17.04.1967

ZEITGESCHICHTE / KAMIKAZE-FLIEGERGöttlicher Wind

Hauptmann Gottfried Kowatsch sprach: "Und so hoffen wir, uns recht bald mit unseren motorisierten Bomben auf ein Schlachtschiff stürzen zu können." Kowatsch entkorkte eine Sektflasche und prostete den Männern seines Geheimkommandos zu: "Guten Aufschlag."
Das war am 15. Mai 1944 in der Jagdfliegerschule Stolp-Reiz (Hinterpommern). Zwei Jahrzehnte blieben Einzelheiten über das Geheimkommando geheim. Erst jetzt gab der frühere Fluglehrer und Oberfeldwebel Heinz Uebe, 52, dem SPIEGEL den Kampfauftrag der Kowatsch-Truppe preis: Kamikaze.
Als der Krieg in Wirklichkeit schon verloren war, wollten ein Hauptmann, zwei Leutnants, drei Oberfähnriche, ein Oberfeldwebel und drei Unteroffiziere noch einen Beitrag zum Endsieg leisten. Sie waren bereit, sich mit sprengstoffbefrachteten Jagdflugzeugen auf Schlachtschiffe zu stürzen -- ein sinnlos bravouröser Versuch, die erwartete angelsächsische Invasions-Armada vor der Normandieküste aufzuhalten.
Vorbild für die zehn deutschen Luftwaffensoldaten waren die japanischen Piloten, die sich mit ihren Maschinen auf US-Schiffe stürzten. Sie nannten sich "Kamikaze" ("Göttlicher Wind"). Amtsbezeichnung für die deutschen Todeskandidaten: "Selbstopfer -- Männer", kurz: "SO-Männer".
Drei von ihnen hatten ersten Kriegsruhm bereits am 10. Mai 1940 erworben. Damals, zu Beginn des Westfeldzuges, schwebten sie mit Lastenseglern unentdeckt auf das belgische Fort Eben-Emael. Sturmtrupps warfen Handgranaten und Sprengladungen in die Bunkerluken und zerstörten die Geschütze im Handstreich. Die Aktion dauerte zehn Minuten. Am nächsten Tag fiel das Bollwerk. 84 Sturmpioniere machten 1185 Gefangene.
Vier Jahre später, als Luftwaffen-Chef Hermann Göring Freiwillige für Feindflüge ohne Wiederkehr suchte, meldeten sich die drei Fort-Bezwinger sowie sechs Fliegersoldaten einer Transportstaffel. Sie unterschrieben einen Revers" in dem ihnen als Angriffsobjekte alliierte Großkampfschiffe zugewiesen wurden. Ebenfalls vereinbart wurde, daß den SO-Männern vor ihrem letzten Flug ein letzter Heimaturlaub zustand.
Nachdem sich die Kamikaze-Flieger am 15. Mai 1944 zur Ausbildung in Stolp versammelt hatten, rüsteten sie sich mit einer geballten Ladung Fröhlichkeit zum Untergang. Es gab Sekt, Wein, Zigaretten en masse. Die SO-Männer lungerten auf ihren Betten und mühten sich um Galgenhumor: "Schade um die schönen Flugzeuge."
In Schnellkursen von nur wenigen Tagen bereitete Oberfeldwebel Uebe die SO-Leute, von denen nur zwei jemals Motorflugzeuge gesteuert hatten, auf die Spezialaufgabe vor. Er setzte sich hinter die Schüler, die mit der zahmen Me 109 G 12 ihre ersten Flugversuche machten; später stiegen sie auf das Kamikaze-Flugzeug Focke-Wulf Fw 190 um.
Uebe übte den Sturzflug mit schwerbeladenen Maschinen aus 3000 Metern Höhe. Als Ziele dienten kleine Wolken, die den Eindruck suggerieren sollten, es handele sich um Kriegsschiffe. Ein SO-Mann stürzte ab, einer nahm seine Zusage zurück. Ausbilder Uebe heute: "Mir war das unheimlich. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer Leute, die überleben wollten."
Das Selbstopfer von Kamikaze-Fliegern sollte, so kalkulierte die Luftwaffe, Soldaten und Kriegsmaterial sparen. Bei Invasionsbeginn am 6. Juni 1944 standen den Deutschen noch rund 500 Flugzeuge zur Verfügung -- gegenüber 12 837 der Westalliierten.
Um die Wirkung eines einzigen Kamikaze-Fluges mit konventionellen Mitteln zu erzielen, so lautete die Luftwaffen-Rechnung, mußten rund 30 Kampfflugzeuge und entsprechender Jagdschutz aufgeboten werden. Erfahrungsgemäß wurden aus einem solchen Verband acht bis zehn Bomber abgeschossen, was zugleich den Verlust von 24 bis 30 Fliegern bedeutete.
Je erdrückender die feindliche Überlegenheit wurde, desto hektischer sannen die Luftwaffen-Planer auf Abhilfe. Ähnlich wie ihre Kollegen von der Kriegsmarine, die bereits Ein-Mann-Unterseeboote und andere Nahkampf-Apparate in Betrieb genommen hatten, entwickelten Görings Männer Kriegswerkzeuge, die -- wie die bemannte V 1 -- der Besatzung keine oder nur geringe Überlebenschancen gaben.
So sollten Rammjäger und Sturm-Jäger in gegnerische Bomberpulks hineinfliegen, Feindflugzeuge aus nächster Nähe beschießen und schließlich rammen. Dabei übernahm der auf Höchsttouren laufende Propeller die Funktion einer Kreissäge. 8000 Freiwillige meldeten sich für dieses Kommando. Bei einem Rammjäger-Einsatz am 15. April 1945 wurden bei Hannover 51 viermotorige Bomber der Alliierten zumeist durch Rammstoß zum Absturz gebracht. Aber: 78 deutsche Fw 190 und Me 109 gingen verloren.
Auf Kampfbomber vom Typ Ju 88 ließen Luftwaffen-Techniker Jäger vom Typ Fw 190 oder Me 109 montieren. Das monströse Gebilde -- Jargon: "Vater und Sohn" oder "Beethoven" -- wurde vom Piloten des Jagdflugzeuges dicht an das Ziel herangeflogen. Dann steuerte der Jäger-Pilot die unbemannte, aber mit 3,8 Tonnen Sprengstoff beladene Ju 88 über Funk auf Brücken, Munitionslager oder auch Großkampfschiffe. Vor der Invasionsfront wurde so das als Wellenbrecher in der Nordsee liegende französische Schlachtschiff "Courbet" zerstört.
Gegen Bomberpulks sollte der Raketenjäger "Natter" eingesetzt werden. Der mit einer Flüssigkeitsrakete getriebene Liliput-Flugkörper (Länge: sechs Meter, Flügelbreite: 3,90 Meter) hatte 24 Flugzeugraketen an Bord und ließ kaum Raum für den Kamikaze-Piloten. Die insgesamt 36 Maschinen kamen jedoch nicht mehr zum Einsatz. Den ersten bemannten Probeflug unternahm Leutnant Lothar Siebert am 15. Februar 1945. Dabei löste sich die Kanzel, der Offizier brach sich das Genick.
Auch Kowatschs SO-Männer führten ihren Geheimauftrag nicht mehr aus. Sie waren wohl bereit, sich auf Schlachtschiffe zu stürzen. Aber als sie den Befehl erhielten, statt dessen russische Kraftwerke anzugreifen, besannen sie sich auf die schriftliche Abmachung, die das Angriffsobjekt genau definierte, und lehnten ab.
Offenbar hatte die mittlerweile erfolgreiche Normandie-Invasion ihren Glauben an den Endsieg erschüttert und den Willen zum Selbstopfer gezügelt. Doch nur zwei der zehn Kamikaze-Flieger überlebten. Die übrigen starben auch so am Krieg.

DER SPIEGEL 17/1967
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