16.01.2006

KENIA

Tödliche Abhängigkeit

Von Thielke, Thilo

Kenia wird von einer Hungersnot heimgesucht, weil die Regierung die Straßen verrotten lässt und Hilfsorganisationen die Menschen durch Nahrungsmittellieferungen sorglos gemacht haben.

Der Oasis Club in Loiyangalani hat schon bessere Zeiten gesehen: Noch bis in die späten achtziger Jahre landeten Wasserflugzeuge auf dem Turkanasee im kargen Norden Kenias und karrten exzentrische amerikanische Millionäre aus Kairo herüber; Mick Jagger und David Bowie tranken auf der Terrasse mit dem somalischen Supermodel Iman doppelte Gin Tonics, und der amerikanische Starfotograf Peter Beard hing am Swimmingpool herum. Serviert wurde Buntbarschfilet, dazu floss Dom Perignon in Strömen.

Doch seit dem Golfkrieg von 1991, als die US-Armee zum ersten Mal gegen den Irak zu Felde zog, wagen sich die amerikanischen Touristen nicht mehr in die Region. Die Länder am Horn von Afrika, Ostafrika - alles wurde ihnen zu gefährlich. Irgendwann blieben die Wasserflugzeuge mit der illustren Klientel aus und kurz darauf auch die regelmäßigen Flüge von Airkenya aus der Hauptstadt Nairobi.

Vor ein paar Jahren kam noch einmal ein älterer Herr vorbei, stellte sich als Mr Cornwell vor, blieb zwei Tage und trank mit dem Inhaber des Clubs, Wolfgang Deschler, ein paar Biere. Unter seinem Pseudonym John Le Carré schrieb er wenig später ein Buch mit dem Titel "Der ewige Gärtner" und setzte darin dem Hotelbesitzer und seiner Oase inmitten der "ausgedörrten Mondlandschaft am Turkanasee" ein launiges Denkmal.

Sonst ist der Oasis Club meistens verwaist, und Deschler hängt am Funkgerät, der einzigen Verbindung mit der Zivilisation. Er hofft auf bessere Zeiten. Doch es sieht nicht so aus, als würden die schnell zurückkehren. In den Geröllwüsten Nordkenias tobt ein Krieg um die knapper werdenden Ressourcen, um Wasser und Weideland. Nur Lebensmüde wagen sich noch hier herauf - und ein paar Paläontologen, die im nahe gelegenen Koobi Fora nach den Ursprüngen der Menschheit suchen.

Allein im vergangenen Jahr haben Stammeskämpfe zwischen Gabra, Turkana, Samburu und Pokot vermutlich Hunderte Menschenleben gekostet. Das ist kein Wunder: Hunderttausende Schusswaffen, die aus den Nachbarländern Sudan, Äthiopien oder Somalia über die Grenzen nach Kenia kommen, finden hier dankbare Abnehmer.

Dieses Jahr verschärft eine gnadenlose Trockenheit die Konflikte. Über 40 Menschen sind offenbar in den vergangenen Wochen in Kenia verhungert. Um internationale Aufmerksamkeit auf die Krise zu lenken, hat Kenias ansonsten eher phlegmatischer Präsident Mwai Kibaki den Notstand ausgerufen und nach Lebensmittelhilfe gerufen. Dabei sind die Probleme des Landes hausgemacht, und die jetzige Eskalation war schon lange absehbar.

Als Deschler 1980 den Oasis Club übernahm, lebten in Loiyangalani 500 Menschen,

heute sind es 15 000. Die wenigsten haben Arbeit, mit 25 Angestellten ist der Deutsche vom See einer der größten Arbeitgeber. Nur regelmäßige Nahrungsmittellieferungen des Uno-Welternährungsprogramms, das schon in normalen Jahren in Kenia mehr Lebensmittel verteilt als im Südsudan, sorgen dafür, dass die Menschen hier im lebensfeindlichen Norden Kenias nicht verhungern.

"Die Menschen lungern nur noch herum und warten auf die Lebensmittellieferungen aus Nairobi", hat Deschler beobachtet, "gleichzeitig gehen traditionelle Überlebensstrategien verloren: Die Gegend besteht fast nur noch aus abhängigen Almosenempfängern."

"Der Norden Kenias ist hoffnungslos überbesiedelt", sagt auch der Schweizer Biologe Hans Herren, der viele Jahre das Forschungsinstitut Icipe in Kenia leitete, "und diese Überbevölkerung ist das Resultat jahrelanger westlicher Hilfslieferungen in Gegenden, die gar nicht das Potential haben, so viele Menschen zu ernähren."

1963, als Kenia unabhängig wurde, lebten 20 000 Rendille im Norden Kenias, heute sind es 56 000. "Es gibt immer mehr Menschen und immer weniger Wasser", klagt der ehemalige Health Commissioner der Region, Musa Okola, "denn auch die Wüste wächst."

Die permanenten Nahrungsmittellieferungen in die Ödnis hätten die Probleme dramatisch verschärft, statt sie zu beseitigen. "Früher haben die Menschen in Notzeiten ihr Vieh geschlachtet, um satt zu werden", sagt Okola, "seit das Welternährungsprogramm uns ernährt, tut das kaum jemand mehr: Alle warten nur noch auf die nächste Lieferung."

Unten im Dorf Loiyangalani bilden sich wieder einmal lange Schlangen vor der Verteilstation, reißfeste Säcke mit dem blauen Aufdruck des Kinderhilfswerks Unicef sind angekommen. "Alle zwei, drei Tage kommen die Lieferungen jetzt", freut sich Ltanywa Ltarakino, der die Verteilung überwacht. Geschickt balancieren Samburu-Frauen Kisten mit Pflanzenöl und Tüten mit Mais und getrockneten Bohnen auf ihren Köpfen.

Auf seine Wohltaten ist Ltarakino sichtlich stolz, "20 000 Menschen ernähren wir hier jetzt kostenlos", verkündet er. Das hat sich herumgesprochen. Hunderte Menschen verbringen nun ihre Zeit ausschließlich vor dem kleinen Lagerhäuschen und hocken teilnahmslos in der brütenden Sonne.

Dabei müssten sie eigentlich damit beginnen, ihr Vieh zu schlachten. Das Fleisch könnte die hungernden Menschen ernähren, zumal auch die Überweidung durch immer größere Herden eines der drängendsten Probleme der Region ist. Der Rinder-Wahn hat katastrophale ökologische Folgen. Vor allem in Ostafrika und dem Sahel sollen schon rund 680 Millionen Hektar Land dadurch verlorengegangen sein. "Die Ironie der Situation", hat die in Nairobi erscheinende Zeitung "Sunday Nation" erkannt, "ist, dass die Nomaden lieber gemeinsam mit ihrem Vieh dem Hungertod entgegensehen, als es zu essen oder zu verkaufen." Mittlerweile werden sogar die einzigartigen Nationalparks von den Rinderherden heimgesucht und noch die letzten Halbwüsten kahlgefressen.

Die Rinderzüchter vom Stamm der Samburu verzehren, ähnlich wie die Dinka im Sudan, das Fleisch ihrer Kühe grundsätzlich nicht. Sie trinken nur Milch und dann und wann etwas Blut. Die riesigen Rinderherden dienen hauptsächlich als Prestigeobjekt und als Währung: Der Brautpreis für eine Frau ist inzwischen auf über hundert Kühe angestiegen.

"Die Herden sind den Massai wichtiger als eine Frau", sagt Iris Krebber von der Deutschen Welthungerhilfe in Nairobi: "Eigentlich müssten die Viehnomaden schnellstens ihre Lebensgewohnheiten ändern." Doch das dauert. Dass der ständige Ruf nach Hilfe die Probleme eher verschärft, als für notwendige Änderungen zu sorgen, sieht auch Krebber: "Leider wird die Hilfe zu oft von Leuten gegeben, die keine Ahnung haben, wie es vor Ort aussieht."

Jemand, der sich ein Bild von der Lage machen kann, ist der katholische deutsche Missionar Hubert Mößmer. Seit zehn Jahren lebt er in North Horr, am Rande der Chalbi-Wüste. Dass in Kenia jetzt Menschen verhungern sollen, will der Geistliche nicht akzeptieren. "Die letzten Jahre hatten wir hier viel Regen, deshalb sind überall die Viehherden gewachsen", sagt Mößmer. Herden, die früher aus 200 Ziegen bestanden hätten, bestünden heute aus 600 Tieren - "der reinste Irrsinn, die Menschen sollten lieber Gemüse anbauen".

Denn für die Ziegen gibt es wegen des Überangebots derzeit kaum einen Markt. Und die 500 Kilometer nach Nairobi sind kaum zu bewältigen. Da die korrupte kenianische Regierung kein Geld in den Straßenbau investiert, gibt es in weiten Teilen des Landes kaum Transportmöglichkeiten. Ganze Landstriche sind bereits von der Hauptstadt abgeschnitten.

Gleichzeitig hat der fruchtbare Westen Kenias Rekordernten eingefahren, am Victoriasee vergammelt der Mais in den Silos, da sich der Verkauf nicht lohnt.

Weil die Entwicklungshelfer jetzt verstärkt Mais aus den Vereinigten Staaten kostenlos verteilen, rentiert sich das Geschäft nicht mehr für die kenianischen Landwirte. Für sie ist es allemal günstiger, ihr Getreide verrotten zu lassen, als es über katastrophale Straßen Hunderte Kilometer nach Norden zu transportieren und dort billig verscherbeln zu müssen.

In Loiyangalani neigt sich der Tag dem Ende zu. Der Generator brummt, die Sonne versinkt blutrot hinter dem See. Nur die Staubfahnen der Hilfslaster wirbeln über der Schotterpiste. Manchmal hebt Deschler sein Whiskeyglas und prostet ihnen zu. "Verrückte Hilfe", murmelt er dann. Ändern kann er ja doch nichts. THILO THIELKE


DER SPIEGEL 3/2006
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