16.01.1967

VIETNAM / MEKONG-OFFENSIVERote Ameisen

Im Schlamm der einzigen Straße von Rach Kien verbluteten vier Köpfe. Wilde Männer mit langen Haaren und schweren Waffen hatten sie kurz zuvor vier Vietnamesen abgeschlagen und als Trophäen mit in das kleine Dorf im Mekong-Delta gebracht.
Die vier Geköpften waren angeblich Vietcong-Terroristen, die wilden Männer "Gegen-Terroristen" der südvietnamesischen Regierung.
Seit Jahren durchkämmen sie -- einen Totenkopf auf dem Tarnanzug, die Parole "Tod den Vietcong" auf der Brust -die Kanäle, Reisfelder und Dörfer des Mekong-Deltas nach kommunistischen Partisanen.
Aber ebenso wie die 40 000 im Delta stationierten Saigon-Soldaten, die unter ihrem General Dang Van Quang lieber lukrative Privatgeschäfte als Jagd auf die Rebellen machten, scheiterten sie bei dem Versuch, das Flußdelta von roten Guerillas zu säubern.
Im Gegenteil: Je mehr Köpfe sie abschlugen, je mehr Zivilisten sie erschossen, desto größer wurde die Zahl der Vietcong-Anhänger.
Die Reiskammer Indochinas" aus der 82 Prozent der vietnamesischen Ernte stammen, Wurde zur wichtigsten Festung der Kommunisten in Südvietnam. Dort, vor den Toren der Hauptstadt Saigon, kontrollieren sie Landwirtschaft und Verwaltung, dort überwachen sie die wenigen Straßen, dort holen sie sich Geld und Nahrungsmittel, dort rekrutieren sie immer noch Monat für Monat unter den Reisbauern 5000 neue Krieger, die tagsüber aufs Feld und nachts auf Terror gehen. Dort liegt das Hauptquartier ihrer Dschunken-Flotte, dort unterhalten sie Waffen- und Munitionsdepots, Werkstätten, Krankenhäuser und Ausbildungslager.
Seit acht Uhr früh am vorletzten Freitag aber läuft die Operation "Deckhouse V": 5000 amerikanische Marine-Infanteristen, von zwölf Kriegsschiffen mit Hubschraubern und Amphibienfahrzeugen am Strand der Halbinsel Thanh Phu gelandet, sollen die Vietcong-Festung knacken.
Mit "Deckhouse V" -- so US-Oberbefehlshaber General Westmoreland -- "begann der amerikanische Feldzug im Mekong-Delta". Mit "Deckhouse V" -- so das US-Magazin "Reporter" -- begann zugleich auch "der schwerste und härteste Teil des Krieges".
Denn wenn es in Vietnam überhaupt zu einer Entscheidung kommt, dann muß sie dort fallen, wo die Kommunisten am stärksten sind und ihren Staat im Staat errichtet haben: im Herzland Südvietnams, an den Mündungsarmen des Mekong.
Das haben die Amerikaner längst erkannt -- und dennoch beließen sie es bisher bei der Entsendung von Beratern und Luftkissen-Fahrzeugen ("Delta-Ungeheuer") für Aufklärungstrupps. Vor einem direkten Angriff auf die rote Bastion scheuten sie zurück: Sie fürchteten nicht die roten Granatwerfer und die 100 000 roten Partisanen im Delta, sie schreckte -- und schreckt -- die Unzugänglichkeit des Geländes. Im Mekong-Delta können die Amerikaner -- anders als im annamitischen Hochland -- ihre technische Überlegenheit nicht ausspielen.
Die Mangrovensümpfe an der Küste, von Myriaden roter, bissiger Ameisen verseucht, sind nahezu undurchdringlich. Panzer und Fahrzeuge -- so auch acht Amphibienfahrzeuge bei der "Deckhouse"-Landung -- versinken im Schlamm, der Krieg muß zu Fuß ausgefochten werden. Und das bedeutet: bis zum Hals in Schlamm und fauligem Wasser. Selbst die meist nur 100 Pfund schweren Vietnamesen versinken bis zur Hüfte im Morast.
Im Landesinnern durchziehen Tausende und aber Tausende winziger Kanäle -- insgesamt 4000 Kilometer lang -- den Dschungel. In jedem Sampan, den asiatischen Kähnen, kann ein harmloser Fischer, aber auch ein gefährlicher Vietcong sitzen. In gut getarnten Verstecken, in Bäumen und Pfahlbauten, hinter Sträuchern und Büschen kauern die Scharfschützen der Guerillas.
Vor allem aber: Nirgendwo in Vietnam leben so viele Menschen so eng beieinander wie im Delta des Mekong. Die Hälfte der Bevölkerung Südvietnams -- etwa sieben Millionen Menschen -- wohnt dort, zum Teil hausen 1000 bis 1200 Vietnamesen auf einem Quadratkilometer. Und so müssen die Ledernacken auch auf Unterstützung aus der Luft weitgehend verzichten. Denn jede Bombe würde Hunderte von Zivilisten treffen und Tausende von Bauern in die Arme der Vietcong treiben.
Die Landbevölkerung ist den Partisanen ohnehin wohlgesonnen. Einst wurde sie von den Großgrundbesitzern in Saigon ausgebeutet. Heute, nach einer Agrarreform der Vietcong, vertraut sie darauf, daß die Guerillas der beste Schutz gegen die Rückkehr der Landlords sind. In jedem südvietnamesischen oder amerikanischen Soldaten sehen die Bauern einen Vorboten dieses Erbfeindes -- und deshalb lassen sie sich von den Vietcong bereitwillig in deren weitverzweigtes Informations- und Spitzelnetz eingliedern.
Dieser Nachrichtendienst arbeitet so hervorragend, daß auch "Deckhouse V" zunächst zu einem Schlag in den Schlamm wurde. Überall wo die Amerikaner erschienen, trafen sie auf alte Frauen, Greise und Kleinkinder. Die Männer im wehrfähigen Alter waren geheimnisvoll verschwunden.
Obwohl die GIs ihre Landezone zum "Free Kill"-Gebiet erklärt hatten, in dem sie auf alles schießen, was sich bewegt, faßten sie in der ersten "Deckhouse"-Woche nur 15 Rebellen. Elf wurden gefangengenommen, vier erschossen. Zwei der Toten waren vermutlich Partisanen, das dritte Opfer war ein unbewaffneter junger Mann, das vierte eine Frau.

DER SPIEGEL 4/1967
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