01.06.1970

FORSCHUNG / TEKTITE IILetzte Front

Die fünf amerikanischen Forscher zurrten die Sauerstoffflaschen fest, prüften Sitz von Schwimmflossen und Gesichtsmasken. Dann -- am 4. April, 12.39 Uhr -- ließen sich die Taucher in die Karibische See fallen.
Sechs Minuten später meldete Aquanaut William L. High aus der Unterwasserstation in der Great Lameshur Bay des US-Eilands St. John: "Hey, wir sind zu Hause."
Damit begann das bisher ehrgeizigste und umfangreichste Unterwasser-Forschungsunternehmen Amerikas; Projektname: Tektite II. Insgesamt 17 Taucherteams sollen vor der St-John-Insel in einer Tiefe bis zu 30 Metern den Boden vermessen und Meereskarten anlegen, Aggressivität und soziales Verhalten von Fischpopulationen testen und die Auswirkung von künstlicher Verschmutzung auf Korallen untersuchen.
Um die "letzte Front" (so der ehemalige amerikanische Innenminister Stewart Udall), die menschlichem Entdeckerstreben auf der Erde noch verblieben ist, zu erforschen und den letzten Raum für die überbordende Menschheit nutzbar zu machen, haben Ingenieure in der ganzen Welt immer bessere Unterwasser-Labors ersonnen.
In den relativ flachen Gewässern vor den Küsten der Kontinente verankert, dienten sie Physikern und Biologen, Chemikern und Unterwasser-Geologen als Forschungsbasis und Aufenthaltsraum. Die Aquanauten verließen ihre stählernen Wohnlabors in den Küstengewässern, um nach neuen Nahrungsmitteln, möglichen Anbauflächen und Rohstoffquellen zu spähen -- meist mit Erfolg. In der Bucht von Tokio schürfen die Japaner seit mehreren Jahren hochwertiges Eisenerz. Zinnerze werden vom Meeresboden vor Malaysia, Thailand und Indonesien gefördert, und vor der südwestafrikanischen Küste haben Geologen auf dem Meeresgrund reichhaltige Diamantenvorkommen entdeckt.
Doch auch die Militärs trachten danach, die riesigen von den Ozeanen überfluteten Küstenregionen, die Kontinentalsockel, zu nutzen bisher mit ebensoviel Erfolg wie ihre zivilen Forscherkollegen. Schon planen die Experten der US-Marine Raketenbasen, Unterstände für Atomwaffen, Tankstellen, Reparaturwerkstätten und Nachschublager für U-Boote unter der Wasseroberfläche.
Daß eine Eskalation von Waffensystemen auch unter Wasser stattfinden werde, verdeutlichte schon 1968 ein US-Report über "eine große neue Marine-Initiative". So tüfteln die Techniker des Pentagons bereits an zukunftsträchtigen Waffentypen, mit denen die "Marine in jeder Tiefe der Weltmeere operieren kann".
Wie bei der bemannten Raumfahrt, so kam es auch bei den insgesamt 35 Unterwasser-Labors, die bis Ende letzten Jahres ins Wasser gelassen worden sind, zu einigen schwerwiegenden Pannen. Bei dem bislang kühnsten Tauchlabor-Versuch "Sealab III", den die US-Marine im Februar letzten Jahres vor der kalifornischen Küste in der Rekordtiefe von 183 Metern geplant hatte, verunglückte ein Taucher tödlich. Der Tauchunfall schockte die Mariner so sehr, daß sie das Sealab-Unternehmen vorerst stoppten. Um jedoch an der Unterwasserfront nicht ins Hintertreffen zu geraten, beteiligten sich die Marine-Forscher an einem zivilen Projekt: am Unternehmen Tektite II.
Im Frühjahr letzten Jahres erforschten vier Aquanauten (Projekt Tektite I) insgesamt 59 Tage -- die längste Zeit, je Menschen in ein
Unterwasser-Labor wohnten die Ter- und Pflanzenwelt in der Karibischen See. Das Tektite-I-Unternehmen verlief so erfolgreich, daß die US-Wissenschaftler jetzt die beiden fünfeinhalb Meter hohen (Durchmesser jeweils nahezu vier Meter) und durch einen Tunnel verbundenen Tauchzylinder ein zweites Mal in der Great Lameshur Bay, östlich von Kuba, versenkten (siehe Graphik). Fünf Aquanauten sollen durchschnittlich jeweils zwei Wochen das Unterwasserhaus bewohnen und von dort aus zu Tauch-Exkursionen ausschwärmen.
Vor allem die Biologen erwarten von dem Tektite-II-Programm -- Kosten: rund elf Millionen Mark -- wichtige Aufschlüsse. Denn erstmals können die Aquanauten ein neuartiges Tauchgerät benutzen, mit dem sie die Meerestiere beobachten können, ohne sich durch die geräuschvoll blubbernden Blasen der ausgeatmeten Luft bemerkbar zu machen. Das neuartige Tauchgerät fängt in einem geschlossenen Kreislauf die ausgeatmete Luft ein, entzieht ihr die giftigen Bestandteile und führt die gereinigte Luft wieder dem Sauerstoffvorrat zu. Bis zu acht Stunden können sich die Taucher jetzt im Wasser aufhalten, während mit den herkömmlichen Tauchgeräten allenfalls einstündige Tauchfahrten möglich waren.
Die Tektite-Bewohner arbeiten freilich nicht nur als aktive Unterwasser-Forscher, sie sind auch selbst Objekte wissenschaftlicher Arbeit: Mit Fernsehkameras und Mikrophonen überwachen Verhaltensforscher Gruppenverhalten und Freizeitgestaltung, Schlafen und Kochen im Aquanautenhaus. Wissenschaftler der Raumfahrtbehörde Nasa erhoffen sich von diesen Beobachtungen Aufschluß für die Zusammensetzung künftiger Astronantenmannschaften, die noch in diesem Jahrzehnt in Mondbasen und erdnahen Raumstationen längere Zeit leben und arbeiten sollen.
Ein Gebiet, auf dem Amerikas Raumfahrtbehörde bisher überhaupt keine Erfahrung gesammelt hat, steht für Juli im Tektite-II-Programm. Erstmals sollen Frauen den extremen Stress-Bedingungen eines solchen Forschungsunternehmen ausgesetzt werden. Damit die Aquanautinnen aber nicht unkalkulierbare Konfliktsituationen heraufbeschwören, entschlossen sich die Tektite-Planer zu einer konservativen Versuchsanordnung: Fünf Frauen sollen als geschlossene, männerlose Crew die Unterwasserwohnstatt beziehen.

DER SPIEGEL 23/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 23/1970
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FORSCHUNG / TEKTITE II:
Letzte Front

Video 00:35

Mini-Oktopus auf Wohnungssuche Meine Muschel - mein Haus!

  • Video "Älteste Fallschirmspringerin der Welt: 102-Jährige wagt den Absprung" Video 01:15
    Älteste Fallschirmspringerin der Welt: 102-Jährige wagt den Absprung
  • Video "Nach dem Attentat in Straßburg: Das Land wird durchgerüttelt" Video 01:37
    Nach dem Attentat in Straßburg: "Das Land wird durchgerüttelt"
  • Video "Mordversuch an jungem Syrer: Ich dachte, das ist mein letzter Tag" Video 09:20
    Mordversuch an jungem Syrer: "Ich dachte, das ist mein letzter Tag"
  • Video "Schnellste Bewegung der Tierwelt: Dracula-Ameisen - niemand schnappt schneller" Video 01:18
    Schnellste Bewegung der Tierwelt: Dracula-Ameisen - niemand schnappt schneller
  • Video "Selfmade-Vulkan: Geoforscher produzieren Lava-Bomben" Video 02:35
    Selfmade-Vulkan: Geoforscher produzieren "Lava-Bomben"
  • Video "Naturphänomene: Umgedrehter Regenbogen und Nebensonne gefilmt" Video 00:45
    Naturphänomene: "Umgedrehter Regenbogen" und "Nebensonne" gefilmt
  • Video "Hambacher Forst: Aktivistin Norah über das Leben im Wald" Video 00:59
    Hambacher Forst: Aktivistin Norah über das Leben im Wald
  • Video "Während Terror-Einsatz in Straßburg: Eingeschlossene Sportfans singen Nationalhymne" Video 01:09
    Während Terror-Einsatz in Straßburg: Eingeschlossene Sportfans singen Nationalhymne
  • Video "Eklat im britischen Parlament: Politiker entfernt royalen Zeremonienstab" Video 01:21
    Eklat im britischen Parlament: Politiker entfernt royalen Zeremonienstab
  • Video "Steigender Meeresspiegel: Indiens versinkende Inseln" Video 03:30
    Steigender Meeresspiegel: Indiens versinkende Inseln
  • Video "Rauch in der Kabine: Indisches Flugzeug muss notlanden" Video 00:34
    Rauch in der Kabine: Indisches Flugzeug muss notlanden
  • Video "Trump-Drohung: Ich wäre stolz, die Regierung lahmzulegen" Video 00:41
    Trump-Drohung: "Ich wäre stolz, die Regierung lahmzulegen"
  • Video "Probleme mit der Autotür: May kommt einfach nicht raus" Video 00:53
    Probleme mit der Autotür: May kommt einfach nicht raus
  • Video "China: Kakerlakenzucht als Wirtschaftsfaktor" Video 01:27
    China: Kakerlakenzucht als Wirtschaftsfaktor
  • Video "Neu Delhi: Affenplage im Regierungsviertel" Video 01:10
    Neu Delhi: Affenplage im Regierungsviertel
  • Video "Mini-Oktopus auf Wohnungssuche: Meine Muschel - mein Haus!" Video 00:35
    Mini-Oktopus auf Wohnungssuche: Meine Muschel - mein Haus!