01.12.1969

IM KLEINEN KARO HOCH HINAUS

In der Präsidenten-Suite des Hotels gibt es ein WC mit Panoramablick auf das Siebengebirge, verhangen mit Gitterstores nach guter Biedermannsart, Das Marmorbad eignet sich nur für kleine Präsidenten. So kultiviert das neue "Center" in der Bundeshauptstadt Bonner Eigenart bis hinauf in die 18. Etage: im kleinen Karo hoch hinaus.
Selbstverständlich mußte das glanzvoll eingeweiht werden. Für 60 Mark Eintritt pro Person sollte in Abendgarderobe erstmalig in Anspruch genommen werden, was der Offenbacher Textilkaufmann Philipp Bauschke, der Kölner Bauunternehmer Bernd Domscheit und der Berliner Architekt Friedrich Wilhelm Gerasch im absolut toten Winkel zwischen Bonns Regierungsviertel und der Diplomatenkolonie Bad Godesberg binnen 600 Tagen für 35 Millionen Mark aufgebaut haben. Stadtkultur als Fertiggericht: Bowlingbahn und Supermarkt, Boutiquenstraße, Etage der Ärzte, zwei Theater, das 18stöckige Hotel, gehobene Kneipen, eine unter dem Namen "Zum alten Kanzler".
Der neue Kanzler residiert gleich über die Straße und kam mit seinem jüngsten Sohn Mathias vor der Eröffnung einen Sprung herüber, weil in einem der Theater die "Schwarze Bühne" aus Prag etwas für Kinder Geeignetes spielt. Im anderen übten gerade neun Jünglinge, Sottisen brüllend, das erfolgreiche New Yorker Homosexuellen-Stück "Die Boys vom Club". Willy Brandt lauschte eine Weile bei dieser Probe neuer Bonner Toleranz, in der nahtlos von Tunten und Popos die Rede ist, und, vom Produzenten andächtig betrachtet, lachte er in sich hinein.
Mitglieder der Regierung haben es nicht mangeln lassen an Vorschußsegen für die löbliche Idee, ihrem durablen Provisorium Bonn etwas von Weltstadt aufzuschminken. Verkehrsminister Leber verband mit den 18 Etagen sogar die Hoffnung, es werde demnächst in Bonn "etwas mehr Staat" gemacht. Karl Schiller erhoffte sich in diesem Zusammenhang immerhin "einen Hauch von Manhattan, urbane Luft und großstädtischen, hauptstädtischen Lebensstil".
Doch am Eröffnungsmorgen ließ der Wirtschaftsminister die Festgemeinde von risikofreudigen Kulturhändlern einfach sitzen und schickte einen Ministerialrat, mit dem ihrem Publicity-Bedürfnis nicht gedient war. Da fragten sie sich, ob es nicht besser gewesen wäre, einen der an öffentlichen Auftritten nun auffallend interessierten Herren von der Opposition zu nehmen, etwa Gerhard Schröder. Freilich, die haben, wie der Werber Karl Garbe einwendet, nun leider statt "Blaulicht nur noch blaue Anzüge".
Dem politischen Arbeitssitz Bonn, das ist ein alter Vorwurf, fehle zur Hauptstadt das gesellschaftliche und kulturelle Flair. Diesem Mangel abzuhelfen, haben die Hausherren der aus Schrebergärten erwachsenen Beton-Oase durch allerlei schöpferische Verkaufsgedanken Rechnung zu tragen versucht.
Nicht nur, daß Gräfin Werthern, Bonns heimliche Protokollherrin, eine Boutique voll allerfeinster Nippes da aufmachte; die Apotheke des Centers dreht ihre Pillen öffentlich im Schaufenster, und der Supermarkt des Kanadiers West, dessen Vater einst Bonn als Besatzungssoldat entdeckte, führt planmäßig jene exotischen Lebensmittel, die Bonns diplomatische Vertretungen, laut einer Umfrage, am Regierungssitz vermissen. Der bärtige Münchner Schriftsteller Hans-Georg Behr (siehe Seite 232), der seinen Schlapphut niemals vom Haupte zieht, dient schließlich der augenfälligen Repräsentanz weltstädtischer Duldsamkeit, indem er überall unangefochten dabeisein und sich beispielsweise vom kalten Büfett mit spitzen Fingern Gänseleber auf sein Brot fischen darf.
Naturgemäß erwartete da das Center, daß auch die Politiker sich erkenntlich zeigen und ein solches gesellschaftliches Aufleben durch ihre Anwesenheit sanktionieren würden. Mitglieder des Bundeskabinetts wurden deshalb auf der edel gedruckten Einladung bereits als sichere Teilnehmer der ersten Soiree angezeigt. Eine Gala sollte es auch in dieser Hinsicht sein, obwohl Karl Garbe, der nun für das Center tätige ehemalige Wahlhelfer der SPD, diesen Ausdruck für sich schlichter übersetzt: "Gala ist immer, wenn's dabei was zu fressen gibt."
Nicht zum Fressen kamen 600 vorzüglich elegante Vertreter des Geschäftslebens aus der rheinischen Umwelt, darunter der Versicherungsmilliardär Hans Gerling und die Investment-Diva Erich Mende, derentwegen das gesellschaftliche Leben Bonns freilich nicht weiter hätte gesteigert werden müssen. Von der Regierung erschien lediglich Karl Schillers schweigsamer Staatssekretär Klaus Dieter Arndt, der wegen der von ihm bezahlten 60 Mark eine unfrohe Bemerkung murmelte und sich schnell wieder empfahl.
Vergeblich wanderte ein fabelhaft modisches Publikum in allmählich eingestaubten Lackschuhen durch die Säle, Ausschau haltend nach der auf Bütten versprochenen Prominenz. Ohne die fühlte es sich verloren und war zum Großteil gegen Mitternacht soweit, immer wieder wild dahin zu drängen, wo angeblich gleich eine der ohne Zeitangabe versprochenen Kunstdarbietungen zu erwarten war (Shmuel Rodensky sang zum tausendsten Male "Wenn ich einmal reich wär").
Die Gesellschaft, um eine zu sein, kann in Bonn ohne ihre Politiker nicht auskommen. "Nicht einmal einen von der Kanalarbeitergewerkschaft habe ich gesehen", beklagte am Ende ein Vertreter des Hauses die Abwesenheit der Hinterbänkler, mit deren Genuß- und Zahlungswilligkeit man ebenfalls rechnete. Doch die, so fürchtet er mit Recht, ziehen vorerst die Gaststätte "Rheinlust" vor. Vielleicht hatte Bonn bisher doch schon sämtliche Kultur, deren es bedarf.

DER SPIEGEL 49/1969
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