01.12.1969

GOLD / PREISSTURZBarbarisches Metall

Im Goldzimmer der Londoner Rothschild-Bank ·an der St. Swithin's Lane -- dem traditionellen Londoner Goldmarkt -- verloren in der vergangenen Woche Goldhorter und Spekulanten ein Vermögen. Durch Meldungen über einen plötzlichen Preiseinbruch bei Gold verstört. boten sie das gelbe Metall gleich kilo- und tonnenweise zum Verkauf an.
Wie in London warfen Goldbesitzer in der Bundesrepublik, Frankreich und der Schweiz große Teile ihrer Bestände auf den Markt. Der Goldpreis, den Profitjäger noch im Mai dieses Jahres auf über 43 Dollar je Unze getrieben hatten, rutschte dadurch bis Dienstag vormittag am Londoner Markt auf 35,35 Dollar. In Zürich sackte der freie Marktpreis kurzfristig sogar auf 35,25 Dollar je Unze.
Zum ersten Mal seit der Spaltung des Goldpreises am 18. März 1968 näherte sich damit die freie Notierung dem offiziellen Preis des US-Schatzamts von 35 Dollar je Unze,
Damals, auf dem Höhepunkt der bis dahin größten Dollarkrise aller Zeiten, waren die führenden Notenbanken Westeuropas und der USA übereingekommen, kein Gold mehr aus den offiziellen Währungsreserven an den freien Markt abzugeben. Seither gibt es in der Welt zweierlei Gold:
* sogenanntes Zentralbank-Gold, das die Währungsbehörden untereinander zum Ausgleich von Zahlungsbilanz-Überschüssen oder -Defiziten verwenden und das zum offiziellen Preis des US-Schatzamts verrechnet wird;
* Warengold, das wie Nickel oder Kupfer an Spezialbörsen gehandelt wird und dessen Preis sich nach Angebot und Nachfrage reguliert.
Mit der Spaltung des Goldmarktes hatten die Notenbankiers das Abflußrohr gestopft, in das die goldenen Währungsreserven der USA zu verströmen drohten. Vor allem Frankreichs damaliger Staatschef de Gaulle hatte große Teile des US-Goldes an sich gezogen. Zusammen mit der Internationale der privaten ·Goldspekulanten entnahm er dem Goldhort Fort Knox Barren im Wert von rund 40 Milliarden "Mark.
Obwohl Washington mit dem Verkaufsstopp für Währungsmetall den Dollar der Spekulation entzog, hofften private und staatliche Spekulanten noch monatelang, die Amerikaner unter dem Druck der letzten Währungskrisen zur Abwertung des Dollar -- und damit zur Goldpreiserhöhung -- zwingen zu können. Im Verein mit Südafrika, dem größten Goldproduzenten der Welt, trieben sie den Preis des Edelmetalls am freien Markt bis März auf die Rekordmarke von 44 Dollar je Unze.
Für die meisten von ihnen wurde der Goldkauf eine fatale Fehlspekulation. Noch Anfang Oktober, als nach der Abwertung des Franc und der Wechselkursfreigabe der Mark die größten Ungleichgewichte des Währungssystems beseitigt waren, rissen sich Goldverarbeiter und Spekulanten das Metall zum Preis von 41 Dollar je Unze aus den Händen.
Zu spät erkannten sie, daß die Zeit des Goldes als Währungsmetall vorüber ist. Denn zur gleichen Zeit, als in Europa das Goldgeschäft noch florierte, einigten sich Anfang Oktober in Washington die Zentralbankiers des Internationalen Währungsfonds auf die Schaffung des neuen internationalen Zahlungsmittels SDR ("special drawing rights" -- Sonderziehungsrechte), dessen einziger Sinn es ist, das "barbarische Metall" -- so der britische Gold-Kritiker John Maynard Keynes -- auf lange Sicht zu ersetzen.
Als überdies Südafrikas Regierung, die lange Zeit das Goldangebot künstlich verknappt hatte, damit begann, Barren auf dem Zürcher Markt zu verkaufen, gab es für die Notierungen kein Halten mehr. Zum Preiseinbruch der letzten Wochen (siehe Graphik) aber kam es, als auf den internationalen Devisenmärkten Gerüchte über eine angebliche Aufwertung des Schweizer Franken aufflackerten.
Außer dem US-Dollar ist der Schweizer Franken die einzige Währung der Welt, die noch direkt an das Gold gebunden ist. Laut Artikel 2 des eidgenössischen Bundesgesetzes über das Münzwesen vom 17. Dezember 1952 entspricht "ein Kilogramm Feingold = 4920 40/63 Franken". Bei einer Aufwertung des Franken aber wäre das Gold automatisch abgewertet worden. Und obwohl die Regierung in Bern vorletzte Woche jede Aufwertungsabsicht dementierte, machten die Spekulanten Kasse.
"Offensichtlich haben viele Leute eingesehen", so kommentierte Deutschlands Bundesbankdirektor Otmar Emminger die Goldbaisse, "daß sie für das Vergnügen, dieses Metall im Tresor zu halten, mittlerweile elf Prozent Zinsverlust hinnehmen müssen."

DER SPIEGEL 49/1969
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