16.01.2006

INTERNETReichtum aus dem Nichts

Eine hessische Lehrerin stieg zur Großgrundbesitzerin in einem Online-Spiel auf. Bisheriger Gewinn: fast 200 000 Dollar - in echtem Geld.
Morgens, wenn die Kinder aus dem Haus sind, beginnt für die Mutter ein anderes Leben. Sie heißt jetzt Anshe Chung. Sie schaltet ihren Computer ein und zählt die Einnahmen der letzten Nacht.
Frau Chung macht wahrhaft wunderliche Geschäfte: In dem Online-Spiel "Second Life" spekuliert sie mit Bauland. Mehr als acht Millionen Quadratmeter gehören ihr bereits. Mitspieler warnen vor einem Grundstücksmonopol.
Im ersten Leben heißt Frau Chung anders. Sie wohnt an der hessischen Bergstraße, nicht weit von der Burgruine Frankenstein, und sie gibt Sprachunterricht an einer Volkshochschule. In der Spielwelt aber ist sie bekannt als Anshe Chung, die Magnatin, die ihrem gleichnamigen Konzern immer neue Immobilien einverleibt.
"Second Life" ist beliebt bei Häuslebauern und Feierabendarchitekten. Die Bewohner treffen sich online, um riesige Gartenlauben zu errichten, gläserne Raumstationen oder düsengetriebene Luftschlösser. Gut 500 Spieler sind Anshechung.com inzwischen zinspflichtig; sie hausen als Pächter auf ihren Ländereien. Die Pacht wird mit Spielgeld beglichen, das der Nutzer gegen US-Dollar wechseln muss.
Lehrerin Chung, eingewandert aus China, kontrolliert ihr Imperium vom Dachzimmer ihres Reihenhauses aus. In kaum zwei Jahren hat es die grazile Neudeutsche zu sagenhaftem Reichtum gebracht. Und aus ihren Spieldollar könnte jederzeit ernst werden: Zu "Second Life" gehört eine Online-Börse, wo die fiktive Binnenwährung gegen echtes Geld getauscht wird.
Beim aktuellen Wechselkurs ist Chungs Vermögen an die 200 000 US-Dollar wert.
"Bis jetzt", sagt sie, "habe ich aber fast alles wieder investiert." Es gilt, den Boom der virtuellen Ökonomie zu nutzen. Die Spieler bauen gern in feinen Gegenden (und mindestens so stattlich wie die Nachbarn). Und der Zuzug nach "Second Life" reißt nicht ab: Schon mehr als 100 000 Siedler haben sich hier niedergelassen.
Die Betreiberfirma Linden Lab in San Francisco wirft immer neue Landflächen auf den Markt. Dennoch ist Baugrund in guten Lagen meist knapp. Anshe Chung versorgt sich beizeiten im Großmaßstab. "Ich kaufe das Land vom Betreiber", sagt sie, "und dann entwickle ich es." Das heißt: Sie legt Hügel und Täler an, verteilt Palmen, Flüsschen und Wasserfälle.
Die Software des Spiels erlaubt fast jederlei Gestaltung. Es entstehen Schneelandschaften, tropische Inseln und Oasen zwischen Sanddünen. Subunternehmer zaubern hie und da märchenhafte Paläste hin. Die fertigen Ländereien werden am Ende wertsteigernd in Parzellen zerlegt und an bauwütige Neusiedler verpachtet.
Inzwischen handelt Anshechung.com mit Dutzenden weitläufiger Siedlungsgebiete, die wie Themenparks aussehen. Sie heißen Friesland, Matsushima oder A'ksha Oasis. Chungs riesiges Inselreich "Dreamland" gilt als exzellente Lage. Dort kann die Patronin, weil ihr alles gehört, rigide Bebauungspläne durchsetzen. Während anderswo in der Spielwelt jeder nach Belieben klotzt, herrscht auf Dreamland Harmonie: Wer neben einem Shinto-Schrein mit Schwarzwaldvillen auftrumpfen will, dem wird die Pacht gekündigt.
Anshes Ehemann, ein Informatiker, ist im gemeinsamen Betrieb fürs Rechnen zuständig. Allein schon die laufenden Fixkosten erfordern einige Nervenstärke: Umgerechnet mehr als 25 000 Dollar im Monat gehen derzeit - als eine Art Grundsteuer - an die Betreiberfirma Linden Lab.
Mit dieser Steuer wird die stetig wachsende Welt von "Second Life" finanziert. Sie ist verteilt auf 1400 Netzrechner; jeder simuliert eine fiktive Landfläche von gut 65 000 Quadratmetern. 130 solcher Planquadrate besitzt Anshechung.com; ein jedes trägt mit knapp 200 Dollar zur Steuerlast bei.
Dennoch musste die Magnatin noch kein echtes Geld zuschießen - die Einnahmen im Spiel waren stets höher als die fälligen Gebühren. Es reicht sogar schon für fünf Angestellte, die gegen Spielgeld bei der Verwaltung helfen oder als Landschaftsgärtner lauschige Parks anlegen.
Keine zwei Jahre ist es her, da hat Anshe Chung denkbar klein angefangen. "Mein Startkapital betrug knapp zehn Dollar", sagt sie. So viel kostet einmalig der Zugang zum Spiel. Erst verdingte sie sich als Gesellschafterin für einsame Siedler, dann schneiderte sie virtuelle Kleider nach asiatischem Geschmack für die Spielfiguren anderer Leute. Mit dem Ersparten erst stieg sie ein ins Immobiliengeschäft.
Doch züngeln immer wieder ganz andere Gerüchte unter der Einwohnerschaft von "Second Life": Hat sich die Landbaronin nicht doch einfach mit Bündeln echter Dollar eingekauft? Ein paar Kleinhändler gingen ihr zum Trotz mit einer neuen Immobilienfirma namens Cyberland an die Spielbörse. Gut 500 000 Aktien verteilen sich jetzt auf 549 Besitzer.
Von der Cyberland AG hörte man aber bislang wenig. Auch sonst kann der Magnatin aus Hessen kaum ein Widersacher gefährlich werden. Der zweitgrößte Immobilienhai in der Spielwelt folgt in sicherem Abstand: Anshechung.com besitzt fast zehnmal so viel wie der Konkurrent. MANFRED DWORSCHAK
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 3/2006
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