16.01.1967

Helmut Schelsky über Helmut Schoeck: „Der Neid“GEGEN DIE GLEICHHEIT

Professor Helmut Schelsky, 54, ist Ordinarius für Soziologie an der Universität Münster. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören: „Die skeptische Generation“ „Soziologie der Sexualität“.
Helmut Schoeck, 1922 in Graz geboren, 1965 nach 15 Jahren Lehre an amerikanischen Universitäten an die Universität Mainz als Professor für Soziologie zurückgekehrt, gehörte in den USA zu der kleinen Gruppe prinzipiell Liberaler, die den amerikanischen Konservativismus bilden, Anhänger von Goldwater waren und einen aussichtslosen Kampf gegen die herrschende linksintellektuelle Wissenschaftsmajorität führen. Jetzt hat er eine umfassende Monographie über den Neid vorgelegt, die er für eine Theorie der Gesellschaft hält.
Dieses Buch ist streckenweise recht altakademisch geschrieben ("Der Neid in der Dichtung ... in der Philosophie ... bei den Primitiven ...") und mit breiten Literaturberichten und Zitaten durchsetzt (allerdings wunderbaren, so von Kierkegaard und Max Scheler). Was rechtfertigt es, ihm mehr Aufmerksamkeit zu widmen als die einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung?
Das Buch ist ein politischer Test: Genauso wie bei der Stellungnahme zur Todesstrafe werden in den hier entwickelten Einsichten über die Allgegenwart des Neides Grundeinstellungen des Menschen angesprochen, die eine nur rationale oder gar akademische Reaktion ausschließen. Das Buch wird ebenso leidenschaftlich abgelehnt werden, wie es verschwiegene Zustimmung erhalten wird. An ihm wird jeder Leser seine Zugehörigkeit oder sein Außenseitertum zum herrschenden Sozialbewußtsein oder -- sagen wir es soziologisch-zynischer -- zur dominanten Hintergrundideologie unserer Demokratie erproben können. Allerdings macht dieser Test viele sich nonkonformistisch Dünkende zu Fundamentalkonformen. Um es zu kritisieren, genügt es also, die Thesen dieses Buches provokativ und wahrheitsgemäß zu berichten.
Schoeck hält den Neid für einen angeborenen Wesenszug des Menschen, allgegenwärtig, ununterdrückbar, daher der politischen Formierung des Menschen die anthropologische Grundaufgabe stellend, wie man mit ihm fertig wird. Neidisch ist der Mensch, "der es nicht ertragen kann, daß ein anderer etwas ist, kann, hat, gilt, das er selbst entbehrt, und der deshalb einen Lustgewinn darin findet, es beim anderen zerstört zu sehen, ohne es selber dadurch zu bekommen". Gegenstand des Neides kann praktisch alles sein: Vermögen und Besitz, Bildung und Erfolg, Frauen und Kinder, alles, was im Vergleich als ungleich empfunden wird. Hat der Neid einmal sein -- oft imaginäres -- Ziel ergriffen, so baut er sich selbsttätig und phantasievoll zu immer größerer Intensität aus. Vor allem aber richtet er sich auf den "Nächsten", den nur um weniges Reicheren, Begabteren, Höherstehenden. Neid ist eine Erscheinung der sozialen Nähe; je geringer die Unterschiede, um so neidvoller werden sie wahrgenommen. Geschwisterneid ist wahrscheinlich das Urphänomen.
Ebenso alt und allgegenwärtig wie der Neid ist der Versuch, ihn zu vermeiden. Primitive "Gesellschaften haben so komplizierte Verhaltensformen der Neidvermeidung entwickelt, daß ihnen jeder Fortschritt, der Ungleichheiten hervorriefe, versperrt bleibt. In den modernen Gesellschaften gipfelt die Neidvermeidung in den Schuldgefühlen, die die Beneideten, die Ungleichen, gegenüber ihren Neidern haben. Auch hier wirken Neid und Neidfurcht gleichermaßen entwicklungshemmend. Schoeck: "Je mehr es in einer Gesellschaft den Privatleuten wie den Trägern der politischen Macht möglich ist, so zu handeln, als ob es keinen Neid gäbe, desto größer wird das wirtschaftliche Wachstum und die Zahl der Neuerungen im allgemeinen sein.
Eine Gesellschaft, die die sozialen Unterschiede des Besitzes, der Bildung, der Autorität, der Klassen einebnet, die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft", ist daher dem Neid oder der Neidfurcht am stärksten ausgesetzt. Indem sie in einer "egalitär-demokratisch ausgeweiteten Vergleichssphäre" jeden auf jeden und jeden auf alles neidisch macht, was nicht "gleich" ist, erhebt sie den Neid zu einem politischen Prinzip: Der Neider hat immer recht, kann immer auf Anerkennung rechnen, der Beneidete, der Ungleiche, sieht sich von vornherein in einer schuldbewußten Defensive. Das aber führt auf die Dauer zur Regression, die jeden politischen und sozialen Fortschritt hemmt.
Wer ist schuld daran? Schoeck, ist zu sehr Realist oder Machiavellist, als daß er die Verwendung des Neides in der Politik schlechthin verdammt. Er kennt daran sogar gute Seiten: Nur der Neid in der Demokratie erzwingt die Kontrolle der Macht in der Gleichheit vor dem Gesetz. Aber die darüber hinausgehenden grundsätzlichen "Gleichmacher" zerstören das Entwicklungspotential der Gesellschaft, indem sie ein Zukunftsziel aufrichten, nach dem alle "gleich" sind, das heißt, indem sie eine Gesellschaftsverfassung einführen wollen, in der es keinen Neid mehr gibt und keine aus Beneidung geborenen Schuldgefühle. Dieser Zustand der Neidlosigkeit, des sozialen Glücks, ist eine Utopie in des Wortes schlechtester Bedeutung, nämlich eine Verheißung wider besseres Wissen.
Wer sind diese ideologisch Egalitären? Schoeck hat viele Bezeichnungen für sie: "Die berufsmäßigen politischen Neidvermeidungs-Ingenieure", "die aus dem Neid ihre Sozial- und Wirtschaftsphilosophie herausgesponnen" haben, die "utopischen Träumer und Schreibtischsozialisten", die "auf die egalitäre Gesellschaft erpichten Intellektuellen". Er konkretisiert dies, indem er nachweist, daß die moderne amerikanische und amerikanisch beeinflußte Sozialwissenschaft diese sozial auffällige Erscheinung des Neides einfach verdrängt hat.
Der Nachweis dieses "blinden Flecks" in der modernen Sozialwissenschaft scheint mir gelungen zu sein: Sieht man, wie sie sich überall drückt, wo das Phänomen Neid offensichtlich wird, so fragt man sich, ob nicht die Differenzierung der Sozialpsychologie und Soziologie erkauft wird mit einer ideologischen Verengung ihrer Beobachtungsgabe. Hier meldet sich ein? wissenschaftliche Gegnerschaft an: Die tiefsinnig beobachtende Soziologie des Urteils, auf die sich Schoeck stützt (Simmel, Scheler u. a.), hat mehr Erscheinungen erfaßt, als es der quantitativ exaktifizierenden Oberflächenerfassung von Tatbeständen in der modernen Sozialwissenschaft gelingt.
Schoecks Angriff gilt besonders dem Sozialismus; dabei wirft er ihm weniger vor, daß er grundsätzlich die Neidgefühle benutze, um politische Ziele zu erreichen, sondern daß er versuche, "eine ganze Volkswirtschaft, ein Programm von Zwangsmaßnahmen aus der vermeintlichen Pflicht herauszuspinnen, eine Gesellschaft der von Neid befreiten Gleichen zu schaffen". Im "abstrakten und glorifizierten Begriff des Proletariats" habe der Marxismus, so Schoeck, "eine unerbittliche Neidposition voll legitimiert" Die Unehrlichkeit dieser Politiker und Autoren liege darin, nicht sehen zu wollen, daß jede erzwungene Gleichmacherei sofort neue Unterschiede und meist intensivere Neidverhältnisse schafft als vorher. So ist Schoeck einer der seltenen Denker, die aus konservativer Einstellung die Klassengesellschaft bejahen -- weil er in ihr das natürliche Ergebnis aller fortschrittlichen sozialen Aktivität anerkennt.
Im einzelnen gerät von hier aus in das Feuer seiner Kritik: der ganze Wohlfahrtsstaat, die gleichmachende. neidbeschwichtigende Sozialpolitik, die progressive Einkommenssteuer, die hohen Erbschaftssteuern, die Rücksicht auf "Gruppen, die von der. Vergangenheit her noch Vorschußsympathie genießen, obgleich sie längst nicht mehr mitleiderregende Lebensumstände haben" (Arbeiter, Farmer), "die Vergeudung der nationalen Intelligenz durch die egalitäre Schule".
Seine vielleicht härteste Kritik gilt jener "Übersee-Philanthropie" der Neidvermeidungs-Politik gegenüber den sogenannten Entwicklungsländern; sie werde vor allem von jenen befürwortet, die ihre seelischen Komfortbedürfnisse über die Beschäftigung mit den Entwicklungsländern zu stillen versuchten, weil die eigene Wohlstandsgesellschaft es nicht mehr erlaube, sie in ihr zu befriedigen; auch sei diese Fernstenliebe meist nur ein Alibi für die soziale Kontaktschwäche in der eigenen Umwelt.
Wichtiger scheint mir in diesem Zusammenhange allerdings das breit belegte Argument, daß in jenen zurückgebliebenen Kulturen Neidschranken und Neidvermeidungs-Konventionen in einem Ausmaße vorhanden sind, das von der Entwicklungspolitik meist übersehen wird und ihre- fortschrittliche Wirkung weitgehend aufhebt.
Gegenüber so viel Kritik und Demaskierung ist Schoecks positives Gesellschaftsbild verhältnismäßig unterentwickelt: "Eine erträgliche, eine vernünftige Gesellschaft ist diejenige, worin möglichst wenige sich mit ihren Neidgefühlen und Ressentiments beschäftigen und diese wenigen sie für sich behalten müssen, weil sie mit offenem Neid weder bei ihren Mitmenschen noch bei der Justiz auf Sympathie stoßen." Als "Methoden, um den Neid in Schranken zu halten", sieht er an: "positives Recht; Religionen, die Entsagung oder Hoffnung auf Entschädigung im Jenseits predigen; Theorien angeborener Überlegenheit bei der Elite; Vorstellungen vom kapriziösen Glück".
Schoecks Buch formuliert eine alte sozialphilosophische Gegnerschaft neu: Auf der einen Seite stehen die optimistischen Vervollkommner der guten Natur des Menschen, auf der anderen Seite die pessimistisch-realistischen "Bändiger" eben dieser Natur, die als böse und der Zucht bedürftig angesehen wird. So nimmt "diese . antisozialistische Sozialpsychologie eine Entlarvung des politischen Gleichheitsgrundsatzes vor, die von seinen Vertretern als eine Denunziation der sozialen Gerechtigkeit empfunden werden wird. Kein Zweifel: Mit Schoeck ist ein Gelehrter nach Deutschland zurückgekehrt, der in den sozial- und politikwissenschaftlichen Auseinandersetzungen härtere Töne anschlägt, als sie bisher hierzulande üblich sind. Zum wissenschaftlichen Berater der Großen Koalition ist er nicht geeignet.
Von Helmut Schelsky

DER SPIEGEL 4/1967
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 4/1967
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Helmut Schelsky über Helmut Schoeck: „Der Neid“:
GEGEN DIE GLEICHHEIT

Video 01:35

Frontalangriff Elefant vs. Bus

  • Video "Gestüt in Kalifornien: Rettung vor den Flammen" Video 00:45
    Gestüt in Kalifornien: Rettung vor den Flammen
  • Video "Harlem Globetrotters: Korbwurf aus 46 Meter Höhe" Video 01:22
    Harlem Globetrotters: Korbwurf aus 46 Meter Höhe
  • Video "Verhungernder Eisbär in Kanada: Keine Nahrung weit und breit" Video 01:02
    Verhungernder Eisbär in Kanada: Keine Nahrung weit und breit
  • Video "Onlinehandel: Amazon in Zahlen" Video 01:45
    Onlinehandel: Amazon in Zahlen
  • Video "Riskantes Flugmanöver: Check - und ab dafür!" Video 00:34
    Riskantes Flugmanöver: Check - und ab dafür!
  • Video "Filmstarts im Video: Vätertag" Video 06:17
    Filmstarts im Video: Vätertag
  • Video "Love-Parade-Prozess: Wer trägt die Verantwortung für den Tod meines Sohnes?" Video 01:59
    Love-Parade-Prozess: "Wer trägt die Verantwortung für den Tod meines Sohnes?"
  • Video "Nach Jerusalem-Entscheidung: Trump wünscht besonders besonderes Chanukka" Video 01:55
    Nach Jerusalem-Entscheidung: Trump wünscht "besonders besonderes Chanukka"
  • Video "SPD-Parteitag: Ein bisschen absurd" Video 02:53
    SPD-Parteitag: "Ein bisschen absurd"
  • Video "Trumps Jerusalem-Entscheidung: Er kriegt neben der Kritik auch viel Applaus" Video 02:40
    Trumps Jerusalem-Entscheidung: "Er kriegt neben der Kritik auch viel Applaus"
  • Video "Drohnenvideo: Orca will Rochen an die Leber" Video 01:35
    Drohnenvideo: Orca will Rochen an die Leber
  • Video "Wut der SPD-Basis: Mit Merkel kann man nicht koalieren" Video 02:16
    Wut der SPD-Basis: "Mit Merkel kann man nicht koalieren"
  • Video "Waldbrände in Kalifornien: Autofahrer rettet Hase" Video 01:03
    Waldbrände in Kalifornien: Autofahrer rettet Hase
  • Video "Jerusalem als Hauptstadt Israels: Ich fürchte, dass es ein Aufflammen der Gewalt gibt" Video 02:18
    Jerusalem als Hauptstadt Israels: "Ich fürchte, dass es ein Aufflammen der Gewalt gibt"
  • Video "Frontalangriff: Elefant vs. Bus" Video 01:35
    Frontalangriff: Elefant vs. Bus