DER SPIEGEL



RECHTSEXTREMISMUS

Schreckliches Idyll

Von Röbel, Sven und Winter, Steffen

Fünf Neonazis schlagen ein zwölfjähriges Kind zusammen. Jetzt muss sich ein Dorf in Sachsen-Anhalt fragen lassen, wie das geschehen konnte.

Frau M. hat nichts gesehen, nichts gehört, und sagen will sie lieber auch nichts. Sicher, die Tat muss genau vor ihrem Wohnzimmerfenster passiert sein. Aber sie hatte den Fernseher laut gedreht und die Rollläden heruntergelassen, pünktlich um fünf, so wie es sich gehört.

Herr K. von gegenüber hat immerhin beobachtet, wie "eine Handvoll Jugendliche mit dunklen Kapuzen und Bierflaschen in der Hand" die Straße heruntergekommen sei. Was aber genau sie getrieben hätten, draußen am Goldfischteich, wisse er nicht. Ein geparktes Auto habe ihm die Sicht versperrt.

Frau S. aus Nummer 15 hält die Gardinen sowieso geschlossen - wie die meisten in diesem gutbürgerlichen Nest, das den harmlosen Namen Pömmelte trägt. Inmitten dieses sachsen-anhaltischen Dorfidylls sollen fünf rechte Schläger ein wehrloses Kind gequält, erniedrigt und krankenhausreif geprügelt haben - auf offener Straße, mehr als eine Stunde lang, ohne dass auch nur einer der 699 Dorfbewohner etwas bemerkt haben will.

Das Opfer, der zwölfjährige Kevin, ist farbig und erlitt ein Schädelhirntrauma, eine mehrfache Fraktur des Nasenbeins, etliche Platzwunden im Kopfbereich sowie Hämatome am ganzen Körper. Während seines Martyriums, das in einem öffentlichen Linienbus begann und am Dorfteich von Pömmelte endete, drückten ihm die Neonazis ersten Ermittlungen zufolge eine Gaspistole ins Genick und zwangen ihn, vor ihnen niederzuknien und immer wieder den Satz "Jawohl, mein Führer" zu sagen. Zudem habe das Kind die Springerstiefel seiner Peiniger küssen und ablecken müssen, wobei diese versucht hätten, ihn mit einer brennenden Zigarette zu foltern. Einzelne Schritte der Tat seien von den Jugendlichen mit Hilfe eines Fotohandys dokumentiert worden.

Nur unter größten Kraftanstrengungen habe sich der schwerverletzte Gymnasiast, dessen Vater aus Äthiopien stammt, schließlich in das Kinderheim von Pömmelte schleppen können, in dem er seit einigen Monaten lebt. Ein Erzieher brachte den Jungen endlich ins Krankenhaus und alarmierte die Polizei, die wenig später fünf Verdächtige ermitteln konnte.

Als Haupttäter gilt Francesco L., der im Verhör lapidar erklärte, dass er bekennender Neonazi sei und Kevin "zusammengemöbelt" habe, "weil der doch ein Ausländer war". L. ist einschlägig vorbestraft und sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Seine mutmaßlichen Komplizen Dustin G., 14, die 16-jährigen Zwillinge Kevin und Steven W. sowie der gleichaltrige Morten D. dagegen blieben zunächst auf freiem Fuß - die Bereitschaftsrichterin hatte es abgelehnt, Haftbefehle gegen sie zu erlassen.

Morten möchte "nichts sagen" zu den Vorwürfen, außer: "Na gut, tut mir leid, okay?" Der pummelige Teenager besucht eine Schule für Lernbehinderte und trägt ein schwarzes Sweatshirt mit dem Namenszug der Kultband "Böhse Onkelz". Das zieht er an, seit er mit Francesco abhängt, dem örtlichen Neonazi. Francesco ist 19, und der Bürgermeister sagt über ihn, dass er "übriggeblieben" sei in diesem Dorf, "als Einziger seiner Altersklasse".

Während die anderen längst ihr eigenes Leben hätten, im Westen oder in den großen Städten, machte sich Francesco die "pubertierende Dorfjugend" mit gelegentlichem Freibier oder Rudolf-Hess-Aufklebern gewogen. Die pappen hartnäckig an vielen Straßenlaternen im Ort und preisen Hitlers Stellvertreter als "Märtyrer des Friedens". Und weil man den schönen neuen Lampenlack beschädigt, wenn man versucht, die Pamphlete abzukratzen, bleiben sie meistens einfach kleben.

In der Region, in der das Lokalblatt den Begriff Nazi gern in Anführungszeichen setzt, regte sich kein Widerstand, als unlängst die rechte Kameradschaft aus dem benachbarten Schönebeck "unter weinendem Himmel" eine "Aktion zur Erinnerung an die gefallenen Volkshelden" starten wollte. Kamerad Odhur verkündete im Internet-Forum der Freien Nationalisten, man sei in Pömmelte auf ein sehr gut erhaltenes Denkmal gestoßen, das von einem ehemaligen Frontsoldaten gepflegt werde. Noch an Ort und Stelle habe man das Lied "Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu" angestimmt.

Die Kameradschaft räumt inzwischen Kontakte zu den fünf Jugendlichen ein. Die hätten sich als Sympathisanten vorgestellt, seien aber als "erkennbar kriminelle Subjekte zum Teufel geschickt" worden. Doch die eilig über eine Internet-Domaine verbreitete Absetzbewegung wird von Insidern eher als Taktik bewertet. "Es gibt Verbindungen der Kameradschaft nach Pömmelte", ist sich die Mobile Beratung für Opfer rechtsextremer Gewalt in Magdeburg sicher. Die Rechten hätten Unterstützer im Dorf gesucht und wohl auch gefunden - vor allem in der Person von Francesco L.

Bei dem habe man ja nie richtig gewusst, wie man mit ihm umgehen soll, sagen die Leute. Erst im Dezember hätte Francesco einem anderen Jungen das Nasenbein gebrochen, "einem deutschen" allerdings. Da sei nichts passiert - keine U-Haft, keine Kamerateams, "nicht so ein Aufwand wie jetzt, bei dem Ausländerkind". Zwar ist Kevin auch deutscher Staatsbürger, aber "keiner von uns", wie einer sagt.

In Sachsen-Anhalt, wo die DVU für die Landtagswahlen im März mit dem Slogan "Deutsch soll Deutschland sein" werben will, glaubt der Ministerpräsident, dass "Freiheit immer auch Narrenfreiheit heißt". Ein Junge aus der Nähe von Pömmelte erklärt derweil, was es in diesem Landstrich bedeutet, wenn man "rechts" ist: "dass man auf alle anderen einen Hass hat - und selbst nicht weiß, warum".

SVEN RÖBEL, STEFFEN WINTER


DER SPIEGEL 3/2006
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