15.12.1969

MUSIK / ZIMMERMANNSchriller Grabgesang

Ein halbes Jahrtausend lang trauerten die Komponisten um ihre Toten recht harmonisch und in Kirchenlatein. Bernd Alois Zimmermann, 51, feiert die Totenmesse mit Disharmonien und lautem Stimmengewirr: Sein "Requiem für einen jungen Dichter" (Untertitel: "Lingual"), das letzten Donnerstag in der Düsseldorfer "Rheinhalle" uraufgeführt wurde, war ein schriller Grabgesang auf die ganze Gattung.
Von zwei synchron geschalteten Vier-Spur-Tonbändern, die der Komponist in viermonatiger Klebearbeit montiert hat, dröhnen Panzer, heulen Düsenjäger, kreischen Menschen. Papst Johannes XXIII. eröffnet noch einmal das Zweite Vatikanische Konzil, Joseph Goebbels erklärt wieder den totalen Krieg, und Alexander Dubcek beschwört die Bürger von Prag.
Sprecher, Sopran und Bariton lallen, singen und schreien in acht Sprachen aus acht Lautsprechergruppen und auch vom Podium: Sie verkünden Lehrsätze von Mao Tse-tung und dem heiligen Augustinus, das Evangelium und die Grundrechte. Vor allem aber rezitieren sie Poesie und Prosa der Russen Sergej Jessenin (1895 bis 1925) und Wladimir Majakowski (1893 bis 1930) sowie des Wiener Literaten Konrad Bayer (1932 bis 1984). Denn an diese drei Selbstmörder hat Zimmermann vornehmlich gedacht, als er sein "Requiem für einen jungen Dichter" komponierte.
Zu dieser gewaltigen symphonischen Wort-Collage brummen und schwirren reine Sinustöne und gefilterte Mischklänge von 31 bis 3936 Hertz, quietschen elektronisch verfremdete Töne von Tam-Tam und Klavier, Motiv-Fetzen aus Wagners "Tristan" und Zimmermanns Erster Symphonie, improvisiert ein Jazz-Quintett und spielen 60 Kölner Rundfunk-Symphoniker nach graphischen Anweisungen.
Außerdem sind 180 Sänger aus Köln, Wien und Berlin im Einsatz, sie variieren in oft zwölfstimmigem Chorsatz" a cappella oder mit Orchester, die Internationale und Beethovens Neunte Symphonie, sie schluchzen "Kyrie" und bitten den Herrn um ewigen Frieden.
Wie apokalyptisch, wie monströs diese Totenfeier auch ist, wie viele Klangquellen Zimmermann auch immer benutzt -- die Partitur, sagt der Dirigent Michael Gielen, 42, der sich mit der Stoppuhr durch das Requiem arbeitete, "ist bis ins Feinste durchstrukturiert, vielleicht ist Zimmermann der letzte große Komponist, der alles kann".
Vielseitig jedenfalls war er immer schon: In den 50er Jahren, nach einem Musik- und Germanistik-Studium in Köln und Berlin, schrieb der 1918 Im nordrhein-westfälischen Bliesheim geborene Zimmermann durchaus à la mode: In dem Ballett "Alagoana" verband er Ravel- und Milhaud-Klänge mit Rumba- und Boogie-Woogie-Rhythmen, in einem Oboenkonzert imitierte er Strawinskis Neo-Klassizismus.
Doch nach Studien bei Wolfgang Fortner und dem französischen Avantgardisten René Leibowitz wandte er sich der atonalen Tonkunst zu und ersann schwer spielbare Partituren.
Vom Cello-Virtuosen Siegfried Palm, Kölner Hochschullehrer wie Zimmermann, verlangt er in einer Solo-Suite und in Konzerten erstmals Drei-Oktav-Griffe und knifflige Terz-Flageoletts; die Klavier-Brüder Kontarsky hatten in "Dialogen" und "Perspektiven" mit ungewohnten Fingersätzen zu kämpfen, derweil Zimmermann im elektronischen Studio des WDR am Generator experimentierte und mit Hörspielmusiken erstes musikdramatisches Talent bewies.
In seinen 1958 von der Stadt Köln bestellten "Soldaten", der einzigen wahren Oper seit Bergs "Wozzeck", hatte er es dann voll entfaltet. Der damalige Kölner Opernchef Oscar Fritz Schuh und sein Generalmusikdirektor Wolfgang Sawallisch verwarfen das "pluralistische Musiktheater", das auf zwölf bis zu 35 Meter voneinander getrennten Bühnen präsentiert und von 36 Orchestergruppen gespielt werden sollte, jedoch als unaufführbar.
Erst sieben Jahre später marschierten die "Soldaten"" von Zimmermann neu arrangiert und reduziert, über die Kölner Bühne -- unter dem Totalbeschuß von Tönen, Stimmen und Geräuschen, die von 120 Instrumentalisten, einem 17stimmigen Ensemble und einer Lautsprecher-Batterie erzeugt wurden.
Die Anti-Oper ist inzwischen auch in Kassel und in München nachgespielt worden, doch immer noch nicht nach Zimmermanns Geschmack. Erst "in einem Theater, das nicht schlechter ausgerüstet sein sollte als ein Weltraumschiff", glaubt Zimmermann seinen Vierakter perfekt realisieren zu können. Deshalb hält er sein zweites Bühnenstück "Medea" einstweilen unter Verschluß.
Statt dessen revolutionierte Zimmermann mit seinem "Requiem" die heilige Messe.

DER SPIEGEL 51/1969
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