17.11.1969

PARTEIEN / SPD-NIEDERSACHSENMy fair Daddy

Letzten Winter lief er auf seinen Brettern dreimal 20 Kilometer durch den Harz und bekam dafür das "Goldene Ski-Leistungsabzeichen" des Deutschen Skiverbandes.
Letzten Montag wurde der niedersächsische Finanzminister Alfred Kubel, 60. auch für die Ausdauer auf der politischen Piste belohnt: Der SPD-Landesausschuß wählte ihn bei nur einer Enthaltung zum Kandidaten für das Amt des Regierungschefs.
So machte das sozialdemokratische Führungsgremium dem seit einem Jahr anhaltenden "Gemauschel und Gemäre" (Niedersachsens SPD-Chef Egon Franke) ein Ende, wer Nachfolger des seit Ende 1961 amtierenden Ministerpräsidenten Dr. Georg ("Schorse") Diederichs, 69, werden soll. SPD-Fraktionschef Helmut Kasimier, der sich als "Kubel-Macher" bezeichnet: "Endlich ist die Kuh vom Eis."
Den Genossen konnte es nur recht sein. Denn der gelernte Apotheker und Diplom-Volkswirt Diederichs kam zwar bei Umfragen nach den bekanntesten Politikern im Lande auf immer höhere Punktzahlen, doch daß der umgängliche Herr ein Sozialdemokrat war, blieb vielen Niedersachsen offenbar verborgen: Nach knapp sechs Jahren Diederichs-Regierung konnte sich die SPD "bei den Landtagswahlen 1967 nur mit Mühe als stärkste Partei behaupten, und bei den Kommunalwahlen im vergangenen Jahr bekam sie zum erstenmal weniger Ratssitze als die CDU. Doch Diederichs, auch "My fair Daddy" genannt, blieb standhaft: "Ich mache bis 1971. Es kann mich keiner schicken."
Daß nun freilich Kubel, den der verstorbene SPD-Vize Fritz Erler einst als "politische Mehrzweckwaffe" seiner Partei gerühmt hatte, die Nachfolge antreten würde, war bis zuletzt ungewiß gewesen. In "realer Einschätzung meiner physischen und geistigen Möglichkeiten" hatte Kubel selber noch vor Jahresfrist erklärt, daß er nach den Landtagswahlen 1971 kein Regierungsamt mehr ausüben wolle.
Nun beugte er sich doch den "drängenden Bitten und rührenden Erklärungen" (Kubel) seiner Freunde, zumal er sich auch "viel gesünder" als vor einem Jahr fühlte.
Seine Gesundheit ist dem Frühaufsteher (sechs Uhr) Kubel nach der Politik das Wichtigste: Er redet Bäume, angelt Forellen, Karpfen und Rechte und absolviert jeden Morgen mehrere Bahnen im Schwimmbad.
Einst radelte er auch -- 1933, als Kubel, Mitglied im Internationalen Sozialistischen Kampfbund, vor der NS-Hilfspolizei aus seiner Heimatstadt Braunschweig nach Berlin entkam, wo er als "Ernst Konrad" in politischen Untergrund tauchte. Wegen Vorbereitung zum Hochverrat wurde der Jungsozialist 1938 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und als wehrunwürdig eingestuft.
Nach dem Kriege ernannte ihn die britische Militärregierung zum Ministerpräsidenten des Landes Braunschweig, und Niedersachsens erster Landesvater" Hinrich Wilhelm Kopf, holte ihn als Minister nach Hannover. Minister in insgesamt vier Ressorts ist er seither -- mit einer zweijährigen Zwangspause während der Bürger-Koalition unter Heinrich Hellwege geblieben.
Die Devise .des konfessionslosen Kubel, der nicht raucht, kaum Alkohol trinkt und in Niedersachsen keine Spielbanken dulden will: "Politik ist die Kunst des Möglichen, also muß das Mögliche gemacht werden."
Und möglich war dem oft verletzend kühlen ehemaligen Mittelschüler manches: Als Wirtschaftsminister gründete er 1947 die Hannover-Messe, heute größte Industrieschau der Welt. Als Landwirtschaftsminister warf er 1959 die Antrittsrede, die ihm seine Beamten aufgesetzt hatten" in den Papierkorb ("Ich verstand die nicht"), brachte Domänen-Land in Bauernhand ("Ich bin kein Museumsdirektor") und setzte den Stufeninvestitionsplan durch, der niedersächsische Höfe wieder rentabel machte. Als Finanzminister focht er zuletzt gegen das "Besitzstandsdenken" steuerstarker Bundesländer.
Auch als Ministerpräsident will das siebenfache Aufsichtsrats-Mitglied Kubel, das sich durch seine "wirtschaftliche Tätigkeit geprägt" sieht, praktische und pragmatische Politik
machen: modernes Management "statt landesväterliches Denken, das ich für völlig überholt halte". Die Arbeit im Kabinett soll "systematisiert". in der Regierung soll, anders als in der Ära Diederichs, wieder regiert und das heißt: von Kubel entschieden werden.
So soll auch nicht mehr die SPD-Zentrale in Hannovers Odeonstraße bestimmen, wer Minister in Niedersachsen wird, sondern, so Kubel: "Die wird der Ministerpräsident ernennen."
Ob der kalkulierte Elan, mit dem er auf das Amt des Landes-Chefs lossteuert, andere vor den Kopf stößt oder nicht, ist dem Verstandesmenschen Kubel -- wie bisher stets -- gleichgültig: "Die Frage, ob ich beliebt bin, habe ich mir nie gestellt. Dieses Wort paßt nicht in mein Vokabular."

DER SPIEGEL 47/1969
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