27.04.1970

SOLASWacht auf

Fromme Schwestern werden unterm Galgen geschändet, im Theater fallen Schüsse, und eine hysterische Kleinstadt-Kassandra irrt schreiend durch den Film: "Wacht auf, Kubaner!"
Der schrille Weckruf wurde längst erhört -- zumindest in der Filmkunst ist die sozialistische Zuckerinsel fortschrittlicher als alle lateinamerikanischen Bruderländer, Kubanische Filme wurden schon bei den Festivals von Moskau und Leipzig prämiiert und jüngst in Oberhausen in großer Retrospektive vorgeführt. Jetzt greift auch das ZDF zu: Zum Beginn einer geplanten Kuba-Serie präsentiert es den besten und längsten (160 Minuten) Spielfilm der Castro-Ära: "Lucia" von Humberto Solás, 27 (Montag, 27. April, 21 Uhr).
Das Drei-Episoden-Werk ist ein Lehrstück über kubanische Geschichte und die Freuden der gewonnenen Revolution: 1895, zu Beginn des 1968 entstandenen Films, führen nackt reitende Aufständische einen blutigen Kampf gegen ihre spanischen Unterdrücker. 1933, im zweiten Teil, wird der diktatorische Präsident Machado von linken Rebellen gestürzt -- doch die Mißwirtschaft im Lande dauert fort.
Erst im Jahre "196..." ist das Inselvolk dank Castro glücklich: Ein Lied preist "die frische Luft, den Sonnenschein und das zarte Erröten", während die Kubaner zur Arbeit tänzeln.
Besser als dieser propagandistische Hymnus auf die Gegenwart ist dem Regisseur freilich die Rekonstruktion der Vergangenheit gelungen: Das Milieu der dekadenten Kaffee- und Bürgerhäuser erlaubt ihm subtile Soziogramme à la Buñuel; in brutalen Gefechten kann er die Schnitt-Exzesse der Russen Eisenstein und Pudowkin repetieren, und der Zwang schlimmer Verhältnisse bietet Stoff für virtuos inszenierte Liebestragödien:
Lucia I, die fortschrittliche Heldin der ersten Episode, gibt sich, obschon bourgeois erzogen, einem Landsmann spanischer Abkunft hin, wird von ihm verlassen und bringt ihn bestialisch ums Leben. Lucia II, Gefährtin eines Freiheitskämpfers, muß mit ansehen, wie ihr Freund aus Abscheu über die von opportunistischen Genossen verratene Revolte in die Menge feuert und von Polizisten erschossen wird.
Da bleibt für die dritte Lucia des Solás-Films nur noch wenig Schicksal übrig: Sie ist "ein Opfer des Yankee-Imperialismus", weil sie nichts gelernt hat, und sie gibt ihrem eifersüchtigen Mann ein Beispiel revolutionärer Gesinnung: Gegen seinen Willen studiert sie das Alphabet und schreibt ihm einen Abschiedsbrief: "Ich verlasse dich -- ich bin keine Sklavin."

DER SPIEGEL 18/1970
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