01.12.1969

AFFÄREN / STOCKHAUSENZuviel verlangt

Die 2000 Zuhörer lagen auf Turnmatten, die vom Bundesgrenzschutz ausgeliehen waren, übten Petting, spielten Skat und hänselten das Orchester: "Eine herrliche Pinkelmusik, die ihr da spielen müßt!"
Die Musiker, längst einer Meinung mit dem Publikum, packten ihre Instrumente ein und gingen ins Foyer. Dort grölten sie: "Warum ist es am Rhein so schön?"
So endete -- vorzeitig und mit Eklat -der erste Versuch mit einer neuen Konzertform: In den sieben Sälen Fluren und Foyers der Bonner Beethovenhalle wurde von vier Orchestergruppen und von Tonbändern fast das gesamte Werk des Komponisten Karlheinz Stockhausen gleichzeitig aufgeführt. Für die Übergänge von Saal zu Saal und Werk zu Werk, von "Momenten" zu "Kurzwellen", von "Stimmung" zu "Prozession", von "Carré" zu "Hymne", von "Kontakten" zum "Gesang der Jünglinge" hatte Stockhausen eine Verbindungsmusik geschrieben, ein Instrumentalglissando, das er "Fresco" nannte.
Dafür hatte der Bonner städtische Musikdirektor Volker Wangenheim dem Komponisten das "Orchester der Beethovenhalle" freigegeben. Doch Stockhausen-Partituren zu interpretieren -- das war von den traditionell erzogenen Musikern, die seit ihrer Konservatoriumszeit offensichtlich nichts mehr dazugelernt haben, zuviel verlangt.
Sonst "brav und bieder auf ihre guten alten Klassiker eingeschworen" (Stadtdirektor Fritz Brüse), verirrten sich die Bonner Stadtmusikanten schon bei den Proben in Stockhausens diffizilen Spielregeln, etwa "Glissandos nicht schneller als eine Oktave pro Minute" zu streichen und zu blasen.
Sie stellten den Komponisten zur Rede, wollten wissen, was er sich bei derlei Angaben gedacht habe, doch Stockhausen lehnte ein Teach-in ab. Wangenheim: "Das war unklug."
Statt weiter zu proben, liefen einige Orchestermitglieder ans Telephon und fragten bei ihrer Gewerkschaft an, ob sie so etwas spielen müßten. Sie mußten. Der erste Konzertmeister Ernesto Mampaey, der zunächst mit Ohropax in den Ohren gespielt hatte, ignorierte diese Auskunft. Er fühlte sich "von den Herren Wangenheim und Stockhausen seelisch so gequält"' daß er seinem Chefdirigenten die Ermordung androhte und dann, wie auch etliche seiner Gesinnungsgenossen' aus der Probe verschwand. Die restlichen Musiker spielten am Abend die "Musik für die Beethovenhalle" nur unter Protest: "Wir spielen", stand handgemalt auf einem Schild im Stimmzimmer' "oder wir werden entlassen!"
Unter der Leitung von Wangenheim und drei Subdirigenten produzierten sie in der auf Notlicht eingedämmerten Beethovenhalle die ungeliebten, von Stockhausen graphisch fixierten Klänge.
Doch auf den Notenständern lagen plötzlich statt Stockhausens Spielanweisungen Sinnsprüche wie "Stockhausen-Zoo. Bitte nicht füttern!" Manche Musiker hatten das auf fünf Stunden angelegte "Affentheater" schon nach einer Stunde satt und gingen nach Hause. Die restlichen saßen bald im Dunkeln. Unbekannte hatten das Licht an den Pulten gelöscht.
Stockhausen-Fans protestierten darauf bei Wangenheim, der manchmal selbst Oboe blies ("Ich wollte meinen Mannen ein gutes Beispiel geben"), Stockhausen-Gegner pöbelten die Streicher an: "Wie könnt ihr bloß so eine Scheiße machen!"
Nach 260 Minuten machte keiner mehr mit, aber die Disharmonien klangen lange nach: Zwei Tage nach der geplatzten Premiere -- Stockhausen war mittlerweile ins libanesische Küstengebirge abgereist, um dort in einer Höhle seine Musik zu dirigieren -- wollte das Orchester in der Beethovenhalle darüber abstimmen, ob Wangenheim noch "tragbar sei.
Stadtdirektor Brüse jedoch verwehrte den Streikenden die Halle und drohte allen Wangenheim-Gegnern: "Dann sollten Sie lieber gleich die Konsequenzen ziehen und den städtischen Dienst aufkündigen."
Wie nicht anders zu erwarten, kuschte das Orchester und war beim nächsten Konzert wieder vollzählig: In der Beethovenhalle wurde wieder Beethoven gespielt. Beim Oratorium "Christus am Ölberge" überkam Friede die Streitenden.
Sogar Konzertmeister Mampaey, der mit Mord gedroht hatte, bereute bei den frommen Harmonien sein gottloses Denken: "Die edle Musik wird alles vergessen machen."

DER SPIEGEL 49/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.