16.01.2006

INVESTMENTBANKEN

Kartell der Kassierer

Von Pauly, Christoph

Nach Jahren der Krise geht es den Investmentbanken besser denn je. Kaum eine Branche verdient so viel, und keine verteilt die Milliarden so großzügig an die eigenen Leute: Knapp die Hälfte der Erträge wird an die Mitarbeiter weitergereicht - vornehmlich an die an der Spitze.

An der Wall Street nennen sie John Mack wegen seines Führungsstils auch "Mack, das Messer". Besonders pazifistisch klingt das nicht. Und tatsächlich hatte der Mann bei der US-Investmentbank Morgan Stanley kräftig aufgeräumt, bevor er vor fünf Jahren selbst den Chefsessel räumen musste.

Nun ist "das Messer" wieder da, als Nachfolger seines eigenen glücklosen Nachfolgers - und übt sich in ungewohnter Bescheidenheit. Statt des von seinem Aufsichtsrat angebotenen Bonus von 28 Millionen Dollar will er für das Jahr 2005 nur 11,5 Millionen Dollar. Er sei ja auch erst seit fünf Monaten im Amt, lässt er verbreiten.

Solche Großmut mag gut sein für Macks Image, für Außenstehende muss sie eher zynisch erscheinen. Denn sie wirft ein Schlaglicht auf die Sitten und Gebräuche einer Branche, die wie keine andere für den Kapitalismus anglo-amerikanischer Prägung steht. Nirgendwo sonst wird so viel Geld verdient. Und nirgendwo sonst wird so viel unter die eigenen Leute, vornehmlich die Führungskräfte, verteilt.

Henry Paulson, der Chef von Goldman Sachs, durfte sich kurz vor Weihnachten über ein Gehaltspaket von 37 Millionen Dollar freuen.

Auch Deutsche-Bank-Chef Josef "Joe" Ackermann wird Mack Anfang Februar mit seinem Fixgehalt plus Gratisaktien und sonstigen Gratifikationen übertreffen, wenn, wie von ihm versprochen, die Deutsche Bank dank ihrer in London beheimateten Investmentbanker einen Rekordgewinn vorlegen wird.

Zweistellige Millionenbeträge verdienen nicht nur die Chefs, sondern manchmal auch die Dealmaker und Händler, die eigentlichen Stars der Branche. Sie werden mit Geld regelrecht zugeschüttet, damit sie nicht mitsamt ihren Teams und den besten Kunden zur Konkurrenz wechseln.

Es ist Bonus-Zeit bei den Investmentbankern in New York, London und Frankfurt am Main. Wie in den Zeiten des Internet-Booms Ende der neunziger Jahre machen die New Yorker Ferrari-Händler gute Geschäfte. Selbst im Vordertaunus-Städtchen Bad Homburg in der Nähe von Frankfurt werden wieder Bieterkämpfe junger Geldmanager um die begehrtesten Villen beobachtet.

Nach ein paar Jahren der Dürre sind die selbsternannten "Masters of the Universe" wieder obenauf. Nachdem die Börsenblase, die sie selbst kräftig mit aufgepumpt hatten, im Jahr 2000 geplatzt war, stürzten die Investmentbanker in eine tiefe Krise - finanziell und moralisch.

Plötzlich brachen nicht nur die Gewinne ein und Zehntausende der zuvor so Erfolgsverwöhnten fanden sich auf der Straße wieder. Jetzt interessierte sich auch die Staatsanwaltschaft für das Geschäftsmodell, das in Zeiten der New Economy so

gut funktionierte. Denn da verdienten die Investmentbanken nicht allein mit Fusionsberatungen und Börsengängen, ihre Analysten trieben die Kurse auch noch künstlich hoch. Und davon profitierten viele Geschäftsfreunde, denen die jungen Aktien zuvor zugeteilt worden waren und die sich wiederum mit lukrativen Aufträgen revanchierten.

Immer mehr solcher angeblicher Einzelfälle kamen ans Licht. Schließlich zahlten die großen Investmentbanken zusammen ein Bußgeld von atemraubenden 1,4 Milliarden Dollar, um die peinlichen Ermittlungen zu stoppen.

Die große Zeit der Investmentbanken schien zu Ende. Doch nun sind sie wieder da. Und es geht ihnen besser denn je.

Dank weltweit steigender Aktienkurse, niedriger Zinsen und einer immer besser laufenden Konjunktur in weiten Teilen der Welt hat die Branche ein goldenes Jahr hinter sich: Morgan Stanley, Goldman Sachs, Bear Stearns und Lehman Brothers übertrafen mit ihren Milliardengewinnen sogar das bisherige Rekordjahr 2000.

Knapp die Hälfte der Erträge werden traditionell an die Mitarbeiter weitergereicht. Vergangene Woche rechnete der Finanzaufseher des Bundesstaats New York schon mal aus, wie viel Geld in der nächsten Zeit auf die 174 000 New Yorker Mitarbeiter im Finanzgewerbe niederprasselt. Der Mann kam auf 21,5 Milliarden Dollar, zehn Prozent mehr als im bisherigen Rekordjahr 2000.

1,5 Milliarden Dollar würden beim Fiskus des Bundesstaats New York, 500 Millionen Dollar bei der Stadt hängen bleiben. Den Londoner Investmentbankern werden insgesamt 13,1 Milliarden Dollar überwiesen.

Die Riesengewinne der Branche sind ähnlich wie in der Ölindustrie oligopolistischen Strukturen zu verdanken. In dem lukrativsten Markt USA dominiert ein halbes Dutzend Banken den Markt. Kritiker sprechen von einem Kartell.

Börsenkandidaten müssen in den USA durchschnittlich etwa doppelt so hohe Gebühren bei Emissionen zahlen wie in Europa. Hier sind die Märkte fragmentierter, hier haben neben den großen US-Unternehmen auch die Deutsche Bank, die französische BNP Paribas oder die britische Barclays eine Chance.

Doch das lukrative Geschäftsmodell der Amerikaner hat sich hier ebenfalls durchgesetzt. Die Kunden sind nach wie vor bereit, für die Dienstleistungen der Investmentbanker viel Geld zu bezahlen. Bei einem Börsengang, einer neuen Anleihe oder einer Fusion zählt nicht die preiswerte Lösung von der Stange, sondern der vermeintlich beste Rat.

Den Standard setzt die New Yorker Investmentbank Goldman Sachs, die ihren Bonus-Pool für 2005 mit elf Milliarden Dollar gefüllt hat. Das macht für jeden der rund 21 000 Mitarbeiter weltweit im Durchschnitt etwa 500 000 Dollar.

"Ich habe mich für eine Hausmeisterstelle bei Goldman beworben", witzelte der Analyst Bradley Hintz, früher mal Finanzchef von Lehman. Schade nur, dass solche Tätigkeiten schon längst an Fremdfirmen ausgelagert wurden. Im Übrigen gilt der Merkspruch eines Personalberaters: "Das meiste bleibt oben hängen."

Die Goldmänner waren auch 2005 wieder die Nummer eins im prestigeträchtigen Geschäft mit Übernahmen. Sie haben weltweit 354 Deals mit einem Gesamtwert von 847,6 Milliarden Dollar beraten. Und allein in den ersten Tagen des Jahres 2006 erhielt das US-Unternehmen zwei Milliardenmandate in Deutschland: Die RAG will Degussa Bauchemie verkaufen, und DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche forderte Kaufinteressenten für die Kleinwagensparte Smart auf, sich bei Goldman zu melden.

Bei deutschen Managern sitzt das Geld wieder lockerer. Adidas kaufte den US-Sportschuhhersteller Reebok, ThyssenKrupp bietet mit dem Luxemburger Stahlriesen Arcelor um die Wette, wer die kanadische Dofasco erwerben darf.

"Da geht wieder was", jubeln Frankfurter Investmentbanker - auch für Lothar Späth, den ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, der sich im Mai 2005 zum Chairman von Merrill Lynch in Deutschland berufen ließ. Seine Kontakte zu Porsche-Chef Wendelin Wiedeking haben mit dafür gesorgt, dass die US-Bank Porsche beim VW-Einstieg beraten durfte.

Spätestens als der sonst so vorsichtige Chemiekonzern BASF im Dezember die feindliche Übernahme der US-Firma Engelhard für knapp fünf Milliarden Euro ankündigte, stellen sich die Banker auf ein provisionsträchtiges Jahr ein. BASF lässt sich von Christian Meissner, in Deutschland für das Investmentbanking von Lehman Brothers verantwortlich, und seinem Team beraten.

Meissner wechselte Anfang 2004 zusammen mit seinem Partner Jerry McConnell für einen Garantiebonus von etlichen Millionen Euro von Goldman zu Lehman.

Die amerikanische Bank hatte sich in den Krisenjahren stark aus Deutschland zurückgezogen und suchte einen Neuanfang. Der scheint nun zu gelingen. "Die deutschen Unternehmen haben umstrukturiert und können sich wieder im Ausland bewegen", sagt Meissner hoffnungsfroh. Zwei Jahre lang hatte er die BASF wegen möglicher Ziele in den USA beraten. Noch ziert sich Übernahmeopfer Engelhard, doch Meissner ist optimistisch. Das muss er auch sein: Nur wenn das Geschäft gelingt, werden die Provisionen aus Ludwigshafen nach Frankfurt fließen.

Einer der Marktführer in Deutschland war 2005 die Deutsche Bank mit Beratungsmandaten im Wert von insgesamt 56 Milliarden Euro. Sie berät zurzeit das Verlagshaus Axel Springer beim versuchten Kauf und wohl auch bei der Zerschlagung der Sendergruppe ProSiebenSat.1 (siehe Seite 160). Die besten Geschäfte kamen allerdings von internationalen Private-Equity-Häusern wie Apax, Blackstone und KKR. Die laden ihren Übernahmeopfern regelmäßig hohe Schulden auf.

Dafür stellt die Deutsche Bank als Europas führendes Haus für Hochrisikofinanzierungen gern die sogenannte Brückenfinanzierung zur Verfügung und kümmert sich auch um die Platzierung der Anleihen, die das übernommene Unternehmen dann bedienen muss.

Weil die Zinsen so günstig sind und Geld im Überfluss vorhanden ist, wagen sich die Risikokapitalfonds an immer größere Deals. Fünf von ihnen haben sich zusammengetan, um die dänische Telekomfirma TDC für 13,4 Milliarden Euro zu übernehmen. Rund zehn Milliarden Euro steuern mehrere Banken bei, darunter die Deutsche Bank.

"Für die Deutsche Bank ist das Geschäft mit Unternehmensübernahmen nur der Türöffner", sagt ein Kenner der Londoner Szene. Es sind die Zusatzgeschäfte wie die Ausgabe der Anleihen, eine Umfinanzierung, vielleicht später mal ein Börsengang, die richtig Geld bringen.

Wichtiger und im Zweifelsfall auch höher bezahlt sind bei der Deutschen Bank sowieso die Aktien- und Anleihenhändler. Sie waren für weit über die Hälfte des Gewinns der Bank verantwortlich. Wegen niedriger Zinsen boomte auch der Anleihemarkt, in dem die Bank einer der Weltmarktführer ist.

Auch der größte Dealmaker, Goldman Sachs, lebt schon lange nicht mehr allein von den Provisionen zufriedener Kunden. Gerade mal knapp acht Prozent der Erträge wurden 2005 noch mit der klassischen Fusionsberatung gemacht. Im Unterschied zur Deutschen Bank beteiligt sich Goldman Sachs bei besonders gewinnträchtigen Geschäften auch mit eigenem Geld.

So sind einige von den Investmentbankern geführte Private-Equity-Fonds Mitbesitzer von rund 50 000 Sozialwohnungen in Berlin. Bei Kabel Deutschland, das über zehn Millionen Deutsche mit Fernsehen versorgt, realisierte Goldman nach rund drei Jahren einen Gewinn von knapp 400 Millionen Euro.

An wie vielen Ecken die Investmentbank kassiert, ließ sich beim Gasehersteller Messer Griesheim verfolgen. Goldman Sachs Capital Partners kaufte Ende 2000 zusammen mit Allianz Capital Partners, der Private-Equity-Gesellschaft der Allianz, 67 Prozent der Anteile. Finanziert wurde das Ganze unter anderem mit einer Hochzinsanleihe über 550 Millionen Euro, für die der Gasehersteller 10,375 Prozent Zinsen zahlen musste. Natürlich wurde die Anleihe von Goldman-Sachs-Leuten aufgelegt, zusammen mit zwei weiteren Banken.

2004 verkauften die beiden Investoren ihren Anteil an die Familie Messer, die den Erwerb mit dem Weiterverkauf von zwei Dritteln der Messer-Griesheim-Aktivitäten für 2,7 Milliarden Euro an den französischen Weltmarktführer Air Liquide finanzierte. Auch hier kassierte Goldman als Verkaufsberater bei der Transaktion. Beim Rückkauf der Anleihe durch die Familie Messer waren die Banker ebenfalls dabei. Insgesamt hat die Bank ihren Einsatz mindestens verdreifacht, heißt es in der Branche.

Bei manchen Auktionen von Unternehmen ist nicht ganz klar, ob Goldman Sachs als potentieller Erwerber oder als Berater für einen Kunden auftritt. "Da gibt es jede Menge Interessenkonflikte", moniert der Chef eines Frankfurter Konkurrenten. Die Kunden schätzten es, wenn man mit eigenem Geld den Glauben an eine Transaktion untermauere, heißt es dagegen bei der Bank.

Auch bei Goldman Sachs haben die Händler die Oberhand gewonnen. Sie stehen mittlerweile für über die Hälfte der Erträge der Bank.

"Die Welt wird von billigem Geld überrannt", sagt Institutschef Henry Paulson. Ganz wohl ist ihm nicht dabei, irgendwann komme immer die nächste Finanzmarktkrise.

Bis dahin werden die Investmentbanker noch eine Menge Geld verdienen. Und für den Fall der Fälle hat die Bank über 40 Milliarden Dollar leicht mobilisierbares Geld auf die Seite gepackt. Damit sie auch die nächste Krise gewappnet übersteht. CHRISTOPH PAULY


DER SPIEGEL 3/2006
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