01.12.1969

FRANKREICH / ALKOHOL

Freitags ohne

Der Wein ist das gesündeste Getränk", lobte einst Frankreichs großer Bakteriologe, Louis Pasteur. Heute ist das gesündeste Getränk die größte Geißel der Großen Nation.

Durchschnittlich alle zehn Minuten stirbt ein Franzose an den Folgen des Alkohols, "mehr als im Straßenverkehr und an Krebs zusammen (so Gesundheitsminister Robert Boulin).

Kein Volk der Erde trinkt mehr Wein und Schnaps als die Franzosen: pro Kopf der erwachsenen Bevölkerung 28 Liter reinen Alkohols jährlich. In der Bundesrepublik sind es 14 Liter.

Kein Volk der Erde leidet mehr unter dem Alkohol als die Franzosen: 4,5 Millionen Franzosen sind -- nach einer Statistik des Gesundheitsministeriums -- "übermäßige Trinker. 230 000 sind akut leberkrank, jeder zehnte von ihnen stirbt an Leberzirrhose.

"Der Alkoholismus ist eine schlimmere Geißel als die Lepra im Mittelalter", schreibt der Pariser "Figaro". Und "Le Monde" stöhnt: "Eine nationale Katastrophe."

40 Prozent der Verkehrsunfälle sowie 15 bis 20 Prozent der Arbeitsunfälle gehen auf übermäßigen Alkoholkonsum zurück. Vier von zehn Geisteskranken sind Alkoholiker. "Wenn wir dem Alkoholismus nicht den Garaus machen, wird er es mit uns tun", prophezeite Soziologie-Professor Alfred Sauvy.

Noch immer hat Frankreich das dichteste Gaststättennetz Europas. Auf 200 Franzosen kommt ein Bistro -- in der Bundesrepublik gibt es für 353 Einwohner eine Kneipe. An der Theke geben die Franzosen soviel Geld aus wie für Wohnungsmieten: insgesamt zwölf Milliarden Mark pro Jahr.

Besonders in den unterentwickelten Gebieten Westfrankreichs grassiert die Alkoholseuche. In einigen Dörfern der Bretagne (eine Kneipe auf 24 Bewohner) ist beispielsweise das Wasser schlecht. Folge: Kinder werden mit Wein oder Most aufgezogen; als Schlaftrunk bekommen sie Calvados.

Schon Mitte der fünfziger Jahre hatte der damalige Ministerpräsident und Antialkoholiker Pierre Mendès France versucht, die weinseligen Franzosen zu Milchtrinkern umzuschulen -- ohne Erfolg.

Frankreichs mächtige Schnaps-Lobby startete sofort eine Gegenoffensive. Auf Löschblättern für Schulhefte ließ sie den Text drucken: "Ein Liter zwölfprozentigen Rotweins hat soviel Nährwert wie 850 Gramm Milch, 585 Gramm Fleisch oder fünf Eier."

Erst Charles de Gaulle machte Ernst und erließ 1960 eine Verordnung, nach der Konzessionen für die Alkohol-Herstellung nicht vererbt werden dürfen. Das war bis dahin der Fall. Nach einem Privileg aus dem Jahre 1806 darf jeder Grundeigentümer jährlich bis zu zehn Liter reinen Alkohols brennen.

3,6 Millionen "bouilleurs de cru" brannten damals nach diesem Privileg offiziell und steuerfrei Schnaps. Sie sind in landwirtschaftlichen Verbänden organisiert und bilden eine verschworene Gemeinschaft: In manchen Gegenden Frankreichs wagt sich kein Kontrolleur auf ihre Höfe.

Verstärkt wird. die Schnapsbrenner-Front durch 1,2 Millionen Amateur-Winzer. Und Wein ist mit 70 Prozent des gesamten Alkoholverbrauchs Lieblingsgetränk der Franzosen.

50 Millionen Franzosen stellen zwar nur 1,4 Prozent der Welt-Bevölkerung, konsumieren aber ein Drittel der Welt-Weinproduktion. Jeder elfte Franzose trinkt täglich zwei Liter Wein -- eine Dosis, die zu schweren Gesundheitsschäden führt.

Für Frankreichs Volkswirtschaft ist der Alkoholkonsum längst ein Verlustgeschäft. Sieben Milliarden Franc jährlich kostet die Behandlung trunksüchtiger Bürger -- das sind 42 Prozent des gesamten Krankenhausbudgets. An Getränkesteuern hingegen kassiert der Fiskus nur 1,5 Milliarden Franc.

Doch nicht nur das: Wein und Whisky zerrütten Arbeitskraft und Ehen, Gesundheit und Moral. 25 Prozent der Ehen in der Stadt Le Puy wurden wegen Trunkenheit eines Partners geschieden. Mehr als die Hälfte aller Verurteilten des Geschworenengerichts in Caen (Departement Calvados) waren dem Alkohol verfallen. "Der Alkohol ist ein sozialer Moloch", schrieb das Wochenmagazin "L'Express".

Keine Partei kann es wagen, der Volksseuche den Kampf anzusagen: Jeder zweite Wähler profitiert mehr oder weniger vom Alkoholgeschäft.

Frankreichs katholische Kirche wagte es: In einem Rundbrief schlug der französische Episkopat seinen Gläubigen vor, am Freitag künftig nicht auf Fleisch, sondern auf Alkohol zu verzichten.


DER SPIEGEL 49/1969
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