19.01.1970

BIAFRA / KAPITULATIONEin Kavalierskrieg

Solange Ich lebe, lebt auch Biafra. General Ojukwu nach seiner Flucht aus Biafra.
Algeriens Preis für seine Freiheit waren eine Million Tote. Die Geburtswehen des Kongo kosteten das Leben Hunderttausender. Unter den Macheten moslemischer Rächer verbluteten 500 000 indonesische Kommunisten, deren Führer sich an die Macht putschen wollten. Partisanenkrieg und Napalmbomben töteten in zehn Jahren über eine Million Vietnamesen.
Im Busch von Biafra aber starben In zweieinhalb Jahren Bürgerkrieg zwei Millionen Menschen, fast die Hälfte aller Kinder. Als der Rest letzte Woche nach 920 Tagen Belagerung kapitulierte, wußte niemand, ob auch nur die Hälfte des Volkes eine Überlebenschance haben werde.
Der bislang blutigste Krieg unter Schwarzen auf dem Schwarzen Kontinent wurde in jenem Jahrzehnt ausgefochten, das hoffnungsvoll "das afrikanische" genannt worden war. Zwar hat -- erstmals in nachkolonialen Afrika -- kein ausländischer Staat direkt interveniert. Gleichwohl sah dieser Krieg die wohl unheiligsten Allianzen der Jahrhunderthälfte: der Papst und Mao auf der einen, Wilsons England und Nassers Ägypten zusammen mit den Russen auf der anderen Seite.
Der Krieg wurde mit afrikanischer Grausamkeit, zugleich aber -- ebenfalls ein Novum In Afrika -- mit modernsten Waffen ausgetragen: eine tödliche Verbindung zwischen dem Gestern und dem Heute. Ihr fiel in Biafra "eine ganze Generation" zum Opfer (so die Zeitung "Fraternité-Matin" in Abidjan).
Das Drama vollzog sich unter den Augen einer Staatenwelt, die mit Gewissensappellen nicht geizt, im Ernstfall die Menschlichkeit aber lieber zur Privatsache erklärt.
Der Weltgendarm Nummer eins, Amerika, stand abseits. Die USA schickten zuweilen ein Flugzeug mit Trockenmilch und gutgemeinte Ratschläge an beide Seiten. Insgeheim aber war das vietnamgeplagte Washington froh, daß es seine Interessen nicht am Niger verteidigen mußte.
Für die Vereinten Nationen waren die zwei Millionen Toten in Westafrika, wo ägyptische Piloten sowjetische Bomber flogen, ein "inneres Problem" der Föderation von Nigeria, in das sie laut Statut nicht einzugreifen brauchten.
"Afrikas erster wirklich unabhängiger Staat", wie Ojukwu sein Biafra euphemistisch nannte, fand seinen verläßlichsten Verbündeten in Afrikas letzter großer Kolonialmacht: in Portugal, dessen hartnäckig verteidigte Kolonialbesitzungen auf dem Schwarzen Kontinent 23mal so groß sind wie das Mutterland. Unter den afrikanischen Bruderländern, die Biafras Unabhängigkeit anerkannten, befanden sich die kapitalistische Elfenbeinküste und das sozialistische Tansania.
Gegen ein knappes Dutzend beteiligter Staaten suchten Menschen aus über vierzig Nationen den Opfern zu helfen -- ebenso selbstlos wie schließlich vergebens.
Junge Ärzte aus denselben Staaten. die mit Kanonen und Maschinengewehren den afrikanischen Brandherd schürten, verbanden Wunden und fütterten Babys. Hermann Görings schwedischer Neffe, der Graf von Rosen. wurde mit 59 Jahren noch Bomberpilot in aufgetakelten Sportmaschinen, um Biafra beizustehen. Irische Priester krempelten die Soutane hoch und hievten Munitionskästen aus einstigen Lufthansa-Flugzeugen.
Über eine Luftbrücke bekämpften Wohlfahrtsverbände aus aller Weil den Hunger im eingekesselten Biafra. Doch sie konnten das Leiden der Ibos nur lindern, das Ende hinauszögern.
Das Hungersterben zermürbte schließlich die Zivilbevölkerung der abtrünnigen Ostregion. Auch die Biafra-Soldaten -- in dilettantischen Schnellkursen unzureichend für den den Buschkrieg gerüstet -- hatten schließlich nicht mehr die physische Kraft, dem von allen Seiten anrennenden Feind zu widerstehen.
Eine neue Taktik und neue Waffen der Nigerianer brachen vorletzte Woche den letzten Widerstand: Zum erstenmal hatten die drei nigerianischen Armeen -- von britischen Beratern angewiesen -- ihre Aktionen an allen Fronten koordiniert. Zum erstenmal auch schossen die Nigerianer mit sowjetischen 122-Millimeter-Granaten tief in die Ibo-Kessel hinein. Die geschwächten Biafraner gingen zuletzt nur noch mit je fünf Patronen in den Kampf.
Die Nigerianer eroberten die Stadt Owerri, seit dem Fall Umuahias im Frühjahr letzten Jahres die Kommandozentrale Biafras. Staatschef Ojukwu rief seine wichtigsten Militär- und Zivilberater zu einer letzten Lagebesprechung. "Jeder muß jetzt der Realität ins Auge blicken", erklärte Ojukwu Einige seiner Mitarbeiter weinten. Ojukwu selbst zeigte sich am realistischsten: In der Nacht zum 11. Januar flog er in einer "Super Constellation" aus. "Ich werde mich nie ergeben, ich werde nie weglaufen", hatte er einmal geschworen, "und wenn ich der letzte Biafraner bin, werde ich mich mit dem Gewehr in der Hand dem Feind stellen."
In einer letzten Radioansprache täuschte er seine ausgebluteten Mitbürger noch -- er gehe "auf die Suche nach Frieden" und werde bald wiederkommen.
Doch er kam nicht zurück -- den Frieden diktieren jetzt die Nigerianer. Denn kaum war Ojukwu geflohen. kapitulierte sein Land. Generalstabschef Effiong, von Ojukwu zum Konkursverwalter ernannt, bat Nigeria um Waffenstillstand und stellte fest: "Biafra existiert nicht mehr."
Der Staat, der in diesem Bürgerkrieg fast auseinandergefallen wäre, Nigeria, galt einst als Musterland Afrikas, als Vorbild für die Überwindung kleinstaatlicher Zersplitterung des Kontinents, als Modelldemokratie des Schwarzen Erdteils.
Als die Engländer 1960 ihre westafrikanische Kolonie in die Unabhängigkeit entließen, war Nigeria mit über 35 Millionen Einwohnern Afrikas volkreichster Staat, mit einer gebildeten Oberschicht und einer erfahrenen schwarzen Beamtenschaft.
Knapp zehn "Jahre danach erscheint das vom Bürgerkrieg verwüstete Land als "Symbol für die gespaltene Seele Afrikas" ("Time") und wie eine Warnung vor Afrikas größten Gefahren: Stammesdenken und Separatismus.
Als schwarze Erlöser wie Ghanas Kwame Nkrumah oder Guineas Sekou Touré die europäischen Kolonialherren ablösten, schwärmten sie von der künftigen Einheit des Kontinents: "Ein geeintes Afrika unter einer gemeinsamen Regierung", so Nkrumah, war ihr Ziel.
Es blieb ein unerfüllbarer Traum. Selbst regionale Integrationsversuche wie die Mali-Föderation oder ein Ostafrikanischer Staatenbund scheiterten bereits in ihren Anfängen.
Heute glaubt kaum noch ein afrikanischer Regierungschef an die afrikanische Einheit. Fast alle leiden uni er Stammesrivalitäten, fürchten, daß ihre Staaten auseinanderbrechen könnten.
Zwar erkannte Tansanias Führer Nyerere die Sezession Biafras von Nigeria an, denn: "Wenn einmal ein großer Teil des Volkes ... nicht mehr daran glaubt, daß dies sein Staat ist ..., dann ist dieses System nicht länger lebensfähig."
Würden aber Nyereres Grundsätze von anderen Afrikanern befolgt, müßten die meisten Staaten des Kontinents zerbrechen. Denn überall in Afrika wächst der Widerstand gegen jene unnatürlichen Grenzen, die um die Jahrhundertwende von den Kolonialmächten allein nach deren imperialen Interessen gezogen wurden:
* im Sudan, Afrikas flächengrößtem Staat, tobt seit 1964 ein Bürgerkrieg zwischen den negriden Stämmen im Süden und ihren arabischen Beherrschern aus dem Norden.
* Im Tschad rebellieren die Nord- und Ost-Stämme gegen die Zentralregierung des Präsidenten Francois Tombalbaye.
* in Äthiopien kampit die "Befreiungsfront von Eritrea" für die Unabhängigkeit der Küstenprovinz Eritrea vom Reich des Negus.
* In Kenia, das ähnlich wie Nigeria jahrelang als eitles der stabilsten Länder Afrikas galt, prallen die beiden Haupt-Stämme, Luos und Kikujus, aufeinander. Der Luo Tom Mboya, Planungsminister in der Regierung des Kikujus Kenyatta, wurde von einem Kikuju erschossen; sogleich brachen Unruhen aus.
* Im Westen des zentralafrikanischen Sambia verlangen die Lozis ein eigenes Reich Barotseland. Sambias Präsident Kaunda erkannte resignierend, daß "unsere Nation auseinanderzubrechen droht". "Das Stammesdenken", klagte der Präsident der Elfenbeinküste, Houphouet-Boigny, "ist die Geißel Afrikas."
Es ist freilich zugleich die Basis der afrikanischen Gesellschaft. Wie vor der Kolonialepoche fühlt sich der Afrikaner auch heute nicht in erster Linie dem Staat verbunden, in dessen Grenzen er lebt, sondern seinem Stamm.
Selbst in den Städten herrschen die Stumme. Die Bewohner von Lagos oder Nairobi etwa schließen sich in Stammesvereinigungen ("tribal unions") zusammen und wählen häufig sogar städtische Häuptlinge.
Der Stamm, so befand der amerikanische Politologe Rupert Emerson, Ist "die Projektion des traditionellen Afrika in die Gegenwart". Die Macht der Stumme blieb ungebrochen, weil der Stamm dem Afrikaner in einer Welt des sozialen Umbruchs das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit vermittelt
Die weilten Kolonialherren hatten die Stammesstrukturen erhalten, weil diese ihrem Prinzip des "Teile und herrsche" entgegenkamen. Die schwarzen Befreier, die vor einem Jahrzehnt die Weißen entmachteten, nutzten das Stammesdenken zur Sicherung der eigenen Herrschaft.
So begünstigte Kwame Nkrumah stets den Nzima-Stamm, dem er selbst angehörte. Houphouet-Boigny läßt auf wichtige Posten nur Männer aus seinem eigenen Baule-Stamm aufsteigen. In Kenia haben fast nur Kikujus die Chance, einen bedeutenden Job in der Regierung des Kikuju-Häuptlings Kenyatta zu erhalten.
Stämme, deren Angehörige wichtige Regierungsposten innehaben, erhalten bevorzugt Straßen, Elektrizität und Schulen. Denn wer regiert, entscheidet auch, in welchen Landesteil die Entwicklungsgelder fließen.
So war beispielweise das Gebiet, aus dem der frühere nigerianische Finanzminister Okotie-Eboh stammte, wie kein anderer Teil Nigerias mit Schufen und Straßen ausgestattet. Und Nigerias Auswärtigen Dienst beherrschten bis zur Sezession Biafras die Ibos: Der langjährige nigerianische Außenminister Jaja Wachuku war ein Ibo.
Nahezu zwangsläufig mußte wegen der Ibos der bislang blutigste Stammeskonflikt im nachkolonialen Afrika ausbrechen. Ebenso tüchtig wie von ihrer Tüchtigkeit überzeugt, machten sie sich jene Stämme zu Feinden, mit denen sie in den alten Kolonialgrenzen zusammenlebten.
Als die Briten die Südküste Westafrikas zu kolonisieren begannen, waren die Ibos noch eines der primitivsten afrikanischen Völker. Um ihren Bedarf an begehrtem Menschenfleisch zu decken, bekriegten sie sich untereinander. Erst christliche Missionare gewöhnten Ihnen um die Jahrhundertwende den Kannibalismus ab. Innerhalb von zwei Generationen entwickelten sich die Ibos zum "dominierenden Stamm, den biblischen Israeliten ähnlich" ("New York Times").
Sie lernten schneller als andere Schwarzafrikaner und paßten sich schneller an. Britische Kolonialbeamte bevorzugten Ibos als Hauspersonal, später rekrutierte die Kolonialverwaltung ihre Beamten aus dem Ibo-Volk.
"Es scheint, daß der Gott von Afrika die Ibo-Nation geschaffen hat, um die Kinder Afrikas von der Fessel der Jahrhunderte zu befreien", lobte Nigerias erster Präsident Nnamdi Azikiwe -- selbst ein Ibo -- 1949 seinen Stamm.
Kein anderer afrikanischer Stamm zeigte sich so bildungsbeflissen. Zwischen 1933 und 1963 waren zwei Drittel aller Nigerianer, die in Amerika studierten, Ibos. Im Jahr vor der Unabhängigkeit Nigerias studierten an der Universität von Ibadan 333 Ibos -- und nur drei Angehörige des volkreichsten Nigeria-Stammes, der Haussas.
Die Ibos breiteten sich von ihrem ursprünglichen Stammesgebiet über die ganze Kolonie aus. Wo immer sie sich niederließen, kontrollierten sie bald durch "Aktivität und Aufgeschlossenheit" (so der deutsche Afrika-Experte Herbert Kaufmann) Verwaltung, Verkehr, Handel und Geldverleih.
Die Ibos waren auch die ersten, die Nigerias Unabhängigkeit forderten. Ihr Vorkämpfer wurde Nnamdi ("Zik") Azikiwe, ein in Amerika ausgebildeter Journalist und Verleger.
Er gründete 1938 Nigerias erste bedeutende politische Partei, den "National Council of Nigeria and the Cameroons" (NCNC). Die Partei sollte Sammelbecken für alle Stämme Nigerias werden. Doch Yorubas und Haussas. die Im Westen und Norden des Landes leben, stellten später Gegenparteien auf -- die "Action Group" und den "Northern Peoples Congress".
Genau nach Stammesstärke wählten die Nigerianer auch ihr erstes Parlament, das zunächst dank des Stammes-Proporzes und der englischen Oberaufsicht auch funktionierte.
Bei den nächsten Wahlen Ende 1964, den ersten im unabhängigen Nigeria, errangen die Haussas mit brutalem Wahlterror die absolute Mehrheit. Ein Jahr später putschte der Ibo-General Agulyi Ironsi gegen die zivile Regierung.
In der Muster-Demokratie Nigeria brach der Stammeskrieg los. Ein halbes Jahr später ermordeten Haussas in einem Gegenputsch Ironsi und alle Ibo-Soldaten, derer sie habhaft werden konnten. Im Herbst 1968 fielen einer Ibo-Verfolgung im Norden 30 000 Menschen zum Opfer. Aus allen Teilen der Förderation flüchteten die Ibos heim ins östliche Stammland -- insgesamt fast zwei Millionen Menschen.
Dort, in Nigerias Ostregion, regierte als Militärgouverneur einer der reichsten und zugleich gebildetsten Nigerianer, der Oberstleutnant Odumegwu Ojukwu. Am 30. Mai 1967 sagte er sich von der nigerianischen Föderation los und rief die ölreiche Region zur unabhängigen Republik Biafra aus.
Der Sohn eines von der britischen Majestät geadelten Millionärs erwies sich bald als eine der bedeutendsten Führerfiguren, die Schwarzafrika im ersten Jahrzehnt seiner Unabhängigkeit hervorgebracht hat.
Er hatte die besten Schulen seines Landes besucht, in Oxford mit einer Arbeit über Ludwig XIV. einen Magistergrad erlangt und in der britischen Sandhurst-Akademie eine Offiziersausbildung erhalten,
Anders als die traditionellen Führer Afrikas saß er nie in den Gefängnissen der Kolonialmächte, litt nie Hunger oder Not, genoß er die Ausbildung der Weißen. In Oxford war er als Playboy in schnellen MG-Sportwagen auf gefallen, in der Heimat stieg er noch vor seinem 30. Lebensjahr zum Generalquartiermeister der Armee und Befehlshaber eines nigerianischen Kontingents bei der Uno-Truppe im Kongo auf.
Ojukwu vereint das Aussehen eines schwarzen Orson Welles mit der Beredsamkeit eines Winston Churchill in den Tagen des Hitler-Sturms. Er dichtet sentimentale Verse, liebt Hamlet (Ojukwu: "Was dazu wohl ein Psychiater sagen würde?"), und er predigte die schwarze Revolution.
Er gab sich gerissen wie Moise Tshombé, der Katanga-Chef, missionarisch wie der Kongo-Märtyrer Lumumba und war zuweilen weise wie der Mediziner-Präsident Banda von Malawi.
Wenn er sprach -- und er sprach bei jeder Gelegenheit, seine Reden in den zweieinhalb Jahren der Existenz Biafras füllen zwei dicke Bände -, dozierte er langsam, leidenschaftslos, aber in druckreifen Sätzen und gepflegtem Englisch. Er konnte logisch und demagogisch sein, schien zuweilen auch von echtem revolutionärem Pathos erfüllt und stets von missionarischem Eifer und Haß -- Haß vor allem gegen jenes Land, in dessen Geisteswelt er erzogen worden war: gegen Großbritannien.
Ojukwu zum Vorwurf, die Sezession Biafras werde die "Balkanisierung Afrikas" fördern:
* "War denn der Balkan schöner, bevor sich die Völker dort aus den Trümmern des Türkenreichs erhoben?"
Ojukwu über die angeblichen Vorteile eines größeren Staates:
* "Als ob ein Staat automatisch um so besser wäre, je größer er ist. Und die Weißen, die uns die Vorteile eines Großstaats so sehr ans Herz legen, sollten doch selbst zum Römischen Reich zurückkehren ..."
Ojukwu zum Thema Völkermord:
* "Die Welt sucht nach Beweisen für Völkermord an unserem Volk, Aber Völkermord kann man erst beweisen, wenn er vollbracht ist. Also ist die Suche nach dem Beweis zugleich das Todesurteil für unser Volk." Ojukwu über Biafra:
* "Ich sehe Biafra als eine Bastion freier Menschen in einer Zeit, in der Freiheit und Selbstbestimmung von der Farbe der Haut abhängen. Biafra ist lebenswichtig für die schwarze Rasse."
Ojukwu über die Feinde Biafras:
* "Wir sind die letzten Opfer einer teuflischen Verschwörung zwischen den drei Geißeln des schwarzen Menschen -- Rassismus, arabisch-islamischer Expansionismus und wirtschaftlicher Imperialismus der Weißen,"
Ojukwu über Nigeria:
* ",Nigerianismus' -- das ist alles, was die alte Föderation heimgesucht hat: Bestechung und Korruption, Vetternwirtschaft, Schlamperei, die Sucht nach dem Mammon, Verantwortungslosigkeit, Intrigenwirtschaft und moralischer Niedergang."
Ojukwu über Nigerias Helfer England:
* "Die Geschichte britischer Heuchelei und Doppelzüngigkeit ist so alt wie Feisgestein. Eine britische Regierung wird lügen und betrügen, morden und verraten ohne jedes Schamgefühl, wann immer es um ihre Interessen oder ihren Mammon geht."
Doppelzüngig war freilich auch Odumegwu Ojukwu selbst.
Biafra, so verkündete er nach der Unabhängigkeitserklärung, gehe es allein um Selbstbestimmung und Selbstbehauptung: "Wir kämpfen nicht, um zu erobern, sondern um zu überleben."
Aber seine zunächst überlegenen Bataillone besetzten in den ersten Kriegswochen den ganzen Mittelwesten Nigerias und marschierten bis hundert Kilometer vor die Bundeshauptstadt Lagos.
Dem Ibo-Stammland im Südosten Nigerias schloß Ojukwu Stammes-Territorien an, deren Einwohner ebensowenig unter Ibo-Herrschaft leben mochten wie die Ibos unter jener der Yorubas und Haussas -- aber sie saßen auf ölgetränktem und deshalb wertvollem Boden.
Am Erdöl scheiterte Biafra schließlich, Das Nigeria-Öl war Domäne der britisch kontrollierten Gesellschaften BP und Shell. Die Briten reagierten deshalb sofort, als Nigerias Staatschef Gowon sie um Waffenhilfe gegen die Sezessionisten ersuchte,
England schickte Gewehre, Haubitzen und Panzerfahrzeuge. Britische Offiziere berieten Nigerias Armee, die in zwei Kriegsjahren von 12 000 auf 130 000 Mann verstärkt wurde, und planten die Angriffe gegen Biafra. Die Sowjet-Union, an einer Basis in Afrika interessiert, half mit Bombern und Kanonen.
Biafra kaufte Waffen von internationalen Händlern und erhielt vergleich "weise geringen Nachschub aus Frankreich (insgesamt für 60 Millionen Mark), dem es für den Fall des Sieges Ölschürfrechte versprochen hatte.
Biafras Truppen konnten sich nicht behaupten. Soldaten und Zivilisten mußten sich in einen ständig kleiner werdenden Kessel zurückziehen: Von 1967 bis Anfang 1970 schrumpfte Ojukwus Territorium von 77 000 auf zuletzt 2000 Quadratkilometer.
Ojukwu wollte sich "selbst mit dem Teufel" verbünden und schickte eine Delegation sogar nach Peking, das allerdings lediglich mit ermunternden Worten half.
Nur in der Propaganda blieb Ojukwu bis zuletzt erfolgreich. Um die Weltmeinung für seine Sache zu mobilisieren, erfand er mit Hilfe der Genfer Werbeagentur Markpress, die insgesamt 200 Auslandsjournalisten nach Biafra schleuste, einen "Religionskrieg" der islamischen Haussas gegen die christlichen Ibos und schrie Völkermord zu einer Zeit, als davon keine Rede sein konnte.
Mit solchen Parolen, die im weiteren Verlauf des Kriegs durch Nigerias Aushungerungs-Strategie gegen das eingeschlossene Biafra teilweise bestätigt wurden, mobilisierte Ojukwu eine private Hilfswelle für sein Volk, wie es sie in diesem Ausmaß noch nie gegeben hatte.
Für die neun Millionen vom Hungertod bedrohten Ibos, die mit Hilfe sowjetischer Flugzeuge und britischer Haubitzen immer enger zusammengepfercht wurden, schickten Wohlfahrtsverbände eine Armee von unbewaffneten freiwilligen Helfern ins Feld.
Anderthalb Jahre lang hielten private Spenden aus aller Welt die Millionen Menschen im biafranischen Reduit per Luftbrücke am Leben. Allein die Hilfsorganisationen der Kirchen (Joint Church Aid) und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) schickten 7350 Flugzeugladungen mit 81 300 Tonnen Lebensmitteln und Medikamenten in den Buschkessel.
27 Piloten verloren bei Rettungseinsätzen das Leben, 16 Maschinen gingen -- zum Teil unter nigerianischem Flakfeuer -- zu Bruch.
Bevor die karitative Luftschlacht im Sommer 1968 begann, waren in dem von allen Nachschublinien abgeschnittenen Ibo-Land täglich etwa 6000 Menschen verhungert. Die Bilder von Kindern mit ballonförmig aufgeblähten Bäuchen, skeletthaften Gliedmaßen und durch Proteinmangel rötlich verfärbtem Haar weckten Auschwitz-Erinnerungen. Englands Geschichts-Philosoph Toynbee in einem SPIEGEL-Gespräch:,, Die Menschheit bereut noch immer nichts." Ab August flogen Piloten aus Deutschland, der Schweiz, Skandinavien, Kanada und USA mit alten Propellermaschinen von den Inseln Säe Tomeé und Fernando Póo aus allnächtlich etwa 250 Tonnen Lebensmittel in den Biafra-Busch.
Sie landeten -- bis zu dreimal pro Nacht -- auf einer notdürftig verbreiterten Landstraße bei Uli oft unter Beschuß nigerianischer Flugabwehr. Den Nigerianern mißfiel die Hilfe, die das Aushungern der Abtrünnigen erschwerte. Gowons Stellvertreter Awolowe: "Aushungern ist eine der Waffen des Krieges." Die Biafraner beschlagnahmten wiederholt Rotkreuz- oder Kirchenfahrzeuge für Munitionstransporte.
Auf dem Flugplatz in Lagos wurde der Rotkreuz-Chefdelegierte einmal 16 Stunden lang in eine Baracke gesperrt, in der Biafra-Stadt Okigwe erschoß nach der Einnahme durch nigerianische Truppen ein betrunkener Bundessoldat vier weiße Rotkreuz-Helfer.
Allen Widerständen zum Trotz verringerten die Stockfisch-Bomber die Rate der Hungertoten im vergangenen Sommer auf 300 pro Tag. Allein die Internationale Union der Kinderwohlfahrt speiste regelmäßig 50 000 Kinder -- bis zur vorletzten Woche. Dann brach mit dem Widerstand der Biafra-Armee auch die Hunger-Hilfe zusammen.
Kirchen-Flugzeuge, die Landeplätze ansteuerten, mußten unter schwerem Beschuß umkehren. Nigeria verbot jede Landung in der Ostregion und schloß ausdrücklich alle, die Biafra direkt versorgt hatten, von weiteren Hilfslieferungen aus: die Kirchen, Portugal, Frankreich, Südafrika. Den Papst, der noch einmal vor Völkermord warnte, wünschten demonstrierende Studenten in Lagos "zur Hölle, dort, wo sie am heißesten iSt".
Aus Großbritannien appellierte Edith Ike, einstige Ibo-Verlobte des Nigeria-Staatschefs Gowon, an Gowon er möge Hilfslieferungen für die Verhungernden zulassen. Amerikas Nixon stellte zehn Millionen Dollar zur Verfügung, Bonn versprach Hilfsleistungen für 30 Millionen Mark.
Gowon aber wies alle Angebote von Organisationen, die Biafras Bevölkerung in den letzten Monaten geholfen hatten, zurück: "Sie sollen ihr blutiges Geld für sich behalten. Wir brauchen es nicht, wir werden allein mit dem Problem fertig."
Auch ausländische Beobachter lehnt Lagos strikt ab. John Garba, Nigerias Botschafter in Rom: "Beobachter sind nur dann notwendig, wenn es zwei oder mehr kriegführende Parteien gibt. Jetzt aber, da Biafra kapituliert hat, steht eine Beobachtergruppe nicht mehr zur Diskussion,"
Rund um Biafra -- in Silo Tomé, Fernando Póo und Dahomey
liegen 30 000 Tonnen Hilfsgüter bereit. Wenn Nigeria Ihre Anlieferung auch nur einige Tage oder Wochen blockiert, werden sie für zahllose Ibos zu spät kommen: Nach zwei Jahren Unterernährung bedeutet schon der Ausfall einiger Mahlzeiten für Hunderttausende Tod oder dauerndes Siechtum.
Kirchen -- Beobachter, die als letzte aus dem Biafra-Kessel ausfliegen konnten. schätzten letzte Woche die stündliche Sterbe-Rate im Iboland auf zweitausend Menschen.
In Lagos empfing letzten Donnerstag Staatschef Yakubu Gowon seinen ehemaligen Waffengefährten Philip Effiong, der Biafras Kapitulation überbrachte, mit den Worten:
"Es freut mich, dich wiederzusehen, Philip."
Nach dreistündigen Verhandlungen hatten sich die beiden Generalmajore auf den Kapitulationsvertrag geeinigt. Lächelnd schlugen sie sich auf die Schultern. War die Tragödie Biafra für die Handelnden nur ein Kasinostück, ein Kavalierskrieg, in dem unglücklicherweise etliche Hunderttausende verhungerten? Und ist die Welt nicht wieder freundlicher, da die Gewissensbeschwernis -- auf welchem Wege immer beseitigt scheint?
Yakubu Gowon hofft, daß sich die Völker Nigerias wieder versöhnen werden. "Ich glaube, es liegt im Wesen des Afrikaners, daß er vergeben und vergessen kann", hatte er noch während des Krieges gesagt.
Und stets hatte der christlich getaufte Sohn eines Missionsangestellten zwischen der "Ojukwu-Clique" und der Masse der Ibos unterschieden. Seinen Soldaten gab er im Bürgerkrieg keine Orden, wohl aber den "Code of Conduct" -- Verhaltensmaßregeln Im Umgang mit den Biafranern. "Der normale Ibo", so Gowon, "Ist in keiner Weise für die Sezession und die tragischen Ereignisse danach verantwortlich."
Gowons Widersacher Ojukwu aber appellierte letzten Donnerstag von unbekanntem Aufenthaltensort noch immer an den Durchhaltewillen der Ibos:
"Da unsere Sache gerecht ist, glauben wir, daß wir den Krieg nicht verloren haben, Nur das Schlachtfeld hat sich geändert."

DER SPIEGEL 4/1970
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