16.01.2006

HANDSCHRIFTENZweigs Heldengalerie

Alle waren sie beisammen, die Lichtgestalten der europäischen Moderne: Leonardo da Vinci und Heinrich von Kleist, Kant, Casanova und Einstein. Von ihnen und Hunderten weiterer Geistesgrößen besaß der Schriftsteller Stefan Zweig (1881 bis 1942) einst eine Handschrift. Erst das Exil zwang den Bestsellerautor, seine legendäre Autografensammlung aufzulösen. Jetzt hat der Zweig-Experte Oliver Matuschek, 34, die Kollektion in einem Katalog rekonstruiert (Verlag Inlibris). An die tausend Reliquien konnte er dokumentieren, darunter Raritäten wie ein Gedicht Hölderlins mit Echtheitsbestätigung durch Eduard Mörike oder Notizen über einen Marmorblock von der Hand Michelangelos. Auch Bizarres ist in der Heldengalerie zu finden: Mozarts Ehevertrag mit Constanze Weber, ein verunglücktes Klavierduett des Hobby-Komponisten Friedrich Nietzsche und ein Kompass aus dem Nachlass Beethovens. Sogar Redeskizzen Adolf Hitlers von 1928 sind dabei: Zweig, allzeit von welthistorischen Gestalten fasziniert, erstand diese 13 Seiten im August 1933 für 1000 Reichsmark; wenig später nahm er sie mit ins Exil wie einen düsteren Fetisch.

DER SPIEGEL 3/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.