08.06.1970

„INDIVIDUALISTEN KÖNNEN WIR NICHT GEBRAUCHEN“

Am Tage steht die Sonne beinahe senkrecht über dem Thermalbad von Comanjilla, dem Quartier der 22 deutschen Fußballspieler. Masseur Deuser arbeitet unter einer Palme an den Schenkeln des Mittelstürmers Gerd Müller. Helmut Haller macht die Photographen auf sich aufmerksam, indem er sich zu einheimischen Kindern ins Plansehbecken setzt.
Schwerbewaffnete Polizisten bewachen. Man spricht von weiten Reisen und Grand-Hotels. In Comanjilla mischen sich der Mief von Kohlenpott, Wohnküche und Landschulheim mit dem Flair des Jet Set.
Der Schalker Klaus Fichtel denkt an seinen Taubenschlag daheim. "Was die Tiere wohl machen?" Franz Beckenbauer bespricht mit der Frau seines Managers Schwan neue Werbeaufträge. Willi Schulz spekuliert in unverfälschtem Kumpel-Deutsch mit Horst Wolter über Börsenprobleme.
Die überkommene Sprache des Fußballplatzes verschmilzt mit dem Fachjargon smarter Kapitalanleger und den abgewogenen Platitüden interviewgewohnter Stars.
Meist geht die Kommunikation am Swimming-pool und auf dem Trainingsplatz in gepflegter Form vor sich. Wenn Schnellinger, verstimmt über die Degradierung zum Ersatzmann, während eines Probespiels zum drittenmal "Scheiße" sagt, wird Helmut Schön ärgerlicher als über einen unentschuldbaren Fehlpaß: "Karl-Heinz, das wird allmählich abgeschmackt." Und Schnellinger sagt beim nächsten Patzer "Mist".
Bundestrainer Schön meint, es sei erfreulich zu beobachten, wie die Persönlichkeiten der Spieler mit den fußballerischen Aufgaben gewachsen sind. "Die Jungen sind keine Universitäts-Professoren. Aber sie haben gelernt, sich auf Banketten zu bewegen wie Weltmänner. Es ist kaum einer dabei, der nicht ein passables Fernsehinterview geben kann."
Mannschaftsarzt Professor Hans Schoberth geht noch etwas weiter. Er glaubt, der Intelligenzquotient der Spieler liege meist erheblich über dem Durchschnitt. Daß für einen Spitzenspieler, abgesehen von der Intelligenz, die Charakterstruktur mindestens ebenso entscheidend ist wie die Struktur der Beinmuskulatur, davon ist der Mediziner und Psychologe überzeugt.
Die Mannschaft, die 1970 um den Coupe Rimet kämpft, sagt er, hat kaum noch etwas gemein mit Herbergers Truppe, die 1954 die Trophäe gewann.
Da ist Uwe Seeler, neben Fritz Walter der erfolgreichste Fußballspieler der Bundesrepublik. Mit kaum zwanzig war er in Westdeutschland prominenter als Politiker, Filmstars oder Menschheitsbeglücker. Mit 33 spielt er nun in seiner vierten Weltmeisterschaft.
Er antwortet selbstbewußt, ohne die Spur von Überheblichkeit, vorsichtig und doch ehrlich, im breiten Hafen-Hamburgisch mit dem Vokabular des hanseatischen Mittelstandes. Am wenigsten kann Uwe sich über sich selbst wundern.
Nach dem Volksschulabschluß wurde der Sohn eines fußballspielenden Hafenarbeiters Vertrags- und Nationalspieler. Die Frage, ob der plötzliche Ruhm ihn nicht aus dem Gleichgewicht habe werfen können, scheint er immer noch nicht ganz zu begreifen: "Wissen Sie, ich bin wohl ein Typ, der sich nicht leicht durcheinanderbringen läßt." Dann kommt er auf seine Frau Ilka, wie immer wieder im Gespräch. "Wenn ich sie nicht gehabt hätte ..." Glaubte man Seelers ungespielter Bescheidenheit, ist er durch seine Frau geworden, was er ist,
Die Frau, die Kinder, der Bungalow sind für die meisten neben dem Ball zweiter Pol ihres Lebens. Beinahe jeden Tag telephonieren sie über den Atlantik nach Hause, wollen wissen, wie das Wetter ist, ob sonst alles in Ordnung sei, und erzählen, daß es in Mexiko nicht so gut läuft. "Ein bißchen Heimweh haben sie natürlich alle", gesteht Uwe.
Den Verführungen des Starruhms könnte Uwe Seeler sowenig erliegen wie die Mehrheit seiner Kollegen. Ob er sich überhaupt als Star fühle? "Na sicher, irgendwie. Aber das heißt doch im Grunde nur unbedingte Disziplin und harte Arbeit."
Vor allem die Jüngeren genießen den Ansturm von Autogrammjägern ein bißchen, unterdrücken die Freude kaum, wenn ein mexikanischer Junge ihren Namen mühsam artikuliert, lassen sich das anbiedernd-gönnerische Schulterklopfen der fettleibigen Fabrikanten auf Fußballurlaub mit einer Mischung von Stolz und Verachtung gefallen. Aber als richtiger Star kann sich keiner von ihnen geben. Der Ruhm kostet zuviel Schweiß.
Uwe Seeler wird zu Hause gegen sieben Uhr von seinen drei Töchtern geweckt, frühstückt, kümmert sich um seine Geschäfte bis zum Training, arbeitet wieder Bilanzen und Akten durch. Zwei Tage in der Woche ist er meist als Generalvertreter der Sportschuhfirma Adidas unterwegs. Nebenbei muß er sich noch um eine Tankstelle und viele Werbeaufträge kümmern. Er sagt: "Die größte Gefahr ist, daß ich mir zuviel aufbürde. Aber meine Frau hat mich immer noch gerade rechtzeitig gestoppt."
Seeler, heißt es, ist heute ein guter Millionär. Einen Bruchteil hat er davon mit Fußballspielen schwer verdient. Eine ganze Menge hat ihm sein Name gebracht. Das meiste hat er sich hart erarbeitet. Hätte man dem Sohn des Hafenarbeiters Erwin Seeler, der es durch Fußballruhm zum Barkassenführer brachte, eine andere Chance gegeben, nach oben zu kommen, er hätte sie wohl genauso unerbittlich genutzt.
Den Willen, rauszukommen aus dem Hinterhof, hat Uwe schon von seinem Großvater. Der, erzählt er, war ein Politischer: Arbeiterbildungsverein, Gewerkschaft, Sozialdemokratie. Ob sich auch Enkel Uwe für die Politik interessiert? "Nein, ehrlich, dafür habe ich einfach keine Zeit."
Die SPD hat ab und zu vergebens an das Vermächtnis des Großvaters appelliert und ihn für ihre Werbung zu gewinnen versucht. Uwe ist für die Freie Marktwirtschaft, und im übrigen sagt er: "Die Politik überlasse ich anderen. Ich bin Sportler und Geschäftsmann."
Das deutsche Bildungs-Kleinbürgertum hat die Nase gerümpft, als ihre Jugend in Umfragen nach ihrem Idol den Fußballer Uwe Seeler vor die Albert Schweitzers und John Kennedys setzte. Ein intelligenter Apologet bestehender Ordnung, der Theologe Helmut Thielicke, erkannte zeitig und rief in seinem emphatischen Brief ("Sehr geehrter, lieber Herr Seeler") den Kicker auf, nicht nach Italien zu gehen, sondern seine Aufgabe als Vorbild der deutschen Jugend zu erfüllen. Uwe Seeler stand und steht zu Recht für Fleiß und Disziplin, Loyalität und Geschäftssinn, für den einfach sympathischen Jungen.
Sportler und Geschäftsleute sind auch Seelers 21 Mannschaftskollegen in Comanjilla. Der Uwe war auch für viele von ihnen das große Vorbild, sie bewundern ihn beinahe alle, Dennoch ist er auch Ausnahme. Mit 33 Jahren verkörpert er alte und neue Fußball-Generation zugleich. Für ihn ist Sport und Geschäft noch nicht ganz ideale Einheit. Er sagt: "Ich bin tausendprozentiger, nein, zweitausendprozentiger Fußballer. Aber mit und vom Fußball allein könnte ich nicht leben." Er meint, der Sport sei für ihn vor allem eine "Leidenschaft".
Der Italien-Emigrant Karl-Heinz Schnellinger ist jünger. Er nennt das Fußballspielen seinen "zeitweiligen Job". Er hat keinen Nebenberuf, weil er glaubt, das vertrüge sich nicht mit einer gewissenhaften Einstellung zum Hauptberuf -- "bei aller Hochachtung vorm Uwe",
Karl-Heinz Schnellinger gab in der Obersekunda die Schule für den Fußball auf. Er st sich gewiß, daß er auch Abitur und Universität geschafft hätte, daß er auch auf anderem Wege "es hätte machen können". Aber er bereut nichts. "Schließlich habe ich meine kaufmännische Lehre noch abgeschlossen." Und: "Ansonsten sind Beziehungen alles im Leben,"
Schnellinger hat seine Beine, seine Arbeitskraft verkauft, nicht nur in der marxistischen Interpretation des Wortes, sondern auch in seiner bürgerlichen Bedeutung. Für ein Handgeld und eine Ablösesumme ist er sozusagen juristisches Eigentum des AC Mailand geworden. Seine Besitzer können ihn an andere Vereine verkaufen und ausleihen. Schnellinger bedrückt das nicht, Ihm Ist es gleich, bei welcher Firma er Geld verdient.
Uwe Seeler denkt noch in Comanjilla über seinen HSV nach. "Man ist eben zu lange dabei." Er gesteht, daß die latente Misere des Hamburger Sportvereins oft mehr an seinen Nerven zerre als die berufliche Belastung. Bis in die Familie übertrügen sich die Spannungen im Verein, erzählt er.
Der HSV ist für ihn noch eher patriarchalische Gemeinschaft als kapitalistisch orientiertes Profitunternehmen. Da gibt es dann die Konflikte zwischen dem Geschäftsmann Seeler, der sein Geld stets genausogut in einem anderen Trikot hätte machen können, und dem Sportler Uwe, für den die rot-weiße HSV-Kluft Ehrenkleid ist.
Schnellingers Credo -- wes Brot ich ess des Hemd ich trag" -- ist problemlos.
"Wissen Sie", sagt er, "wenn Ihrem Chef Ihre Leistung oder Ihr Gesicht nicht mehr passen, dann feuert er Sie auch." Daß er nicht einmal das Recht auf freie Wahl des Arbeitsplatzes mehr hat, bekümmert ihn kaum. "Da wird viel darüber geredet. Aber soviel anders als In anderen Berufen ist das auch nicht."
Daß seine Besitzer Ihn nach Belieben in sogenannten Trainingslagern internieren, den Geschlechtsverkehr untersagen, Kalorien- und Flüssigkeits-Konsum rationieren können, empfindet er nicht so direkt als Freiheitsentzug. "Der Verein hat viel Geld ausgegeben und darf alles tun, was die Leistung fördert." Er akzeptiert die Wartungspflicht des Besitzers für ein teures Produktionsmittel.
Uwe Seeler denkt da gar nicht so anders. Er spricht nur von "Berufsauffassung" und "Disziplin". Was die beiden unterscheidet, ist die Distanz zum Fußballjob. Karl-Heinz Schnellinger ist sich ziemlich im klaren über seine Situation, die er bedingungslos akzeptiert: "Fußball, diese Weltmeisterschaft, das ist doch ein ganz großes Geschäft, ein großes Theater, in dem wir nur ganz kleine Männeken sind," Oder anders: "Politik Ist dasselbe große Theater, an dem wir doch nichts ändern können."
Von den übrigen zwanzig Spielern des Weltmeisterschafts-Aufgebots denken die einen ein bißchen mehr wie Seeler, die anderen wie Schnellinger,
Im Trainingslager von Comanjilla sind die Arbeitsbedingungen kaum anders als beim AC Mailand. Schön kommt während des Gesprächs zu Uwe Seeler, entschuldigt sich und mahnt, es sei Zeit zum Mittagsschlaf. Uwe geht ins Bett. Er meint zwar, die Älteren wie er, die wüßten eigentlich schon selbst, wann sie Ruhe brauchten oder ob sie sich ein Bier genehmigen könnten. "Andererseits müssen aber gerade wir Vorbild für die Jungen sein."
Aus dem Lager von Comanjilla gibt es nur gemeinsamen Ausgang. Die schwarzhaarigen Mädchen, die in der Stadt von einem blonden deutschen Fußballspieler träumen, bekommen nicht mehr als ein Autogramm und einen unsicheren Blick. Ehefrauen werden ungern in der Nähe von Trainingslagern geduldet. Nur die Stars Seeler und Beckenbauer haben es gewagt, ihre Frauen nach Mexiko kommen zu lassen. Sie sehen sie zu einem kurzen Plausch am Swimming-pool" einem Kuß auf die Stirn, verabschieden sich am Zaun.
Die zweiundzwanzig in Comanjilla haben eine ganze Menge Geld, haben es zu etwas gebracht, gehören zu den populärsten Stars ihrer Gesellschaft und lassen sich ohne Murren behandeln wie Insassen eines Kinderheims.
Die Weltgewandtheit verbirgt bei den meisten nicht die Infantilität, in der sie künstlich gehalten werden. Internierung und Gängelung schaffen kindliche Aggressivität, die sich auf dem Fußballplatz entladen soll. Bisweilen freilich gibt es Frühzündungen. Etwa wenn der Sportstudent Wolfgang Weber einen älteren Journalisten bis zum Eintreten der Bewußtlosigkeit unter Wasser drückt.
Uwe Seeler und Karl-Heinz Schnellinger fragen immer wieder, ob denn das in anderen Berufen heute alles so anders sei. Der Mannschaftsarzt Professor Schoberth erklärt, welche Charaktereigenschaften ein Fußballspieler haben müsse, der es bis in die Nationalmannschaft bringt: ungefähr die wie Nachwuchs-Manager eines Industriebetriebes, "wenn auch auf etwas anderer Ebene".
Er muß diszipliniert sein und sich bedingungslos unterordnen können, er darf ein bißchen sensibel sein, aber muß Streß-Situationen ohne Schaden überstehen, er soll erfolgsorientiert sein, aber nicht übertrieben ehrgeizig, er braucht ein geregeltes und solides Privatleben. Schoberth: "Individualisten können wir im modernen Mannschaftssport nicht gebrauchen."
Die Normen für Herbergers Weltmeisterschafts-Elf von 1954 waren noch anders. Damals gab es in der Mannschaft einen Helmut Hahn, der Tore schießen und saufen konnte, der den Erfolg genießen wollte. Schön: "Ein großer Fußballspieler und Naturbursche," Aber mit dem Mannschaftsarzt ist sich der Bundestrainer einig, daß ein Typ wie Hahn heute kaum noch Platz in der Nationalmannschaft finden würde.
Mit dem neuen Spielertyp ist ein neuer Trainer gekommen. Man hat den Übergang von Herbergers Regiment zu Schön mit dem Wechsel der Ära Adenauer zu der Erhard-Kiesingers verglichen. Dem Diktator Herberger ist jedenfalls der autoritär-demokratische Schön gefolgt.
Schön ist noch nicht der eiskalte Trainer-Manager, den, wie viele Experten meinen, der moderne deutsche Fußball eigentlich braucht. Gebildet und sensibel, eher Schöngeist als Intellektueller, ist er der Mann der Übergangsphase.
Er ist ein Zauderer, er läßt sich beeinflussen. Da ist er. anders als Herberger, Demokrat. Wenn "Bild" wiederholt fordert, der "Italiener" Haller müsse in die Mannschaft, dann kann er dem sowenig widerstehen wie die Abgeordneten des Bundestages, die sieh von dem Blatt zur Telephongebübren-Debatte aus den Ferien holen ließen. Er muß den Millionen Lesern und Fernsehern wenigstens eine Halbzeit beweisen, daß Haller wirklich nicht fit für eine Weltmeisterschaft ist.
Innerhalb der Mannschaft hält der Trainer freilich nichts von Demokratie und von Mitbestimmung. Er kann sich darauf berufen, daß die Spieler das auch nicht wollen; er fragt sie zum Beweis. Held sagt: "Viele Köche verderben den Brei." Schnellinger: "Einer muß bestimmen, das ist überall so."
Schön hat eine Fähigkeit, die den von seinen Fachkritikern behaupteten mangelnden Sachverstand gewiß aufwiegt. Er vermag aus den Komponenten Geschäft und Sport eine neue, wundersame, heile Fußballwelt zusammenzusetzen, er findet für sich und seine Spieler die ideale Synthese aus seinem allen Dresdner SC und dem AC Mailand Schnellingers.
Es geht ihm wider den Strich, wenn seine Spieler wenige Tage vor dem ersten Match darum feilschen. ob sie mehr verdienen mit den drei Streifen der Firma Adidas auf den Fußballschuhen oder dem einen des Fabrikats Puma. Aber er vermag vor allem das Gute am Fußballgeschäft zu sehen. Er spricht von der größeren Moral der Profis. nämlich der Berufsmoral.
Die kickenden Geschäftsleute kann er nicht nur das Essen mit silbernen Löffeln lehren. Er führt sie auch in Opernhäuser, wenn auch vorerst nur zu Operetten und Musicals.
Er ist stolz auf seine Männer, wenn er sie in die Ausgehuniform gesteckt hat. Er achtet auf ihre Haartracht: "Natürlich, modisch darf sie sein, ruhig ein bißchen länger als früher. Aber es muß doch immer anständig und adrett aussehen."
Die Jungvolk-Homantik seiner Fußballjahre weiß Schön fugenlos in das System des Profit-Fußballs einzufügen. Selbstverständlich kriegen die Spieler auch für die Weltmeisterschaft Geld. Aber vor dem letzten Spiel wird nicht darüber gesprochen.
Schön stellt mit Befriedigung fest, daß seine Männer eher konservativ sind. "Nein, zur Rebellion taugen sie alle nicht." Apo und so etwas, das käme nicht an. weil die Spieler eben zu sehr Geschäftsleute und Sportsmänner seien. "Diese Demonstrationen, das widerspricht einfach dem Geist des Sports und der Fairneß."
Die kapitalistische Leistungsgesellschaft gehorcht für Schön den Gesetzen des Sports, wie umgekehrt der Sport den Spielregeln von Erfolg und Profit.
In Comanjilla wird versucht, die Prinzipien eines kapitalistischen Industriebetriebes auf eine Fußballmannschaft zu übertragen -- die modernsten Prinzipien. Bis zur Nominierung des Zweiundzwanziger-Aufgebots wurden die Kandidaten zur gnadenlosen Konkurrenz auf dem Rasen provoziert. Nachdem die Auswahl dann getroffen war, sollte es keinen Konkurrenz-Kampf um die endgültigen Plätze in der Mannschaft mehr geben.
Rivalen wie Müller und Seeler wurden zusammen in ein Zimmer gelegt. Professor Schoberth übernahm die psychologische Umstellung der Spieler vom Konkurrenz- zum Team-Bewußtsein. Seit ihrer Ankunft in Mexiko wird ihnen eingehämmert: Hier spielen nicht nur die elf, die auf den Rasen laufen, sondern den Erfolg erringen alle 22.
Die seelische Aufrüstung folgte den letzten Erkenntnissen der Betriebs-Psychologie, trainiert und gespielt wird mit den neuesten Forschungsergebnissen der Arbeitsmedizin. Aus den Spielern von einst sind Fußball-Technokraten geworden. An die Stelle der altväterlichen Mannschaft ist das Team getreten.
In Comanjilla präsentiert der DFB der Welt einen Mikrokosmos westlicher Leistungsgesellschaft made in Germany.
Zumindest der Fußball aber scheint den Gesetzen der Technokratie nicht immer zu gehorchen. Außenseiter aus dem Fußhall-Niemandsland Marokko jedenfalls brachten sie gehörig durcheinander. Sie waren nicht in stiller Abgeschiedenheit auf ihre Aufgabe wissenschaftlich vorbereitet worden, sie wohnten dort, wo León am lautesten ist. Man sah sie spät abends, in der Linken eine Zigarette, in der Rechten eine Mädchenhand, vor sich ein Bier. Die deutschen Fachkritiker hatten die Marokkaner mit Hohn überschüttet.
Sie waren den deutschen Profis in der Bautechnik und im Kopfballspiel unterlegen. Nicht einmal gewinnen wollten sie, nur mitmachen, hatte ihr Trainer vorher erklärt.
Sie hatten nur einen fatalen Spaß am Fußballspielen. Sie spielten den Ball bis ins deutsche Tor. Sie vergaßen beim Wiederanpfiff zur zweiten Halbzeit ihren Torwart in der Kabine.
Unsere Elf arbeitete schwer. Sie hatte der Spielfreude der Afrikaner neben Technik. Taktik und Kondition auch die Wut des Gedemütigten entgegenzusetzen. Hätte jedoch der Veteran Uwe Seeler nicht wieder einmal die Kraft gefunden, die ihm sein etwas anachronistisches Verständnis vom Fußballer-Beruf gibt, wäre nicht Gerd Müller das Leder von der Latte auf den Kopf getropft -- wehe.
Die Experten wußten hinterher, daß Beckenbauer besser Libero ... Haller erst gar nicht ... 4-2-4-Formation erfolgreicher gewesen wäre als 4-3-3 ... Schön überhaupt ... Denn das System muß ja richtig sein.
Von Kai Hermann

DER SPIEGEL 24/1970
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