01.06.1970

ZEITGESCHICHTE / ZEUGEN JEHOVASViolettes Dreieck

Im Münchner Braunen Haus traf, am 9. Februar 1934, Briefpost aus Kalifornien ein. "Dieses Schreiben ist" so erfuhr Adressat Adolf Hitler im ersten Satz, "sowohl eine freundliche Mitteilung als auch eine Warnung über Dinge, die für Ihr Wohlergehen von allergrößter Bedeutung sind."
Die freundliche Nachricht kam vom Präsidenten der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung (IBV), Joseph F. Rutherford, und die Warnung besagte: Falls Jehovas Zeugen im Deutschen Reich nicht binnen zwei Wochen wieder ungehindert die "biblischen Wahrheiten" verkünden dürften, werde in Deutschland geschehen, was einst dem biblischen Ägypten widerfuhr, als der Pharao dem Moses nicht glauben mochte und "Jehova Gott alle Erstgeborenen ... tötete und danach die herrschende Macht vernichtete".
Doch ehe die herrschende Macht -- von den Alliierten -- vernichtet wurde, suchte Pharao Hitler Jehovas Zeugen "auszurotten". Unter seiner Herrschaft wurde, wie der kanadische Historiker Michael H. Kater in der ersten eingehenden Untersuchung zum Thema resümiert, "außer den Juden kaum eine geschlossene Gruppe so intensiv verfolgt ... wie die Ernsten Bibelforscher".
Konsequenter als jede andere religiöse oder pazifistische Gruppe lehnte die 1870 von dem amerikanischen Getreidehändler Charles Taze Hussell gegründete Sekte der Bibelforscher (NS-Jargon: "Bifo") Wehr- und Kriegsdienst und jedwede dem Militär auch nur mittelbar dienliche Leistung ab -- zu NS-Zeiten Grund genug, daß von den 20 000 Mitgliedern im Deutschen Reich nach Autor Katers Nachforschungen 10 000 inhaftiert wurden, 4000 bis 5000 in Gefängnissen und Konzentrationslagern umkamen.
Es waren, so Historiker Kater in den "Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte", "meist sehr einfache ... Menschen", die sich lediglich "auf einen einfältigen Glauben als Fundament ihrer Opposition" verließen. Sie kündeten das tausendjährige Gottesreich auf Erden und ließen nur Bibelworte als Befehle gelten -- in einem Staat, der selber ein tausendjähriges Reich werden wollte und Führer-Worte zum Gesetz erhob.
Kater: "Der tiefere Grund für die Todfeindschaft zwischen Nationalsozialismus und Bibelforschertum lag in der strukturellen Ähnlichkeit der beiden Ideologien": hier totalitärer Führerstaat, dort autoritäre Theokratie.
Weil sie den deutschen Gruß verweigerten, kamen Zeugen Jehovas monatelang ins Gefängnis; weil sie NS-Kundgebungen und NS-Betriebsfeiern fernblieben, wurden viele arbeitslos und mußten Lumpen sammeln. Das war der vergleichsweise harmlose Anfang ihrer Verfolgung.
Unbeirrbarer Glaube ermutigte die von dem Leipziger Kapellmeister Erich Hugo Frost geführten Bibelforscher immer wieder, ihre Schriften unter das Volk zu bringen. "Wachttürme" gelangten im Holzbein eines Häftlings ins KZ Sachsenhausen und in Kuchen-Gaben holländischer Glaubensschwestern nach Ravensbrück.
Eine Resolution des Luzerner Zeugen-Kongresses vom September 1936, die der NS-Regierung mit einem Apostelwort des Matthäus ("Gehet von mir, Verfluchte") drohte, kam als Hauspost zu 300 000 deutschen Familien. Und noch 1937, als nach der Briefkasten-Aktion nahezu alle aktiven Bibelforscher verhaftet wurden, kursierte im Reich Druckwerk, das den Verfolgern trotzte: "Die standhafte, treuchristliche Gesinnung der Zeugen Jehovas hat das Tier mit dem Malzeiehen, auf dem die alte Hure sitzt, in wahrhaft satanische Wut versetzt."
Die beispiellose Beharrlichkeit war für das SS-Letorgan "Das Schwarze Korps" von einer "Staatsgefährlichkeit, die der Laie nicht übersehen kann". Der Sicherheitsdienst (SD) riet, die Sektierer "längere Zeit von der menschlichen Gsellschaft" fernzuhalten.
So geschah es. Ein violettes Häftlingsdreieck kennzeichnete in den Konzentrationslagern fortan die Bibelforscher wie der gelbe Davidstern die Juden. Die Zeugen Jehovas wurden als "Bibelwürmer" oder "Jordan-Scheiche" beschimpft und verspottet. In Neuengamme sollte der "Jehova-Fimmel" mit Stahlruten ausgetrieben werden, in Buchenwald wurden Bibelforscher mit der "Deutschen Taufe" in Abwässer-Fässern gequält.
Doch insgeheim wurden sie von manchem Peiniger bewundert. SS-Chef Himmler stellte im kleinen Kreis Zeugen als "vorbildlich" hin und pries deren "für uns unerhört positive Eigenschaften". Sie seien, schrieb er im Juli 1944 an Reichssicherheits-Hauptamts-Chef Ernst Kaltenbrunner, "unerhört nüchtern, trinken und rauchen nicht, sind von emsigem Fleiß". Des deutschen Endsieges noch gewiß, gedachte er sie in dereinst rückeroberten russischen Territorien als "Wehrbauern" und "Emissäre" einzusetzen, um die Sowjetmenschen in "eine friedliche und uns gegenüber waffenlose Form zu bringen".
Im KZ stellten Bibelforscher "immer wieder treue und willige Arbeitskräfte", erinnerte sich Buchenwald-Häftling Eugen Kogon; Rudolf Höß, erst Lagerführer in Sachsenhausen, dann in Auschwitz Kommandant, hätte sie "auch ohne Posten rausschicken können". Zeugen Jehovas pflegten Gärten und Privatwohnungen ihrer Bewacher, kochten für sie und rasierten sie -- sie taten alles, solange ein Bibelwort nicht die Tat verbot.
Beim Appell standen sie "nicht still und legten die Hände nicht an die Hosennaht", monierte Höß -- solche Disziplin gebührte nur Jehova. Aber in ihren Baracken herrschte, wie die inhaftierte Sozialistin Margarete Buber-Neumann bei den Bibelforscherinnen in Ravensbrück feststellte, ein "Reich der Ordnung", in dem die Schlafdecken nach Karo-Muster ausgerichtet wurden -- "damit alle die gleiche Breite hatten, wurden die Karos ausgezählt".
Sie pflegten "Lebensborn"-Zöglinge und versorgten die Hunde der SS -- aber sie weigerten sich, wie in Buchenwald, Wolle für die frierenden Rußland-Landser zu spenden oder, wie in Ravensbrück" Verbandsstoff zu wickeln -- Jehova verbot auch diesen Dienst am Krieg.
Ihren Glauben zu erschüttern, fand KZ-Höß "gänzlich unmöglich"; sie bekehrten vielmehr selbst Asoziale, die von der SS ausersehen worden waren, die Gemeinde zu verunsichern, und versuchten auch unter SS-Männern, Proselyten zu machen.
Und mit jeder erlittenen Qual glaubten sie sich näher ihrem Gott, der nunmehr die Endzeit-Schlacht ("Harmagedon") anberaumt habe -- so deuteten sie Hitler-Herrschaft und Hitler-Krieg, der jeden kriegsdienstverweigernden Bibelforscher mit Todesstrafe bedrohte.
Doch Tod war für Jehova-Zeugen" die sich als "Gottes treuer Überrest" verstanden, keine Strafe. Sie riefen: "Bald sind wir bei Jehova" welch ein Glück, daß wir dazu auserwählt sind." Oder sie belehrten noch zuletzt ihre Henker mit dem Wort des Propheten Micha: "Sie sollen ihre Schwerter zu Pflugscharen schlagen und ihre Speere zu Gartenmessern."
Die am Leben blieben, schöpften Mut aus dem Leid der anderen und nährten "die Hoffnung", so Historiker Kater, "daß Satans Reich bald zusammenfallen werde". Als die Stunde der Befreiung schlug, waren sie "felsenfest davon überzeugt, daß ihre Ideologie ... die überlegene gewesen" sei.

DER SPIEGEL 23/1970
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