dem langen Weg einer Bluse von Hamburg nach Ostafrika begegnet man hanseatischen Kleidersammlern, indischen Kaufleuten und afrikanischen Planwirtschaftlern. Von Alexander Smoltczyk
Mitumba ist Kisuaheli. Es bedeutet "Ballen" oder auch: Kleiderballen. Mitumba, das sind die zigtausend Container, die Millionen getragener T-Shirts, Schlüpfer, Jeans und Hemden aus dem Norden, die über Afrika hereinbrechen, mit der Regelmäßigkeit von Dürren, von Heuschreckenplagen oder Kriegen.
Mitumba ist der globale Altkleidermarkt. In Afrika sagen die Menschen zu den Ballen auch "Kleider des toten weißen Mannes". Weil sie sich nicht vorstellen können, dass jemand zu Lebzeiten Kleider fortgibt, die noch brauchbar sind.
Mitumba ist ein Segen für viele und ein Fluch für manch andere. Mitumba beginnt an einem Dienstagmorgen in Hamburg-Eppendorf, neben dem Supermarkt an der Robert-Koch-Straße.
Der Sammelbehälter Nummer 64 ist ein Blechkasten mit einer Kipprutsche, auf dem geschrieben steht: "Vielen Dank für Ihre Unterstützung". Der Kasten steht auf dem Gelände des Kinderhauses Ronald McDonald.
Karin Martin-Wolber hat früher als Chefassistentin in einer Unternehmensberatung gearbeitet. Jetzt, mit 61 Jahren, ist sie Rentnerin, und es ist selbstverständlich, dass alles gewaschen und gebügelt wird, bevor es in die Tonne kommt: "Ich hoffe, die trägt jemand weiter, der sich das Modebewusste nicht leisten kann", sagt sie und meint die "Windsor"-Bluse in dem Plastikbeutel. Flanell, mit großen Perlmuttknöpfen, doch leider etwas zu weit.
Als Karin Martin-Wolber die Tüte auf die Kippe legt, weiß sie nicht, welchen Weg die Bluse in den nächsten Wochen und Monaten zurücklegen wird. Sie weiß nichts von Importzöllen, brachliegenden Textilfabriken und den Wartezeiten am Suezkanal. Wörtlich sagt sie: "Irgendjemand wird die Sachen einsammeln und an Leute weitergeben, die sie dringender brauchen als ich." Sie sagt: "Wie die Sachen dorthin kommen, darüber mache ich mir keinen Kopf."
In der Lagerhalle der Textilrecycling K. & A. Wenkhaus GmbH in Hamburg- Wandsbek steht Olaf Rintsch, der letzte Spross einer hanseatischen Dynastie von Lumpensammlern. "Plünnenhöker in fünfter Generation", sagt gutgelaunt Olaf Rintsch, ein Mann mit Hosenträgern und randloser Brille. Rintsch war mal Sparringspartner von Björn Borg. Ein Ermüdungsbruch beendete die Tenniskarriere, und Rintsch fand sich wieder in einer ehemaligen Fabrikhalle, zwischen Sackkarren, Aluboxen und Bergen von leicht müffelnden Hemden, Socken, Schuhen. Und jetzt einem Plastikbeutel mit einer fast neuen, doch etwas zu weiten "Windsor"-Damenbluse aus Flanell.
Sein Fahrer hat die Säcke aus dem Sammelbehälter geholt, geflucht über einzeln herumfliegende Schuhe und einen Beutel Küchenabfälle, hat alles in den Peugeot gepackt und ist ins Lager gefahren. Eine Halle von 6000 Quadratmetern, in der Stapler surren und die Pressen zischen.
Da liegen Haufen, Berge, Gebirge von Kleidern, Plüschbären, Laken, Schuhen. Man stellt sich vor, wie jedes Stück hier einmal ausgesucht worden ist, anprobiert, bezahlt und getragen. Es wurde vielleicht beim Abitur durchgeschwitzt, wurde gestopft, gewaschen, geliebt. Und irgendwann, schweren Herzens, weggegeben. Kleider sind nie nur Müll. Kleider waren einmal Leute. Deswegen werden sie gespendet und nicht einfach weggeworfen.
Doch wer in diesen Hallen Wohltätigkeit erwartet, hat noch viel zu lernen: "Das ist Business", sagt Rintsch, "sonst nix." Er hat kein Problem damit. Rintsch versteht sich als jemand, der dafür sorgt, dass aus guten Absichten auch etwas Gutes wird.
Die Deutschen bringen es jedes Jahr auf 600 000 Tonnen Altkleider, ein gutes Drittel in tragbarem Zustand. Nach Schätzung des kirchlichen Dachverbands "FairWertung" sind das etwa 300 Millionen Kleidungsstücke. In ganz Deutschland gibt es, trotz Krise und Hartz IV, nicht genug Bedürftige, um diesen Berg abzutragen.
Kleider zu spenden ist ein gutes Gefühl. Der Schrank wird leerer, das Gewissen leichter. Die Spender denken, sie würden dem Roten Kreuz oder der Caritas etwas schenken. Tatsächlich ist den Gemeinnützigen das Altkleidergeschäft in der Regel zu aufwendig und viel zu teuer. Sie vermieten ihre Logos an kommerzielle Sammler oder kassieren eine Gebühr für das Aufstellen der Behälter.
Damit verabschieden sich die Karitativen aus dem Altkleiderkreislauf. Sie kümmern sich nicht darum, wer sortiert und wohin die Ladung geht. Sie fragen nicht, was aus der Tüte Küchenmüll wird, die im Sammelbehälter Nummer 64 gelegen hatte.
Und sie machen sich auch keinen Kopf, was aus afrikanischen Textilfabriken wird, wenn in den Häfen Woche für Woche ganze Container mit Gebrauchtkleidern eintreffen.
All das ist Sache von Olaf Rintsch und seinen Kollegen. Von nun an wird niemand mehr wissen, dass die Kleider jemals etwas mit Rotkreuzspenden zu tun hatten. Es wird auch niemanden mehr interessieren. Von nun an geht es ums Geschäft.
Hier sind die Zahlen: "Unser Sammelbehälter Nummer 64 kostet mich monatlich 150 Euro Standgebühr ans Kinderhaus", sagt Rintsch, weiterhin gutgelaunt. "Von dem Geld finanzieren die eine Bürgerkriegswaise aus Ex-Jugoslawien."
Außerdem sind da noch 500 Euro für die Anschaffung der Behälter. Dazu 50 Euro für Fahrer, Kleinlaster und Sprit. Und 47 Cent Kilolohn fürs Sortieren. Das zahlt Olaf Rintsch für die gute Tat von Frau Martin-Wolber aus Hamburg-Eppendorf.
Das Geld muss irgendwie wieder rein.
Rintsch ist ein globaler Kleiderhöker. Ohne Kenntnisse der Basare und Flohmärkte zwischen Togo und Moldau ist heute kein Geschäft mehr zu machen. Zwei Wochen nach Kriegsende war Rintsch in Kabul zur Markterkundung. Er war in Monrovia, in Amman und Bagdad.
Die Reisen, sagt er, trösteten ihn über den Muff in der Lagerhalle hinweg. Seine Altkleider würden ihm die Welt öffnen. Man kriegt viel mit. Einmal kam sogar das BKA vorbei und wollte Auskünfte über einen Geschäftspartner in Spanien haben. "Der hatte wohl irgendwas mit dem Attentat auf Djerba zu tun."
Die Kleider werden sortiert, mit Formaldehyd desinfiziert und zu weißen Ballen gepresst. Rintsch beschäftigt 45 Sammler und Sortierer. Sie bekommen 1200 Euro monatlich dafür ausbezahlt, dass sie täglich 18 Tonnen Textilien sichten, sortiert nach Farbe, Typus, Qualität, Material und Größe. "SS" steht für Short Sleeves, kurzärmelige Hemden. "MTS" - Men's T-Shirt. Es gibt CHRM, MJT, CHPOL, 50 verschiedene Kürzel. Sie werden verstanden in Libreville, Bujumbura oder Brooklyn. Es ist der Code des Mitumba.
Jeder von Rintschs 250 Behältern bringt im Wochenschnitt 45 Kilogramm Altkleider. Im feinen Blankenese hat Rintschs Firma keine Tonne aufgestellt: "Die werfen doch nur ihre Gartenabfälle rein", sagt er. "Je reicher, desto geiziger. Meine Erfahrung."
Rintsch hat gelernt, die Lage der Nation an der Tonne abzulesen. Die Gemeinden sind pleite? Also werden die Müllgebühren erhöht. Und die Leute fangen an, ihren Hausmüll in die Kleiderboxen zu werfen: "Wir haben 50 Prozent Hausmüll. Autoreifen, Pampers, Altbatterien. Das ist ein
Riesenproblem. Schweinsköpfe, tote Ratten", sagt Rintsch. "Du findest alles. Jede Menge Vibratoren zum Beispiel. Klar, die fürchten, dass der Nachbar im Hausmüll herumschnüffelt."
Das Geschäft ist härter geworden. Es ist ein Kampf um jede Tonne, jeden Beutel: Gewinn wird nur mit guter Originalware gemacht, am besten mit tragfähigen Markenartikeln. Die Löhne in Deutschland sind hoch. Recycling deckt die Kosten fürs Sortieren nicht.
2003 gab es noch 10 000 Arbeitsplätze im deutschen Altkleidergeschäft. Im Jahr darauf weniger als die Hälfte. Viele Firmen zahlen lieber 600 Euro für den Lkw und lassen in Polen sortieren. Dort kann man den Hausmüll auch besser loswerden.
Hinten in der Halle ist ein älterer Herr in Jeans zu sehen, der witternd zwischen den Boxen umherschnürt. "Das ist Lothi", sagt Rintsch. Der ältere Herr beginnt plötzlich, mit beiden Armen in einer Unterwäschebox zu wühlen, er schnuppert, schnüffelt, prüft mit Sammlerblick auf Sauberkeit. Was zu sauber ist, wirft er weg.
"Damenwäsche", sagt Olaf Rintsch. Zuerst habe er gedacht: "Schweinkram." Aber dann: "Dann hab ich einen Deal gemacht. Lothi arbeitet beim Großmarkt. Also kriegt er jede Woche seine 20 Kilogramm alte Schlüpfer. Und dafür steht eine Fuhre Gratisobst vorm Kindergarten."
Der Altkleiderhandel ist der Handel der verschlungenen Wege.
Mannshohe Pressen drücken jetzt die Luft aus dem Blusenhaufen und verwandeln ihn in ein strohballengroßes, von Plastikbändern umspanntes Stück Plastik, 45 Kilogramm schwer und bereit für den Lastwagen: Mitumba.
Michael Yeboah, Vorarbeiter und Flüchtling aus Togo, schreibt mit einem Marker "LCB" auf den Ballen. Ladies Cotton Blouses. 22,50 Euro ab Lager. Zuzüglich zehn Cent Fracht pro Kilogramm. Der Ballen kommt in den Hänger und wird als 25-Tonnen-Last einmal durch ganz Deutschland transportiert, durch Österreich und halb Italien. 2000 Kilometer in zweieinhalb Tagen. Er überquert die Alpen am Brenner, fährt weiter nach Süden, an Rom vorbei, die "Autostrada 1" hinunter, bis der Doppelgipfel des Vesuv in Sicht ist. Olaf Rintsch hat die Ladung an einen Zwischenhändler verkauft. An Catello Russo, den Neapolitaner.
Ercolano (Herculaneum) ist im Wesentlichen bekannt dafür, im Jahr 79 unter Schlammmassen begraben worden zu sein. Heute blüht in der Stadt südlich von Neapel nur der Handel mit Heroin, mit korallenroten Potenzamuletten und mit Altkleidern.
Ercolano wirbt damit, ältester Lumpenmarkt der Welt zu sein. Hier hingen schon 1944 die Kleiderspenden der Amerikaner zwischen den abgelegten Uniformen von Siegern und Besiegten. Vermittelt wurden die Spenden vom Vatikan. Und schon 1944 wurden die Spenden nicht verteilt, sondern verkauft. "So sind sie, die Amerikaner", sagt Catello Russo und reibt seinen Zeigefinger am Daumen.
Russo sitzt auf einem Packen "235.0 kg Baby". Er ist 34 Jahre alt, sieht älter und verbrauchter aus, und weil er sehr unvernünftig war, brannten vor genau vier Jahren seine beiden Lagerhallen ab: "Die Täter sind nie gefunden worden." Catello Russo sagt es ohne Empörung und ohne beim Gegenüber Überraschung zu erwarten: "Ich habe nie den Pizzo bezahlt." Das Schutzgeld der Camorra.
Seit dem Brand ist Russos Firma Stravaganza ein Antimafia-Modellbetrieb, und die meisten Sortierer sind ehemalige Sträflinge.
"Hosen und Pullis aus den Siebzigern", sagt Russo. Die seien reines Gold. Die können an die Kultboutiquen von Tokio oder Tribeca verkauft werden. Dort werden für ein original Fan-T-Shirt von Led Zeppelin einige hundert Dollar bezahlt. Dummerweise hat in den Sammeltonnen eine Revolution stattgefunden: "China", sagt Russo. "Immer mehr Billigklamotten aus China in der Tonne. Daraus kannst du nur noch Dachpappe machen." Keinen Mitumba.
Eine Order kommt aus dem Fax: "... bitten höflich, unser US-Dollar-Konto mit 10 000 $ zu belasten." Es ist ein Kunde aus Tansania. Russos Firma Stravaganza macht en gros. Die Kleider werden containerweise verkauft. Jeden Monat rollen vier, fünf Container hinunter zum Hafen, in jedem 24 Tonnen Kleider.
Russo beliefert Kunden in 21 Ländern Afrikas. "Dort wollen sie khakifarbene ,Dockers'-Jeans haben", sagt Russo. Also jene Hosen, die im Norden mit Safaris, "Out of Africa" und Hemingway in Verbindung gebracht werden.
"Oder da will irgendein Händler in Kigali graue Hosen mit Schlag, weil das drei Wochen vorher modern geworden ist. Das gibt's bei uns noch gar nicht im Sammelbehälter." Aber so ist die Welt. "In Afrika
wird ein junger Mann nicht freiwillig im alten Kaftan rumlaufen. Die sehen doch alle MTV." Sagt Russo.
Das an die Adresse der benpensanti, jener Gutmenschen, die es unwürdig finden, wenn der Süden die abgelegten Kleider des Nordens aufträgt. "Die Ärmsten", sagt Russo, "müssen kleidungsmäßig am meisten hermachen."
Für diese Einsichten und seine Verdienste um die wirtschaftliche Entwicklung Zentralafrikas wurde Catello Russo jetzt ausgezeichnet: "Ich bin jetzt Honorarkonsul von Burundi", sagt er. Die Eppendorfer Bluse ist in guten Händen.
Draußen auf dem verregneten Hof von Stravaganza steht ein Sattelschlepper. Die Ladung geht in 40-Fuß-Containern per Schiff durch den Suez-Kanal, durch das Rote Meer und den Indischen Ozean nach Daressalam in Tansania. Die Mediterranean Shipping Company, mit Sitz in der Schweiz, berechnet pro Container 1400 Dollar Frachtgebühr. Das Schiff ist 20 Tage unterwegs. Auf den Frachtpapieren steht als Empfänger ein indischer Name.
Daressalam ist auch im Dezember eine schwitzende, dampfende Hafenstadt unterm Äquator, im Osten Tansanias. Ein gelber Mediterranean-Container aus Neapel liegt im Internationalen Containerterminal an der Kurasini-Road, Gate 5. Zwischen Bahngleisen, rubinrot blühenden Flamboyant-Bäumen, Öltanks und einigen von Bananenbäumen beschatteten Schrebergärten.
Die Großimporteure können ihre Ballen in den stillgelegten Baumwollspinnereien am Hafen zwischenlagern. Baumwollspinnen lohnt sich nicht mehr. Es gibt zu viele Container, die aus Europa kommen.
Die industrielle Revolution in England verdankt ihre Geburt dem Schutz gegen Baumwollimporte aus Indien. Nur weil Importe aus Indien seit 1720 verboten waren, konnten die Fabriken in Manchester profitabel arbeiten. Nur so konnte ein Proletariat entstehen, an dem Karl Marx und Friedrich Engels später ihre Analysen entwickelten.
Julius Nyerere, der "Gandhi Afrikas", hatte Marx studiert. Nachdem Tansania 1961 unabhängig geworden war, untersagte der neue Staatspräsident Nyerere die Einfuhr von Gebrauchttextilien. Staatliche Textilfabriken entstanden, mit Namen wie "Freundschaft" oder "Kilimandscharo". Sie sollten das Land selbständig machen. Sie sollten aus einheimischer Baumwolle schöne bunte Hemden weben.
Anfang der Neunziger, nach dem Fall der Mauer, öffneten sich auch in Tansania die Grenzen, und die einheimische Textilproduktion brach unter dem Druck der Importe zusammen. Die Staatsbetriebe hatten mit ihren veralteten Maschinen unwirtschaftlich gearbeitet und wurden geschlossen. Altkleider wurden eines der wichtigsten Importgüter in Tansania.
Die wenigen Fabriken, die an Ausländer verkauft werden konnten, heißen heute nicht mehr "Freundschaft", sondern "Tanzanisch-chinesische Freundschaft - Textil GmbH".
Sie arbeiten fast ausschließlich für den Export, etwa für Wal-Mart. Die Arbeiter in diesen Fabriken können sich die von ihnen produzierten Hemden nicht leisten. Sie tragen Mitumba.
Alle in Daressalam tragen Mitumba. T-Shirts mit dem Aufdruck eines Görlitzer Baumarkts. Kapuzenshirts mit dem Logo eines College in Wisconsin. Manchmal glaubt man, das Hemd seines Nachbarn, die abgelegten Schuhe der Tochter wiederzuerkennen. Manchmal kommt es einem vor, als hätten die Menschen mit den Anzügen, Pullovern, Hemden auch die Gesten aus dem Norden angenommen. Als sei Mitumba ein Wort des Zaubers, Ausdruck jenes magischen Glaubens, wonach es genüge, einen Teil des Mächtigen zu tragen, um dessen Stärke zu bekommen. Der erste Schritt, ein besserer Mensch zu werden, und auszusehen wie die Wesen aus den Soaps im Fernsehen.
Der erste Schritt ist billig und machbar. Für die meisten wird es keinen zweiten Schritt geben. Eine Durchschnittsfamilie in Tansania lebt von weniger als 600 Dollar, im Jahr.
Das Lager der Firma Mitumba King liegt zwischen der "New Islam"-Schlachterei und dem "Ibrahim Family Store" in der Agrey-Street. Ventilatoren quirlen die Dezemberhitze über einer bebrillten Matrone mit Henna-Ornamenten auf der Hand, die dabei ist, Lieferungen zu überprüfen. Neben dem Bildnis eines mürrischen, übergewichtigen Staatspräsidenten ist der Hinweis angeschraubt: "Auf Mitumba gibt es keine Garantie". Die Träger lassen ihre
Last aus Schulterhöhe auf den Zement fallen. Es klingt dumpf, wie beim Bodenturnen. Die Träger sind schwarz, die Angestellten nicht.
Der Mitumba-King heißt bürgerlich Jemil Solanki und sitzt unter einem Ventilator, vor sich Locher und Rechenmaschine, hinter sich die Karte Afrikas. Solankis Großvater segelte mit dem Monsun über den Indischen Ozean, verließ Goa, um in Ostafrika die Tanganjika-Bahn zu bauen. Sein Sohn konnte schon Händler sein. Der Enkel trägt einen Goldring am Ohr. Indischen Boden hat er nie betreten.
Im Lager stapeln sich die Ballen. In irgendeinem wird bald die "Windsor"-Flanellbluse von Karin Martin-Wolber stecken. Noch ist die Ladung unterwegs, längst verwandelt von einer Spende in Ware.
Der Mitumba-King klagt über die Steuerlast, die schikanösen Forderungen des Abgabenamts. Der Zoll für einen Container ist im vergangenen Jahr auf 7000 Dollar verdoppelt worden. Nach Interventionen unter anderem aus Hamburg-Wandsbek (Olaf Rintsch ist gut vernetzt) wurde die Erhöhung zum 1. Januar 2006 zurückgenommen.
In Daressalam gibt es etwa 30 Großimporteure. Kein einziger darunter ist Afrikaner. Nur die Inder und einige Araber haben das nötige Kapital und die Kontakte überall auf der Welt. Die Inder bleiben unter sich, nie würden sie Einheimische heiraten.
Sie haben in Daressalam auch den Ruf, schlechte Brotherren zu sein. Die schwitzenden Träger in ihren aufgeknöpften Blaumännern bekommen zweieinhalb Dollar dafür, den Container komplett auszuladen und die Ballen in der Halle zu stapeln.
Der Wert eines Altkleiderballens ist auf dem Weg von Hamburg-Eppendorf von null (Sammelbehälter) über 22,50 Euro (Olaf Rintsch) bis ins Lager vom Mitumba-King auf ein Vielfaches gestiegen (die Preise variieren nach Herkunftsland und Inhalt. Britische Ballen sind die teuersten).
Solanki hat für einen Container Altkleider rund 16 000 Dollar gezahlt ab Hafen. In jedem liegen durchschnittlich 400 Ballen. Wird ein Mitumba im Schnitt für 120 Dollar weiterverkauft, verdient Solanki genug, um seine Kinder später einmal auf eine Privatschule in England schicken zu können. Das ist sein Traum.
Daressalam ist das Einfuhrtor für den kontinentalen Lumpenhandel. Die Kleiderkammer Afrikas. Von hier aus werden alle Binnenstaaten beliefert. Grellbemalte Scania-Transporter fahren quer durch die Masai-Steppe und die Hochebenen des ehemaligen Deutsch-Ostafrika bis nach Sambia, Burundi, Malawi und die Republik Kongo. An den Knotenpunkten der Kontinentalstraßen stehen Zwischenlager. Dort warten Isuzu-Kleinlaster, um die Ballen in die abgelegeneren Provinzen zu bringen.
Die Masse Stoff wird auf den Dächern von Bussen übers Land verteilt, wird mit Taxis, Karren, Fahrrädern oder balanciert auf Köpfen bis in die letzten Winkel getragen. Mitumba pulsiert durch Afrika, verbreitet sich, setzt sich entlang den großen Transkontinentalstraßen ab und wird weitergetragen. Wie ein Virus.
Entwicklungsökonomen sehen diesen Handel mit Sorge. "Die Gefahr (für die einheimische Textilindustrie) durch den Import sehr billiger Mitumba-Gebrauchtkleider ist ,of highest degree'", heißt es in einem Bericht der Uno-Handelsorganisation Unctad.
"Mitumba soll schlecht sein? Wieso? Zeigen Sie mir eine Fabrik, die in Tansania gute Jeans herstellt. Oder Unterwäsche. Da bleibt nur Mitumba", sagt Solanki. Und fügt ohne sonderliche Betonung hinzu: "Denn sogar die Schwarzen wissen, wie man sich anzieht."
Das Mitumba-Business ist populär. Wer wenig Geld hat, kauft sich ein Dutzend Hemden und läuft die nächsten Tage mit dem Stapel auf dem Kopf und einem Bügel in der Hand durch die Stadt.
Ein Verbot von Mitumba würde die einheimische Produktion nicht vor Billigimporten aus China schützen. Aber es würde ein Heer von Büglern, Schneiderinnen, Kleinsthändlern und Karrenschiebern arbeitslos machen.
Als die Regierung Tansanias vor zwei Jahren den Import von Altkleidern verbieten wollte, schrien die Zeitungen und Radiosender auf. Das Projekt musste zurückgenommen werden.
Um sein Gesicht zu wahren, erließ der Handelsminister ein Einfuhrverbot für gebrauchte Unterwäsche.
Gilbert Laban ist ein 24-jähriger Halb-Massai, der von einer fernen Zukunft träumt, am besten einer blonden. Er hat viel Zeit zum Nachdenken. Er sagt, er könne sich noch daran erinnern, wie es war im Sozialismus, als Altkleiderimporte verboten waren: "Ich war damals sieben Jahre alt und praktisch immer nackt." Sein Hemd mochte aus nationaler, unabhängigtansanischer Produktion sein. Aber es war sein einziges, es war verdreckt, geflickt und dennoch voller Löcher.
"Ohne Mitumba würden die Leute ihre Hemden drei Tage lang tragen. So können wir sie wechseln", sagt Laban. Auf seinem Polohemd steht "Bristol Public Library". "Ich schaue fern und will so sein wie der Rest der Welt. Mit Mitumba geht das. Die Sachen in den Läden sind dreimal so teuer und von schlechterer Qualität. Sollen wir in Fellen herumlaufen? Ein Gucci-T-Shirt kostet 80 Dollar. Auf dem Mitumba-Markt kannst du eines für 5 Dollar finden."
Es mag erniedrigend sein, wenn Arme die abgelegten Kleider der Weißen tragen müssen. Noch beschämender ist es, arm zu sein und dazu noch in Lumpen herumlaufen zu müssen.
Die Kleidertonne Nummer 64 aus Eppendorf hat bisher eine Bürgerkriegswaise aus Jugoslawien mitfinanziert, hat Arbeit gegeben, einem afrikanischen Flüchtling in Rintschs Firma, einem Lkw-Fahrer und einigen neapolitanischen Knastentlassenen. Er hat Lothi vom Großmarkt glücklich gemacht und einem Kindergarten Gratisobst eingebracht. Er hat die Mediterranean Shipping Company und die Hafenaufsicht in Daressalam beschäftigt, diverse Karrenschieber ernährt, Träger, den indischen Zwischenhändler und seine bis nach Großbritannien verzweigte Sippe.
Es sind viele gute Taten durch die Flanell-Bluse von Frau Martin-Wolber
entstanden, indirekt, zufällig, oder durch den guten Willen eines Olaf Rintsch. Und der Weg des Mitumba ist noch nicht zu Ende.
Der Busbahnhof an der Morogoro-Road ist ein Gewimmel von zerlumpten Trägern, Lasttaxis, Saftverkäufern und Billettverkäufern, die schreiend die letzten Sitzplätze verkaufen. Janeth Antony sitzt in ihrem seifengrünen Kostüm auf einem der fünf Mitumba-Ballen, die sie - vergebens um Rabatt bittend - beim Inder gekauft hat. Was genau in den Ballen steckt, weiß sie nicht. "It's lucky", sagt Janeth. "C-Mix" steht auf dem Ballen, Kinderkleider. Die 30-jährige Händlerin hat sich darauf spezialisiert. Wenn sie Glück hat, wird sie ein paar Markensachen darin finden. Die Ballen sind wie Wundertüten. Niemand weiß, was drin ist.
Es war ihr Mann, der mit Mitumba begann. Er lieh sich Geld, kaufte einen Ballen, verkaufte ihn auf dem Basar und kaufte zwei neue. Fünf Monate ging es gut. Dann holte ihn das Fieber. Janeth steht auf, bindet sich ein Spitzentuch um die mächtigen Hüften und gibt den Trägern ein paar Scheine, um die Ballen in den Bus zu wuchten. Zwei-, dreimal im Monat fährt sie nach Daressalam, um neue Ware zu holen. Das Ticket hat sie in der Tasche. 20 Dollar für die Ballen, 10 für sich.
Auf den Bussen stehen fromme Wünsche, "Gott mit uns!" oder "Islam, Islam". Das ist auch nötig. Die Fahrer stehen manchmal 14 Stunden lang auf dem Gaspedal, in schwankenden, brüllend lauten Bussen, und halten sich mit Drogen wach. Auf Janeths Bus steht "Osaka Executive", darunter ist eine Giraffe gepinselt. Es sind acht Stunden Fahrt bis nach Arusha, der Stadt hinter dem Kilimandscharo, vormals "Kaiser-Wilhelm-Spitze".
Hinter den staatlichen Mehlspeichern Arushas, in einem blechgedeckten Haus mit Innenhof, hat sich Janeth Antony ein Zimmer mit Linolparkett gemietet. Es gibt dort ein Bett, eine Nähmaschine, ein Bild von Jesus, einen Petroleumkocher und in der Ecke eine Glasvitrine, um zu wissen, dass es auch bessere Leben im schlechten gibt.
Ein Jeansballen aus Deutschland hat Janeth im Einkauf 220 Dollar gekostet. Sie muss den Bus zahlen, den Transport zu sich in die Hütte, die Sortiererinnen, 26 Dollar Monatsmiete für den Basarstand und Mama Shirima, die Verkäuferin auf dem Kilombero-Markt. In Arusha könnte sie ihn für 310 Dollar weiterverkaufen. Besser ist der Handel en detail. In jedem Ballen sind etwa 50 Kleidungsstücke.
Janeth Antony ernährt mit ihren fünf Ballen ihren Sohn Sekieri, hilft ihrem arbeitslosen Bruder über die Runden, außerdem sieben Sortiererinnen, der Verkäuferin Mama Shirima, einer Babysitterin und sich selbst: Das sind zwölf Leute.
Der Kilombero-Kleidermarkt liegt am Rande der Stadt. Hier hat Janeth Antony ihren Stand. Man sieht zusammengeknotete Bündel aus Tennissocken, Schürzen, Mützen, BH über Schnüre gelegt oder gerafft zu Bündeln.
Sobald ein Träger einen Ballen anschleppt, drängeln sich Frauen mit zu Mustern geflochtenen Haaren. Es ist wie beim Winterschlussverkauf. Kaum sind die Bänder aufgeschnitten, dehnt sich der Ballen, als atmete er auf. Und alle fangen an zu wühlen.
Eine bis zu den Augen verschleierte Frau hält sich ein Cocktailkleid an, während auf dem Stand eine Marktfrau ausgestreckt in ihrer Ware döst. Im Schatten aufgespannter Plastikplanen werden weiße Hemden zu Schuluniformen umgeschneidert, Ärmel abgeschnitten und US-Anzüge von XXXL auf afrikanisches M getrimmt. Jemand sortiert Büstenhalter der Größe nach und klammert sie sorgfältig an eine Leine. Mit glühender Kohle gefüllte Bügeleisen gleiten über die Stoffe, es wird gewaschen, gefärbt, gefaltet und genäht.
Es mag sein, dass Frau Martin-Wolber aus Hamburg sich das Altkleidergeschäft anders vorgestellt hatte. Vielleicht hörte sie, als sie den Beutel in die Tonne warf, schon ein kleines "Dankeschön" aus den Tiefen des Containers.
Janeth Antony sieht keinen Grund dazu, irgendjemandem danke zu sagen. Sie hat ihre Ware ehrlich gekauft.
Das ist der Unterschied.
Mitumba versorgt Kunden mit Waren, die sie sich wünschen, zu einem Preis, den sie zahlen können. Das hat nichts mit Wohltätigkeit zu tun, aber sehr viel mit Markt. Mitumba ist ehrlicher als manches Entwicklungshilfeprojekt. Durch Mitumba verdienen viele Menschen ein wenig Geld. Die Sachlage ist klar. Die Heuchelei endet, sobald der Deckel der Kleidertonne zufällt.
Im Inneren des Basars sind zwei weiße Frauen damit beschäftigt, ein Maßband an eine Stoffbahn zu halten. Janie Lefebvre ist aus Dieppe in der Normandie gekommen, um ihre 43-jährige Tochter Anne zu besuchen. Die ist vor Jahren "aus Liebe zu den Massai" in Arusha gestrandet. Und beide finden, dass dieser bestickte schwere Stoff ausgezeichnet auf das Sofa daheim passen würde.
Anne trägt einen Diamantsplitter im Nasenflügel. Sie sagt: "Es ist unfassbar, was ich hier schon gefunden habe. Cardin, Yves Saint Laurent, Donna Karan, je te jure! Acht laufende Meter, gezeichnet Paloma Picasso, für 30 Dollar!" Alle ihre Freundinnen in Arusha hätten Mitumba in den Kleiderschränken hängen.
Die beiden Frauen einigen sich nach längerem Verhandeln mit dem Verkäufer: "Bon", sagt Anne, "das war ein Mzungu-Preis, für Bleichgesichter. Egal, die leben davon." Kein Grund, sich lange zu ärgern. Sie rollt das Maßband auf.
In ein paar Tagen wird der Stoff im Gepäck von Madame Lefebvre per Economy-Class zurück in die Normandie reisen. Einmal über den Kontinent bis in die nördlichen Klimazonen. Warum auch nicht? Wenn Janie Lefebvre sich in drei, vier Jahren an der roten Decke sattgesehen haben wird, dann packt sie das Teil eben wieder zusammen.
Und wirft es in die nächste Tonne.
Von Smoltczyk, Alexander

DER SPIEGEL 2/2006
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