08.06.1970

FILM / WERTOWLieder von Lenin

Am Ende seines Lebens beneidete Dsiga Wertow den russischen Dichter Majakowskij, der 1930 Selbstmord begangen hatte: "Jetzt streiten alle seine Bücher für ihn -- ein reiches Erbe. Gut. daß er kein Regisseur war."
Regisseur, Filmregisseur war Wertow (1896 bis 1954) selbst. Er war der größte Avantgardist des sowjetischen Films, der Erfinder einer "hundertprozentigen Sprache des Kinos" (Wertow). Doch sein ganzes Werk, so schrieb er in sein Tagebuch, sei ihm verstümmelt, falsch kopiert, verschnitten oder einfach weggeworfen. kurz "gänzlich ausgelöscht" worden. Denn: "Einen Film bewahrt man nicht in der Handschrift auf."
So völlig vernichtet, wie Wertow klagte, sind seine Filme indessen keineswegs -- in diesem Jahr reicht sein Nachlaß immerhin für zehn Wertow-Festivals in der westlichen Welt aus. so in Paris, Brüssel und Stockholm. Die größte Retrospektive zeigte kürzlich das "Österreichische Filmmuseum" in Wien, dessen Kurator Peter Konlechner allein neun abendfüllende Wertow-Produktionen beschafft hatte, darunter Hauptwerke wie "Drei Lieder über Lenin" (1934) und "Der Mann mit der Kamera".
Dieser "Mann". ein 1928 gedrehter Stummfilm, ist gleichsam Wertows Selbstdarstellung und ein Katalog seiner Film-Raffinessen. Das Lichtspiel-Experiment porträtiert einen Kino-Operateur, der -- so schrieb die Berliner "Weltbühne" 1929 -- "aus dem Käfig des Ateliers in das Leben hinausgegangen ist". Wertow arbeitete dabei mit vielen seither zur Filmer-Routine gewordenen Branchen-Tricks: mit Zeitraffer und Zeitlupe, Rücklauf-Aufnahmen, optischen Verkürzungen und überraschender Montage. Bald postierte er die Kamera zwischen Eisenbahnschwellen unter fahrenden Zügen, bald auf beweglichem Podest.
Bewegung war das Programm des Regisseurs, das der als Denis Arkadjewitsch Kaufman in Bialystok geborene Bibliothekarssohn schon durch seinen Künstlernamen verkündete: "Dsiga" ist
Unablässiges Rotieren gemäß einer "gesetzmäßigen Phantasie der Bewegungen" verordnete Wertow der Filmkamera in einem 1923 verfaßten Manifest. Im gleichen Dokument verlangte er die "Entwaffnung der theatralischen Kinematographie", die Vertreibung von Musik, Literatur und Theater aus dem Film. haderte mit den Spielfilm-Romantikern und rief dazu auf, ihren "Tod zu beschleunigen". Gegenbeispiele zum eingängigen Unterhaltungskino produzierte Wertow in seinem "Mann mit der Kamera", dann. 1930, in seinem Tonfilm-Debüt "Simfonija Donbassa", das den Aufbau eines Industriezentrums wiedergab, im ersten Trickfilm ("Heute") der Sowjet-Union und in täglichen Dokumentarberichten.
Keine Strapaze war dem Pionier zu groß, um sein Ideal des "Faktenfilms" zu erreichen. In der Bürgerkriegszeit fuhr er monatelang in Zügen mit eingebauten Filmlabors zwischen den Schlachtfeldern umher, Später suchte er seine Motive in Seuchengebieten, auf Straßen, in Fabriken und Elendsquartieren, "wo Lachen und Weinen, Sterben und Steuerzahlen nicht den Anweisungen eines Filmregisseurs unterworfen sind". Er selbst wohnte, in Moskau, lange Zeit mit Fremden in einer überfüllten kleinen Wohnung und notierte 1936 im Tagebuch: "Der glückliche Edison -- er war taub."
Entnervend fand Wertow jedoch vor allem den Umstand, daß ihn in Stalins Sowjet-Union "niemand liebte". Der Künstler wurde trotz proletarischer Gesinnung als Formalist denunziert und ständig durch bürokratische Schikanen behindert und isoliert. "Wer", so fragte er pathetisch, "gibt dem Aussätzigen die Hand?"
So ließen die Apparatschiks den Abweichler zwar offiziell gewähren, verweigerten ihm aber Honorare und Arbeitsstätten, teilten ihm bisweilen untaugliches Filmmaterial zu und warben seine Mitarbeiter ab. Seine dennoch vollendeten Filme wurden, wenn überhaupt, nur in kleinen Kinos gespielt; meist aber verrottete das Material unkopiert in den Archiven.
"Leider", erfuhr nun der Wiener Wertow-Bewunderer Konlechner bei seinen Retrospektive-Vorbereitungen aus der Moskauer Filmhochschule, "sind die meisten Stummfilm-Negative zugrunde gegangen, von Schimmel befallen und nicht wiederherzustellen."
Diese mangelhafte Konservierung des Wertow-Erbes entsprach zumindest bis vor kurzem durchaus der generellen Einschätzung des Film-Revolutionärs in der Sowjet-Union. Erst im Lenin-Jahr mit seinem riesigen Bedarf an einschlägigen Kunstwerken wurde wenigstens der Tonfilm-Hymnus "Drei Lieder über Lenin", den Wertow aus Dokumentaraufnahmen vom Aufbau des Landes und vom Begräbnis des Sowjet-Gründers, aus dessen auf Schallplatten konservierter Stimme, Volkspoesie und Arbeiter-Interviews komponiert hatte, wieder in Moskau aufgeführt.
Auch Konlechner wurde, nach anfänglichen Mißerfolgen, noch in Moskau fündig: Neben amerikanischen Wertow-Fans steuerte der sowjetische "Gosfilmfond" schließlich Wochenschauen und mehrere Spielfilme zur Wiener Wertow-Ehrung bei. Die einstige Ehefrau und Mitarbeiterin des Regisseurs, Jelisaweta Ignatjewna Swilowa, 70, durfte zum Wiener Festival erstmals ins Ausland reisen.

DER SPIEGEL 24/1970
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