23.01.1967

PHILOSOPHIE /SARTREFreiheit als Terror

Jean-Paul Sartre begann als Existentialist. Als Vierzigjähriger konvertierte er zum Marxismus. Als Sechzigjähriger begann er die Summe von Existentialismus und Marxismus, von Freiheit und Notwendigkeit, zu ziehen. 1960 veröffentlichte er den ersten Band seiner "Kritik der dialektischen Vernunft", der im Mai auf deutsch erscheinen soll*.
Als Sartre sieben Jahre alt war, nannte man ihn "Poulou". Er schielte und spürte, daß ihn die anderen Kinder im Pariser Jardin du Luxembourg, wo er zuweilen mit Mama Anne-Marie Sartre spazierengehen durfte, nicht leiden konnten.
In der Familie seines Großvaters, der ein Onkel des Lambarene-Eremiten Albert Schweitzer war, fühlte sich der vaterlose Knabe als "Eindringling", den niemand "ernsthaft brauchte".
Als er heranwuchs, wählte Jean-Paul Sartre, der "Poulou" von einst, die "Einsamkeit eines Schöpfers", um der "Verlassenheit des Geschöpfes" zu entrinnen. Er wurde zum Philosophen der Ungeselligkeit und Einsamkeit, ein "Existentialist".
Mit erbarmungsloser Präzision beschrieb er als 38jähriger in "Das Sein und das Nichts" (1943) -- als ob er noch den feindseligen Blick der Kinder im Jardin du Luxembourg auf sich ruhen fühlte -, daß der Mensch den Menschen nur als Objekt ansieht: "Ich ergreife den Blick des anderen als eine Verhärtung und Entfremdung meiner eigenen Möglichkeiten."
Er litt an dem bloßen Vorhandensein anderer Menschen: "Ich bin in dem Maße Sklave, in dem ich in der Tiefe meines Seins von einer Freiheit abhängig bin, die nicht die meine ist und die doch die Bedingung meines Seins ist."
In seinem 1944 uraufgeführten Schauspiel "Geschlossene Gesellschaft" bekannte er: "Die Hölle, das sind die anderen."
Die Konsequenz, die er aus der Verlassenheit zog, trug den Stempel souveränen Stolzes: Der Mensch ist das, wozu er sieh macht -- aber auch immer noch den der Qual: Der Mensch ist "zur Freiheit verurteilt".
Doch sieben Jahre später trat ein veränderter Sartre hervor. 1952 vollzog er, "nach zehn Jahren des Grübelns", wie er 1961 schrieb, seine "Konversion" zum Marxismus. Aus dem überzeugten Individualisten war der Herold einer Bewegung geworden, deren politische Praxis sich nahezu ausschließlich an dem Fortschritt der Gesellschaft orientierte, der durch die Beschlüsse der sowjetischen KP-Führung garantiert schien.
Die erstaunliche Konversion des Einzelgängers zum Marxismus spiegelte die Erfahrungen Sartres während der deutschen Besetzung wider. Die Begegnung mit der kommunistischen Résistance hatte ihn davon überzeugt, daß freies Handeln auch und vor allem in der direkten Aktion militanter Ensembles möglich ist. Seither ist für Sartre nicht mehr jeder "andere" die Hölle.
* Jean-Paul Sartre: "Kritik der dialektischen Vernunft Band 1". Rowohlt Verlag, Reinbek; etwa 848 Seiten; 48 Mark. Vier Jahre später -- als sowjetische Panzerdivisionen im Herbst 1956 den ungarischen Aufstand niederwalzten -- wurde Sartre zwar in seinem Konvertiten-Glauben an die kommunistische Weltbewegung erschüttert, doch glaubte er im Spektrum des Budapester Infernos eben jene gesellschaftliche Formation als handelnde, souveräne Figur wiederzuentdecken, die ihn schon während der Résistance fasziniert hatte: die militante Gruppe.
In seiner Ungarn-Analyse "Das Phantom Stalins" schilderte er sie als "Gruppe von Kämpfern", die das "Volk als Ganzes" repräsentierte, aber auch als "Arbeiterräte", die den bewaffneten Aufstand in den "Generalstreik" verwandelten.
Zwar vermochten auch die Arbeiterräte in Wirklichkeit nichts mehr gegen die militärische Gewalt der Sowjets, aber der aus sozialer Isolation herausstrebende und zugleich an der Freiheit des einzelnen festhaltende Philosoph Sartre blieb auf sein Idol, die "Gruppe", fixiert.
In der schon 1957/58 veröffentlichten Einleitung zu seiner "Kritik der dialektischen Vernunft" warf Sartre dem Sowjet-Marxismus vor, Freiheit und Bedürfnisse des einzelnen in der Praxis zu übergehen und nicht einmal eine Theorie des konkreten Menschen entwickelt zu haben.
Diese dem Marxismus fehlende Theorie wollte er im ersten Band seiner "Kritik" entwerfen. Sie sollte seinen -- ursprünglichen Existentialismus in den Marxismus, "die Philosophie unserer Epoche" (Sartre), integrieren.
In der "Theorie der praktischen Ensembles" (Titel von Band 1) untersucht Sartre, unter welchen Bedingungen die Freiheit des einzelnen sich im Zusammenleben mit anderen als gemeinsame Freiheit verwirklichen läßt. Er gelangt zu dem für einen Marxisten ketzerischen Schluß, dies sei in der "Gruppe", und zwar nur in der Gruppe, möglich.
Unter "Gruppe" versteht Sartre dabei ein soziales Ensemble, das sich "auf Grund eines Bedürfnisses oder einer gemeinsamen Gefahr" bildet und sich "durch den gemeinsamen Gegenstand, der ihre Praxis bestimmt", definiert.
Als Musterbeispiel einer "Gruppe" führt Sartre die Volksmasse an, die sich am 14. Juli 1789 in den Vorstädten von Paris zusammenrottete. Ihr gemeinsamer Gegenstand war die Erstürmung der Bastille, die als Symbol der absoluten Monarchie galt.
Die Gruppe entsteht, laut Sartre, "kontingent" (zufällig). Ihre Bildung hängt von den konkreten Umständen ab. Als "Gruppe im Werden" wird sie durch ihr äußeres Ziel bestimmt. Ist dies einmal erreicht, geht sie in eine neue Struktur über, die das eigene "Überleben" zum Ziel hat. Sartre nennt diese neue Struktur den "Eid".
Der Eid ist die freiwillig "verinnerte" Verpflichtung, das Überleben der Gruppe bedingungslos zu garantieren. Durch den "schöpferischen Akt" des Eides werden alle Gruppen-Mitglieder "Brüder", ihre "eigenen Söhne" und ihre "gemeinsame Erfindung". Doch die durch den Eid konstituierte Gruppen-Freiheit ermöglicht auch den "Terror" nach innen.
Die Gruppe vereint mithin -- "Terror" und "Freiheit" Sie ist "Terror-Brüderlichkeit".
Daß die Sartresche "Gruppe" als "Einheit von Freiheiten" auftritt und als "Einheit der Handlung" von absoluten Einzelpersonen getragen wird, stellt Sartres wichtigste Korrektur an jenem Marxismus dar, der den Menschen mix kollektivistisch sieht: als Funktion des Geschichts- und Gesellschaftsprozesses.
Für den französischen Denker bleibt der einzelne hingegen "souverän". Trotz der den modernen Industrie-Menschen bedrohenden Zwangsläufigkeiten -- die ihm Biologie, Psychoanalyse, Soziologie und marxistische Polit-Ökonomie vorrechnen -- hält Sartre am klassischen Humanismus der Freiheit fest.
So stellt denn auch ein deutscher Sartre-Spezialist, der Bonner Philosophie-Dozent Klaus Hartmann, in einem neuen Werk fest, Sartre habe das marxistische Bild vom Menschen als einem "fremdgesteuerten" Wesen entscheidend verändert*.
Im Gegensatz zum Sowjet-Marxismus billigt Sartre dem Menschen im freien sozialen Ensemble -- so Hartmann Eigensteuerung" zu.
In dieser Lehre Sartres sieht Hartmann einen wichtigen Fortschritt der marxistischen Sozialtheorie und die "einzig mögliche Lehre von Gemeinschaft auf der Grundlage der absoluten Einzelperson" überhaupt.
Freilich: "Eigensteuerung" -- die Freiheit des gesellschaftlich tätigen Einzelmenschen -- gibt es für Sartre nicht schlechthin, sondern nur in der Gruppe, nicht aber im Staat, nicht aber in der Gesellschaft überhaupt.
Der Bonner Philosoph nennt deshalb Sartres Auffassung "zynisch". Die Gesellschaft, der Staat bleiben, so kommentiert Hartmann die "Kritik" Sartres, dem Konflikt widerstreitender "Ensembles" überlassen. Die Gesellschaft ist immer nur "usurpierte Gesellschaft für eine souveräne Gruppe", und die "Freiheit als herrschende Gruppe" bleibt zugleich "Unfreiheit für die Vielen". Die Vielen, aber nicht alle, leben für Sartre immer noch in der "Hölle".
* Klaus Hartmann: "Sartres Sozialphilosophie". Walter de Gruyter & Co., Berlin; 220 Seiten; 42 Mark.

DER SPIEGEL 5/1967
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