09.03.1970

KULTUR VOM FLIESSBAND?

SPIEGEL: Binnen eines Jahres haben Sie, Herr Köhnlechner, gewichtige Anteile der zwei größten deutschen Pressekonzerne erworben
voriges Jahr ein Viertel der "Gruner + Jahr GmbH", letzte Woche ein Drittel des Springer-Imperiums. In Ihrem Bertelsmann-Konzern wird somit ziemlich alles verlegt, was man verlegen kann -- Bücher, Schallplatten, Musik, Zeitschriften, Zeitungen. Nur Bier verlegen Sie noch nicht. Oder irren wir?
KÖHNLECHNER: Nein, Bier nicht. Wir treiben aber ganz bewußt und schon seit Jahren Diversifikation. Hier ist auch das Motiv für den Einkauf bei Springer zu sehen. Wie Sie wissen, stützten wir die Risiken im Buch-Druck und Buch-Vertrieb im Lauf der Jahre ab durch Expansion in verwandte Gebiete wie Film und Fernsehen. Dienstleistungen und Musik ...
SPIEGEL: ... bis hin zur Hühnerfarm.
KÖHNLECHNER: Ja, ganz recht. Seit einigen Jahren experimentieren wir in der Agrarwirtschaft. Und das mit Erfolg, denn es erweist sich, daß in der Landwirtschaft des 20. Jahrhunderts Spezialisierung, Rationalisierung und Massenproduktion guten Erfolg bringen kann.
SPIEGEL: Wollen Sie dieses Fließband-Muster nun auch im kulturellen und geistigen Bereich anwenden -- bei Zeitungen. Büchern und Musik?
KÖHNLECHNER: Wieso eigentlich nicht, In der Technik sind größere Produktionseinheiten in der Zukunft unumgänglich. Das bedeutet hohe Auflagen, größere Reichweiten, aber nicht notwendig ein niedrigeres Niveau und schon gar nicht eine Einschränkung der Angebotsvielfalt. Dafür gibt es Im Ausland beweiskräftige Beispiele, Wir können doch heute solche Zusammenschlüsse nicht mehr nach den engstirnigen nationalen Kategorien der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts beurteilen.
SPIEGEL: Bedeuten größere Produktionseinheiten zusammen mit der von Ihnen angestrebten Diversifikation nicht zwangsläufig eine Ausdehnung der Verlagskonzerne auf das Fernsehen -- wie Springer das jahrelang gefordert hat?
KÖHNLECHNER: So notwendig die Vielfalt der Meinungen in der Presse selber ist, so wesentlich ist eine Arbeitsteilung zwischen den verschiedenen Medien der Publizistik: Presse, Funk und Fernsehen, Film. Eine wechselseitige rechtliche oder ökonomische Durchdringung dieser Bereiche sollte vermieden werden. Ihre rechtliche und wirtschaftliche Unabhängigkeit voneinander ist eine gute Voraussetzung für eine pluralistische Meinungsstruktur.
SPIEGEL: Das heißt also, Sie wollen nicht ins Fernsehen?
KÖHNLECHNER: Ich finde es notwendig, sich eine gewisse politische Selbstbeschränkung aufzuerlegen. Dazu gehört im weitesten Sinne auch, daß Bertelsmann sich vom Filmmarkt ganz zurückzieht und gegenüber allen Plänen eines kommerziellen Fernsehens Zurückhaltung wahren wird.
SPIEGEL: Dürfen wir präzisieren: Sie verzichten auf Sendelizenzen, interessieren sich aber gleichwohl für die Programmproduktion und den künftigen Vertrieb dieses Programms über Kassetten.
KÖHNLECHNER: Wir prüfen zur Zeit die Möglichkeiten der Kassette, aber ich kann jetzt schon sagen: Das gibt erst mal magere Jahre. Wer hier glaubt, schnell Geld verdienen zu können, liegt sicherlich falsch.
SPIEGEL: Keine Fernsehlizenz, fürs erste magere Jahre mit der Kassette -- aber immerhin als neue Medien in Ihrem Konzern die Tageszeitungen und die Zeitschriften. Was wollen Sie damit machen?
KÖHNLECHNER: Nun, zunächst einmal einen Beitrag leisten, die festgefahrenen Frontstellungen im deutschen Pressewesen zu überwinden. Die Presse muß insgesamt gesehen zunächst in ihrem eigenen Verantwortungsbereich das Notwendige tun. um von der Teilnahme der Mitarbeiter zu einer wirklichen Teilhabe zu kommen.
SPIEGEL: Mitbestimmung?
KOHNLECHNER: Sicher nicht in der im letzten Jahr diskutierten Form. Was ich meine, bezieht sich auf den intellektuellen und politischen Aspekt genauso wie auf den sozialen Bezug. Insoweit läßt sich die Synthese zwischen Demokratisierung und Leistung nicht in die geschichtlich vorgegebenen Formeln beispielsweise des Sozialismus oder Kapitalismus einfügen.
SPIEGEL: Die traditionelle Unternehmermentalität stützt sich auf eine feste, zuweilen verkrustete Betriebshierarchie. Worauf wollen Sie sich stützen?
KÖHNLECHNER: Eine sich demokratisierende Gesellschaft muß inhaltlich den Maßstäben der gleichen Chance, der Durchschaubarkeit, der Kontrolle, der Auswechselbarkeit der Inhaber von Führungspositionen, der Mobilität und Vielfalt entsprechen. Das läuft also auf eine funktionale Mitbestimmung hinaus.
SPIEGEL: Fördern Sie mit diesem System nicht ein Karriere- und Anpassungsdenken, das gerade im Bereich der geistigen Leistung dein Konformismus Vorschub leistet?
KÖHNLECHNER: Die Weiterentwicklung und der gerechte Ausbau der Wohlstandsgesellschaft ist ohne Leistung nicht denkbar. Es wäre jedoch falsch, Leistung mit intellektueller Anpassung verwechseln oder sie nur im Rahmen hergebrachter Hierarchien erwarten zu wollen.
SPIEGEL: Dies alles gilt für die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft. Wie möchten Sie dieses Modell auf Verlage und Presse übertragen?
KÖHNLECHNER: Neben der beruflichen Freizügigkeit und intellektuellen Unabhängigkeit der Journalisten geht es darum, allen Mitarbeitern auch im Pressewesen den Weg zu einer für sie spürbaren und gesellschaftspolitisch ins Gewicht fallenden Vermögensbildung an Produktionsmitteln zu ebnen.
SPIEGEL: Das sind Teilaspekte eines Konzepts. Konkret stellen sich für Ihr neues Pressereich auch andere Fragen. Immerhin haben sie so unterschiedliche Dinge wie das "Stern"-Redaktionsstatut und die politische Fixierung auf den gesellschaftspolitischen Status quo in der Satzung der Springer AG zu verkraften. Wie wollen Sie sich hier verhalten?
KÖHNLECHNER: Zur Problematik politischer Prinzipien: Man muß darüber im klaren sein, daß politische Richtsätze im Wandel der Zeiten immer wieder neu präzisiert werden müssen. Im Rahmen einer sich demokratisierenden industriellen Leistungsgesellschaft kommt der Presse die besondere Aufgabe zu, diese Entwicklung kritisch zu beobachten und zugleich zu fördern. Sie muß den Maßstäben einer solchen Gesellschaft in ihrer eigenen Arbeitsweise -- Stichwort sauberer Journalismus -- und in ihrer Struktur durch ein Höchstmaß an Freiheit auch verschiedener weltanschaulicher Prägungen in einem Konzern gerecht werden.

DER SPIEGEL 11/1970
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