17.11.1969

AFFÄREN / ROLLEI-WERKEUnschöne Gedanken

Niedersachsens Finanzminister Alfred Kubel sorgte sich. "Das wird allmählich zum Skandal."
Ärger hat der Minister mit der landeseigenen Braunschweigischen Staatsbank, die Weihnachten 1968 die Kapitalmehrheit der Photofirma Roltei-Werke Franke & Heidecke aus dem Besitz der Familie Franke übernommen hat. Seitdem hält sich in seinem Ministerium und bei der hohen Finanz ein Verdacht: Staatsbank-Präsident Dr. Carl Düvel habe die 60 Prozent Rollei-Anteile mit nicht ganz banküblichen Mitteln erlangt.
Zum Skandal weitete Carl Düvel die Rollei-Transaktion selber aus: Obwohl sein Präsidenten-Vertrag bei der Staatsbank noch bis Ende 1969 läuft, tut Düvel bereits seit dem Sommer als Vorstand im Hause der Allianz Lebensversicherungs-AG in Stuttgart Dienst. Und just dieses Unternehmen soll nun den halben Rollei-Besitz der Staatsbank übernehmen.
Finanzminister Kubel, dem die Aufsicht über die Braunschweigische Staatsbank obliegt, findet die Parallele zwischen Präsidentenwechsel und Paket-Transfer fatal: "Das gibt leider zu Gedanken Anlaß, die sehr unschön sind."
Heute bedauert Staatsbank-Aufseher Kubel, daß er nicht schon vor Jahren die uneingeschränkte Geschäftsfreiheit des Braunschweiger Instituts auf das bankübliche Maß reduziert hat. Während alle Vorstände deutscher Banken Großgeschäfte nur mit Genehmigung ihrer Aufsichtsräte abschließen dürfen, Ist Braunschweigs Staatsbank von einer derart hemmenden Institution frei. Ihre Satzung verlangt keinen Aufsichtsrat; der Beirat, dem Minister Kubel vorsteht, kann in die Geschäftspolitik nicht eingreifen.
Frei von jeder Kontrolle, knüpfte der Bankpräsident Düvel den ersten Intimkontakt zu den Rollei-Werken. Im Einvernehmen mit dem Rollei-Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Erich Meyerhoff löste Düvels Staatsbank im Frühjahr 1966 die Deutsche Bank als Rollei-Hausbank ab und gewährte der renommierten Photofirma einen dringend benötigten Kredit.
Darlehen waren notwendig, weil das 1920 gegründete Familien-Unternehmen, das mit seinen doppeläugigen Kameras Rolleiflex und Rolleicord Weltruf erlangt hatte, in eine Finanzklemme geraten war. Die Gründerfamilie Heldecke, mit 50 Prozent beteiligt, war nicht mehr bereit, dem schnell wachsenden Unternehmen hinreichend Eigenmittel für Investitionen zu überlassen.
Notgedrungen entschlossen sich die Frankes, die Heideckes auszuzahlen -- den Übernahmepreis von acht Millionen Mark streckte bereitwillig Staatsbankier Düvel vor und legte noch vier Millionen für Investitionen darauf.
Den Kredit mit dem stolzen Zins von 9,5 Prozent sicherte der Staatsbankier ab, indem er auf Rollei-Immobillen eine Grundschuld von zehn Millionen Mark eintragen ließ. Außerdem mußten die Photogesellschafter Witwe Ella Franke (Anteil am Rollei-Kapltal: 20 Prozent), Tochter Margot und Sohn Horst (Je 40 Prozent) ihre Sparguthaben und Wertpapiere bei der Staatsbanik als Sicherheit deponieren.
Ein Jahr später verlangte Carl Düvel auch das restliche Privatvermögen der Frankes zur Kreditsicherung. Am 31. Juli mußten sich die drei Familienmitglieder "für alle Verbindlichkeiten der Rollei-Werke Franke & Heldecke selbstschuldnerisch verbürgen".
Der abgesicherte Millionengeber Düvel lobte fortan "die glücklichen Eigenkapitalverhältnisse" bei den Rollei-Werken. Staatsbank-Chef Düvel "betonte, daß er als Bankier glücklich sein würde, wenn er bei seinen Kreditnehmern auch nur ähnliche Verhältnisse vorfinden würde" (Protokoll der Gesellschaftsversammlung vom 4. Dezember 1967).
Um so überraschter waren die Anteilseigner, als Düvel Ihnen zehn Monate später erklärte, das Unternehmen befinde sich in "akuter finanzieller Problematik. Wir sehen uns daher gezwungen, unter Hinweis auf die vereinbarten Bedingungen alle von uns gewährten Kredite zu kündigen und zum 15. November 1968 fälligzustellen".
Die Franke-Erben konnten das für die Kreditablösung benötigte Geld nicht beibringen und beauftragten deshalb ihren Vertrauensmann im Aufsichtsrat, den Dortmunder Rechtsanwalt Dr. Ferdinand Marx, bei Düvel zu intervenieren.
Marx an Düvel: "Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß die von Ihrer Bank eingeleiteten Maßnahmen dem Ziele dienen, gegen meine Mandantinnen vollstreckbare Titel zu erreichen, um im Wege der Pfändung die Anteile in Ihren Besitz zu bringen."
"Mit der ausdrücklichen Bitte um Intervention" schrieb Franke-Anwalt Marx auch an Staatsbank-Aufseher Kubel. Aber der Minister lehnte ab, da er nur bei Verstößen gegen Gesetze eingreifen könne.
Der Verdacht des Anwalts, die Staatsbank habe den Kredit deshalb so plötzlich gekündigt, um sich in den Besitz des florierenden Unternehmens zu bringen, lag nahe. Denn vier Monate zuvor hatte Staatsbank-Präsident DUvel unverblümt vorgeschlagen, die Familie möge seiner Bank 30 Prozent vom Rollei-Kapital abtreten. Die Frankes lehnten die Offerte ab.
Düvels Argument jedoch, Rollei brauche eine breitere Eigenkapitalbasis, hatte die Frankes überzeugt. Denn da sie nach Übernahme des Heidecke-Anteils stark verschuldet waren, konnten sie die Mittel für die hohen Investitionen nicht selber aufbringen, die das expandierende Braunschweiger Werk verlangte. Die Geschäftsleitung will bis 1971 den Rollei-Umsatz (1968: 50 Millionen) verdoppeln und benötigt bis 1972 rund 30 Millionen Mark Investitionskapital.
Auf der Suche nach finanzkräftigen Partnern stießen die Damen Ella Franke und Tochter Margot auf zahlreiche Interessenten, so auf die Photofirmen Minox und Zeiss. Franke-Anwalt Dr. Ferdinand Marx bot für die branchenfremde Harpener Bergbau-AG in Dortmund eine Beteiligung an.
Präsident Düvel und Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Erich Meyerhoff aber wiesen alle Bewerber ab. Düvel: "Das waren alles nur Sehleute." Noch heute empört sich der von Düvel als Sehmann abgewertete Marx, Aufsichtsratsvorsitzender der Harpener Bergbau-AG: "Ich mache solche Angebote doch nicht aus dem hohlen Bauch."
Nur einmal ließ Bankchef Carl Düvel seine Absichten erkennen. Bei einer Unterredung mit der Franke-Tochter Margot, geschiedene Meyerhoff, erklärte er im Sommer 1968: "Mir wäre es am liebsten, wenn Sie ganz aus der Firma ausscheiden und wir nichts mehr mit Ihnen zu tun haben."
Margot Meyerhoffs Versuch, Carl Düvel und ihren früheren Ehemann Meyerhoff aus dem Aufsichtsrat abzuwählen, scheiterte. Denn der Bankier hatte die Mutter Ella Franke schon Anfang 1967 durch geheimgehaltenen Vertrag verpflichtet, ihre Stimmrechte für fünf Jahre auf ihren Sohn Horst zu übertragen, der als Rollei-Geschäftsführer Düvels Firmenpolitik akzeptierte. Bei der entscheidenden Abstimmung der Gesellschafter im Herbst 1968 wurde Margot Frankes Antrag von ihrem Bruder, der 60 Prozent des stimmberechtigten Kapitals vertrat, abgelehnt.
Vor die Wahl gestellt, nach der Kreditkündigung auch ihren Rollei-Anteil durch Pfändung zu verlieren oder aber an die Staatsbank zu verkaufen, blieb Margot Meyerhoff nichts anderes übrig, als ihr 40-Prozent-Paket zu veräußern. Am Heiligabend 1968 unterschrieb sie den vorbereiteten Vertrag: Für 6,9 Millionen Mark trat sie ihren Besitz an Düvels Bank ab.
Umgehend beschloß die neue Gesellschafter-Versammlung, das Rollei-Kapital von acht Millionen Mark auf zwölf Millionen herauf zusetzen; die Kapitalerhöhung bestritt allein die Staatsbank. Am 1. Januar 1969 war Carl Düvels Institut mit 60 Prozent Rolleis neuer Herr. Margot-Bruder Horst Franke hält seither 31,7 Prozent, Mutter Elias Quote fiel auf fünf Prozent.
Nach dem Verkauf klagte Margot Meyerhoff, heute mit dem Rheinstahl-Direktor Klaus Probandt verheiratet: "Ich habe verkaufen müssen und fühle mich quasi erpreßt."
Die Staatsbankiers im Ottmerbau zu Braunschweig konnten sich an ihrer, Photo-Neuheit nicht lange freuen. Denn in der Landeshauptstadt Hannover stellte die FDP-Opposition lästige Fragen, etwa, ob die Zerschlagung von Familienbesitz mit den Aufgaben einer Staatsbank zu vereinbaren sei. Finanzminister Kubel verlangte darauf, die Bank dürfe das Rollei-Paket nicht als Dauerbesitz betrachten.
Die heiklen Diskussionen über die Methode des Paketerwerbs erreichten den Bankier Carl Düvel schon bald nicht mehr. Er kündigte zum Ultimo 1969 seinen Präsidenten-Vertrag, nahm "rückständigen Erholungsurlaub" und ging zur Lebensversicherung Allianz nach Stuttgart.
Der erste zarte Hinweis, Düvels neue Firma komme vielleicht als Käufer einer 30prozentigen Rollei-Beteiligung aus Staatsbank-Besitz in Betracht, fand sich in der hannoverschen Lokaipresse. Verwundert fragte später die "Frankfurter Allgemeine": "Allianz neuer Partner? Niemand dementierte die Nachricht, der Expräsident Düvel werde das Rollei-Paket mit zu seinem neuen Arbeitgeber hinübernehmen."
Nur einer hat etwas dagegen: Niedersachsens Finanzminister Alfred Kubel. Der Staatsbank-Aufseher, der beim Kauf des Rollei-Pakets durch die Braunschweiger nicht eingreifen konnte, will nun verhindern, daß der Rollei-Akquisiteur Düvel der Allianz die Firmen-Majorität verschafft. Minister Kubel zum SPIEGEL: "Das werde ich nicht zulassen."

DER SPIEGEL 47/1969
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