01.12.1969

Stratege Papa

Hans Erich Nossack: "Dem unbekannten Sieger". Suhrkamp; 200 Sehen; 16 Mark.

Ein gewissenhafter und begriffsstutziger Studienrat der Geschichte, den seine Lehrerkarriere von Uelzen bis nach Celle geführt hat, wird seiner längst verjährten Dissertation nicht froh. Sie galt der Rolle des einfachen Soldaten in den innerdeutschen Aufständen nach dem Ersten Weltkrieg, zumal in Hamburg, entdeckte ein verschollenes "strategisches Genie" und wurde unter dem Titel "Dem unbekannten Sieger" 1951 ein "volkstümliches Buch".

Den Vater allerdings, dem der Studienrat seine penible Dokumentation verehrt, packt bei der ernsten Lektüre ungebührliche Heiterkeit; Er zeigt Inside-Kenntnisse, in deren Licht die Interpretationen des Sohnes leicht lächerlich erscheinen, und spät, gar spät

so sehr viel später als der geduldige Leser -- merkt auch der Lehrer, daß just Papa in jungen Jahren jenes "strategische Genie" gewesen ist.

Der niemals einfache Erzähler Nossack, 68, läßt den Schulmann die ganze Geschichte einem fiktiven Kanzleijuristen referieren. Aber die gezielt unfreiwillige Komik der Selbstdarstellung eines engsinnigen Spießers erschöpft sich rasch; erst der vom Sohn getreulich erinnerte Exkurs des Vaters über die tollen revolutionären Tage von 1919 bringt einiges Leben in die Geschichte und in die Historie.

Und darum war es Nossack wohl zu tun: die modische Dokumentationsliteratur mit einem Stückchen zu konterkarieren, in dem das brave alte Menschlich-Allzumenschliche recht undialektisch den Gang der Geschichte beeinflußt.

Vater nämlich. vormals "Genosse Hein" und gelernter Feldartillerist, hatte beim Sturm aufs Hamburger Rathaus zufällig nahebei gestanden -- nahe bei dem einzigen Geschütz, für das er der einzige Fachmann war. Und das hatte ihn tätig werden lassen. Aus Freundschaft zum hitzigen Revolutionär Hundewatt blieb er dann und diente seine Kenntnisse an. Auf der Höhe seines Ruhms jedoch trat er aus der Historie wieder aus: als er während der Sitzung des Revolutionsrates in Rathenow austreten mußte, vorm Becken ins Sinnieren kam, ein deutscher Kleinstädter wieder. "Ja, so hat er sich denn auf französisch verabschiedet und ist nach Haus gefahren."


DER SPIEGEL 49/1969
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