01.12.1969

GESELLSCHAFT / SOWJET-UNIONPhysik und Phantasie

Chruschtschow, damals noch Parteichef, prahlte, "nicht einmal in Amerika" solche Städte gesehen zu haben. Solche Städte, meist namenlos, auf keiner Landkarte registriert und postalisch nur mittels einer Nummer erreichbar, sind seit 1945 in vielen Gegenden der Sowjet-Union entstanden: Gelehrtensiedlungen. Bewohner einer sibirischen Nummernstadt, von denen der Chruschtschow-Ausspruch überliefert wurde, symbolisieren ihre Abgeschiedenheit mit dem Ortsnamen "Kitesch" -- nach russischer Sage ein Gemeinwesen, das ein Sumpf von der übrigen Welt trennt.
Westlichen Beobachtern, auch Wissenschaftlern, versperrten lange Zeit nicht Sümpfe, sondern engmaschige Geheimhaltungsvorschriften den Zugang zu diesen Städten, Viele von ihnen sind wie "Kitesch" auch heute noch tabu, sogar für Sowjet-Bürger. Andere wieder werden nicht ungern präsentiert, neuerdings sogar Journalisten. So berichtete kürzlich Dominique Verguèse in einer dreiteiligen Serie für "Le Monde" über den Besuch einer Gruppe französischer Korrespondenten in den Atomforschungszentren Kurtschatow und Serpuchow bei Moskau und Melekess an der mittleren Wolga.
Am bekanntesten Ist inzwischen das Schaustück unter den Wissenschaftler-Enklaven geworden: Akademgorodok (Akademiestädtchen) bei Nowosibisk, der sibirischen Millionenstadt, die in 5 1/2 stündigem Direktflug oder in 48stündiger Eisenbahnfahrt von Moskau aus erreichbar ist. Hugo Portisch, ehemaliger Chefredakteur des Wiener "Kurier", hat darüber vor zwei Jahren in einem Buch erzählt ("So sah ich Sibirien"); Anfang November berichtete Ulrich Schiller, Moskauer Korrespondent des Westdeutschen Rundfunks, von seinen Eindrücken in dieser Siedlung.
Akademgorodok ("Rußlands liebstes Kind") ist eine Neugründung der Chruschtschow-Ära. Baubeginn war 1957 in einem Mischwaldgebiet, für das sich der Planungschef, der heute 69jährige Präsident der sibirischen Abteilung der sowjetischen Akademie der Wissenschaften, Professor Michail Lawrentjew, entschieden hatte. Lawrentjew, noch immer der Spiritus rector des ganzen Projekts, sieht sich heute an der Spitze von 22 naturwissenschaftlichen Instituten und etwa 60 Mitgliedern oder korrespondierenden Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften. Zusammen mit Studenten, Familienangehörigen, Technikern und Arbeitern bewohnen inzwischen mehr als 40 000 Menschen die modernen Wohnblocks an den Alleen der Taiga-Stadt.
Die Wissenschaftler sind in vieler Hinsicht privilegiert. Während im 25 Kilometer entfernten Nowosibirsk noch ein Großteil der Bevölkerung in engen Holzhäusern wohnt, werden die Bürger von Akademgorodok vor den extremen Temperaturen Sibiriens (im Winter bis zu -60 Grad C, im Sommer bis +35 Grad C) durch Fernheizwerke und Klima-Anlagen geschützt. Die Mieten sind -- wie überall in der UdSSR -- niedrig, und der Supermarkt ist weitaus besser bestückt als die Moskauer Kaufhäuser. Überdies verdienen Wissenschaftler dort drei-, bis viermal soviel wie ein Universitätsprofessor irgendwo im Land.
Größter Sowjet-Luxus: Am Rand des "Akademiestädtchens" gibt es ein- und zweistöckige Villen, sie stehen -- mit entsprechendem Personal (Chauffeur, Gärtner, Köchin) -- Spitzen-Gelehrten wie etwa dem Direktor des Instituts für Kernphysik, Gersch-Izkowitsch Budker, 51, oder dem Direktor des Rechenzentrums, Gurij Iwanowitsch Martschuk, 44, zur Verfügung. Und damit niemand im Sommer das Meer entbehrt, wurde das Ufer eines nahen 260 km langen Stausees mit zwei Millionen Kubikmetern weißen Sandes verschönt; viele Wissenschaftler haben dort eigene Motor- und Segelboote stationiert. Kein Wunder, daß am Ortseingang neben dem Stadtnamen die Parole prangt: "Slawa nauke!" (Es lebe die Wissenschaft!)
Die Forschungsvorhaben in den Computer-bestückten Instituten (der größte, im Rechenzentrum, kann eine Million Rechenoperationen pro Sekunde ausführen) sind praxisbezogen; Akademgorodok ist sozusagen der Bram-Trust für die technologische Erschließung Sibiriens. Aber es gibt auch noch eine andere Nähe zur Praxis. So hat der Kernphysiker Budker seinem Institut eine Fabrik angegliedert, in der alle Apparate hergestellt werden, die man in den Laboratorien benötigt -- eine Art Vorstufe zur zweiten Ausbauphase der Gelehrten-Stadt. Später wird sie von einem Kranz solcher Werkstätten umgeben sein.
Auch in kleineren, aber ähnlichen Gemeinwesen wie den Nuklear-Zentren Kurtschatow (gegründet nach dem Krieg, derzeit 1500 Wissenschaftler) und Melekess (1959, 3000) ist die wissenschaftliche Ausstattung- gegenüber westeuropäischen Forschungsstätten "gleichwertig" ("Le Monde"). Und während in fast allen diesen Gelehrten-Siedlungen von "internationaler Kooperation gesprochen wird", hat vereinzelt schon ein Wissenschaftler-Austausch begonnen -- bisher freilich nur mit Frankreich. In Serpuchow sollen künftig auch Gelehrte anderer westlicher Länder an den Experimenten mit dem großen sowjetischen Teilchenbeschleuniger teilnehmen dürfen -- sofern diese Länder zur Europäischen Organisation für Kernforschung (Cern) mit Sitz in Genf gehören.
Beides, Wohlstands-Privilegien und Forschungs-Intensität dieser neuartigen Kommunen, hängt nicht bloß von der (enormen) Höhe der eingesetzten Finanzmittel ab. Die Gelehrten-Städte entscheiden auch in letzter Instanz über diese Mittel -- eine einzigartige Ausnahme in der ansonsten zentralisierten Bürokratie der UdSSR. Kontrollbefugnis hat hier nur die Akademie der Wissenschaften.
Aus der nicht mehr reglementierten naturwissenschaftlichen Arbeit ("Ohne Phantasie gibt es keine Physik") ergab sich das Bedürfnis nach mehr Freiheit auch auf anderen Gebieten -- bis hin zur Politik. Seit Juni 1968 kursiert in handgeschriebenen Kopien ein Manuskript des berühmten russischen Atomforschers Andrej Dmitrijewitsch Sacharow, 48, in der Sowjet-Union, das schließlich auch -- vermutlich verstümmelt -- In den Westen gelangte (SPIEGEL 31/1968 und 22/1969). Sacharow verlangt darin offen die Aufhebung der Zensur, Hilfe für den Prager demokratischen Sozialismus und ein Mehrparteiensystem in der UdSSR.
Wie Sacharow denken viele der über 800 000 "wissenschaftlichen Arbeiter" und vielleicht noch mehr Studenten, ohne freilich die Offenheit dieses für die sowjetische Atomforschung unentbehrlichen Physikers riskieren zu können. Ein Zeuge ihrer "halboffenen Opposition", der Moskauer Philosophie-Dozent Alexej Jakuschew, emigrierte Anfang des Jahres mit seiner Familie aus Warschau, wo er seit 1966 gelehrt hatte, in die Bundesrepublik.
Während in den Gelehrten-Städten interne Drucke kursieren, obwohl deren Autoren häufig weniger von Marx als von Einstein ausgehen, ist, so Jakuschew, die Zensur in der Philosophie schärfer als überall sonst. "Ich schrieb", so berichtete Jakuschew jetzt dem SPIEGEL, "einen Artikel über den englischen Philosophen und Mathematiker Whitehead für die bedeutendste philosophische Zeitschrift "Woprossy filossofii'. Die Prozedur der Annahme dauert mindestens ein Jahr, und die Redakteure, mitverantwortlich für jedes Wort, änderten den Artikel bis zur Unkenntlichkeit. Mitin, der Chefredakteur, ein ebenso gutherziger wie unwissender Philosophie-Kontrolleur, monierte schließlich bloß noch das Fehlen eines Hinweises auf Lenin. Hätte ich mich damit verteidigt, daß der Artikel nichts mit Lenin zu tun hatte -- er wäre nicht erschienen. So fügten wir ein Zitat ein, und er konnte gedruckt werden."
Nach Jakuschew entstehen 80 Prozent aller philosophischen Veröffentlichungen unter ähnlichen Umständen -aus Karrieregründen. Ihr wissenschaftlicher Wert ist deshalb gering. Dennoch: "Die scharfe dogmatische Form marxistischen Philosophierens zerfällt mehr und mehr" (Jakuschew). An ihre Stelle treten mathematische Logik und Positivismus -- verbrämt mit den Leerformeln des Systems.
So werden die Philosophen Sowjet-Rußlands immer "naturwissenschaftlicher", während umgekehrt die sowjetischen Naturwissenschaftler immer "philosophischer" werden. Im Schutz der Privilegien, welche die Industriemacht Sowjet-Union den Naturwissenschaftlern gewähren muß (und den Philosophen verweigern kann), entwickeln sich die Gelehrten-Republiken zu Horten geistiger Opposition. Inoffizielle Zirkel beschäftigen sich dort ohne Einmischung der Partei mit allen Entwicklungen in Kunst, Literatur und Philosophie. Jakuschew: "Das KGB ist da, paßt aber nur auf, daß die Geheimhaltung gewahrt bleibt."
So setzte der Leiter des physikalisch-technischen Instituts bei Charkow durch, daß sogar solche ausländischen Filme gezeigt werden konnten, die in der übrigen Sowjet-Union verboten sind. Einzige Bedingung: Fremde dürfen die Aufführungen nicht besuchen. Und die Wissenschaftler von Akademgorodok luden gar den verfemten, aus Rußland stammenden Altmeister Marc Chagall ein, eigene Gemälde auszustellen; die Finanzierung eines Charterflugzeugs hatten sie bereits sichergestellt. Die erstaunliche Initiative löste eine Kraftprobe mit dem Parteikomitee von Nowosibirsk aus; Chagall mußte wieder ausgeladen werden. Aber die Teil-Autonomie der Gelehrten-Republik blieb erhalten. Jakuschew: "Wenn es an einer Stelle eines solchen Instituts Freiheit gibt, wird es sie auch woanders geben."

DER SPIEGEL 49/1969
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