12.01.1970

GRENZSCHUTZ / DDR-FLUCHTHolt ihn raus

Vier bewaffnete Posten des Grenzschutzes stapften am Neujahrsabend zehn Kilometer nordöstlich von Mellrichstadt (Unterfranken) durch den kniehohen Schnee.
Ihre Ausrüstung entsprach der vertraulichen "Rahmenanweisung" VI c 2-654 202/1 des Bundesinnenministeriums: Pistole P 38, Schnellfeuergewehr FN, Maschinenpistole MP-5. Ihr Patrouillengang entlang der Grenze zur DDR entsprach der "Dienstanweisung 10-41" des Bundesgrenzschutzkommandos Süd: "Grenzstreifen sind auch an Samstagen. Sonntagen und Feiertagen durchzuführen."
Für Oberwachtmeister Rudolf Romeis, 22, Grenzhauptjäger Alois Reis. 21, Grenzjäger Wolfgang Schmitt. 17, und den Grenzpolizisten Paul Havlener, 59, war es an diesem Abend nichts Außergewöhnliches, daß sich kein Posten vom "Kommando Grenze" der Nationalen Volksarmee (NVA) rührte. Havlener: "Die haben Silvester wohl einen über den Durst getrunken."
Auch als eine dumpfe Detonation durch die Winternacht hallte, zuckte nur der Neuling Schmitt -- erst seit drei Monaten beim Bundesgrenzschutz -- leicht zusammen; für die anderen drei war auch dies Routine: Die Schneelast auf dem 50 Meter breiten Minenfeld der DDR-Grenze läßt häufig Tretminen explodieren.
Erst als kurz nach der Detonation
um 20.20 Uhr -- Hilferufe aus dem Minenfeld jenseits der Grenze zu hören waren ("Helft mir, ich kriege einen Schüttelfrost!"), entspann sich eine Szenerie, die bis in Details an das klassische Drama des DDR-Flüchtlings gemahnte -- den Fall Peter Fechter.
Damals, am 17. August 1962, ein Jahr nach Errichtung der Mauer in Berlin, wurde der flüchtende Bauarbeiter Fechter, 18, von zwei Salven aus Maschinenpistolen der DDR-Grenzpolizei getroffen. Schwerverletzt lag der Flüchtling am Fuße der Mauer und bettelte bei den Grenzsoldaten, die ihm zusahen, um Hilfe. Doch niemand wagte, den schmalen Grenzstreifen des DDR-Territoriums zu betreten.
Rechtlicher wie politischer Perfektionismus siegte über humanitäre Hilfsbereitschaft. US-Stadtkommandant General Watson ("Dies ist ein Fall, für den ich keine Dienstvorschrift habe") alarmierte damals zwar das Weiße Haus in Washington und sogar direkt den damaligen Präsidenten John F. Kennedy. Doch die einzige Parole, die aus Washington zurückkam, lautete ausweichend: "Tun Sie, was Ihnen angemessen erscheint." Nach knapp einer Stunde war Peter Fechter verblutet.
Diesesmal, an der bayrisch-thüringischen Grenze, lag der Zimmermann Bernd Geis, 17, schwerverletzt zwischen den Gitterzäunen der DDR-Grenze: Eine explodierende Tretmine hatte ihm den rechten Fuß zerfetzt. 50 Meter von der Bundesgrenze entfernt, am westlichen Ende des Minenfeldes, schrie er durch den Nebel um Hilfe: "Holt mich doch raus!"
Doch auch die Beamten vom Bundesgrenzschutz hatten für diesen Fall keine Dienstvorschrift. Und auch sie telephonierten erst einmal. Oberwachtmeister Romeis rannte die 200 Meter zum Dienst-Hanomag zurück und setzte über da Funkgerät (Typ: FuG 7) die Meldung ab: "Da liegt einer im Minengürtel und schreit. Was wollen wir tun?" Der wachhabende Offizier in der Abteilungszentrale in Oerlenbach bei Bad Kissingen, Hauptmann Klaus Jürgen Steinbrecht, wußte das auch nicht. Er stellte das Gespräch zum Kommandeur. Oberstleutnant Kurt Naumann. durch.
Auch Naumann wollte nicht entscheiden. Er rief lieber erst einmal das Bundesgrenzschutzkommando Süd in München an. Naumanns Gespräch wiederum wurde ebenfalls durchgestellt: zum Kommandeur des südlichen Grenzschutzbereichs" Brigadegeneral Rudolf Grüner, 56, der in seiner Privatwohnung in Kleinpienzenau über Thalham im Kreis Miesbach vor dem Fernsehschirm saß.
Kleinpienzenau entschied anders als damals Washington. General Grüner an seine Leute im Schnee: "Holt ihn raus! Ich nehme alles auf meine Kappe."
Romeis und Reis ließen, so Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, "beispielhafte Umsicht" walten: Zunächst riefen sie laut, um DDR-Grenzer auf den Verletzten aufmerksam zu machen, dann schossen sie Leuchtkugeln ab, Erst als diese Bemühungen auf der anderen Seite unbeachtet blieben, deponierten sie ihre Waffen auf dem Hanomag und griffen zu Axt und Wagenheber. 50 Meter tief auf DDR-Territorium hinter dem Dort Eußenhausen robbte ihnen der verletzte Zimmermann bis zum Maschendrahtzaun entgegen. Die Axt versagte, mit dem Wagenheber lifteten sie das Hindernis. Knapp eine Stunde nach der Detonation lag Bernd Geis, ärztlich versorgt, im Kreiskrankenhaus zu Mellrichstadt.
Die unbürokratische Entscheidung des Generals aus Kleinpienzenau. so schien es, hatte an der Grenze zwischen Ost und West der Menschlichkeit zum Sieg verholfen. Die Meldung über die nächtliche Rettungsaktion zierte die Frontseiten der Zeitungen, und Bundesinnenminister Genscher schickte nach Oerlenbach ein Fernschreiben: "Für Ihr menschlich und dienstlich vorbildliches Verhalten spreche ich Ihnen meine Anerkennung aus."
Der ministeriellen Anerkennung folgte am Donnerstag letzter Woche die Beförderung. Romeis wurde Hauptwachtmeister. Reis Oberwachtmeister, Schmitt Grenztruppjäger. Genscher zu den Bundesgrenzschützern: "Wären Sie untätig geblieben. wäre ... Geis dem Tod durch Verbluten und Erfrieren ausgeliefert gewesen." Und: "Sie haben in einem übergesetzlichen Notstand gehandelt."
Nur so kann legal anmuten, was sonst illegal ist. Grüner selber: "Wenn Sie so wollen, dann habe ich meine Kompetenzen überschritten. Unser Auftrag endet an der Grenze. Wir dürfen keinen Schritt weiter." Und normalerweise halten sich Grüners Grenzer auch streng an die "Rahmenanweisung für den Grenzstreifendienst zur Überwachung der Demarkationslinie zur SBZ und der Staatsgrenze zur CSSR durch die Grenzschutztruppe".
In Absatz A, Punkt e heißt es: "Sie (die Grenzbeamten) schützen aus der SBZ und der CSSR kommende Flüchtlinge nach Betreten des Bundesgebietes ..." Und: "Schüsse über die SBZ-DL (Demarkationslinie) oder die Grenze zur CSSR sind im Falle der Notwehr oder der Nothilfe ... zulässig."
General Grüner erläuterte die Rechtslage an zwei Beispielen. Das eine passierte im August 1962: Ein Grenzschutz-Offizier des Abschnitts Mitte wurde nahe der Grenze, jedoch auf bundesdeutschem Boden, von einem NVA-Mann mit der Pistole beschossen; ein zweiter Grenzschutz-Posten erschoß den Volksarmisten auf der Stelle, und zwar, so erinnert sich General Grüner, "direkt aus der Hüfte". Der General: "Das war rechtlich einwandfrei Notwehr."
Das zweite Schulbeispiel Grüners ist fiktiv: "Wenn eine Oma über den Zaun klettert und noch drüben abgeknallt wird, dann können wir weiter nichts tun als zugucken." Daß die Grenzer zu Neujahr ausnahmsweise nicht zuschauten, sondern DDR-Territorium betraten, Ist laut Grüner "ein reiner Glückszufall".
Zufall war, daß die DDR-Grenzer weder auf die Detonation noch auf die Leuchtsignale des Bundesgrenzschutzes reagierten und daß der Verletzte am Ende des Minenfeldes lag und somit fast ohne Gefahr für die Helfer geborgen werden konnte. Grüner: "So was kommt nur alle hundert Jahre mal vor."
Ähnlich, so scheint es, denken auch die DDR-Behörden über den Fall Bernd Geis. Mit zweitägiger Verspätung und ungewöhnlich zurückhaltend ließen sie lediglich über die amtliche Nachrichtenagentur ADN einen Routine-Protest verbreiten: "Schwerwiegende Verletzung der Staatsgrenze der DDR."

DER SPIEGEL 3/1970
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