16.01.2006

ANTHROPOLOGIEDie neuen Indianer

Weiße US-Amerikaner erklären sich immer öfter zu Ureinwohnern. Einige spekulieren auf finanzielle Vorteile, die meisten wollen ihrem trostlosen Leben einen Sinn geben.
Bis vor einigen Wochen war sie eine weiße Hausfrau namens Betty Baker. Seit neuestem jedoch heißt sie "Kleine Taube" und lässt sich in einem prächtigen Kleid aus Hirschleder bewundern.
"Ich bin eine Indianerin, und ich habe es eigentlich mein ganzes Leben lang gespürt", sagt Baker, 48, die in einem Holzhaus am Rand der Kleinstadt Pinson (US-Bundesstaat Alabama) lebt. Vor fünf Jahren hat sie von ihren Eltern erzählt bekommen, dass unter den Vorfahren wohl auch Indianer gewesen seien. Die Tochter trug Dokumente und Geburtsurkunden zusammen und fand vorigen September Aufnahme in den "Cherokee-Stamm von Nordost-Alabama". Mit Feuereifer ist die Novizin dabei, die Rituale und Tänze ihrer neuen Urahnen zu erlernen.
Wie Kleine Taube, die knallblaue Augen hat, werden immer mehr US-Bürger zu Indianern. Die Gruppe der "Native Americans", so die politisch korrekte Bezeichnung, ist eine extrem schnell wachsende Minderheit. Zwischen 1960 und 2000 hat sie um mehr als 640 Prozent zugenommen. Weit über vier Millionen Amerikaner bezeichnen sich inzwischen als indianisch - ein Zuwachs, der nicht mit der Geburtenrate erklärt werden kann, sondern auf Leute wie Betty Baker zurückgeht: auf Menschen, die ihre Ethnie wechseln.
Die meisten der neuen Indianer haben eine helle Haut, manche blonde Haare, fast alle galten vorher als weiß. Nunmehr deuten sie, sofern in der Familie vorhanden, hohe Wangenknochen, braune Augen, glatte Haare und schaufelförmige Schneidezähne als untrügliches Anzeichen indianischer Abkunft. Die selbsternannten Halbblute bleiben zwar in ihren alten Häusern wohnen, organisieren in ihrer Freizeit jedoch Pow Wows (Tanzveranstaltungen) und laufen in Kostümen herum, wie man sie etwa von den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg kennt.
Das Indianersein lockt arme US-Bürger, weil sie sich Vorzüge wie Hochschulstipendien oder freie Krankenversicherung versprechen - und Einnahmen aus Spielcasinos. Denn Indianerstämme dürfen in ihren Reservaten Glücksspiele anbieten, sofern sie von der Bundesregierung in Washington anerkannt sind. Was einst erlaubt wurde, um die Armut und Verwahrlosung vieler Ureinwohner einzudämmen, hat sich zu einem riesigen Geschäft entwickelt. Die Einnahmen belaufen sich auf jährlich mehr als 18 Milliarden US-Dollar und werden unter Stammesmitgliedern aufgeteilt.
Die größte Spielhölle der Welt mit täglich 40 000 Besuchern haben die Mashantucket Pequot nahe Norwich (US-Bundesstaat Connecticut) hochgezogen. Seit Beginn des Glücksspiels 1986 hat sich dort die Zahl der Indianer glatt verzehnfacht - und jede Woche gehen neue Anträge ein. Die zuständige Sachbearbeiterin Joyce Walker erzählt: "Die Leute sagen: Ich habe gerade herausgefunden, dass ich Indianer bin, und wollte fragen, wie ich meine Gewinne einstreichen kann." Inzwischen haben die Mashantucket Pequot die Zugangsvoraussetzungen verschärft und fordern einen direkten Nachweis der Blutsverwandtschaft.
Sie und die anderen von der Bundesregierung anerkannten Stämme nutzen weidlich aus, dass sie ganz allein bestimmen dürfen, wen sie aufnehmen und wen nicht. Selbst wer mit einem DNA-Gutachten aufkreuzt, kann abgewiesen werden.
Allerdings ficht das viele Möchtegern-Indianer (im amerikanischen Volksmund: "Wannabes") nicht weiter an. Werden sie von den etablierten Stämmen nicht akzeptiert, gründen viele von ihnen einfach ihren eigenen Stamm. So gibt es nur drei anerkannte Cherokee-Nationen (zwei in Oklahoma und eine in North Carolina). Doch von Alaska bis nach Mexiko sind in den vergangenen Jahren mehr als 240 Stämme hinzugekommen, unter ihnen auch die Cherokee von Nordost-Alabama, die seit Jahren vergebens um Anerkennung
durch die Bundesregierung buhlen.
Die Indianer zweiter Klasse haben auch so ihren Spaß, glaubt Circe Sturm von der University of Oklahoma in Norman. Die Anthropologin hat mehr als 70 Ethno-Wechsler ausführlich zu ihren Motiven befragt. Dass die meisten bloß hinter dem Geld her seien, kann sie nicht bestätigen. Vielmehr seien viele frustriert und suchten einen neuen Sinn im Leben. "Wenn das Weißsein wie ein leerer Teller ist", sagt sie, "dann ist das Indianersein eine Feinschmeckertafel."
Die Existenz als Ureinwohner verbinden viele der Konvertiten demnach mit Idealen wie Gleichbehandlung von Mann und Frau, mehr Demokratie und einer romantischen Nähe zur Natur. Zwei Dinge aber seien für die bleichgesichtigen Rothäute besonders schön, hat Anthropologin Sturm herausgefunden: die spirituellen Rituale sowie die Gewissheit, festes Mitglied einer Gruppe zu sein.
Nun wollen immer mehr Amerikaner dieses schöne Gefühl erleben - und das stiftet Unfrieden im Indianerland. Um der Überfremdung zu entgehen, sind es nämlich nun sogar schon die neueren Stämme, die sich gegen weitere Anwärter abschotten.
Auch Steve Baker, 50, Mechaniker von Beruf und der Mann von Kleine Taube, fühlt sich als Indianer. Der Mann trägt Mokassins sowie Lendenschurz, ist auf den Folklore-Treffen dabei und will endlich als "Rennender Bär" in den Stamm seiner Frau aufgenommen werden.
Doch daraus wird einstweilen nichts. Der einst so beschauliche Freizeitstamm im Nordosten von Alabama ist auf 4000 Cherokee angeschwollen und überprüft seine Integrationspolitik. Bis auf weiteres werden keine neuen Indianer mehr aufgenommen. JÖRG BLECH
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 3/2006
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ANTHROPOLOGIE:
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