24.11.1969

DAS PUBLIKUM RIECHT DEN BRATEN

Peter Brook über "tödliches Theater"

Von Brook, Peter

In der ganzen Welt hat sich das Theaterpublikum verringert. Es gibt gelegentlich neue Bewegungen. gute neue Schriftsteller und so weiter, aber im ganzen fehlt dem Theater nicht nur die Erhebung und Belehrung, sondern auch die Unterhaltung.

Man hat das Theater oft eine Hure genannt und damit gemeint, die Kunst sei unrein, aber heute bewahrheitet sich das in einem anderen Sinne- Huren bieten für das bezahlte Geld nur spärliche Lust: Es bedarf nicht der Theaterkassen, um festzustellen, daß das Theater ein tödliches Geschäft geworden ist und das Publikum den Braten riecht. Wenn das Publikum wirklich einmal die Unterhaltung verlangte, von der es so oft spricht, dann kämen wir alle in Verlegenheit.

Ein wirkliches Theater der Freude existiert nicht, und nicht nur die Trivialkomödie oder das schlechte Musical bleiben uns etwas schuldig -- das tödliche Theater findet tödlichen Eingang in die große Oper. die Tragödie, die Dramen Molières und die Stücke Brechts.

Zu allem Unglück gibt es auch immer einen tödlichen Zuschauer, der aus besonderen Gründen den Mangel an Intensität oder sogar an Unterhaltung begrüßt, wie zum Beispiel den Gelehrten, der die Routineaufführungen eines Klassikers mit einem Lächeln verläßt, weil ihn nichts Im Wiederkäuen und Bekräftigen seiner Lieblingstheorien gestört hat, wenn er seine Lieblingszitate leise mitsprach.

Das tödliche Theater geht an die Klassiker mit der Auffassung heran. daß irgendwo irgendwer entdeckt und festgelegt hat, wie man so ein Stück aufführt.

Im Moskauer Künstlertheater und in der Habimah von Tel Aviv werden Produktionen 40 Jahre und länger gespielt. Ich habe eine genaue Reproduktion von Wachtangows Inszenierung der Turandot aus den zwanziger Jahren gesehen, Ich habe Stanislawskis vollständig erhaltene Arbeit gesehen, aber nichts davon hatte mehr als antiquarisches Interesse.

Es sind nicht nur die Haartracht, die Kostüme und die Masken, die veraltet erscheinen, sondern alle verschiedenen Elemente einer Aufführung fluktuieren fortwährend an einer unsichtbaren Börse.

Das Leben geht weiter, Einflüsse wirken auf Schauspieler und Publikum, und andere Stücke, andere Künste, Film, Fernsehen, Tagesereignisse schreiben dauernd die Geschichte neu und wandeln die tägliche Wahrheit.

In Modehäusern haut jemand auf einen Tisch und sagt: "Stiefel sind einfach wieder Mode", das Ist eine existentielle Tatsache. Ein lebendiges Theater. das glaubt, von solchen Trivialitäten wie der Mode unberührt. zu bleiben, wird dahinwelken.

Heute gilt es als Binsenweisheit. daß Szenenbild, Kostüme und Musik ein gefundenes Fressen für Regisseure und Ausstatter und im höchsten Maß erneuerungsbedürftig sind. Wenn es zu bestimmten Auffassungen und Verhaltensfragen kommt, neigen sie zur Ansicht, daß man diese Elemente, wenn sie im Text stimmen, in der alten Art weiterbehandeln kann.

Das Problem des tödlichen Theaters ist wie das Problem des tödlichen Langweilers. Jeder tödliche Langweiler hat Kopf, Herz, Arme, Beine, gewöhnlich hat er Familie und Freunde, er hat sogar seine Bewunderer. Und doch seufzen wir, wenn wir ihm begegnen.

Wenn wir tödlich sagen. meinen wir niemals tot: wir meinen etwas auf betrübliche Weise Aktives, das aber gerade deswegen zur Änderung fähig ist. Der erste Schritt zu dieser Änderung ist die Erkenntnis. daß der größte Teil des sogenannten Theaters auf der ganzen Welt die Travestie eines Wortes ist, das einmal sinnvoll war.

Krieg oder Frieden, der kolossale Schauwagen der Kultur rollt weiter und schafft die Arbeit eines jeden Künstlers auf den stets wachsenden Müllhaufen. Theater, Schauspieler, Kritiker und Publikum sind in einer Maschine ineinander verkeilt, die knarrt, aber niemals anhält.

Es ist immer eine neue Saison im Gange. und wir sind zu beschäftigt, um die einzige entscheidende Frage zu stellen, die der ganzen Struktur das Maß anlegt:

Warum überhaupt Theater? Ist es ein veraltetes Unikum, das am Leben bleibt wie ein altes Monument oder eine bizarre Sitte? Warum klatschen wir Beifall? Hat die Bühne wirklich einen Platz in unserem Leben? Wozu kann sie dienen? Was kann sie erforschen?

In Mexiko mußten vor der Erfindung des Rades Sklavenschwärme riesige Steine durch den Dschungel und in die Berge hinaufschleppen, während die Kinder ihre Spielsachen auf winzigen Rollen zogen. Die Väter machten die Spielsachen, aber konnten jahrhundertelang die Verbindung nicht herstellen.

Wenn gute Schauspieler in schlechten Komödien oder zweitrangigen Musicals spielen, wenn Zuhörer uninteressanten klassischen Stücken Beifall klatschen, weil sie nur die Kostüme oder die Art des Szenenwechsels oder das hübsche Aussehen der Hauptdarstellerin genießen, dann ist dagegen nichts zu sagen.

Aber haben sie gemerkt, was sich unter dem Spielzeug befindet, das sie am Faden ziehen? Es ist ein Rad.


DER SPIEGEL 48/1969
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