09.01.2006

Rivalen fürs Leben

Die Bindung zwischen Geschwistern ist die dauerhafteste. Noch als Erwachsene lieben und hassen sie sich - neue Forschungen zeigen, wie Brüder und Schwestern die eigene Entwicklung prägen.
Fiete, sieben Jahre alt, weiß längst, wem er seine noch ungeborene Schwester verdankt. "Die bringt ein Samen mit Flosse dran." Für Greta, drei, ist auch alles klar: "Unser Bruder wird ein Junge." Janick, ebenfalls drei, zweifelt noch am Wunder des Lebens. "Eierstöcke? In Mamas Bauch? Mit Spiegelei?"
Ein Samstag in Hamburg, morgens um elf. Im Allgemeinen Krankenhaus Altona üben zehn Jungen und Mädchen zwischen drei und sieben Jahren für den Ernstfall: Leben mit dem neuen Kind.
Das Programm ist anspruchsvoll, und Fiete, Greta, Janick, Emma, Melissa, Liberty, Sebahat, Lena, Jacques und Nele sind bemerkenswert unerschrocken: Mit freundlichem Interesse betrachten sie die Körperquerschnitte einer Aufklärungsfibel, besichtigen die Geburtsbadewanne im Kreißsaal, streicheln auf der Wochenbettstation ein Neugeborenes, baden Gummipuppen, windeln Gummipuppen, stecken Gummipuppen in Strampelanzüge und tragen sie, die eine Hand unterm Gummipuppen-Kopf, die andere unterm -Po, so vorsichtig umher, als wären sie lebende Säuglinge.
"Gut so", sagt Jasmin Szameitat, "ihr werdet euren Eltern prima helfen."
Seit über drei Jahren leitet sie die "Geschwisterschule"; mindestens einmal im Monat bietet sie das mehrstündige Kinderseminar an. Lernziel: Vorbereitung auf die neue Rolle.
Auf der Warteliste stehen die Namen dicht gedrängt, so ist es auch bei den Geschwisterschulen in Rostock, Nürnberg oder Berlin. "Alles dreht sich in den Familien um das kommende Baby", meint Szameitat. "Da muss man den anderen Kindern vermitteln, dass sie genauso wichtig sind. Dass sie helfen können; und wenn sie bloß das Klebeetikett von der Babywindel abziehen."
Denn verliefe alles nach den Regeln der Psychoanalyse, müsste Janick und Fiete demnächst das "Entthronungstrauma" ereilen: Den Erstgeborenen, bislang unangefochtene Kronprinzen oder Kronprinzessinnen am elterlichen Hof, steht die Entmachtung bevor. Demnächst werden sie um Zuwendung, Zeit und Zärtlichkeit konkurrieren - mit schrumpeligen Wesen, die sich für lange Monate weitaus hilfsbedürfter anstellen werden als sie selbst. Immer wieder werden sie sich zurückgewiesen fühlen - und alles tun, um die Aufmerksamkeit der Eltern zurückzuerobern.
Eine Vierjährige füttert ihren kleinen Bruder mit Desinfektionsmitteln und will ihn anschließend aus dem Fenster schmeißen. Ein Sechstklässler spricht nicht mehr, ein Sechsjähriger macht wieder ins Bett und verlangt nach sorgsamer Puderpflege am Po, ein Siebenjähriger ist mit einem Mal hyperaktiv, eine Fünfjährige verprügelt ihren Kater und würde am liebsten den Bruder schlagen - lauter Verzweiflungstaten, nachzulesen in den Patientenakten zahlreicher Kindertherapeuten.
In den ersten neun Monaten nach der Geburt ihres Geschwisters verhalten sich die Kinder noch vergleichsweise unauffällig; laut einer Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung nähern sie sich gar "überwiegend positiv" dem Baby. Doch kann es erst mal mehr als schlafen, weinen und trinken, wissen sie nicht ein noch aus.
"Ich bin vier Jahre alt, und eine fette, missgestaltete Person spielt plötzlich die Hauptrolle", erinnert sich der schwedische Filmregisseur Ingmar Bergman; fortan habe er Pläne gemacht, "wie man das abscheuliche Geschöpf auf verschiedene Weisen umbringen kann".
Ein großer Bruder oder eine große Schwester zu werden, sei "sehr, sehr schwierig", sagt auch der französische Kinderpsychologe und Buchautor Marcel Rufo*. Alle Welt gerate in Verzückung über die Schreie, das Lächeln, ja sogar die Exkremente - und man selbst müsse trocken, artig und ruhig sein. Der Erst-
geborene, meint Familienforscher Kurt Kreppner vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, erlebe Gefühle wie die erste Frau eines Mannes in einer polygamen Gesellschaft: Irgendwann zieht die Zweitfrau ein, und der Mann kümmert sich nicht nur permanent um sie, sondern verlangt dafür auch noch Verständnis.
Von einem "Trauma der Erstgeborenen", einer dauerhaften Verletzung der Seele, mag Horst Petri, externer Hochschullehrer für Psychotherapie und Psychosomatik an der Freien Universität Berlin, dennoch nicht sprechen. Ältere Geschwister wie die Politiker Hans-Jochen Vogel und Otto Schily, der Schauspieler Ben Becker oder die Bundeskanzlerin haben sich ja ganz gut gemacht.
Und im Übrigen leiden auch die Kleinen - hineingeboren in eine klassische Hase- und-Igel-Situation: Auf lange Sicht können sie sich anstrengen, wie sie wollen: Mindestens einer ist immer schon da, der mehr Kraft in den Fäusten und mehr Worte im Kopf und mehr Spiele im Schrank hat. Der alles besser weiß und kann - oder zumindest meint, er wisse und könne alles besser. Der einen bis zur Weißglut reizt und der doch innigste Geheimnisse mit einem teilt wie das abendliche Holzwürmchenspiel oder ein Rezept für Almdudler mit Johannisbeersirup und Marzipanraspeln.
Millionen Menschen wissen, wovon die Rede ist. Zwar wächst in Deutschland inzwischen jedes vierte Kind ohne Bruder oder Schwester auf; doch über 14 Millionen Jungen und Mädchen und noch weitaus mehr Erwachsene bereiten sich jeden Tag als Geschwister Freud und Leid.
Daneben müssen sich immer mehr Kinder in Pflegefamilien, Adoptivfamilien und Patchwork-Familien auf nichtbiologische "soziale Geschwister" einlassen. Bereits jeder zehnte erlebt die Scheidung der Eltern - und verlieben Vater und Mutter sich neu, bekommen ihre Kinder plötzlich fremde Geschwister: 850 000 Jungen und Mädchen leben laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums in Stieffamilien.
Wie beeinflussen Brüder und Schwestern einander? Wo liegen die Wurzeln ihrer Hassliebe? Wieso sind leibliche Geschwister - aufgewachsen mit denselben Eltern, demselben Schokopudding und demselben Abendgebet - so verschieden? Was verbindet, was trennt Jungen und Mädchen in Patchwork-Familien? Fühlen sich die Mittleren wirklich von zwei Seiten gedeckelt wie ein Sandwich? Was ist unverwechselbar an Zwillingen? Sind Einzelkinder ärmer dran, sind Brüder toller, sind Geschwisterkurse Schickschnack? Und: Welchen Geschwisterkult treiben andere Völker?
Seit Mitte der achtziger Jahre erst spüren Psychologen, Biologen, Genetiker und Ethnologen diesen Fragen nach. Sie führen Interviews, lassen Fragebögen ausfüllen, zeichnen Hunderte Stunden Familienleben mit Kameras auf und analysieren das Verhalten von Vater, Mutter, Kindern.
"Noch sind wir am Anfang", sagt Hartmut Kasten, Wissenschaftler am Bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik und Autor mehrerer Bücher zum Thema. "Noch geht es uns wie Stellwerkern auf einem riesigen Rangierbahnhof: Wir ersinnen Theorien, entwickeln Konzepte, laufen oft ins Leere und stellen die Weichen neu."
Die Wissenschaft habe das Thema lange missachtet, kritisiert Jürg Frick; er ist Psychologe an der Pädagogischen Hochschule in Zürich: "Nun erleben wir einen Aufbruch."
Was die Forscher bereits wissen, widerspricht vielen aufrechten Überzeugungen und liebgewonnenen Klischees:
* Obwohl Geschwister das Erbgut derselben Eltern in sich tragen und in derselben Umgebung aufwachsen, unterscheiden sie sich in ihren Persönlichkeitsmerkmalen stärker voneinander als willkürlich auf der Straße aufgelesene Personen mit entsprechendem Alter, entsprechendem Geschlecht und ähnlicher sozialer Herkunft. Der Befund gilt bis hin zum Intelligenzquotienten.
* Sosehr sie es auch beteuern mögen: Eltern behandeln ihre Kinder weder gleich, noch sind sie ihnen alle gleichermaßen lieb. Oft haben Vater und Mutter unterschiedliche Favoriten. In den USA, so das Ergebnis zweier Großstudien, bevorzugen die meisten Mütter das jüngere Kind.
* Zank und Balgerei im Kinderzimmer sind normal und, solange sie nicht ausarten, wünschenswert: "Rivalität wirkt als Entwicklungsmotor; Eifersucht ist Mörtel für die eigene Identität", sagt Kasten. "Sie spornt zu Leistungen an und hilft, sich abzugrenzen."
* Geschwister erleben nie das Gleiche. Auch die gemeinsamen Rituale der Kindheit nehmen sie unterschiedlich wahr: Den einen quält das Abendlied vor dem Zubettgehen, der andere versteht es als mütterliche Zuwendung.
Selbst eineiige Zwillinge mit identischem Erbgut interpretieren eine identische Umwelt zuweilen entgegengesetzt: Der eine zieht sich nach dem Tod des Vaters zurück, der andere hängt sich an die Mutter. In ihrer Vorstellung haben Geschwister nie das- selbe Elternhaus.
Entsprechend verzerrt sehen sie sich auch gegenseitig. "Er ist nett", schwärmt Nancy, zehn Jahre alt, den britischen Verhaltensgenetikern Judy Dunn und Robert Plomin vor. "Ich weiß nicht, was ich ohne einen Bruder machen würde." Sie sei "ziemlich eklig", erklärt der sechsjährige Carl. "Wir reden nicht viel miteinander. Und manchmal schimpft sie mich richtig böse aus."
Jedes Geschwister-Dasein bedeute ein "hochkomplexes Gefühlswirrwarr", fasst Wissenschaftler Frick zusammen, der darüber ein Buch mit dem Titel "Ich mag dich - du nervst mich!" geschrieben hat*. "Brüder und Schwestern bilden die erste soziale Gruppe, in die ein Kind sich einfügen muss."
Bei ihnen lernten sie das ganze Spektrum menschlicher Gefühle wie Liebe, Hass, Freude, Trauer, Rivalität oder Enttäuschung. "Und sie merken, wie ambivalent Beziehungen sind: Hass und Liebe können stündlich wechseln."
Das Kinderzimmer als Trainingslager, Geschwister als Sparringspartner für alle Siege und Niederlagen der frühen Persönlichkeitsbildung. Kaum etwas bleibt ihnen verborgen: nicht die erste Nacht ohne Win-
del, nicht die ersten Pubertätspickel, nicht das erste "mangelhaft" in Mathematik. Keiner weiß so zielsicher eine 13-Jährige zu treffen wie der jüngere Bruder morgens beim Frühstück: "Wenn ich so dicke Schenkel hätte wie du, ich würd mich nicht in die Schule trauen."
So viel Nähe erzeugt, was Psychologen "Tiefenbindung" nennen - und die hält lange an. "Die Geschwisterbeziehung", sagt Frick, "ist die dauerhafteste eines Menschen." Eltern sterben, Partner und Freunde kommen und gehen, doch Bruder und Schwester bleiben einem in der Regel lebenslang erhalten.
Bereits ein Siebenjähriger verliert seinen Kumpel, wenn er sich unablässig bockig anstellt. Den Bruder aber wird kein Kind los. Brüder und Schwestern lassen sich lange strapazieren.
In Glücksfällen ergänzen und unterstützen sie einander als eingespielte Teams: Jan Ullrich und sein Bruder Stefan, seit langer Zeit Mechaniker des Radrennfahrers; die öffentlichkeitsscheuen Discount-Milliardäre Theo und Karl Albrecht von Aldi-Nord und Aldi-Süd; Charlotte, Emily und Anne Brontë, Schriftstellerinnen im viktorianischen England; oder John Fitzgerald und Robert Kennedy: Als Wahlkampfleiter verhalf der Jüngere dem Älteren mit zum Präsidentschaftssieg.
Unter tragischen Umständen müssen sie Verrat üben wie David Kaczynski, der 1996 den Aufenthalt seines älteren Bruders preisgab. Ted, bekannt geworden als "Unabomber", hatte in den USA mit Briefbomben mehrere Menschen getötet.
Oft begegnen sie sich bis ins hohe Alter in den als Kind erprobten Rollen: groß und klein, gescheit und dumm, schön und unscheinbar. Die große Schwester, die den kleinen Bruder schon immer an alles meinte erinnern zu müssen, ermahnt ihn noch als 50-jährigen Konzernmanager, Tante Ulla zum Geburtstag zu gratulieren. Die Jüngere, die sich immer benachteiligt fühlte, spürt als 60-Jährige endlich Gerechtigkeit, weil sich ihr Hals langsamer in Falten legt als der ihrer Schwester - und reibt es ihr lächelnd beim ersten Schluck Champagner auf das neue Jahr hin.
Felix Mendelssohn-Bartholdy fürchtete um seinen Starstatus als Komponist und verbot seiner Schwester Fanny, eigene Werke zu veröffentlichen. Erst kurz vor ihrem Tod widersetzte sie sich dem Älteren. Thomas Mann, längst als Schriftstellergenie gefeiert, mäkelte ätzend an den Romanen des älteren Bruders herum. Der unterschwellig Homosexuelle ertrug es zeitlebens nicht, dass Heinrich seine Begierden ohne Rücksicht auf Konventionen auszuleben wagte und Frauen in den Randbezirken der bürgerlichen Sphäre suchte.
Elisabeth Förster-Nietzsche, die Schwester des Philosophen, beließ es nicht bei Mäkelei: Die Antisemitin spitzte die Manuskripte Friedrichs mit judenfeindlichen Passagen zu. "Die Behandlung von Seiten meiner Mutter und Schwester flößt mir ein unsägliches Grauen ein", schrieb der psychisch kranke Nietzsche.
Nur selten findet sich so unverbrüchliche Treue wie die der Sophie Scholl. 21jährig folgte sie dem älteren Hans nach München und verteilte für ihn die Flugblätter der "Weißen Rose". Als die Geschwister wegen ihres Widerstands gegen Hitler verhaftet wurden, sagte sie dem
Pflichtverteidiger: "Wenn mein Bruder zum Tode verurteilt wird, so darf ich keine mildere Strafe bekommen."
Wie ein Mensch denkt und fühlt, wie er seinen Partner auswählt und mit ihm umgeht, was er mag und verabscheut, kurz: alles, was ihn ausmacht, hinge weitaus mehr von seinen Brüdern und Schwestern ab, als viele Menschen annehmen, meinen die Forscher heute.
"Geschwister", sagt der Zürcher Psychologe Frick, "haben Macht. Man kann zu ihnen keine Nicht-Beziehung haben. Man hat so viel Zeit miteinander verbracht. Selbst wenn man sich überwirft und nicht mehr miteinander spricht: In Gedanken wird man sie nicht los." Brüder und Schwestern beschäftige ihr Leben lang ein menschliches Grundthema: "Sie suchen die Anerkennung des anderen."
Und dabei strapazieren sie einander - seit je finden sich in allen Kulturen Geschichten über ihren Zwist und Hass. "Ich habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein", wütet Franz Moor in Friedrich Schillers Rebellionsstück "Die Räuber". "Warum bin ich nicht der Erste aus dem Mutterleib gekrochen?"
Im Alten Testament erschlägt Kain seinen Bruder Abel, weil er ihm Gottes Wohlwollen nicht gönnt. Jakob überlistet Esau und bringt den Älteren für ein Linsengericht um das Erstgeborenenrecht; Jakobs ältere Söhne verkaufen Josef, Vaters Lieb-
ling, aus Missgunst in die Sklaverei. Im Neuen Testament wütet der gehorsame gegen den rebellischen Bruder, weil der Vater den "verlorenen Sohn", das Problemkind, ebenso großherzig aufnimmt wie ihn, den Vorzeigejungen.
Burlesker die Szenen in den Mythen der Ägypter und Griechen: Seth ermordet seinen Bruder Osiris gleich zweimal; Atreus schlachtet aus Rache die Kinder des älteren Thyestes und setzt sie ihm zum Mahl vor.
Die deutschen Märchen umspielen neben Neid und Hass andere zeitlose Geschwisterthemen: Hänsel und Gretel, im Hexenwald auf Gedeih und Verderb einander ausgeliefert, stehen für die innige Verbundenheit zwischen Geschwistern, wie sie sich symbolisch im Bruderkuss oder in den Schwesternschaften der Nonnen wiederfindet. Aschenputtel leidet unter der Stiefmutter und den Patchwork-Schwestern; das Schicksal von Goldmarie und Pechmarie erzählt eine Menge über Schwestern, Konkurrenz und Erfolg.
Nur endet die Wirklichkeit zuweilen nicht wie im Märchen: Ein 15-jähriger Münchner ermordet seinen 11-jährigen Halbbruder mit einem Messer, Motiv: Eifersucht; eine 30-jährige Kölnerin verlässt einen Mann nach dem anderen, weil sie von ihrem Bruder geschlagen wurde; ein Hamburger, als Ältester in einer Patchwork-Familie aufgewachsen, verweigert die Fortpflanzung - er hasse seither kleine Kinder, erzählt er seiner Therapeutin.
"Wir müssen die Beziehungsmuster zwischen Geschwistern besser verstehen", sagt der Münchner Professor Kasten, "denn zuweilen sind sie Ursache krankhafter Gemütszustände." In der psychologischen Ausbildung werde das Thema noch immer unterschätzt, kritisiert auch der Zürcher Wissenschaftler Frick.
Selbst die Psychoanalytiker, wie kaum eine Zunft an tiefen Bindungen interessiert, haben sich verblüffend lange nicht um Brüder und Schwestern gekümmert. C. G. Jung, der als Vater der Analytischen Psychologie gilt, widmet Geschwistern kaum ein Wort.
Der Begründer der modernen Tiefenpsychologie Sigmund Freud, als ältestes von acht Kindern von der Mutter "mein goldener Sigi" genannt, beschäftigte sich hauptsächlich mit der Bindung zwischen Eltern und Kind. Geschwister bedeuteten ihm vor allem Staffage für die eigene Rolle: "Wenn man der unbestrittene Liebling der Mutter gewesen ist, so behält man fürs
Leben jenes Eroberergefühl und jene Zuversicht des Erfolges, welche nicht selten den Erfolg nach sich zieht."
Immerhin: Sein Widerpart Alfred Adler machte sich in den zwanziger Jahren bestechend einfache Gedanken. Der Charakter eines Kindes, so der Urheber der Individualpsychologie, hänge ab von dessen Platz in der Geschwisterfolge. Der Erstgeborene: traditionell, konservativ, rechthaberisch; der Mittlere: in sich ruhend, frei, ungebunden; der Letzte: ein seltsamer Außenseiter.
Vor wenigen Jahren veröffentlichte der US-Wissenschaftshistoriker Frank Sulloway eine Systematik, die weltweit Aufsehen erregte. In mehr als 20 Jahren hatte er über 6000 Lebensläufe aus den vergangenen fünf Jahrhunderten untersucht.
Seine Frage: Warum wird ein Rebell zum Rebellen, ein Kreativer zum Kreativen, wie gelangt ein Mächtiger zur Macht?
Seine Antwort: Die Rebellen rebellieren schon als Kleinkinder. Sie müssen sich als Spätgeborene durchsetzen und ihre Ideen gegen die hergebrachte Familientradition durchboxen. Die Erstgeborenen aber, die mit einem Vorsprung an elterlicher Zuwendung aufwachsen, entwickeln sich zu mächtigen, selbstsicheren, verantwortungsbewussten, aber auch konservativen Menschen - ihnen hat das bewährte Familiensystem ja nur das Beste gebracht.
Unter den Ältesten fand Sulloway Mächtige wie Robespierre oder Mussolini. Die Visionäre mit ungewöhnlicher Idee entdeckte er bei den Jüngeren: Mahatma Gandhi oder Karl Marx.
Und der Astronom Galileo Galilei? Erstgeboren und dennoch ein Rebell. Gerhard Schröder, Helmut Kohl und Hilmar Kopper: Alle miteinander Visionäre, da jünger als ihre Geschwister? Ist der Sänger Herbert Grönemeyer kreativer als sein ältester Bruder Dietrich, der Tumorspezialist und Buchautor? Und Jeb Bush, jüngerer Bruder des amerikanischen Präsidenten George Walker und republikanischer Gouverneur von Florida: ein Rebell? Wer wird den Weizsäcker-Brüdern gerecht, wenn er den Staatsmann Richard für kreativer hält als Carl Friedrich, den Physiker und Philosophen - nur, weil der ehemalige Bundespräsident acht Jahre jünger ist?
Im Lichte der zeitgenössischen Forschung sind Sulloways Thesen überholt, kritisiert Geschwisterforscher Kasten. "Seine Daten stammen aus einer Zeit, in der die Lebensläufe statischer waren." Der Ältere bekam eine ordentliche Schulbildung und erbte; die Mädchen blieben ohne Abitur; die jüngeren Söhne mussten nach der Volkschule allein weiterkommen. "Allerdings konnten sie deshalb auch leichter aus der Reihe tanzen. Sie mussten sich nicht um den Fortbestand des Familienerbes kümmern."
Vielleicht gelten Sulloways Zuordnungen noch in traditionellen Kulturen, in denen Kinder sich nach einem festgefügten Wertekanon verhalten, räumt Frick ein. "In modernen Industriegesellschaften allerdings fehlt ihnen die Grundlage."
Der Erziehungsstil ist partnerschaftlicher und demokratischer geworden, die Geschwisterzahl bei rund 1,5 Kindern pro Familie viermal so klein wie um 1900, dafür der Zuwachs an Geschwisterarten groß: Halbgeschwister, Stiefgeschwister, Pflegegeschwister, Adoptivgeschwister, mit dem Sperma eines Fremden künstlich gezeugte Geschwister. Sie leben bei Vater und Mutter, pendeln zwischen Vater und Mutter, wohnen beim Vater und dessen zweiter Frau, beim Vater und dessen dritter Frau, bei der Mutter und ihrem neuen Freund, beim ehemaligen Freund der Mutter, die auszieht, um mit einem anderen zusammenzuziehen.
Bevölkerungswissenschaftler zählen mitt- lerweile mehr als 20 Typen möglicher Familienformen für ein Kind. Und jeder neue Bruder, jede neue Schwester im Patchwork bringt die bisherige Rangordnung in der Geburtenfolge durcheinander.
Heißt es also, alles Schubladendenken aufzugeben? Sind ältere Schwestern doch nicht strebsamer als jüngere Brüder, dominiert der erstgeborene Zwilling doch nicht den Kompagnon, der 45 Sekunden später den Mutterbauch verlässt? Und was ist mit Einzelkindern: verhätschelt, sozial gestört oder doch irgendwie großartig?
Bei solchen Fragen schmunzeln Geschwisterforscher wie Kasten und Frick. "Verallgemeinernd und dem menschlichen Bedürfnis nach einfachen Mustern entsprechend, können wir nur Tendenzen formulieren", erklärt Kasten mit der Vorsicht des Wissenschaftlers. "Immer vorausgesetzt", sagt sein Schweizer Kollege, "dass alles auch ganz anders sein kann."
Doch in der Regel gilt:
* Bei drei Vierteln aller Zwillingspaare dominiert einer den anderen - meist gibt der Erstgeborene den Ton an.
* Ein Abstand von rund drei Jahren zwischen dem ersten und dem zweiten Kind erleichtert das Familienleben: Sie sind in der Entwicklung nahe genug beieinander, um sich schnell füreinander zu interessieren und weit genug voneinander entfernt, um unbarmherzig miteinander zu rivalisieren. Der anfänglichen Eifersucht, zumindest legen das Studien aus den USA nahe, lässt sich mit Geschwisterkursen offenbar vorbeugen.
* Die wenigsten Einzelkinder werden zu solch unsympathisch egoistischen Würstchen wie Harry Potters Cousin Dudley eines ist. Viele entwickeln sich schneller, lernen früher sprechen als mancher Zweit- oder Drittgeborene und sind selbstbewusster.
Treffen sie vom Krabbelalter an regelmäßig Gleichaltrige, haben sie gute Chancen, sozial, kommunikativ und erfolgreich durchs Leben zu ziehen.
* Und: In der Tat üben ältere Geschwister, insbesondere Schwestern, früh Verantwortung. Sie passen häufig auf die Jüngeren auf und sind ihnen lange in der Entwicklung voraus. Das Dasein als belehrendes Vorbild ist zwiegespalten: Einerseits führt es meist zu relativ stabilem Selbstwertgefühl, oft aber auch zu verspanntem Perfektionismus. Die Wünsche und Erwartungen der Eltern lasten schon deshalb vor allem auf den Älteren, weil sie als Erste da waren.
Mittlere Geschwister lernen oft geschmeidiges und diplomatisches Benehmen. Als kleine Kinder schon müssen sie sich, je nach Bedarf, nach oben und nach unten verständigen.
Anders die Jüngsten: Sie ruhen eher selten selbstbewusst in sich. Lange Jahre führen ihnen Eltern und Ältere vor, wie eng ihre Grenzen gesetzt sind - ein Leben, wie es die französische Schriftstellerin Simone de Beauvoir in ihrem biografischen Roman "Memoiren einer Tochter aus gutem Hause" beschreibt: "Ich war für meine Eltern ein neues Erlebnis gewesen; meine Schwester hatte weit größere Mühe, sie in Staunen zu setzen oder aus der Fassung zu bringen; mich hatte man noch mit niemandem verglichen, sie aber verglich ein jeder mit mir." Ärger noch trifft es nur kleine Brüder älterer Schwestern: Sie sind wegen des Altersrückstands unterlegen, entwickeln sich ohnehin langsamer als Mädchen, kommen dann auch noch später in die Pubertät und brauchen deswegen länger, bis sie erwachsen sind.
Außerdem scheint das Geschlecht der Geschwister die eigene Entwicklung maßgeblich zu beeinflussen: Mädchen mit klassisch weiblichem Rollenverhalten - weich, anpassungsfähig, nachgiebig - stammen häufig aus rein weiblichen Geschwisterlinien und werden von Eltern nachsichtiger behandelt als eine reine Söhneschar. Auch miteinander gehen Schwestern freundlicher um, wenn sie ohne Bruder bleiben. So innig, dass ihre Bindung "im Normalfall die engste und vertrauteste im Leben einer Frau" ist, wie die Soziologin Corinna Onnen-Isemann von der Universität Regensburg sagt; sie hat gerade eine Studie über Schwesternbeziehungen verfasst.
Doch auch Jungen können sich bei ihren Schwestern eigentlich bedanken - selbst die jüngeren Brüder. Ältere Schwestern vollbringen Großes an ihrem Intellekt: Vor allem in Fragen sprachbezogener Intelligenz sind sie ihnen voraus und bereichern sie mit Wortschatz und Wortverständnis. Einmal erwachsen, dienen die Frauen weiter - als Scharniere des Familienbetriebs: Sie denken an alle, richten Weihnachtsfeste aus und verschicken Geburtstagspäckchen. "Der älteste Bruder gibt Ratschläge", meint Psychologe Rufo. "Die ältesten Schwestern kümmern sich."
Ina Kern, 45 Jahre, Lehrerin, verheiratet, Mutter dreier Kinder, ist die Schwester von Alexander, 41, und Stefan, 38. Jedes Jahr sammelt sie zu Weihnachten die Familie um sich, den vergesslichen Vater und die vorsichtige Mutter; seit Jahren erscheint Alexander, Berater in Asien, erst zur Bescherung - mit exotischen Geschenken aus der weiten Welt; seit Jahren kommt Stefan, freischaffender Architekt, wenn überhaupt, erst gegen 21 Uhr, weil der Sprit ausgegangen ist oder ein Reifen geplatzt. Seit Jahren sind die Eltern erleichtert, dass der Kleine endlich da ist. Und Ina wärmt die Suppe auf und schiebt den Braten in den Ofen.
Jungen ohne Schwestern fehlt also der Weihnachtsbraten. Dafür haben sie in
den Vereinigten Staaten das Zeug zum Präsidenten.
Nahezu alle ersten Männer Amerikas entstammten männlichen Geschwisterreihen - Söhne unter Söhnen erfüllen in der Regel eher männliche Klischees: Sie sind unempfindlicher, durchsetzungsfähiger und interessieren sich für Kriegsspielzeug. Allein unter Brüdern rivalisieren Jungen offenbar stark um rollenkonforme Ziele. Die erfolglosen Präsidentschaftskandidaten jedenfalls hatten zu 92 Prozent Schwestern.
Doch trotz Schwesternknick in der Karriere lässt sich keine Geschwisterposition als grundsätzlich günstiger oder nachteiliger einstufen. Und noch eine Faustregel: "Kleiner Altersabstand und gleiches Geschlecht", so Kasten, "produzieren zwischen gesunden Geschwistern größtmögliche Nähe, Liebe und Zuneigung - aber auch Aggressivität, Ablehnung und Rivalität bis zum Hass."
Der Lebenslauf eineiiger Zwillinge sei dafür ein Beleg, meint Psychologe Frick. "Näher können Geschwister einander nicht sein. Viele stecken im Leben zusammen wie Puppen in einer russischen Matruschka" - ähnlich wie Lech und Jaroslaw Kaczynski, die in Polen gerade den Beweis einer musterhaften Zwillingsbiografie führen: Zwilling Lech steht als Präsident dem Staate vor, Zwilling Jaroslaw der Präsidentenpartei. Als propere Jungs waren die beiden schon zur Schulzeit Stars im Kinderfilm.
Die Kehrseite von so viel Innigkeit: Dramen, Trauer, Tränen. Zwillinge heiraten seltener - und entschließt sich einer für den neuen Bund mit einem Fremden, fühlt sich der andere nicht nur verlassen, sondern oft auch verraten. Dorothea und Esther, Studentinnen der Romanistik, Chorsängerinnen und Seglerinnen, überkommt die Krise, als Esther heiratet und bald mehrere Kinder zur Welt bringt. Dorothea, wenige Momente jünger, gerät in eine depressive Lebensphase voller Eifersucht und findet erst Jahre später hinaus, als sie ebenfalls heiratet. Etwa neunzig Prozent aller eineiigen Zwillinge erlebten Ähnliches, meint Psychologe Frick.
Lori und Reba Schappell können sich eine Trennung nicht vorstellen. Das beteuern beide. In den 44 Jahren ihres Lebens waren sie keine Sekunde getrennt. Sie können nicht anders, siamesische Zwillinge, an der linken Schläfe zusammengewachsen.
Die Amerikanerinnen aus Pennsylvania scheuen keine Öffentlichkeit; diesen Wesenszug teilen sie. Vor Jahren schon ließen sie sich von einem ZDF-Team begleiten, noch immer geben sie Interviews und treten auf der Bühne auf - Reba ist Country-Sängerin und zieht die Schwester mit, die sich manchmal in ein weißes Laken wickelt, um die Fans nicht abzulenken.
In ihren Interviews betonen sie, was sie trennt: Die eine liebt Nippes im Regal, die andere mag es puristisch. Lori will am liebsten Kinder adoptieren, Reba denkt nicht daran. Die eine grübelt, die andere handelt. Reba hat ein paar Semester Medizin studiert, Lori eine Ausbildung gemacht. Reba duscht abends, Lori morgens. Um nicht nass zu werden, wickelt sich die andere jeweils in den Duschvorhang.
"Wollen wir wissen, woher Unterschiede rühren, müssen wir uns mehr für die Muster menschlicher Wahrnehmung interessieren", meint Wissenschaftler Kasten.
Jeder blicke durch seine eigene Brille auf seine Familie und seine Umgebung, sagt auch der Zürcher Psychologe Frick. "Es gilt, herauszufinden, wie das Brillenglas gefärbt ist und warum." Das Selbstbild werde nun einmal vor allem von der empfundenen Wirklichkeit bestimmt. "Ein Mensch kann sich inmitten brillanter Geschwister als Versager fühlen, obwohl er nach allgemeinen Maßstäben gut dasteht."
Das Ansinnen ist ehrgeizig. Täglich, stündlich wirken Eltern auf Geschwister und Geschwister auf Geschwister ein. Gleichzeitig bestimmen Wohnortwechsel, ethnische Abstammung, Ehe- und Arbeitszufriedenheit der Eltern, Freunde und Kontostand den Alltag. Vater, Mutter, Bruder, Schwester: Sie alle nehmen dieses Geflecht in unterschiedlichen Momenten unterschiedlich wahr und verhalten sich entsprechend.
Die Wissenschaftler müssten sich also alle Brillen einer Familie aufsetzen und Lebensabschnitt für Lebensabschnitt durchsehen. Dann, so hoffen sie, könnten sie verstehen, warum Anne die Tagesthemen moderiert und ihr großer Bruder Martin Will Taxi fährt; warum Fernsehkoch Tim sein Geld mit Überraschungsmenüs verdient und Schwester Alexandra Melzer als Clown.
Was den Blick von Brüdern und Schwestern besonders prägt, haben die Forscher bereits entdeckt: Rivalität.
Grundsätzlich verlaufen Geschwisterbeziehungen in Wellen: Bis zur Pubertät setzen sie sich intensiv auseinander; sind sie im gleichen Alter, verbünden sie sich oft zu einer Art Kindergewerkschaft gegen die Eltern; der Kontakt flaut ab, wenn jeder am eigenen Leben baut. Zweimal noch finden sie wieder eng zueinander: wenn die gebrechlichen Eltern versorgt werden müssen und wenn sie selbst alt sind - die Rückschau aufs Leben weckt Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit.
Doch vom ersten gemeinsam verbrachten Lebensjahr an prägen Eifersucht und Rivalität ihre Beziehung. Mit neun Monaten schon bemerkt der Mensch, dass er andere mit Geschrei, Gebrabbel und süßem Lächeln zu Aufmerksamkeit zwingen kann. Fortan ahnt er, dass all die anderen schreienden, brabbelnden und lächelnden
Wesen um ihn herum Rivalen sind, und reagiert eifersüchtig.
Die Konkurrenz besteht fast immer ein Leben lang - auch wenn die wenigsten sich so offensichtlich aus der Bahn drängeln wie Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher seinen Bruder Ralf. Gewöhnliche Geschwister rivalisieren um elterliche Liebe und Anerkennung, in vielen Fällen bis zur Testamentseröffnung: Sie gilt Psychologen als letzter Höhepunkt des geschwisterlichen Dramas um Gerechtigkeit und Wertschätzung: Wer bekommt wie viel? Hat er diesen endgültigen Beweis elterlicher Liebe verdient? Häufig genug endet der Termin in fortwährendem Schweigen.
"Rivalität unter erwachsenen Geschwistern ist schon sehr eigen", kommentiert Wissenschaftler Kasten trocken. "Eigentlich sind das ja ganz vernünftige Menschen." Sein jüngerer Bruder, erzählt der Forscher, habe "nach wie vor ein Rivalitätsproblem". Mit 56 Jahren bezeichne ihn der Vater noch als der "Kleine". "Und das macht er mir zum Vorwurf."
Das Verhalten der Eltern steuere das Verhältnis zwischen Brüdern und Schwestern maßgeblich, meint Kasten. Und hätten sie sich einmal überworfen, fänden sie nur schwer wieder zueinander. "Es hängt auch davon ab, wie sie im Leben dastehen: Ist der eine dem Teufel vom Karren gefallen und der andere hat überall Erfolg, besteht wenig Aussicht auf Versöhnung."
Fast immer übernähmen die Geschwister die Sicht der Eltern. "Und die unterscheiden eben doch zwischen dem Artigen und dem Trotzigen, dem Klugen und dem Schwierigen, dem Hübschen und dem Durchschnittlichen."
Objektiv urteilen Väter und Mütter selten. Vom ersten Tag an betrachten sie ihre Kinder voreingenommen und ordnen ihnen Eigenschaften zu, erklären den einen Sohn zum Denker, den anderen zum Praktiker. Und die Tochter gilt als musisch, weil sie schon als Baby immer krähte, wenn Opa Klavier spielte.
Bereits die Wahl des Vornamens verrät häufig unbewusste Erwartungen: Lilly soll die Kleine heißen - wie die tolle lebenslustige Tante. Und ihr Bruder wird Henry genannt, gleich dem unbezwingbaren Cousin aus eigenen Kindertagen. Wird Lilly dann ein Muffelkind und Henry ein Sensibelchen, reagieren auch verständige Eltern enttäuscht. "Es ist ein Irrtum, dass Eltern ihre Kinder auch in ihrem Scheitern immer akzeptieren", meint Geschwisterforscher Rufo. Die Skepsis färbt ab - auf Oma und Opa, Kindergärtnerinnen, Lehrer und die anderen Geschwister: Der, mit dem Vater und Mutter am meisten hadern, hat häufig überall einen schweren Stand.
Doch nicht nur die Eltern wirken charakterbildend. Geschwister streben auch von sich aus nach Zuordnungen wie: "Paul ist unsere Leseratte" oder "Kirstin geht so nett mit alten Leuten um".
Kinder entwickeln sich verschieden, so argumentieren die Wissenschaftler, weil sie um ein rares Gut rivalisieren: die Zuneigung der Eltern. "Oft suchen sie sich die ergänzende Rolle", erklärt der Zürcher Forscher Frick. Der Bruder einer als schwierig geltenden Schwester gebe sich eher unkompliziert; eine Schwester mit empfindlichen Brüdern versuche ihr Glück als robuster Charakter; einem originellen Kind folge ein eher unauffälliges nach, und einem braven, fleißigen Kerl eine freche, faule Schwester. Die Geschwister behinderter und kranker Kinder etwa sind oft früh selbständig und auffallend selbstlos.
Robert Proust, der Bruder des französischen Autors Marcel, galt als eifriges Kind ohne Esprit. Den russischen Schriftsteller Leo Tolstoi, empfindsam und zart, nannten seine robusten Brüder Heulsuse. Der Aufklärer und Agnostiker Voltaire grenzte sich von Bruder Armand ab, einem religiösen Fanatiker. Politiker Bernhard Vogel stritt lange für die CDU, sein Bruder Hans-Jochen war Vorsitzender der SPD. Und Nicky Hilton, Millionenerbin und jüngere Schwester von Millionenerbin Paris, verdingt sich anders als die Ältere als Kreative. Sie entwirft eine Handtaschenkollektion mit Namen "Samantha Thavasa".
"Eine meiner Patientinnen zitierte als Neunjährige beim Mittagessen mit einem Mal Kant", erzählt Psychologe Frick. "Sie verstand nichts, aber sie spürte, dass ihr Vater fasziniert war." Fortan hatte das jüngste von sechs Kindern seine Rolle: Sie war die Originelle. "Sie hat zielsicher ein freies Feld gesucht: Lesen alle Kant, macht so etwas keinen Sinn."
Sensible Eltern, meint Geschwisterforscher Kasten, "münzen die Rivalität unter ihren Kindern in Erfolg um und zeigen jedem eine Nische, in der er konkurrenzlos glänzen kann". Selten gewinnen beide in der gleichen Disziplin so viele Trophäen wie Wladimir und Witalij Klitschko im Boxring, Venus und Serena Williams auf dem Tennisplatz oder Alwin und Paul Schockemöhle im Springreiterparcours.
Die meisten wirklich Erfolgreichen haben von allein ihre Nische gefunden: Maler-Brüder wie Hans und Albrecht Dürer, deren Werke zurzeit in München hängen*, viele von ihnen Meister des Prinzips Nische: Mach du die Porträts, ich mach die Stillleben.
Oder die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard. Sie gestand Alice Schwarzer: "In der Tanzschule war ich ein Mauerblümchen. Ich hatte ja diese hübschen Schwestern." Christiane entdeckte die Bücher - Johann Wolfgang von Goethe, Konrad Lorenz. "Ich merkte immer mehr, dass ich Interessen hatte, die ich mit den anderen nicht teilen konnte." Oder Joseph Ratzinger: Er überließ dem älteren Bruder die musikalische und der ihm die geistliche Nische. Nun ist Joseph Papst und Georg pensionierter Leiter der Regensburger Domspatzen.
Bleiben Geschwister nischenlos, droht ziellose Rivalität: brüderlicher Streit, schwesterliches Gekeife, ein Hauen und Stechen - und besonders ungemütlich wird es dort, wo ohnehin alles fragil ist: in Patchwork-Familien.
Bestenfalls bereichern die neuen Brüder und Schwestern einander. Vielfach aber verfügen sie über ausreichend Energie, den gerade entstehenden Familienverbund zu sprengen. Der Zusammenschluss gleiche einer Transplantation in ein funktionierendes Gewebe, meint Psychologe Rufo: Alle reagieren mit Abwehr. Zwei bis fünf Jahre dauert es in der Regel, be-
vor die neuen Geschwister einander annehmen.
Wie es ihnen dabei ergeht, ist noch lange nicht erforscht. Doch die Theorien stehen schon: Im Vergleich mit anderen Kindern entwickelten Stiefgeschwister Defizite, so der Kerngedanke der "Defizit-These". Die großen Probleme würden durch den Stress verursacht, der für alle Beteiligten durch Trennung und Wiederverheiratung entstehe, lautet die Botschaft der "Stress-Hypothese". Väter und Mütter kümmerten sich um Stiefkinder weniger, weil die nicht das eigene Erbgut trügen, meinen Soziobiologen.
Wie immer ist das Leben vielschichtiger.
Oft verfolgen die Kinder noch Erinnerungen an das Trennungsdrama; oft geben sie sich gegenseitig die Schuld am Scheitern der Ehe, oft sind sie durch wahnwitzige Sorgerechtsverfahren auseinandergerissen und sehen sich nur am Wochenende.
Nun sollen sie, manchmal über Nacht, bereit sein zu geschwisterlichen Gefühlen für Wildfremde. Schlechte Laune und Wutanfälle sind noch die freundlichsten Reaktionen. Einige dieser "Instant-Geschwister", denen gemeinsame Vergangenheit und Erfahrung fehlen, beginnen zu stehlen oder reißen aus.
Manchen Jungen und Mädchen fällt es besonders schwer, die erst in der neuen Partnerschaft geborenen
Stiefgeschwister zu ertragen. Denn die deuten sie als Beleg für das eigene Versagen: Den neuen Kindern gelingt es, eine Familie zusammenzuhalten - anders als dem Kind aus der gescheiterten Ehe. "Je besser sich das neue Paar versteht, desto heftiger streiten die neuen Geschwister", sagt Kasten. Einiger-
maßen entspannt begegnen sie sich allenfalls, wenn mehr als zehn Jahre zwischen ihnen liegen.
Die Psychologen kennen Ratschläge für besseres Gelingen: Halbgeschwister fühlen sich nur zusammengehörig, wenn sie wichtige Erlebnisse ihrer Kindheit miteinander teilen. Eltern müssten ihnen also viel gemeinsame Zeit und viele Rituale gönnen - Mahlzeiten, Wochenenden, Urlaube. Und bei häufigen Ortswechseln zwischen dem Dauer- und dem Wochenend-Zuhause brauche das Kind eine sterile Schleuse, um die Gewohnheiten des einen Haushalts abzulegen und die des anderen anzunehmen.
Der vierjährige Oskar hat sich ein solches Ritual selbst geschaffen - und seine Eltern spielen mit: Freitagabends in Berlin inspiziert er die Lego-Kiste und baut eine Garage; dann erst interessiert er sich für den Vater, dessen Lebensgefährtin und die Stiefschwester. Drei Tage später sortiert er in seinem Kölner Kinderzimmer Matchbox-Autos, bevor er sich wieder der Mutter zuwendet. Doch gefangen in Unterhaltszahlungen, Umgangsrecht und Kränkungen, gelingt nur wenigen getrennten Elternpaaren ein entspannter Umgang mit dem gemeinsamen Kind.
Zudem müssen viele Jungen und Mädchen längst in noch weiter verzweigten Patchwork-Familien einen Platz finden. So die Kinder von Thierry und Véronique, über die Psychologe Rufo berichtet. Die Eltern trennen sich, Vater Thierry heiratet dann Hélène, die zwei Kinder hat. Véronique lernt Etienne kennen, der zwei Töchter hat. Die beiden neuen Paare bekommen beide je ein gemeinsames Kind. Sie trennen sich. Thierry trifft auf Cécile, die ein Kind hat, und Véronique heiratet Gérard, einen Vater zweier Kinder. Aus diesen Partnerschaften gehen je zwei Kinder hervor. Auch Hélène und Etienne finden beide wieder einen Partner mit Kind.
Die Eskapaden der Erwachsenen haben den Kindern von Thierry und Véronique mittlerweile vier Halbgeschwister, neun Stiefgeschwister und zwölf Stiefmütter und Stiefväter eingebracht.
Das Durcheinander, sosehr es irritieren mag, ist weder neu noch außerordentlich. "In Reinform hat die Kernfamilie allenfalls im Bürgertum des 19. und frühen 20. Jahrhunderts existiert", sagt Erdmute Alber, Ethnologin an der Universität Bayreuth. "Und Familienformen befinden sich generell immer im Wandel."
Auch in den bürgerlichsten Kreisen wuchsen Jungen und Mädchen mit "sozialen Geschwisterschaften" auf - nach den Kriegen sogar in großer Zahl: Waisen- und Halbwaisen lebten bei entfernten Verwandten oder in Kinderpensionen. Die Psychoanalytikerin Anna Freud traf in einem englischen Kinderheim auf eine Gruppe nicht miteinander verwandter Waisenkinder aus dem Konzentrationslager Theresienstadt. Sie hatten sich nach dem Tod der Eltern zusammengeschlossen und einander liebevoll und fürsorglich umsorgt - ein Wall gegen die Erwachsenen.
Gerade mal in einem Fünftel der menschlichen Kulturen sind die Begriffe "Bruder" und "Schwester" üblich. Und wer ihn benutzt, bezeichnet häufig nicht nur die leiblichen Geschwister damit. Cousinen und Cousins zählen dazu, in manchen afrikanischen Gesellschaften außerdem Freunde und enge Nachbarn.
Auf den Gehöften der Baatombu im westafrikanischen Benin lebt eine aus unterschiedlichsten Familien zusammengewürfelte Geschwisterschar. Ethnologin Alber, die dort seit Jahren die Verwandtschaftsverhältnisse erforscht, erzählt: "Die Eltern geben ihre Söhne und Töchter
grundsätzlich zu Verwandten oder fremden Leuten. Dafür nehmen sie aber die Kinder anderer Familien auf: Frauen immer Mädchen und Männer immer Jungen."
Für Westeuropäer mit ihren Ideen über Eltern-Kind-Bindung unvorstellbar, für die Baatombu Alltag. "Kriegen eure Dreijährigen keinen Knacks?", fragte Alber etwa in ihren Interviews; sie will die Ursachen für den Kindertausch ergründen: "Die haben das doch in drei Wochen vergessen", erhielt sie zur Antwort. "Es ist gut, wenn sie merken, dass sie auch woanders zurechtkommen. Hauptsache, die Pflegeeltern behandeln sie freundlich."
Der Mensch ist offenbar, so lautet die gute Nachricht für alle Patchwork-Geschwister, auch ohne Blutsbande zu Bruder- und Schwestergefühlen fähig.
Im Senegal bei den Mandinka beobachteten die amerikanischen Völkerkundler Elizabeth Beverly und Robert Whittemore, dass ältere Kinder rund um die Uhr für die Kleinen verantwortlich sind. Auch bei den Kwara'ae auf der Südsee-Insel Malaita kümmern sich schon Vierjährige um ein jüngeres Kind - zunächst nur stundenweise, als Zehnjährige dann den ganzen Tag lang. Eifersucht, Konkurrenz und Rivalität unter Geschwistern sind verpönt und werden geahndet. Oberstes Prinzip: Freundlichkeit und Verantwortung.
"In anderen Gesellschaften wirken Geschwisterbeziehungen weniger neurotisch, weil sie erst gar nicht den Anspruch erheben, besonders einzigartig zu sein", sagt die Ethnologin, selbst Schwester von zwei Schwestern. "Aber natürlich lässt sich ein so weiter Verwandtschaftsbegriff nicht einfach auf unsere Kultur übertragen."
Die Mädchen und Frauen von der "Schwesternfinde-Agentur" haben einen anderen Weg gefunden. Am Rosenmontag im Jahr 2000 gründete die Kinderbuchautorin Brigitte Klose-Grigull "Big-Sister". Sie hatte einen amerikanischen Krimi gelesen und beschlossen: Frauen wie Privatdetektivin Carlotta Carlyle sollte es auch in Düsseldorf geben - freiwillige große Schwestern für junge Mädchen.
Dreißig ehrenamtliche Schwesternschaften hat Klose-Grigull bislang gestiftet; die Großen müssen älter als 18, die Kleinen mindestens 8 Jahre alt sein. Nicht nur Einzelkinder melden sich bei ihr. "Es kann auch schrecklich sein, in einer sportlichen Familie die Einzige mit Übergewicht zu sein."
Die Unternehmenstrainerin Caren Möhrke, nun 41, und Pamela, mittlerweile 12, wurden vor vier Jahren in einer Pizzeria zu Schwestern. Aufgeregt waren beide.
"Ich wollte den Draht zu Kindern nicht verlieren", sagt Möhrke. "Meine Mutter dachte, 'ne Schwester tut mir gut", sagt Pamela. Die beiden haben Glück. Sie mögen sich.
An manchen Tagen telefonieren sie nur, weil Schulaufgaben, Klavier- und Geigenunterricht, Reitbeteiligung und der Hamster Pamela kaum Zeit lassen für die große Schwester. Sehen sie sich, backen sie Plätzchen in Carens Altbauwohnung, pflücken Holunderbeeren, kochen Gelee, gehen in die Sauna, feiern ihre Geburtstage.
"Ich weiß mehr über sie als über meine Nichten und Neffen." Wie Pamelas Tante fühlt sich Caren dennoch nicht - trotz des Altersunterschieds. "Ich erinnere mich an alles noch so gut", sagt sie und zieht an Pamelas Pferdeschwanz. "Liebeskummer, Feste, Abitur."
Die Zeiten sind rauh. Ehen brechen, Partnerschaften zerbröseln, Freunde ziehen dem globalen Markt hinterher. Immer mehr Menschen in Europa entscheiden sich für nur ein oder überhaupt kein Kind. Brüder und Schwestern sind in diesem Land ein Gut, das langsam knapp wird - und deshalb, sagen Soziologen, werden sie immer wichtiger und sind pfleglich zu behandeln.
Der Bedarf ist groß. Caro, 12, hat einen Bogen Kinderbriefpapier in das Schwesternfinde-Büro nach Düsseldorf geschickt: "Da ich ein Einzelkind bin, seit ihr meine letzte Rettung. Ich wohne in Neuwied. Bitte! Ich währe euch total dankbar! Ich hätte gerne mal 'ne ältere Schwester."
KATJA THIMM
* Marcel Rufo: "Geschwisterliebe, Geschwisterhass". Piper Verlag, München; 252 Seiten; 18,90 Euro.
* Jürg Frick: "Ich mag dich - du nervst mich!". Verlag Hans Huber, Bern; 352 Seiten; 24,95 Euro.
* Mit Mitverschwörer Christoph Probst 1942.
* "Künstlerbrüder". Die Ausstellung im Haus der Kunst läuft noch bis zum 22. Januar.
* Schriftstellerinnen Anne, Emily, Charlotte; Gemälde ihres Bruders Branwell (um 1834).
Von Thimm, Katja

DER SPIEGEL 2/2006
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