16.01.2006

PHILOSOPHENDer Blick des Anderen

Der französische Gelehrte Emmanuel Lévinas, vor 100 Jahren geboren, ist so aktuell wie noch nie - vor allem durch seine Kritik an der liberalen Ego-Gesellschaft.
Der Mensch ist ein verrücktes Tier, fähig zu Gedankengängen wie diesem: Der Andere ist vor mir da und darum wichtiger als ich. Ich sehe, dass er mich ansieht, und er sieht so auch mich. In seinem "Antlitz" zeigt sich eine unendliche Fremdheit, aus der mich "die ganze Menschheit" anblickt und sagt: "Du wirst keinen Mord begehen." Die "Spur des Unendlichen" im Anblick des Anderen macht diesen für mich unendlich kostbar. Das zwingt mich in eine strikte "Verantwortung" für ihn.
Das Verrückteste an diesem Gedankengang ist die Behauptung seines Erfinders, damit der Wahrheit menschlicher Existenz näher gekommen zu sein als alle Philosophen vor ihm. Der unbescheidene Erfinder: Das ist der französische Philosoph Emmanuel Lévinas (1906 bis 1995), der noch nie so aktuell war wie in der Blütezeit des neoliberalen Ego-Trips, also heute.
Bei seinem Tod gab es haufenweise lange Nachrufe, denen so gut wie nichts gefolgt ist; jetzt aber, zu seinem 100. Geburtstag, sind gleich vier neue Bücher von ihm und über ihn erschienen.
Lévinas ist ein Mystiker des sozialen Engagements, dessen Entschiedenheit und Originalität ohne einen Blick auf sein
ungewöhnliches Leben nicht zu verstehen ist: Er wurde im litauischen Kaunas ge-boren, die Eltern waren strenggläubige Juden, der Vater hatte einen kleinen Schreibwarenladen. 1923 ging er als Student nach Straßburg, von dort aus war der Weg nicht weit nach Freiburg, wo er 1928/29 Seminare der berühmten Philosophen Edmund Husserl und Martin Heidegger besuchte.
Dieser Aufenthalt in der badischen "Stadt der Phänomenologie", wie er sie selbst einmal nannte, hatte Folgen: Er promovierte nicht nur über Husserls Theorie der Intuition, sondern machte dessen "Cartesianische Meditationen" 1931 in Frankreich bekannt (das Buch erschien dort 20 Jahre früher als in Deutschland). Zu den begeisterten Lesern seiner Doktorarbeit gehörte Jean-Paul Sartre. Später hat sich Lévinas vor allem mit Heidegger auseinandergesetzt, dessen Denken er ebenso bedeutend wie - nach dem "Nazi-Rektorat" 1933 - enttäuschend fand.
Schon 1931 war Lévinas französischer Staatsbürger geworden. 1939 wurde er zum Militärdienst eingezogen. 1940 geriet er in deutsche Gefangenschaft und musste in der Lüneburger Heide, nahe Fallingbostel, als Waldarbeiter schuften. Die französische Offiziersuniform rettete ihm das Leben, während seine Eltern, zwei Brüder und Angehörige seiner Frau von den Nazis ermordet wurden. Niemals wieder, auch nicht als etablierter, mit dem Heidelberger Karl-Jaspers-Preis geehrter Professor, unter anderem an der Pariser Sorbonne, hat er deutschen Boden betreten.
Lévinas wahrte von Anfang an klare Distanz zum Nationalsozialismus, aber auch zum Marxismus. Wie er dies begründet hat, belegt ein Zeitschriftenbeitrag aus dem Jahr 1934, der - unter dem Titel "Einige Betrachtungen zur Philosophie des Hitlerismus" - nun erstmals auf Deutsch vorliegt, in dem Sammelband "Die Unvorhersehbarkeiten der Geschichte"*.
Bemerkenswert an diesem Aufsatz ist zunächst die tiefgekühlte Sachlichkeit, mit der ein jüdischer Intellektueller speziell den Nazi-Rassismus analysiert, als hätte er nicht allen Grund zu einem Hassgesang.
Mindestens ebenso überraschend ist, dass Lévinas im schwülstigen Hitlerismus "tatsächlich eine Philosophie" wahrnimmt und ihn gerade deshalb für "schrecklich gefährlich" hält. Bis heute fühlen sich politisch korrekte Warner vor Rechtsradika-
lismus ja regelmäßig verpflichtet, dessen explosive Ideologie philosophisch nicht besonders ernst zu nehmen.
Lévinas argumentiert: Marxismus wie NS-Rassismus denken materialistisch und haben beide den "Zauberstab der Vernunft", der das Freiheitspathos der Aufklärung trug, weggeworfen. Die wichtigste Materie der Marxisten ist die Ökonomie, die wichtigste Materie der Rassisten dagegen ein obsessives "Gefühl für den Leib", für die "mysteriösen Stimmen des Blutes".
Der marxistische Bruch mit dem aufgeklärten Liberalismus ist "kein endgültiger", weil immerhin für möglich gehalten wird, dass sich der Mensch in ferner Zukunft aus dem "Fatalismus" der Klassensituation befreit. Anders der NS-Rassismus: Er erklärt "das Biologische" zum "Herzstück" des geistigen Lebens und profitiert dabei von der einzigartigen Identitätserfahrung, die uns die "Wärme unseres Körpers" zuspielt, die ihn uns näher bringt und vertrauter macht als den "Rest der Welt".
Der NS-Rassismus bejaht dieses "ursprüngliche Gefesseltsein an unseren Leib", als handelte es sich um einen Befreiungsakt, und heroisiert es in einem "germanischen Ideal". Dabei wirkt er auf tragische Weise "authentischer" als jener Liberalismus, der allzu gern seine Fähigkeit, an allem und jedem zu zweifeln, "in einen Mangel an Überzeugung" verwandelt.
Diesem Liberalismus, der sich heute viel offensiver als Ende der zwanziger Jahre mit einer florierenden Konsumwelt verbündet, setzt der Rassismus eine teuflische "Idee" entgegen: die "Idee der Expansion", die auf die "Einheit einer Welt von Herren und Sklaven" zielt. Lévinas resümiert in einer für das Jahr 1934 erstaunlichen Weitsicht: "Nietzsches Wille zur Macht, den das heutige Deutschland wiederentdeckt und glorifiziert, ist nicht nur ein neues Ideal; es ist ein Ideal, das seine eigene Form der Universalisierung gleich mitliefert: nämlich den Krieg und die Eroberung."
Anlässlich der US-Übersetzung dieses Textes, die 1990 in der Zeitschrift "Critical Inquiry" erschien, formulierte Lévinas ein spätes Nachwort. Darin macht er für die "blutige Barbarei des Nationalsozialismus" jene "Möglichkeit des elementalen Bösen" verantwortlich, gegen die die abendländische Philosophie "nicht ausreichend" Schutz biete, egal ob als Kants "Subjekt", Heideggers "Dasein" oder als ökonomisches Sein, das ja laut Marx das Bewusstsein bestimmt.
Hier schließt Lévinas an mit seiner Kernthese, die "eigentliche Würde" erlange das menschliche Ich erst dann, wenn es "Verantwortung für den anderen Menschen" übernehme. Dazu werde es berufen von "einem Gott", der sich "im Gesicht des anderen Menschen" offenbart, im "Antlitz" jenes Anderen, der einzigartig ist und dessen Sterblichkeit jedermanns Zuwendung erfordert. Lévinas erläutert diesen Zusammenhang ausführlich in seinem Buch "Totalität und Unendlichkeit" (1961, deutsch 1987).
Dieser Philosoph weist einen Ausweg aus der falschen, aber fast täglich beschworenen Alternative zwischen Liberalismus und Fundamentalismus. Lévinas ist ein abgründiger Humanist, der das Unbedingte nicht theoretisch behauptet, sondern als Ethik der Achtung formuliert, als Ethik der absolut verbindlichen, auch in seiner Körperlichkeit wunderbar rätselhaften Ich-du-Beziehung.
Er denkt durchaus tolerant, dies aber radikal. Auch wer ihm nicht folgen mag, muss zugeben: So sollte eine Philosophie gebaut sein, die aus dem bloß pragmatischen, nichts als egoistischen Konsum-Larifari herausführt, ohne einer totalitären Rattenfänger-Ideologie zu erliegen.
MATHIAS SCHREIBER
* Emmanuel Lévinas: "Die Unvorhersehbarkeiten der Geschichte". Aus dem Französischen von Alwin Letzkus. Verlag Karl Alber, Freiburg/München; 184 Seiten; 32 Euro. Ebenfalls neu bei Alber: Wolfgang Nikolaus Krewani: "Es ist nicht alles unerbittlich - Grundzüge der Philosophie E. Lévinas'". 372 Seiten; 34 Euro; Christoph von Wolzogen: "Emmanuel Levinas - Denken bis zum Äußersten". 232 Seiten; 22 Euro. - Thomas Bedorf, Andreas Cremonini (Hg.): "Verfehlte Begegnung - Levinas und Sartre als philosophische Zeitgenossen". Wilhelm Fink Verlag; 260 Seiten; 39,90 Euro.
Von Schreiber, Mathias

DER SPIEGEL 3/2006
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