23.01.1967

PROZESSE / HARSTERDiese Haltung

Ob die Demokratie ihm etwas gebot oder die Diktatur ihm etwas befahl -- immer war Wilhelm Harster, 62, das Muster eines Beamten, strebsam, nur um die Sache bemüht.
Seit Montag dieser Woche steht der ehemalige Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD für die besetzten niederländischen Gebiete wegen Beihilfe zum Mord an 82 856 holländischen Juden, deren Abtransport in die deutschen Konzentrationslager er besorgte, vor dem Münchner Schwurgericht.
Der Beamte Wilhelm Harster gab der gleichförmigen Geschichte deutscher NS-Prozesse neue Züge. Pflichteifrig assistierte der einstige Oberregierungsrat in bayrischen Diensten dem Staatsanwalt beim Ordnen von Belastungsmaterial, korrekt bekannte er sich zu allen Wechselfällen seiner Beamtenlaufbahn. Harster bemühte nicht einen einzigen Entlastungszeugen.
Schon in der Weimarer Republik hatte der Jurist bei seinen Vorgesetzten als ein vorbildlicher Beamter gegolten. 1933 noch Regierungsrat im Polizeidienst. war Harster bei Kriegsende -- mit 41 Jahren -- Generalleutnant der Polizei und SS-Gruppenführer. Sein administratives Geschick bewies er nicht nur in Holland. sondern auch als Gestapo-Chef in Innsbruck (1938/39) sowie als Befehlshaber von Polizei- und SS-Einheiten in Italien (ab September 1943).
1947 während der Untersuchungshaft in Holland.
Stets wußte Wilhelm Harster den Beamten, der nur Anweisungen befolgt, und den Menschen, der sich mit Schuld belädt, so sauber zu scheiden, daß ihn sogar die Holländer 1949 lediglich wegen Verletzung der "Aufsichtspflicht" verurteilten: Der Polizeikommandeur habe nichts gegen die Zustände in niederländischen Konzentrationslagern unternommen. Er bekam dafür zwölf Jahre Gefängnis -- eine Strafe, die in erster Linie dem Amte galt und die Harster nur zur Hälfte absitzen mußte.
Wieder in Freiheit, drängte es den Verwaltungsmann erneut in den Staatsdienst. In Bayern, wo er im Entnazifizierungsverfahren als "Minderbelasteter" eingestuft wurde, startete er 1956 als Regierungsrat zu einer neuen Karriere.
Zwei Jahre danach wurde Harster zum Oberregierungsrat befördert. Der einstige KZ-Lieferant hatte sich derweil zum Experten für Gemeindefinanzen emporgearbeitet. Kenntnisreich, liebenswürdig, betriebsam -- wie ehedem erschien Wilhelm Harster als Idealbild eines Beamten.
Als 1961 in München Harsters NS-Vergangenheit publik wurde, prüfte denn auch der bayrische Staat die Vorwürfe gegen einen seiner treuen Diener höchst behutsam. Zwar wurde ein Dienststrafverfahren eröffnet, doch zwei Jahre später war noch immer kein Untersuchungsführer bestellt. Und die Politiker zerstritten sich nicht etwa darüber, wieso Wilhelm Harster überhaupt zum höheren Beamten hatte werden können, sondern darum, welche Partei dafür verantwortlich zu machen sei.
Verantwortlich waren alle. Der Landesinnenminister August Geislhöringer (Bayernpartei) und dessen Staatssekretär Ernst Vetter (SPD) hatten Harster eingestellt, der spätere Innenminister Otto Bezold (FDP) und dessen Staatssekretär Heinrich Junker (CSU) ihn befördert.
Harster beteuerte, seine Behörde habe "von der ersten bis zur letzten Sekunde meines dienstlichen Lebens Bescheid" gewußt. Die Behörde widersprach nicht, sondern gewährte dem Oberregierungsrat erleichtert die Versetzung in den Ruhestand -- krankheitshalber.
Bedächtig ermittelte auch die Staatsanwaltschaft. Binnen vier Jahren fand sie heraus, daß der "gesamte im August 1941 begonnene sicherheitspolizeiliche Einsatz zur Vorbereitung und Durchführung der "Endlösung der. Judenfrage, im besetzten Holland" von Harster geleitet worden war. Der SD-Chef hatte innerhalb seiner Dienststelle ein "Sonderreferat J" zur "Bekämpfung des Judentums in seiner Gesamtheit" eingerichtet.
Von den insgesamt 82 773 Männern, Frauen und Kindern, die Harster mit 72 Zügen in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor transportieren ließ, überlebten 317.
Der Schreibtischtäter leugnet nicht. Ihm sei, so gestand Harster schon vor der Verhandlung, zu Beginn der Deportationen bewußt gewesen, daß die Verschleppten "aufs Ganze gesehen in den Tod gingen".
Auch vor seinen Richtern blieb der pensionierte Staatsdiener korrekt und aufrichtig. Im Urteil erwartet Wilhelm Harster eine "Anerkennung dieser Haltung".

DER SPIEGEL 5/1967
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