17.11.1969

Frank Arnau über Eduard Zimmermann: „Das unsichtbare Netz“FRÖHLICHE FAHNDUNG

Dr. jur. h. c. Frank Arnau, 75, hat sich nicht nur mit zahlreichen Sachbüchern und Romanen als kriminalistischer Experte ausgewiesen: Als Polizeireporter half er 1925 in Frankfurt selber einen Mordfall aufzuklären. 1965 fungierte er im Weigand/Blomert-Prozeß als Sachverstädiger. Arnau besitzt Ehrendiplome mehrerer Polizeipräsidien und ist Mitglied der US-Sheriff-Vereinigung. -- Die Fahndungs-Show „Aktenzeichen: XY ... ungelöst“ des TV-Journalisten Eduard Zimmermann, 40, gehört zu den erfolgreichsten, aber auch viel kritisierten Fernsehsendungen. Von Zimmermanns „XY“-Buch „Das unsichtbare Netz“ bot der Verlag bislang 30 000 Exemplare verkauft. Er meldet: „61. -- 110 000 in Vorbereitung.“
Dieser dicke Werbeprospekt für den Autor und seine Fernsehsendung vermittelt ein von Seite zu Seite sich intensivierendes Gefühl wohltuender Entspannung und Langeweile. Archivphotos und Filmbilder täuschen über die Mißerfolge der Kripo und der Sendung hinweg. Erheitert wird der Leser durch acht Abbildungen des Autors auf Kunstdruckpapier.
Die im Untertitel ("Rapport für Freunde und Feinde") angesprochenen Freunde des Verfassers sitzen vermutlich in publicityhungrigen Polizeiämtern. Feinde hat er keine, es sei denn in den Kreisen minderbegabter Krimineller. Freilich, "as Zimmermann als "Feinde" bezeichnet, wird bald deutlich, wenn er sich an seine Kritiker wendet. Nach seiner Ansicht machen sich viele "die Interessen des kleinen kriminellen Teils unserer Gesellschaft zu eigen. Die Not von Millionen Geschädigten rührt sie nicht. An ihnen ist auch kaum etwas zu verdienen".
Die globale Diffamierung aller Kriminalisten, die "XY" aus guten Gründen ablehnen, würde äußerst beklagenswert sein, wäre der Urheber nicht der einzige wirkliche Nutznießer dieser auf Menschenjagd hinauslaufenden Unternehmung.
Beachtlich sind sozialphilosophisch Bekundungen Zimmermanns: "Meist nennen sie sich (die Kritiker) fortschrittlich und erkennen nicht, daß sie günstigstenfalls dem absoluten und deshalb überspitzten Freiheitsideal eines vergangenen Jahrhunderts nachhängen" Und: Bei der Überbelastung der Justiz heule falle es "den Rechtsbrechern leicht, das alte Freiheitsideal als Vorwand für Haarspaltereien zu mißbrauchen und so zu versuchen, die Rechtspflege lahmzulegen". So arbeiten also Kritiker und Kriminelle harmonisch zusammen. Nun, auch wenn man "XY" aus sachlichen Erwägungen ablehnen muß, so ist es immer noch erfreulicher, Zimmermann als Menschenjäger denn als Soziologen zu ertragen.
Zur Stützung seiner Gedanken, ebenso ungelöst wie "XY", bemüht der Autor auch Karl Marx. Allerdings sieht er dessen These vom Verbrechen als sozialen Ausgleich "oft geradezu auf den Kopf gestellt", und "immer häufiger sitzen auf der sozialen Stufenleiter die Täter oben und die Opfer unten". Sowohl Marxens These wie Täter und Opfer haben sich da recht unbequeme Stellungen ausgesucht.
Von Zimmermann erfährt der Leser, daß "ausländische und international tätige Gangster" heute "selbst aus den Ostblockländern zu Hunderten den Weg ins Wunderland (BRD) finden". So bereichert er das Wissen Unkundiger, die bisher stets nur davon gehört haben, daß in jenen Staaten arge Reisebeschränkungen bestehen. Offenbar werden sie aber für internationale Gangster erheblich gelockert.
Einerseits betont Zimmermann die Sachlichkeit der "XY"-Sendung, andererseits verleitet ihn der Drang zur Brillanz mitunter zu einem Geständnis: "Das Drehbuch wird geschrieben, und Kurt Grimm dreht über die Vorgeschichte (des Falles) einen spannenden Kurzkrimi." Wie wahr! Es ist also ein Dreh. Daß "XY" mitbeteiligt war, einen Lebensmüden zum Selbstmord zu treiben, scheint Zimmermann nicht zu berühren. Offenbar ist ihm unbekannt, daß sehr viele Selbstmordkandidaten die letztliche Tathandlung niemals begehen.
Das Versagen der Sendung "XY" im Lebach-Fall vermag Zimmermann langatmig in einen Erfolg umzufunktionieren. Die infantile "XY"-Mafia-Faselei wird durch den Hinweis auf Frau Buchela überspielt. Aber das Pkw-Kennzeichen der Lebach-Täter hätte die "Heilseherin" auch ohne "XY" erkannt. Eine einfache Wiedergabe am Bildschirm hätte genügt, so wie ja mit Hilfe des Fernsehens ohne fröhlichen Show-Klimbim schon viele Kriminelle gefaßt werden konnten, weil ihr ausgestrahltes Photo zur Erkennung und Festnahme genügte.
Erstaunlich ist es, wenn der Autor behauptet, das Bundeskriminalamt Wiesbaden habe ihn um Fahndungshilfe gebeten. Trifft das zu, so sollte man sich über die rapide Zunahme der Kriminalität in der Bundesrepublik allerdings ernste Gedanken machen.

DER SPIEGEL 47/1969
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