17.04.1967

KUNSTMARKT / GALERIENHandel mit solcher

Dem deutschen Kunsthandel. so
fürchtet der Mainzer Galerie-Inhaber Hans Alexander Baier, 31. droht die Herrschaft eines Kartells. Ein Richterspruch soll das Unheil abwenden.
Beim Verwaltungsgericht. Köln beantragte Jurist Baier letzte Woche, den "Verein progressiver deutscher Kunsthändler" aus dein Vereinsregister streichen zu lassen. Begründung: Das Ziel des Zusammenschlusses
laut Satzung "die Förderung des Interesses an zeitgenössischer ... Kunst und die Förderung des Handels mit solcher Kunst" -- sei nur vorgeschoben, um einen in dieser Rechtsform unzulässigen "wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb" zu tarnen.
Gesetzwidrige Camouflage traut Baier, der einst in seiner Geburtsstadt Bremen "die Sitten ordentlicher Kaufleute kennengelernt" hat, einem Kollegenbund zu; die Mitglieder des beklagten Vereins, der im November letzten Jahres eingetragen wurde, sind 18 mit moderner Kunst handelnde Galeristen aus der Bundesrepublik und West-Berlin. Vorsitzender: der Kölner Hein Stünke, 53 (Galerie "Der Spiegel").
Die Händler, sämtlich Inhaber nach 1945 gegründeter Unternehmen, sind überzeugt, daß ihr Metier "nicht mehr so betrieben werden kann wie bisher" (Stünke). Auf dem unterentwickelten deutschen Kunstmarkt -- kein Sammler kauft Avantgarde-Werke für mehr als 20 000 Mark -- sucht der Galeristen-Ring für preiswerte Objekte ein größeres Publikum.
Zwei Gemeinschaftsunternehmen, erstmals für diesen Herbst in Köln geplant, sollen nun auch solche Kunden locken, die den Besuch von Galerien scheuen:
* eine vierwöchige Avantgarde-Ausstellung, zu der Jeder Händler zwei oder drei Künstler vorschlägt;
* ein achttägiger "Kunstmarkt 67", auf dem die Vereinsmitglieder "progressive" Kunst (Stünke: "Nur was nach 1910 ist, darf auf den Markt") zum Kauf anbieten.
Die öffentlich geförderten Werbewochen -- die Stadt Köln überläßt gegen "geringe Kosten" (Stünke) den Gürzenich -- nutzen einem Zufallskreis. Denn der progressive Verein ist aus Kollegen-Kontakten entstanden, die seine Erfinder -- neben Stünke der gleichfalls in Köln ansässige Rudolf Zwirner, 34 -- unsystematisch suchten.
Zwirner und Stünke, die auf Fortschrittlichkeit und geschäftliche Solidität ihrer Vereinsbrüder Wert legten. fragten hei einigen Galeristen -- so dem Münchner Günther Franke, 62 -- vergeblich an; andere -- darunter Baier -- blieben ungefragt.
Den Kreis der 18 Progressiven, der nur durch einstimmige Zuwahl erweitert werden kann, hält Stünke zwar für "weitgehend komplett, denn so groß ist die Wahl nicht"; einen auf maximal 20 Mitglieder fixierten "Numerus clausus" ("Die Zeit") bestreitet er jedoch. Schon nächstes Jahr soll diese Grenze überschritten werden: Die Galeristen Friedrich aus München, Thelen aus Essen und Wilbrand aus Münster, die diesmal keinen Platz im Gürzenich finden, sind für 1968 vorgemerkt.
Auch der ungeladene Baier, der bereits 1961 den deutschen Biennale-Vertreter 1966, Horst Antes, ausstellte, hält sich für hinreichend progressiv; dem Kölner Verein will er gleichwohl fernbleiben. Denn der Kunsthändler erwartet von dem Zusammenschluß eine Diskriminierung der nichtorganisierten Galerien und schweren Schaden für die Künstler, die demnächst einem "etablierten Kunstkartell auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein könnten".
Solchem Schaden will er stufenweise wehren. Wird sein Antrag vor dem Verwaltungsgericht abgelehnt, so plant Baier beispielsweise -- gemeinsam mit anderen Argwöhnenden -- eine Klage wegen unlauteren Wettbewerbs. "Warum", fragt sich der Galerist, "soll man nicht klein anfangen und dann, wie man so sagt, eskalieren."

DER SPIEGEL 17/1967
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