16.01.1967

Der Orden unter dem Totenkopf

Die Geschichte der SS / Von SPIEGEL-Redakteur Heinz Höhne

Von Höhne, Heinz

14. Fortsetzung Machtkämpfe der SS

Mißtrauisch fixierte der Danziger NS-Kreisleiter Wilhelm Kampe die Ortsgruppenleiter, die er am 31. März 1943 zu einer Tagung in das Kreishaus der NSDAP geladen hatte. Dann schoß es aus ihm hervor wie aus einer Pistole: "Wer von Ihnen ist sogenannter Vertrauensmann (VM) des SD?"

Einer meldete sich. Ortsgruppenleiter Pohle aus Praust bekannte sich zu seinem geheimen Auftraggeber in der Berliner Wilhelmstraße 102. Jawohl, er sei bereits als VM auf den Sicherheitsdienst des Reichsführer SS verpflichtet worden, noch ehe er die Uniform des Ortsgruppenleiters angelegt habe.

Ärgerlich überschüttete Kampe den Zuträger mit Vorwürfen. Er zeichnete dabei -- wie Obergruppenführer Richard Hildebrandt, der Höhere SS- und Polizeiführer Danzig-Westpreußen, nach Berlin berichtete -- "ein Bild des VM, das nur mit dem eines vaterlandslosen und charakterlosen. Nachrichten-Agenten verglichen werden kann". Kampe zürnte, die VM-Arbeit komme der "Tätigkeit eines Spions" gleich, zu einem Spion aber könne ein Vorgesetzter kein Vertrauen haben.

Kampes Ausfall gegen den SD wurde von den Ortsgruppenleitern mit Beifall quittiert. "Spitzel!" schrie einer, "Tscheka-Methoden!" ein anderer, "GPU!" ein dritter. Ein Ortsgruppenleiter vertraute nachher dem HSSPF Hildebrandt an: "Ich muß sagen, ich war ehrlich erstaunt, welche Gehässigkeit in der Politischen Leitung gegen die SS besteht."

Die Zustimmung der Menge ermunterte den Kreisleiter, den VM Pohle ins Kreuzverhör zu nehmen. Was Pohle denn alles an den

SD berichte, wollte Kampe wissen. Pohle wich aus: Das werde er dem Kreisleiter nach Beendigung der Tagung unter vier Augen mitteilen.

Als Pohle darauf beharrte, die Arbeit für den Sicherheitsdienst lasse sich durchaus mit der Tätigkeit eines Hoheitsträgers der Partei vereinbaren, fuhr ihn Kampe an: "Aber ich dulde es nicht!" Man könne -- so erklärte Kampe -- nicht dem Gauleiter gehorchen und zugleich "Herrn Himmler" verpflichtet sein; er erwarte daher von Pohle eine Entscheidung: Entweder sei

* Mitte: Ehefrau Margarete; links: Tochter Gudrun (1942).

der Ortsgruppenleiter für die Partei oder für den SD.

Der 55-Obergruppenführer Hildebrandt alarmierte Himmler: "Die Angriffe des Kreisleiters Kampe, dieses minderwertigen Lümmels, der sich bis jetzt immer noch vom Wehrdienst gedrückt hat, gegen den SD", schrieb er am 17. April 1943, "sind so grundsätzlicher Natur, daß sie nicht mehr hingenommen werden dürfen."

Hildebrandts Meldung war nur eine von vielen, die in diesem Frühjahr 1943 aus allen Teilen des Reiches in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße einliefen und einen für das Prestige der SS bedrohlichen Sachverhalt dokumentierten:

Seit dem Herbst 1942 brandete eine interne Partei-Woge der Empörung gegen das Ausforschungssystem des SD. Mehrere Gauleiter beklagten sich bei dem Chef der Parteikanzlei, Martin Bormann, über SD-Schnüffler und warfen dem Reichsführer SS vor, er dulde, daß der SD die ihm gesetzten Grenzen -- Verbot jedweder Einmischung in Angelegenheiten der Partei -- verletze.

Als handle es sich um Agenten einer feindlichen Macht, verschärften sich die Anklagen gegen den SD von Monat zu Monat:

* Schon im April 1942 protokollierte Polen -- Generalgouverneur Hans Frank "ernstliche Vorbehalte über die sogenannten vertraulichen Informationsberichte, die der sogenannte SD über das Generalgouvernement dauernd ins Reich flattern lasse". Sie seien "reine Spitzeiprodukte schlimmster Art".

* Gauleiter Albert Florian am 30. November 1942 ·. "Meine leider bis dahin noch nicht beweisbare Vermutung, daß der SD sehr wohl in Partei-Dingen herumwühlt, ist

(jetzt) eindeutig erwiesen. Ich muß zur Selbsthilfe schreiten und

werde jedem Politischen Leiter und Angestellten die Übernahme einer Aufgabe des SD verbieten bzw. von der Genehmigung seines Kreisleiters bzw. der meinigen abhängig machen.

* Gauleiter Karl Weinrich am 22. Januar 1943: "Ich verbitte mir ein für alle mal eine derartige Beschnüfflung durch den SD. Wir sind nicht in Rußland, daß wir von einer GPU überschattet werden."

Der SD sah sich jäh einem Generalangriff der Parteifunktionäre ausgesetzt, die mit allerlei Tricks versuchten, das Agentennetz des Sicherheitsdienstes aufzudecken oder gar lahmzulegen.

Der Stabschef der SA verbot jedwede Mitarbeit im SD. SA-Scharführer Hermann Springer, stellvertretender Blockstellenleiter des SD, erhielt am 26. März 1943 von seiner SA-Standarte die Aufforderung: "Laut Anordnung der SA-Gruppe Weichsel darf kein SA-Mann im SD-Dienst sein. Innerhalb von 8 Tagen haben Sie mir eine schriftliche, eidesstattliche Erklärung abzugeben, daß Sie aus dem SD-Dienst ausgetreten sind. Falls nicht, muß ich Sie aus der SA entlassen."

Die Parteiapparatschiks versuchten, Vertrauensmänner des SD als Parteigegner zu denunzieren und dadurch unschädlich zu machen. So leitete der Danziger Kreisleiter Kampe ein Parteigerichtsverfahren gegen den Parteigenossen Kurt Öhlert, Sachbearbeiter des SD, ein und beschuldigte ihn, "den Bestrebungen der NSDAP zuwidergehandelt zu haben". Begründung: VM Öhlert habe in der Partei nicht genügend mitgearbeitet.

Andere NSDAP-Funktionäre belegten den SD mit einem totalen Boykott. Der Gauleiter Wilhelm Kube, Generalkommissar von Weillruthenien, verbot allen männlichen und weiblichen Mitgliedern seines Stabes den Verkehr mit SD-Männern und das Betreten des SD-Büros -- dienstliche Gespräche mit dem SD durften nur mit vorher eingeholter Genehmigung des Gauleiters und auch dann nur in den Räumen des Generalkommissariats stattfinden.

Selbst Parteikanzlist Bormann, damals noch dem "Onkel Heinrich", wie er Himmler nannte, freundschaftlich verbunden, ermahnte den Reichsführer am 2. Februar 1943: "Schon unlängst machte ich Sie darauf aufmerksam, daß verschiedene Gauleiter den Eindruck haben, der SD sähe seine Tätigkeit in einer Überwachung Politischer Leiter bzw. in einer Überwachung der Arbeit der Partei. Es erscheint mir dringendst notwendig, daß Sie baldigst diese Dinge in einem Rundschreiben an die Gauleiter klären."

Erst als sich Himmler aufraffte, den Gauleitern zu beteuern, der SD werde sich auf keinen Fall in Parteiangelegenheiten einmischen, blies Bormann die Attacken auf den Sicherheitsdienst ab. Die Gauleiter bekamen von der Parteikanzlei zu hören, im Interesse notwendiger Geheimhaltung sei der SD nicht verpflichtet, der Partei die Namen seiner Informanten preiszugeben.

Martin Bormann hatte den SD noch einmal vor dem Zorn der Partei bewahrt. Gleichwohl waren Himmler die Grenzen seiner Macht deutlich geworden: Zum erstenmal hatte die Schutzstaffel erfahren, daß es im Dritten Reich Mächte gab, die nicht bereit waren, ihre Privilegien an die SS zu verlieren.

Der Streit um die Vertrauensmänner des SD bedingte ein neues Kapitel in der Chronik der Schutzstaffel. Wie noch niemals zuvor, tat sich zwischen SS und Partei eine Kluft auf, die Heinrich Himmlers Weg nach oben jäh sperrte. Die Partei pochte unmißverständlich auf ihre Monopolstellung im Herrschaftsgewebe des Dritten Reiches und manifestierte, daß die SS das wichtigste Werkzeug des Führers, aber -- eben doch nur ein Werkzeug sei. Der Streit kündigte einen wichtigen Wendepunkt in der inneren Geschichte Hitler-Deutschlands an.

Monat für Monat fraßen sich Schutzstaffel und NSDAP aus entgegengesetzten Richtungen durch das Gebälk der Herrschaftsstruktur des Großdeutschen Reiches, dem innersten Zentrum politischer Macht entgegen -- der Augenblick konnte nicht mehr fern sein, da sie einander frontal gegenüberstehen würden.

Während des ganzen Krieges, so hat der britische Historiker Hugh R. Trevor-Roper den Vorgang beschrieben, war ebenso wie die SS "die Parteimaschine gewachsen; wie die SS hatte sie Funktionen der Streitkräfte an sich gerissen, besonders in Fragen der Verwaltung und Versorgung, der Befestigung und der Evakuierung; wie die SS war die Partei mit jeder Niederlage der deutschen Waffen mächtiger und unentbehrlicher geworden".

In Martin Bormann aber hatte die NSDAP nach dem England-Flug des Hitler-Stellvertreters Heß einen Funktionär gefunden, der entschlossen war, die SS von den entscheidenden Schalthebeln des Dritten Reiches fernzuhalten. Sein Regiment war ebenso lautlos wie gefährlich: Er amtierte in der innersten Kammer des Führerhauptquartiers, er kanalisierte den Verkehr zwischen Hitler und Partei, er hielt die Garde der Gauleiter und Amtswalter in seinem Griff, unauffällig, allgegenwärtig, effektvoll.

Nichts plagte den dünnblütigen Kleinbürger Himmler so sehr wie der Gedanke, es könne eines Tages zum Duell mit der Partei kommen. Er wußte nur zu gut, daß ihn die Partei nicht mochte. Er mußte dem Kampf um die letzten Positionen ausweichen, solange dadurch das Prestige der SS nicht beeinträchtigt wurde.

Mit der Parteibürokratie hatte Himmler nie einen guten Faden· gesponnen. Die meisten Apparatschiks, lebensgierige Grobiane voll eitlen Verlangens nach Ämtern und goldenen Uniformlitzen, verschmähten diesen moralspeienden Schulmeister mit seinem spinnerten Männerordens- und Germanenkult, diese blutlose, irgendwie unwirkliche Gestalt. Für die Partei blieb er ein Fremder, mochte er noch so viele Uniformen um sich scharen.

Der schier allmächtig scheinende Reichsführer reagierte denn auch höchst sensibel auf jede Kritik aus der Partei. Mochte er manchmal auch in Anwesenheit von Kripo-Beamten grollen, in Deutschland werde Ordnung erst wieder einkehren, wenn der letzte Gauleiter am Laternenpfahl auf geknüpft sei -- die Parteihierarchie brauchte nur ein wenig zu hüsteln, um ihn zu irritieren.

Schon seine mehrmals schriftlich niedergelegten Befehle, der SD dürfe niemals Parteifunktionäre ausforschen oder sieh in Parteifragen einschalten, verrieten Himmlers Empfindlichkeit. Ärgerlich reflektierte er auch jede Beschwerde der Bormann-Kanzlei über parteikritische Ausfälle der Wochenzeitung "Das Schwarze Korps" -- den Ärger bekamen die SS-Redakteure dann schriftlich auf den Schreibtisch.

Monierte die Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink Spottverse des "Schwarzen Korps", in denen sich der redaktionelle Scherzbold Michel Mumm über die alberne Geburtsanzeige eines Ortsgruppenleiters ("Wir haben uns vermehrt") lustig machte, dann gab Himmler in einem Aktenvermerk zu wissen kund: "Der Reichsführer SS wünscht, daß im "Schwarzen Korps" Gedichte von Michel Mumm nicht mehr veröffentlicht werden, da diese zu oft zu Beschwerden Anlaß gehen."

Wenn der Reichsleiter Karl Fiehler Klage führte, das "Schwarze Korps" ergreife "wie einstmals ... jüdische Blätter jede mögliche und unmögliche Gelegenheit begierig, -um ganze Beamtengruppen skrupellos zu rückständigen Bürokraten abzustempeln", oder wenn Bormann forderte, Angriffe auf einzelne Parteigenossen hätten zu unterbleiben, dann konnte die Redaktion einer Himmler-Schelte sicher sein.

"Das kommt davon", zeterte er am 2. Mai 1941, "weil dies einst einmal so hochanständige Blatt auf dieses Küchen- und Dienstmädchenniveau herabgebracht worden ist. Lassen Sie doch endlich diese blöden kleinen Anpflaumereien, die keinen Menschen interessieren, sondern offenkundig nur die Herren Schriftleiter, die damit wohl einem inneren Bedürfnis Ausdruck verleihen wollen."

Himmler hatte freilich auch ein privates Motiv, die Beziehungen zu der Partei-Eminenz Bormann zu pflegen. Von 1940 an hatte sich der SS-Chef von seiner übernervös-zänkischen Ehefrau Margarete innerlich gelöst und sich seiner ehemaligen Sekretärin Hedwig ("Häschen") Potthast zugewandt, einer attraktiven Kölnerin, die er seit 1937 kannte.

Die Kaufmannstochter, am 6. Februar 1912 geboren, war nach dem Besuch der Mannheimer Handelshochschule Mitte der dreißiger Jahre als Sekretärin in den Persönlichen Stab Reichsführer SS eingetreten und hatte bald auf den steifen Himmler (Jahrgang 1900) einen entkrampfenden Einfluß ausgeübt. Himmler wollte sich schon scheiden lassen, konnte sich dazu aber dann doch nicht entschließen.

Das Verhältnis blieb nicht ohne Folgen. Anfang 1942 sah Häschen Potthast der Geburt ihres ersten Kindes, Helge, entgegen (1944 folgte ein zweites, das Mädchen Nanette Dorothea). Für Himmler ergab sich ein kniffliges Problem. Er konnte die Mutter seines neuen Kindes nicht länger in Untermiete bei der Familie Müller in Berlin-Steglitz, Bismarckstraße 48c, wohnen lassen, er mußte ihr ein Heim geben.

Das Wohnungsproblem stellte sich um so dringlicher, als die Eltern Potthast -- ungehalten über die Liaison -- ihre Tochter immer wieder drängten, die Beziehungen zu dem Reichsführer abzubrechen. Sie meinten, Himmler könne als verheirateter Mann ihrem Kind kein bürgerliches Heim bieten. Häschens Schwägerin Hilde Potthast, Frau des an der Ostfront gefallenen Bruders, Dr. Walter Potthast, machte sich zum Dolmetsch der elterlichen Gefühle.

"Der Eltern wegen wünschte ich, daß Du möglichst bald heiraten würdest", schrieb sie. Und in einem anderen Brief: "Ich befürchte, Hedwig, daß es nie zu einer Versöhnung (mit den Eltern) kommen kann. Sie würden jederzeit alles verzeihen, wenn Du Dich von ihm trennen würdest oder wenn er sich für Dich frei machte. Dein Zusammenleben mit ihm ist das Härteste an der ganzen Sache."

Schwägerin Hilde ließ nicht locker: "Er ist nun einmal verheiratet, und sie sehen die ganze Angelegenheit als Betrug seiner Frau und Mißachtung Dir gegenüber an. Mutter frug mich, ob seine Frau es nun wüßte, ich mußte ihr da ja leider sagen, daß es bis jetzt, soviel ich wüßte, nicht der Fall sei. Das legte sie dann als Feigheit aus. Die Eltern leiden ganz schrecklich darunter."

Himmler mußte ein Heim schaffen, wollte er Hedwig Potthast nicht verlieren. Doch womit? Der Herr des SS-Imperiums, der Gebieter der wirtschaftlichen SS-Unternehmen, der Beherrscher des größten Polizeiapparats deutscher Geschichte, verfügte nicht über Privatkapital. Dem Gefürchteten kam keine andere Idee, als das zu tun, was auch andere Parteigenossen taten: bei der Parteikanzlei einen Kredit zu beantragen.

Bormann bewilligte ihn großzügig und zahlte Himmler 80 000 Reichsmark aus, mit denen der SS-Chef nahe dem Königssee in Berchtesgaden-Schönau für Hedwig Potthast ein Haus bauen ließ. "Haus Schneewinkellehen" begründete auch eine zeitweilige Allianz zwischen Himmler und Bormann, zumal sich die einsame Himmler-Geliebte mit der nahebei wohnenden Bormann-Ehefrau Gerda anfreundete.

"Ach, Pappi", schrieb Gerda Bormann an den Parteikanzlisten, "man kann sich gar nicht vorstellen, was alles passieren würde, wenn Du und Heinrich nicht um alles bemüht wäret. Der Führer könnte niemals alles alleine machen. Deshalb müßt Ihr Euch beide gut halten und auf Euch aufpassen.

Martin Bormann paßte auf. Er sorgte dafür, daß "Onkel Heinrich" nicht zu mächtig wurde, er richtete ihn auf, wenn den Reichsführer einmal der Kleinmut befiel, er rüffelte ihn, falls sich Himmler unterstand, den "Chef" -- Hitler -- zu kritisieren,

Einmal jammerte Himmler dem Kameraden vor, der Führer behandle ihn ungerecht, er sei nur gut genug, für den Führer immer neue Divisionen aufzustellen. Bormann beschwichtigte ihn und warnte, Himmler solle die Kritik an Adolf Hitler nicht zu weit treiben. Gerda Bormann erfuhr: "Seine frostige Art der Kritik ist unerfreulich. Wenn alles gesagt und getan ist, der Führer ist der Führer! Wo wären wir ohne ihn?"

Einem solchen Seelsorger, der noch dazu das einzige Tor zu Himmlers launischem Ersatz-Gott Hitler bewachte wollte der Reichsführer nicht die aggressive Macht des schwarzen Ordens entgegenstellen, solange keine wesentlichen SS-Interessen auf dem Spiel standen. Himmler verbot jedwede Kritik an der Partei.

Aber der SS-Chef unterschätzte den brisanten Ehrgeiz seiner Unterführer, die nicht aus privaten Gründen darauf bedacht sein mußten, die Partei zu schonen. Vor allem ein Mann dachte anders über die Partei, einer, in dem sich die ganze Schizophrenie der SS-Intellektuellen am wunderlichsten widerspiegelte: Er konnte zugleich ein Riesenheer von Spitzeln dirigieren und von der Beseitigung der Parteifunktionäre durch einen Kulturorden nationalsozialistischer Edelinge träumen.

Himmlers Unglück wollte, daß dieser Mann an der Spitze des Inland-SD" des Amts III im Reichssicherheitshauptamt, stand: Otto Ohlendorf. Er war einer der zwiespältigsten Gestalten in der Welt der Schutzstaffel. Himmler hielt ihn für eine Intelligenzbestie, den Historikern blieb er ein Rätsel, weil er 90 000 Juden ermorden ließ und zugleich vor der Primitivität der NS-Machthaber erschauerte.

Seine Freunde spielten ihn später als eine Art Widerstandskämpfer innerhalb des schwarzen Ordens hoch, als Sprachrohr "einer positiven Opposition", wie der NS-Abschnittsleiter Justus Beyer formulierte. Dabei war SS-Brigadeführer Ohlendorf weniger Herr als Opfer eines Automatismus, den er selbst in die Welt gesetzt hatte.

Denn: Ohlendorfs Idee, ein geheimes Meinungsforschungsinstitut zu gründen, alle Lebensregungen der Deutschen ungeschminkt zu registrieren und sie in den von ihm zwei- bis dreimal wöchentlich herausgegebenen "Meldungen aus dem Reich" der hohen Führung zur Kenntnis zu bringen, mußte Ohlendorf in arge Konflikte stürzen. Dem SD war untersagt, die Partei auszuforschen. Wenn aber die SD-"Meldungen aus dem Reich" sich auf alle sogenannten Lebensgebiete erstrecken sollten, wie konnte man da das wichtigste politische Lebensgebiet, eben die Partei, aussparen?

Befriedigt und ebenso bestürzt sah Ohlendorf, daß den SD-Beobachtern kaum ein Detail aus dem Schlamm der Parteikorruption entging. Der SD protokollierte den Größenwahn und Übermut der NS-Bonzen, die Unfähigkeit der Parteipropaganda, die Mißwirtschaft in Gauleitungen und Kreisleitungen.

Vergebens versuchte der Nationalsozialist Ohlendorf, den von ihm ausgelösten Mechanismus zu bremsen. Er habe -- so beschwor er hohe SD-Führer -- die "unerhört große Sorge", die SD-Berichte. könnten den Eindruck erwecken, die Partei sei "etwas Negatives oder Gegnerisches" und es gehe "mit dem Führer und dem Reichsführer und der SS gegen den Bürokratismus der Partei". Seine Befehle enthielten immer wieder die Beteuerung, einziges Anliegen des SD sei es, die Herrschaft des Nationalsozialismus noch stärker zu festigen.

Die "Rechtswirklichkeit", forderte er 1941 in seinen Direktiven für die SD-Arbeit, müsse "stets im Einklang mit den politischen und weltanschaulichen Grundsätzen des Nationalsozialismus stehen". Er schalt, die Justiz habe es bisher nicht fertiggebracht, die Rechtsprechung eindeutig auf die politischen Erfordernisse der Sicherung unserer Volksordnung einzustellen".

In Grundfragen der menschlichen Freiheit dachte er kaum anders als die barbarischen Rechts-Manipulatoren vom Typ eines Roland Freisler. Im Oktober 1942 entwarf er einen Vortrag, in dem er den Polizeiregime-Kritiker Generalgouverneur Hans Frank als Komplicen britischer Plutokraten diffamierte und mit der ganzen Brillanz, deren Otto Ohlendorf fähig war, nachwies, daß Unrecht eine höhere Art von Recht sei.

Recht, so argumentierte Ohlendorf, ziele nicht auf die Sicherung des einzelnen, sondern auf jene der Volksgemeinschaft. Rechtssicherheit sei gleichbedeutend mit Reichssicherheit. Wo sie durch ein weltanschaulich unsicheres Richterkorps gefährdet werde, müsse die Polizei die "Korrektur unzulänglicher Strafurteile" vornehmen und "der vielfach zu weichlichen Rechtsprechung der Justiz entgegenarbeiten". Und die Rechtssicherheit? Ohlendorf: "Dieses abgegriffene Wort."

In so fanatischer NS-Orthodoxie sah jedoch der Puritaner Ohlendorf allerorten Versagen, Dummheit und Verderbtheit, die sein nationalsozialistisches Idealbild verdüsterten. Der Zweckoptimismus seiner Umwelt lag Ohlendorf ohnehin fern; jeder neue Bericht der SD-Männer vertiefte in ihm den Glauben, die Partei kranke an einem Krebsgeschwür, das auch bald die gesunden Glieder des Regimes befallen werde.

Himmler rätselte: "Er ist wohl leber- und gallenkrank. Seine Berichte sind stets düster, er sieht die Welt mit so pessimistischen Augen, daß· dahinter sicherlich ein körperliches Leiden steckt. Bei Leber- und Gallenkranken kennt man ja solche psychischen Auswirkungen."

Dem SS-Chef kam nicht in den Sinn, daß der NS-Intellektuelle Ohlendorf an dem litt, was er täglich in den SD-Stimmungsberichten las. Gleichsam Blatt um Blatt konnte er verfolgen, wie sich die Bevölkerung immer mehr von Partei und Regime abwandte.

Meldung von der SD-Außenstelle Bünde, 13. Mai 1941: "Wohl noch nie hat eine Angelegenheit ·ein derartig lähmendes Entsetzen hervorgerufen, wie die Nachricht, daß der Stellvertreter des Führers dieß) nach England geflogen ist. Es schwirren die tollsten Gerüchte und glaubt man überhaupt nicht, daß tatsächlich eine Wahnvorstellung die Ursache zu einem derartigen Schritt gewesen ist. Andere sprechen von einer moralischen Niederlage ... einem erneuten großen Treubruch unter den alten Kämpfern."

Meldung der SD-Außenstelle Minden, 24. Juni 1941: "Die Ereignisse vom Sonntag, Krieg mit Rußland, haben auf den größten Teil der Bevölkerung zunächst wie eine gewaltige Lähmung gewirkt ... Auch die Tatsache, daß der Führer den Segen Gottes für diesen Kampf erbeten hatte, hat mit dazu beigetragen, daß die Stimmung nicht als rosig zu bezeichnen war."

Je härter sich der Krieg gegen seine Anstifter kehrte, desto pessimistischer klängen die SD-Berichte. Immer stärker geriet die Propagandaarbeit der Partei und des Joseph Goebbels in die Schußlinie der SD-Berichterstatter.

"Nach den der SD-Hauptaußenstelle Erfurt vorliegenden Meldungen", hieß es in einem Bericht vom 12. Januar 1942, "wird die Pressepropaganda der letzten Woche von der Bevölkerung überwiegend stark abgelehnt. Sowohl die Schlagzeilen, insbesondere der "Thüringer Gauzeitung", als auch die zu einzelnen Meldungen gegebenen Kommentare seien alles andere als sachlich und in ihren Schlußfolgerungen derartig übertrieben, daß man die Zeitung bald kaum noch ernst nehmen könne."

"Der Artikel von Dr. Goebbels im 'Reich' Nr. 2 vom 11. 1. 42", konnte Ohlendorf lesen, "hat in der Bevölkerung ebenfalls keinen Beifall gefunden ... Wenn Dr. G. dann behaupte, daß Churchill auf die Varietébühne, aber nicht an die Leitung eines Empire gehöre, so könne diese Feststellung doch auch nur zu einer Unterschätzung des Gegners führen. Dr. Goebbels als oberster Leiter der deutschen Propaganda solle doch nun wirklich aufhören, sich mit solchen Albernheiten abzugeben."

Der Promi-Chef blieb auch weiterhin Buhmann der SD-Berichte. Zu einem anderen Goebbels-Artikel hielt SD-Erfurt als Volks-Meinung fest: "Das seien Worte, die von einem Blockleiter bei der Abhaltung eines Blockabends vielleicht hingenommen werden könnten, für einen Reichspropagandaminister dagegen als dürftig bezeichnet werden müßten."

Ohlendorfs "Meldungen aus dem Reich" wurden bald auch in der Partei bekannt und alarmierten die Apparatschiks. Mehrere Gauleiter schlugen bei Bormann Alarm. Die Partei beschuldigte den SD, die NSDAP zu bespitzeln und zu brüskieren.

Als der Lärm der Parteifunktionäre immer schriller wurde, gab Himmler nach. Am 18. März 1943 richtete der SS-Chef an Bormann ein Schreiben, in dem er versicherte, der SD habe "nach wie vor den strikten Befehl, sich mit parteiinternen Parteiangelegenheiten nicht zu befassen". Bormann gab sich mit Himmlers Versprechen zufrieden, zumal er. wußte, daß Heinrich Himmler kaum einen SS-Führer schlechter leiden konnte als den Intelligenzler Ohlendorf.

"Offen gesagt, ich mag ihn nicht", vertraute Himmler seinem Leibarzt Kersten an. "Er ist ein humorloser, unausstehlicher Besserwisser, der mit seinem Goldenen Parteiabzeichen und seiner niederen SS-Nummer sich als der Gralshüter des Nationalsozialismus vorkommt."

Himmler fühlte sich von Ohlendorf, wie Himmler-Sekretär Rudolf Brandt erklärte, "ständig bevormundet, ihm ist in Ohlendorf ein zweiter Reichsführer entstanden, der alles besser weiß und es bis ins einzelne zu begründen vermag".

Kein Zweifel, Otto Ohlendorf war unter den SS-Männern der letzte, dem zuliebe Himmler eine Kontroverse mit der Partei wagen wollte. Der SS-Chef schränkte die Arbeit des SD ein. Ein Himmler-Ukas nach dem anderen verdarb dem SD das Konzept.

Oft kamen die Himmler vorgelegten "Meldungen aus dem Reich" zerrissen zu Ohlendorf zurück, wiederholt drohte der Reichsführer, er werde Ohlendorf verhaften und den Inland-SD auflösen lassen, wenn sich der Sicherheitsdienst weiterhin um Parteisachen kümmere.

Himmler lehnte es auch ab, die "Meldungen aus dem Reich", getreueste Spiegelbilder der wirklichen Lage, Hitler vorzulegen. Himmler: "Die sind gewöhnlich so pessimistisch, daß dies gar nicht möglich ist, das würde den Führer in seiner Schaffenskraft stören."

"Und wenn sie wahr sind?" fragte Kersten.

"Das ist gleichgültig", fuhr Himmler auf. "Den Führer muß ich mit all dem negativen Kleinkram verschonen, auch wenn er noch so wichtig scheint."

Doch Amtschef Ohlendorf zeigte keine Lust, den Befehlen seines Reichsführers zu folgen. Der SD beobachtete weiterhin die Apparatschiks der Partei. Und eben dies erleichterte dem vielgescholtenen Goebbels, eine Lawine in Bewegung zu setzen, die mit Hilfe Martin Bormanns das Ohlendorf-Werk unter sich begraben sollte.

Goebbels forderte, man müsse die "Meldungen aus dem Reich" verbieten oder zumindest mit den Berichten der (Goebbels unterstellten) Reichspropagandaämter vereinigen. Begründung: Die SD-Meldungen informierten deren Bezieher, darunter auch staatliche Stellen, über Vorgänge in der Partei, das aber sei allein Sache der Parteikanzlei.

Der Promi-Herr führte auch den ersten Schlag gegen den SD. Er verbot eine Weiterverbreitung der Meldungen in seinem Ministerium. Laut Goebbels waren sie -- so erinnert sich Rundfunk-Kommentator Hans Fritzsche an eine Goebbels-Erklärung -- "geeignet, auch in führenden Kreisen der Partei und des Staates defaitistische Auffassungen von der Stimmung im Volk und den Chancen des Krieges zu verbreiten".

Himmler steckte zurück. Schon am 12. Mai 1943 hielt Goebbels in seinem Tagebuch fest, der Reichsführer sei "jetzt bereit, den SD-Bericht einstellen zu lassen, da er auf die Dauer defaitistisch wirkt". Soweit war es freilich noch nicht -- Himmler wartete ab, was Bormann unternehmen werde.

Der Parteikanzlist rührte sich lange Zeit nicht, bis ein Ereignis eintrat, das die Beziehungen zwischen Himmler und dem Chef der Parteikanzlei grundlegend änderte: Himmler wurde im August 1943 zum Reichsinnenminister ernannt. Der Punkt war erreicht, von dem an Partei und Schutzstaffel einander gegenüberstanden. Die Konfrontation der beiden Machtgruppen begann.

Himmler bekam bald zu spüren, daß sich etwas geändert hatte. Bormann reihte sich in den Kreis der SD-Gegner ein und forderte strikteste Befolgung der Parteibefehle. Die aber lauteten: Begutachtung parteiinterner Vorgänge -- ja, sogar politische Bewertung staatlicher Beamter seien allein Sache der Partei.

Schlag um Schlag engten die Gegner des Sicherheitsdienstes die Aktionsfreiheit des Ohlendorf -Apparats ein: Im Sommer 1943 wurde der Bezieherkreis der "Meldungen aus dem Reich" radikal eingeschränkt, 1944 verbot man die Berichte vollends.

Zur selben Zeit untersagte Bormann hauptamtlichen und ehrenamtlichen Funktionären der NSDAP jedwede Mitarbeit im SD, kurz darauf folgte die Deutsche Arbeitsfront mit einem ähnlichen Verbot -- die SA hatte es schon früher ausgesprochen.

Wehrte sich Heinrich Himmler gegen diese Denaturierung seines Sicherheitsdienstes, mobilisierte er jetzt endlich jene Macht, die ihm zu Gebot stand? Nein, er wehrte sich nicht. Er kuschte. Ohlendorf wetterte: "Er hat eine Macht gehabt, (aber) in Wirklichkeit hat er diese Macht in Deutschland nicht ausgeübt, sondern er und seine Macht waren eine hohle Blase."

Der Taktiker Himmler wußte nur ein Mittel, den Inland-SD zu retten: die gerade mit der Parteikanzlei begonnenen Verhandlungen über neue Aufgaben für den SD in die Länge zu ziehen und auf ein Wunder zu hoffen. Bei Kriegsende verhandelte Heinrich Himmler immer noch.

Aber er scheint an ein gutes Ende nicht mehr geglaubt zu haben; er hatte längst dem SD-Amt aus der Erbmasse des Reichsinnenministeriums polizeirechtliche Sachgebiete zugeschoben, um dem Sicherheitsdienst zu einer neuen Aufgabe und einer neuen Existenzberechtigung zu verhelfen.

Das Zurückweichen Himmlers verriet nicht zuletzt eine innere Schwäche des Ordens, die gemeinhin durch die Fassade totalitärer Einheitlichkeit verdeckt wurde. Die SS wagte niemals den entschlossenen Kampf gegen die Partei, weil sich die Führer der Schutzstaffel nicht darüber einigen konnten, wo die eigentlichen Interessen der SS lagen. Denn die monolithische Einheit des schwarzen Ordens war ein Mythos, der von den Propagandisten der doppelten Sig-Rune sorgfältig gehegt wurde.

Himmler machte sich keine Illusionen darüber, daß der Traum von der erzenen Einheit der Schutzstaffel einer Halluzination gleichkam. Schon 1940 hatte er vor Führern der Leibstandarte "Adolf Hitler" die "Sorgen, die ich manchmal habe" ausgebreitet: "Leben wird diese Waffen-SS nur dann, wenn die Gesamt-SS lebt. Wenn das gesamte Corps wirklich ein Orden ist; der in sich nach diesen Gesetzen lebt und sich darüber klar ist, daß ein Teil ohne den anderen nicht denkbar ist."

Im Oktober 1943 wurde er vor SS-Gruppenführern in Posen noch deutlicher: "Wehe, wenn die SS und Polizei auseinanderfielen. Wehe, wenn die Hauptämter in gut gemeinter, aber falsch verstandener Vertretung ihrer Aufgaben sich mit je einem Befehlsweg nach unten selbständig machen würden. Das würde" wie ich wirklich glaube, an dem Tag, an dem mich einer über den Haufen schießt, das Ende der SS sein."

Düster malte er den Untergang des schwarzen Ordens aus: "Wehe, wenn die einzelnen Hauptämter, die einzelnen Chefs ihre Aufgabe hier falsch sehen würden ... Wehe, wenn sich diese Bänder (um die SS-Organisationen) einmal lösen würden, dann würde alles, davon seien Sie überzeugt, in einer Generation und in kurzer Zeit in seine alte Bedeutungslosigkeit zurücksinken."

In solchen Einheits-Beschwörungen spiegelte sich gelegentlich die Verzweiflung eines von Expansion besessenen Firmengründers wider, der immer mehr und immer größere Unternehmen aus dem Boden stampft und dabei in die Gefahr gerät, Übersicht und Kontrolle zu verlieren. Auch Heinrich Himmler, ohnehin zu Mißtrauen und Furchtsamkeit neigend, mußte sich manchmal fragen, ob er noch Herr im eigenen Haus sei.

Je dynamischer und raffgieriger sich das SS-Imperium entfaltete, desto deut-

* Bei einer Vernehmung durch amerikanische Offiziere.

licher wurden auch der sich von Himmler zusehends lösende Automatismus der Teilorganisationen und die Herrenallüren der selbstbewußten Unterführer. Zudem nötigte das unablässige Wachstum des SS-Organismus Himmler den Zwang auf, Männer in die Schutzstaffel zu rufen, die keineswegs immer den Vorstellungen von einem lupenreinen Nationalsozialismus entsprachen.

Selbst die vordersten Reihen der SS füllten sich allmählich mit so heterogenen Elementen, daß die Schutzstaffel zu einem seltsam pluralistischen Gebilde inmitten einer totalitären Führerdiktatur wurde. Die SS glich einem Riesenschwamm, der Menschen widersprüchlichster Mentalität aufsog -- so widersprüchlich, daß es der Schutzstaffel zuweilen schwerfiel, eine einheitliche Haltung zu demonstrieren.

"Es ist ja leider so", empörte sich Andreas Schmidt, Chef der deutschen Volksgruppe in Rumänien, "daß sogar Angehörige der Schutz-Staffel in schwierigen Zeiten nicht eine gemeinsame Front bilden, sondern daß sie gerade in schwierigen Zeiten am meisten intrigieren und dadurch die vorhandenen Schwierigkeiten erheblich vermehren."

Die Interessenvielfalt der SS-eigenen Teilorganisationen und der jahrelang eingepaukte Glaube an die eigene Auserwähltheit hatten sich zu einem Herrenwahn verdichtet, der sich manchmal auch gegen die Gesamtbelange des Ordens kehrte. Macht- und prestigehungrige SS-Führer bekämpften einander, oft zum Schaden der Schutzstaffel, und es gab sogar Beispiele einer derben Klüngelpolitik hoher SS-Führer gegen die Interessen und Befehle Heinrich Himmlers.

Am Fall der Höheren SS- und Polizeiführer ließ sich ablesen, wie schwer es Himmler fiel, sich im Dschungel der SS-internen Cliquen durchzusetzen. Er hatte alle Mühe, seinen wichtigsten Repräsentanten Respekt zu verschaffen; die Höheren SS- und Polizeiführer waren mancherlei Kränkung und Mißachtung in der SS ausgesetzt.

1937 hatte Himmler die Einrichtung der Höheren SS- und Polizeiführer geschaffen, um zwei Ziele zu erreichen: der HSSPF sollte auf Länderebene (wie Himmler in der Zentrale) SS und Polizei zu einem "Staatsschutzkorps" zusammenfassen und zugleich als Vertreter Himmlers die unmittelbare Aufsicht über alle SS-Einheiten führen.

Die Einrichtung der HSSPF war ein Vorgriff auf die Zukunft gewesen. Seit die Schutzstaffel immer mehr wuchs und stets neue Organisationen gebar, empfand Himmler die alptraumhafte Furcht, daß die einzelnen Teile der SS sich selbständig machen und die Spitzenbürokraten der Teilorganisationen -- die Chefs der Hauptämter -- seine Alleinherrscherposition untergraben könnten.

Deshalb hatte Himmler die Höheren SS- und Polizeiführer nicht nur als Klammern der pluralistischen SS-Gesellschaft konzipiert, sie sollten auch Gegengewichte zu der wachsenden Macht der SS-Hauptämter bilden.

Die mächtigen Großwesire der Berliner Hauptämter ließen denn auch nichts unversucht, die Vizekönige des 55-Sultans zu einflußlosen Statthaltern mit wohlklingenden Titeln zu stempeln. Da ohnedies die traditionsbewußte Staatsverwaltung den neuen HSSPF jede behördenrechtliche Disziplinargewalt absprach und Himmler zunächst aus Tarnung gegenüber der renitenten Verwaltung die HSSPF mit rein repräsentativen Aufgaben betrauen mußte, hatten die SS-internen Konkurrenten der HSSPF leichtes Spiel.

Aber auch als es Himmler gelang, in den deutschbesetzten Gebieten Europas, in denen keine konservative Verwaltung ihn dabei störte, mehr Macht in die HSSPF zu investieren, gehörte es zum Sport örtlicher SS-Einheiten, Himmlers Vizekönige zu ignorieren, wo immer es ging. Ebenso sorgten die Hauptämter von SS und Polizei dafür, daß die Höheren SS- und Polizeiführer nicht zu mächtig wurden.

So lehnte das Hauptamt Ordnungspolizei den wiederholt vorgetragenen Wunsch der HSSPF ab, sie mit Straf- und Beförderungskompetenzen gegenüber der Orpo auszustatten. Der Chef der Ordnungspolizei bestand auch darauf, daß die HSSPF in Rußland ihm unterstellt wurden.

Immer wieder ließen SS-Führer durchblicken, daß sie Himmlers Beauftragte nicht sonderlich ernst nähmen. Dem für Hamburg zuständigen HSSPF verweigerte der örtliche KZ-Kommandant Auskünfte über die Zahl seiner Häftlinge mit dem Hinweis, ihm sei Schweigepflicht auferlegt worden, und der Kommandeur der 8. SS-Totenkopfstandarte, SS-Oberführer Leo von Jena, bestritt dem Höheren SS- und Polizeiführer Krüger (Krakau) das Recht, von ihm Meldungen über Stärke, Kräfteverteilung und Stimmung der Truppe zu verlangen.

Vor allem die Waffen-SS widersetzte sich den Versuchen der HSSPF, über sie Befehlsgewalt zu erlangen. Als HSSPF Krüger dem Oberführer von Jena befahl, er solle seine Truppe für eine bevorstehende Operation gegen polnische Partisanen neue. Positionen einnehmen lassen, verweigerte Jena den Gehorsam und verwies Krüger an den Generalinspekteur der Verstärkten Totenkopfstandarte, der allein zu solchen Umstellungen befugt sei.

Himmler war, über den Ungehorsam seiner Unterführer dermaßen ergrimmt, daß er neue Befehle über die Kompetenzen der Höheren SS- und Polizeiführer entwarf, nachdem er aus dem Verhalten der Waffen-SS die Lehre gezogen hatte. Die bis dahin geltenden Vorschriften liefen "praktisch" -- wie Himmler schrieb -- darauf hinaus, "daß der Höhere SS- und Polizeiführer der Waffen-SS helfen darf, sonst aber von ihr als lästiger Außenseiter nicht beachtet wird".

An die widerspenstigen Großwesire erließ Himmler am 16. März 1942 die Mahnung: "Ich bitte alle meine Hauptamtschefs, zu bedenken, ob sie bei einem derartig würde- und machtlosen Zustand Höherer SS- und Polizeiführer sein wollten. Ich bitte, weiter zu bedenken, wie es um die SS und Polizei in zehn Jahren schon bestellt wäre, wenn ich diesen Zustand weiter zuließe."

Himmler bewaffnete seine Satrapen mit größeren Vollmachten. Er unterstellte den HSSPF in deren örtlichen Bereichen alle Dienststellen der Allgemeinen SS, die Kommandeure der Ordnungspolizei sowie jene der Sicherheitspolizei und des SD, ferner sämtliche Dienststellen des SS-Hauptamts Volksdeutsche Mittelstelle und des Stabshauptamts.

In einem Entwurf von Himmlers Persönlichem Stab im Januar 1943 hieß es, die HSSPF seien "verantwortlich für das SS-mäßige Handeln und das öffentliche Auftreten . aller Dienststellen der Allgemeinen SS, der Waffen-SS, der Ordnungspolizei und des Sicherbeitsdienstes". Die HSSPF beanspruchten von nun an Alleinzuständigkeit für alle SS-Vorgänge in ihrem jeweiligen Dienstbereich.

Doch abermals fanden die Hauptämter Lücken in der Autorität der Höheren SS- und Polizeiführer, besagte doch die "Vorläufige Dienstanweisung" für HSSPF vom 8. Januar 1943, alle SS-Angehörige seien dem HSSPF "hinsichtlich ihrer SS-mäßigen Haltung" unterstellt, "Befehle und Weisungen auf fachlichem Gebiet" aber könnten nur die Hauptämter den "fachlich zu ihnen gehörenden SS-Angehörigen" erteilen.

Als die HSSPF über neue Sabotageakte der Hauptämter klagten, erweiterte Himmler wiederum die Befugnisse seiner Beauftragten. Bei Dienstreisen zu den Hauptämtern mußten sich die örtlichen SS-Führer bei dem jeweiligen HSSPF abmelden, auch Urlaubsgenehmigungen bedurften fortan des Plazets der HSSPF.

Dennoch wußte der Reichsführer nur allzu gut, daß die Autorität der HSSPF oft ebenso nur auf dem Papier stand wie die Einheitlichkeit der SS. Himmler 1943. "Es muß so werden, daß auch unter dem zehnten Reichsführer 55 dieser Orden der SS mit allen seinen Sparten ... ein Block, ein Körper, ein Orden ist."

Die Akten der unzähligen Disziplinar- und Schlichtungsverfahren zeigten jedoch, daß der Orden, in Wirklichkeit ein Tummelplatz der unterschiedlichsten und streitbarsten Faktoren war. Kaum ein hoher SS-Führer, der einem anderen nicht Verrat an Politik oder Ideengut der Schutzstaffel vorwarf:

Der HSSPF Serbien, SS-Gruppenführer August Meyszner, beantragte ein Verfahren gegen seinen SS-Kameraden, den Kriegsverwaltungschef und SS-Gruppenführer Harald Turner, weil der in einem Gasthaus Einzelheiten einer bevorstehenden Operation gegen Partisanen ausgeplaudert und sich damit des Verrats von Staatsgeheimnissen schuldig gemacht. habe. Meyszner hintertrieb auch Turners gegen die Wehrmacht gerichtete Politik, weil er in dem SS-Kameraden einen Kompetenz-Konkurrenten sah.

"Mit Ihrer Handlungsweise", warf Turner dem HSSPF Meyszner am 29. August 1942 vor, "haben Sie mir leider bewiesen, daß Sie ..., die Tiefe des SS-Gedankens -- nämlich ein Orden, eine verschworene Gemeinschaft zu sein -- in keiner Weise erkannt haben. Noch weniger allerdings die von mir ... dargelegte Idee, den Einflußgelüsten der Wehrmacht ein Paroli zu bieten, und zusammenstehend die Beherrscher des Raumes zu sein."

Der Brigadeführer Dr. Otto G. Wächter, Gouverneur von Galizien und eine Art NS-Idealist, stellte sich im Kampf Himmlers gegen den Generalgouverneur Frank auf die Seite des SS-Gegners Frank und warf dem HSSPF Krüger vor, er heize unnötig und zum Schaden der deutschen Autorität den Anti-Frank-Kreuzzug an.

Krüger zeterte zurück: " Sie tragen zwar die Uniform als 55-Brigadeführer, haben sich jedoch in Durchführung der Ihnen gestellten Aufgaben niemals davon leiten lassen, daß Sie SS-Angehöriger sind."

Der Inland-SD-Chef Otto Ohlendorf warf dem Hauptschriftleiter des Schwarzen Korps", Gunther d'Alquen, die "unglaublich diffamierenden" Ausfälle des SS-Organs gegen ganze Berufsstände vor, worauf der quicke Journalist zurückgab, Ohlendorfs Auffassungen gingen "an der nationalsozialistischen Grundidee und den Sonderinteressen der SS vorbei".

Für Ohlendorf war d'Alquens Replik eine Antwort, die "ich nur als grobe Anpöbelei empfinden kann". An Himmlers Persönlichen Stab richtete Ohlendorf die "Bitte um eine entsprechende Zurechtweisung des SS-Standartenführers d'Alquen". Himmler-Sekretär Rudolf Brandt war ein wenig ratlos: "Unter die gesamte Angelegenheit müßte wirklich großzügig ein Strich gemacht werden, damit in einer persönlichen Rücksprache zwischen Ihnen und SS-Standartenführer d'Alquen die künftige Zusammenarbeit im Interesse der ... erörtert werden kann."

Auch der Chef des SS-Hauptamts, Gruppenführer Gottlob Berger, fühlte sich unentwegt von SS-Kameraden beleidigt, vor allem von dem Weimarer Obergruppenführer Erbprinz zu Waldeck-Pyrmont. Berger: "Erbprinz zu Waldeck liebt mich nicht. Warum, weiß ich nicht."

1943 kamen dem Erbprinzen die Pressionsmethoden zu Ohren, mit denen Bergers Männer "Freiwillige" für die Waffen-SS warben. Gegen einen Werber, den Hauptsturmführer Lange, ließ der Prinz ein Verfahren wegen Nötigung einleiten. Berger tobte: "Es ergibt sich das katastrophale Bild, daß ein Höherer SS- und Polizeiführer die Geschäfte der katholischen Kirche macht ... womöglich jetzt noch "Material sammelt', Eltern verhört und damit einen Riesenstank macht."

Der großgermanische Ehrgeiz Himmlers ließ die erstrebte Einigkeit in der SS vollends zu einer Groteske entarten. So befehdete der SS-Obergruppenführer Dr. Arthur Seyß-Inquart, Reichskommissar der besetzten Niederlande, die vom Berliner SS-Hauptamt gesteuerte "Nederlandsche SS" und liierte sich mit der von Himmler als "korrupt" verabscheuten NS-Bewegung des Holländers Adrian Mussert.

In Belgien kämpften gleich drei SS-Parteien gegeneinander:

* Der SS-Gruppenführer Eggert Reeder, Chef der Militärverwaltung beim Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich, setzte auf flämische Nationalistenführer, die ein "Großdeutschland" (Vereinigung der flämischsprachigen Gebiete Belgiens mit den Niederlanden) anstrebten.

* Der SS-Hauptamt-Chef Gottlob Berger leitete und förderte die "Devlag", eine belgische Kollaborateur-Organisation, die einen Anschluß der flämischen Gebiete Belgiens an Großdeutschland propagierte.

* Der wallonische Faschistenführer Belgiens, Léon Degrelle, trat mit seinen Anhängern" (gegen den Widerstand Bergers) in die Waffen-SS ein. um sowohl die großdietschen wie großdeutschen Pläne zu konterkarieren und die staatliche Einheit Belgiens zu retten.

In Dänemark wiederum spielte Berger den SS-Sturmbannführer Martinsen, Führer des dänischen SS-Freikorps "Danmark". gegen den einheimischen NS-Führer Frits Clausen aus, bis er begriff, daß Martinsen ein Gegner der deutschen Politik war, und ihn ins Konzentrationslager abführen ließ, während im Führungshauptamt, dem Kommandoamt der Waffen-SS, finnische Kriegsfreiwillige mit SS-Dienstgraden saßen, die von der finnischen Armeeführung beauftragt waren, die Finnland-Kontakte der SS zu überwachen.

In diesem Labyrinth individueller und nationaler Sonderinteressen konnte sich schwerlich eine innere Geschlossenheit bilden. Auch Himmler schaffte keine Einheit, wo verwirrende Vielfalt wucherte.

Der derb-aggressive Individualismus der SS-Führer machte auch vor der Person des Reichsführers nicht halt. Die dicklich-groteske Gestalt des "Reichsheini" konnte sich in offener Konfrontation mit den Unterführern nur mühsam behaupten. Himmler empfing denn auch ungern mehrere Unterführer zugleich. Am sichersten fühlte er sich im Schutz seiner Aktenberge, beim Abwehrfeuer der zahllosen Befehle, die er auf seine Domäne niedergehen ließ.

"Von Ihnen behauptet man, daß Sie keinen mehr anhören, der es unternimmt, die Dinge so zu sehen und zu nennen, wie sie sind", schrieb ihm einmal der alte KZ-Oberscherge SS-Gruppenführer Theodor Eiche und belehrte den Chef ungerührt, die SS-Führer sollten "nicht immer Jawohl sagen; sie erwiesen ihren Vorgesetzten damit meistens einen schlechten Dienst".

Der Ton gegenüber Himmler wurde zeitweilig so despektierlich, daß sich der Reichsführer den naßforschen Leutnants-Jargon verbitten mußte. Berger assistierte: "Kritik ist notwendig, aber eine Kritik der Führer an ihren Vorgesetzten und höchsten Dienststellen unwürdig. Hier haben wir manche Führer, die über den alten Leutnantsstandpunkt nicht hinweggekommen sind."

Berger, der Treueste der Treuen, machte seinem Reichsführer sogar konkrete Vorschläge, wie man dem Ungehorsam in höchsten Führerkreisen den Kopf abschlagen könne.

"Da diese Art, aus persönlichen Gründen auch gegen den Reichsführer anzugehen, nicht ausgestorben ist, bei einzelnen hohen Führern bewußt oder unbewußt in ihren Gedanken geistert", schrieb er am 2. Dezember 1940 an Himmler, "halte ich es für dringend notwendig, eine Stelle zu schaffen, die dafür sorgt, daß die SS-Angehörigen, bevor sie den Weg der Untreue beschreiten oder auf dem Wege hierzu sind, gewarnt werden."

Hätten diese Untreuen dreimal gegen Interessen des Reichsführers verstoßen, dann müßten sie "vor die Konsequenz gestellt werden, entweder freiwillig aus der Staffel auszutreten oder ausgestoßen zu werden, da sie das erste Grundgesetz der Staffel, die Treue gegen den Reichsführer. verletzt haben. Scheiden erst einmal 2 oder 3 Führer aus, spricht sich das herum, und unser Ansehen steigt beträchtlich!"

Himmler kannte freilich noch andere Methoden, den Eigenwillen der Unterführer zu bändigen. Anpfiffe im rüdesten Schulmeisterstil, eine auch auf höchste SS-Führer ausgedehnte Bespitzelung und die Erteilung ein und desselben Auftrags an möglichst viele Funktionäre fügten sich zu einem Kon-

* vor seiner Hinrichtung im Alliierten Kriegsverbrechergefängnis Landsberg.

trollsystem, das die Entstehung neuer Machtzentren in der SS schon im Keim ersticken sollte.

Ständige Ermahnungen und Rügen verfolgten das Ziel, SS-Führer immer wieder daran zu erinnern, daß der Reichsführer die einzige Quelle ihrer Macht sei.

Himmler an Brigadeführer Hintze: "Ich habe Ihnen diese Chance, SS- und Polizeiführer zu sein, gegeben. Wenn Sie sie aus Unbeherrschtheit, Säufertum und Größenwahn nicht wahrnehmen, so sind Sie selbst daran schuld, wenn nichts aus Ihnen wird. Kurz darauf ein neuer Angriff: "Melden Sie sich bei SS-Obergruppenführer Jeckeln, wie es Ihnen befohlen ist. Halten Sie nicht so viel Reden, sondern arbeiten Sie."

"Ich erwarte von Ihnen als altem Parteigenossen und SS-Mann in Zukunft", bekam 55-Oberführer Professor Dr. Arnold Waldschmidt zu hören, "daß Sie strikt und bedingungslos die Meinung des Führers vertreten ... Für dieses Mal sehe ich, obwohl Sie ... das Ansehen des Deutschtums und der SS schwer geschädigt haben, noch von Konsequenzen ab. Die Genehmigung für Auslandsreisen erhalten Sie bis auf weiteres nicht mehr."

Auch erprobteste Obergruppenführer bekamen harte Zurechtweisungen. An den HSSPF "Südwest" schrieb der Reichsführer: "Ich ersuche Sie, jetzt in dieser ernsten Zeit endlich die Härte und den Schwung aufzubringen, die zur Behebung von Paniklagen notwendig sind."

An den alten Duzfreund und Rivalen Oberstgruppenführer Kurt Daluege: "Ich beschwöre Dich, greife eisern durch und töte den Beamtengeist, der da und dort noch sitzt, restlos und reiße ihn mit der Wurzel heraus."

Selbst in das Familienleben seiner SS-Führer griff er ein. "Lieber Pancke", schrieb er am 16. Mai 1944 an den HSSPF Dänemark, "ich bitte Sie ... Ihre Frau dahingehend zu erziehen, daß sie nicht ihre Meinung über den oder jenen politischen Vorgang im Gau oder über den Gauleiter selbst laut und deutlich an den verschiedensten Orten kundtut ... Alles in allem habe ich den Eindruck, daß Sie in Ihrer Ehe die notwendige Führung sowie die Erziehung Ihrer jungen Frau noch nicht in dem Maße übernommen haben, wie ich es von einem SS-Führer erwarten muß."

Zugleich ließ er hohe SS-Führer beobachten und jede Unregelmäßigkeit in deren Privatleben registrieren. Viele von ihnen fühlten sich von anonymen Briefsehreibern verfolgt, die Himmler ebenso ernst nahm wie SD-Informanten.

Das mußte auch der Obergruppenführer Oswald Pohl, Chef des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes, erfahren, der sich zu einem Schreiben äußern sollte, in dem behauptet wurde, Pohls Schwager, der Generalhauptführer Clasen vom Deutschen Roten Kreuz, bereichere sich an den Waren des ihm unterstellten DRK-Hauptlagers Neubabelsberg. Als Pohl "diese Schmiererei" gelesen hatte, begehrte er gegen seinen Reichsführer auf.

"Das haben wir davon, wenn wir anonyme Briefe ernst nehmen", schrieb er an Himmler-Sekretär Brandt. "Der Reichsführer tut es ja. Seine grundsätzliche Auffassung ... hat allerdings ein sehr verschiedenartiges Echo gefunden, meistens Kopfschütteln und Ablehnung. Ich persönlich befördere jeden anonymen Brief mit der Feuerzange dorthin, wo er hin gehört."

Wütend verbat sich Himmler die Kritik. Am 29. August 1942 diktierte er: "Nachdem es bisher immer noch üblich gewesen ist, daß die Vorgesetzten die Untergebenen qualifizieren, qualifiziere ich meine Gruppenführer und Obergruppenführer danach, wieviel anonyme Briefe aus ihrem Bereich kommen."

Ein SS-Führer kontrollierte den anderen. Der Obergruppenführer Wolff hielt dem Gruppenführer Kaltenbrunner einen Bericht vor, wonach der Gruppenführer dienstliches Benzin für Fahrten zur Familie vergeude, und der Brigadeführer Ohlendorf präsentierte dem Obergruppenführer Wolff einen Bericht, dem zu entnehmen war, Wolff lasse übermäßig viele Gänse und Enten mittels Dienstwagen in sein Heim transportieren.

Zuweilen mißtraute Himmler, durch das Beispiel des Machtaufstiegs Reinhard Heydrichs gewarnt, den alten SS-Führern und bediente sich zur Kontrolle auch eines Außenseiters. 1940 holte er sich einen nicht der SS angehörenden Super-Aufpasser, der prompt zum verhaßtesten und meistgebeutelten Mann des schwarzen Ordens wurde.

Der Prügelknabe hieß Dr. Richard Korherr, war überzeugter Katholik und zählte zu den hervorragendsten Statistikern des Reiches. "Ängstliche Natur, etwas menschenscheu, gereizt, empfindlich", charakterisierte ihn die Würzburger NS-Kreisleitung; kaum jemand konnte weniger geeignet sein, mit den robusten Interessenpolitikern der Hauptämter fertig zu werden.

Genau dies aber hatte Himmler mit dem ahnungslosen Statistiker Korherr vor; der Wissenschaftler sollte als "Inspekteur für Statistik beim Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei und Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums" die Angaben und Berichte der Hauptämter überprüfen.

Die Chefs der Hauptämter rotteten sich sofort zusammen, dem Grünhorn den Garaus zu machen. Selbst Berger, der um das Prestige seines Reichsführers so besorgte Biedermann, versuchte, den Aufpasser Himmlers auf seine Seite zu ziehen. Berger: "Du, Korherr, komm zu mir. Ich mach' dich dann auch zum Standartenführer." Der Statistiker lehnte ab.

Korherr entdeckte bald die kleinen und großen Lügen, mit denen die Hauptamt-Chefs gegenüber Himmler ihre Erfolge garnierten. Er rechnete Himmler vor, daß er "sofort aus den Hauptämtern der SS drei kriegsstarke Divisionen herausziehen könnte, ohne daß die Verwaltungsarbeit im geringsten leiden würde", und wies nach, ein Lehensborn-Bericht über Kindersterblichkeit sei "von vorn bis hinten erstunken und erlogen".

Lebensborn-Geschäftsführer Dr. Gregor Ebner hatte gemeldet, die Säuglingssterblichkeit in seinen Entbindungsheimen betrage vier Prozent und liege mithin um zwei Prozent unter dem Durchschnitt der übrigen deutschen Kinderheime. Korherr ermittelte, daß die Sterblichkeit in den Lebensborn-Helmen tatsächlich bei acht Prozent lag. Ebner forderte erregt, den lästigen Pedanten Korherr in Schutzhaft zu nehmen.

Mit der Idee spielte auch der Gruppenführer Greifelt, Chef des Stabshauptamtes. Er geriet mit Korherr aneinander, weil er statistische Angaben auf Schaubildern einer Posener Ausstellung ("Kampf und Aufbau im Warthegau") durch Männer seines für die Volkstumsarbeit zuständigen Hauptamts hatte überprüfen lassen, ohne Korherr hinzuzuziehen.

Der cholerische Statistiker geißelte daraufhin "die Methode, mich einfach vor vollendete Tatsachen zu stellen" und drehte: "(Ich könnte) ja meinen Laden zusperren und den Reichsführer SS wegen des fortgesetzten passiven Widerstandes der Hauptamtschefs bitten, mich von meiner äußerst undankbaren Aufgabe zu entbinden."

"Ganz unerhört", feuerte Greifelt zurück, sei es, "den seit langen Jahren dem Reichsführer in Treue und Aufopferung dienenden Hauptamtschefs den Vorwurf des "fortgesetzten passiven Widerstandes"' zu machen. Greifelt: "Eine aus der Luft gegriffene Unterstellung."

Mit dieser Breitseite war der offene Kampf zwischen Statistiker und Hauptämtern eröffnet. Die Chefs ruhten nicht, bis Korherr zur Strecke gebracht war. Greifelt beschwerte sich beim Reichsführer über "ungehöriges Verhalten des Inspekteurs für Statistik", das Stabshauptamt beschuldigte Korherr der mißbräuchlichen Benutzung eines Dienstwagens, Berger tönte, man müsse Korherr "zum toten Mann" machen.

Schließlich schritt ein Hauptamt-Chef zur handgreiflichen Selbsthilfe. Obergruppenführer Richard Hildebrandt, Chef des Rasse- und Siedlungshauptamtes, rief Dr. Korherr am 12. August 1943 zu einer Besprechung und warf ihm vor, er maße sich gegenüber dem Hauptamt Zensorenrechte an. Und dann geschah, was sich in einer Korherr-Meldung an Himmler so las:

"Ich wollte weggehen, da sagte Ogruf. Hildebrandt noch: "Ich verbitte mir jedenfalls Ihre Lümmeleien.' Ich spontan darauf: "Die Lümmelei ist bei Ihnen', grüßte nochmals und machte. kehrt zur Türe hinaus. Ogruf. Hildebrandt ging mir nach und versetzte mir zwei schallende Ohrfeigen, je eine auf die linke und die rechte Backe. Er sagte m. E. noch dazu: "Und jetzt raus!', was ich jedoch nicht beeiden kann. Ich entfernte mich wortlos ohne jede Gegenhandlung."

Verbittert wartete Korherr auf Genugtuung, Woche um Woche verging. Der Reichsführer rührte sich kaum, seinem Statistiker beizuspringen. Was Himmler dem Hauptamt-Chef abringen konnte, war nur eine lahme Entschuldigung -- nicht an Korherr adressiert, sondern an Himmler.

Korherr las: "Sehr verehrter Reichsführer! Ich bitte Sie gehorsamst, dem Oberregierungsrat Dr. Korherr wegen des ihm zugefügten tätlichen Angriffs mein Bedauern zum Ausdruck zu bringen. Heil Hitler! Ihr Hildebrandt."

Richard Korherr hatte die Lektion begriffen. Himmler war offensichtlich nicht in der Lage, seinen eigenen Inspekteur zu schützen. Korherr ließ sich in die Umgebung von Regensburg versetzen, wo er im Auftrage Himmlers ein statistisch-wissenschaftliches Institut einrichtete und für die Fäuste der Hauptamt-Chefs unerreichbar war.

Auch die Episode Korherr zeigte, wie selbständig die Position der Hauptämter im Gefüge der SS geworden war. Freilich; die Hauptämter traten nur bei gemeinsamer Gefahr geschlossen auf -- im Alltag operierten sie getrennt und gingen ihre eigenen Wege.

"Statt daß sich die Organisationen, so wie es Himmler hatte haben wollen, zueinander entwickelt hätten", urteilte der SS-Oberführer Reinecke nach dem Krieg, "haben, sie sich eben wegen der Verschiedenartigkeit ihrer Aufgaben stets auseinander entwickelt." Nicht selten trieben sie eine Politik, die kaum noch auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen war:

* Das Reichssicherheitshauptamt verfocht die restlose Vernichtung aller Juden, dagegen das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) die Erhaltung aller arbeitsfähigen Juden.

* Die Spitze des Reichssicherheitshauptamtes hielt auf dem Gebiet der Besatzungspolitik in Rußland an dem antirussischen Untermenschen-Konzept fest, das 55-Hauptamt hingegen propagierte die Aufstellung einer russischen Gegen-Armee unter deutscher Führung.

* Die Gestapo vertrat in Fragen der Staatssicherheit (zum Beispiel: Abhören gegnerischer Rundfunksendungen) einen wesentlich härteren Standpunkt als der SD.

* Das WVUA versuchte, seine Unternehmen jeder staatlichen Kontrolle zu entziehen, während eine Gruppe von SS-Führern um Ohlendorf eine stärkere Aufsicht der Reichsbehörden über die Wirtschaftsunternehmen der SS anstrebte.

* In Rumänien gab es vier Arten von SS-Politik: die auf Rekrutierung möglichst vieler Volksdeutscher abzielenden Maßnahmen des SS-Hauptamts; der noch radikalere Kurs der Volksdeutschen Mittelstelle (Vomi); die Vomi-feindlichen Praktiken des Vereins für das Deutschtum im Ausland unter Leitung des Vomi-abhängigen SS-Standartenführers Minke; die Privatpolitik des in AA-Diensten stehenden SS-Oberführers und Generalkonsuls Rodde. Am deutlichsten aber entblößte sich das Unabhängigkeitsstreben der SS-Glieder in der Geschichte des Führungshauptamtes, von dem jene Truppe verwaltet wurde, die den Schrecken der Schutzstaffel auf den Schlachtfeldern Europas verbreitete und doch immer mehr von der Gedankenwelt des schwarzen Ordens abrückte: die Waffen-SS

IM NÄCHSTEN HEFT

Von der Verfügungstruppe zur Waffen-SS: Himmler plant eine Gegen-Wehrmacht -- Das Heer verbietet Werbung für die SS-Truppe -- Der Kampf gegen die Kirche -- Himmler und die ungehorsame Leibstandarte


DER SPIEGEL 4/1967
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 4/1967
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Der Orden unter dem Totenkopf