03.11.1969

RÜSTUNG / PANZERBAU

Licht vom Mond

Stiller Stolz verklärte das Gesicht des Bundeswehr-Generals: "Man darf es ja nicht laut sagen, aber wir haben schon wieder die beste Panzerwaffe der Welt."

Die Euphorie des Goldbetreßten war so grundlos nicht: Vor geladenen Gästen preschten über den Panzertrainingskurs von Munster-Lager "Leoparden" und "Marder", Standard- und Schützenpanzer der bundesdeutschen Streitkräfte.

Die von Militärexperten und Rüstungsfachleuten anerkannte Qualität vor allem des Leopard reicht den Strategen auf der Hardthöhe in Bonn nicht mehr. Für die deutsche Armee der siebziger Jahre verlangen die Führungsstäbler gleich drei noch modernere Kampfpanzer:

* einen durch Nachrüstung stark verbesserten Leopard; seit einiger Zeit schon werden zusätzlich Waffenstabilisierung*" moderner Computer, verbesserte Optik und neue Navigationsgeräte eingebaut. Außerdem bekommt er eine andere Munition;

* den in Zusammenarbeit mit den Amerikanern von Grund auf neu entwickelten "MBT" (Main Battle Tank) oder "Kampfpanzer 70"; das technisch außerordentlich komplizierte Fahrzeug ist mit einer Mehrzweckwaffe für konventionelle Munition und "Shillelagh"-Flugkörper ausgerüstet;

* die rein deutsche Parallel-Entwicklung eines Kampfpanzers 70 "Keiler"; Hauptwaffe des Keilers soll eine stabilisierte 120-Millimeter-Langrohrkanone (Reichweite: 2000 Meter) werden.

Das Programm der Bonner Panzerplaner ist ebenso ehrgeizig wie aufwendig. Allein für die Verbesserung des Leopard, dessen Ruf als kampfstärkster Nato-Panzer mit Einbau der neuen Elemente noch gefestigt wird. sind pro Stück 350 000 Mark fällig. Wenn alle 1800 Leoparden der Bundeswehr nachgerüstet werden, machl das 630 Millionen Mark.

Die Modernisierung des Standardpanzers nimmt sich jedoch, verglichen mit den Entwicklungskosten für den MBT 70, wie ein Trinkgeld aus.

Finanziell sind die Vorarbeiten für den Supertank bereits eine Katastrophe mehr in der Reihe nachkriegsdeutscher Rüstungsmiseren. Statt, wie geplant, 80 Millionen Dollar (nach dem neuen Wechselkurs: 292,8 Millionen Mark), kosteten Entwicklung und Prototypenban bislang 303 Millionen Dollar (fast 1,1 Milliarden Mark). Deutscher Anteil: 130 Millionen Dollar (475,8 Millionen Mark), über 50 Pro-

* Die Kanone bleibt dadurch auch bei rascher Fahrt im Gelände immer automatisch aufs Ziel gerichtet.

zent mehr, als Bonn und Washington ursprünglich gemeinsam anzulegen gedachten.

Ein Ende der MBT-70-Entwicklung ist nicht abzusehen, mithin auch kein Kostenlimit. Grund: Der Gemeinschaftspanzer ist technisch derart raffiniert und deshalb so kompliziert, daß trotz vier Jahren Rückstand gegenüber dem ursprünglichen Zeitplan zahlreiche Probleme noch immer ungelöst sind. Kein Wunder, denn der MBT 70 soll

* nur noch drei Mann Besatzung haben,

* vorwärts wie rückwärts 70 Stundenkilometer schnell fahren,

* sich hydropneumatisch auf 1,99 Meter Gesamthöhe abducken oder bis 2,39 Meter hochrecken, aus einer stabilisierten Kombinationswaffe sowohl Shillelagh-Lenkraketen (Reichweite: 3000 Meter, Preis pro Schuß: 10 000 Mark) wie auch konventionelle Geschosse mit fast 2000 Meter Reichweite verschießen,

* mit Hilfe von Kaskaden-Röhren das Licht von Mond und Sternen so verstärken, daß er auch nachts operationsfähig ist.

Mindestens zwei Punkte dieser Liste bereiten den Technikern noch immer Kopfzerbrechen. Zwar ist das Flugkörpersystem Shillelagh, dessen Raketen vom Kanonier ohne weitere Hilfsmittel -- etwa Draht durch Sichtverfolgung ins Ziel gelenkt werden, fast perfekt. Die konventionelle 152-Millimeter-Munition aber, die durchs gleiche Rohr verfeuert werden soll, ist nicht einmal annähernd einsatzreif.

Erstmals in der Geschichte der Waffentechnik soll die Hülse dieser überschweren Tank-Patrone (zum Vergleich: der deutsche "Tiger" -Panzer im 2. Weltkrieg hatte eine Kanone vom Kaliber 8,8 Zentimeter, der Leopard hat eine 105-Millimeter-Kanone) nicht mehr aus Messing, sondern aus Kunststoff bestehen. Beim Schuß verbrennt die Hülse mit der Treibladung, nur der Patronenboden wird ausgeworfen.

Selbst jahrelange Versuche haben nicht ausgereicht, dieses System funktionstüchtig zu machen:

* Wird die Munition feucht, saugt die Hülse sich voll Wasser und kann dermaßen anschwellen, daß sie nicht mehr ins Rohr paßt.

* Weniger nasse Ladungen ergeben groteske Fehlschüsse.

Feuchte Hülsen hinterlassen nach dem Schuß dicke Rückstände von nicht verbranntem Kunststoff im Rohr.

* Ein Geschoß explodierte bei Versuchen schon im Panzer (Rohrkrepierer).

* Der automatische Lader, eine deutsche Konstruktion, die den Ladeschützen ersetzen soll, wurde zwar mit den Shillelagh-Raketen fertig, verformte aber die Kunststoff-Hülsen bis zur Unbrauchbarkeit. Nach 1,2 Milliarden Dollar (4,4 Milliarden Mark), die bis Mitte dieses Jahres für die Arbeiten am Shillelagh-System ausgegeben waren, geriet die US Army ins Kreuzfeuer von Senatoren. Ergebnis der Hearings auf dem Kapitol: Der Bau eines US-Panzers ("M 60 A 1 E 2") mit Shillelagh-Turm wurde gestoppt, Erprobungsmethoden bei der Beschaffung eines anderen ("Sheridan") scharf verurteilt.

Ist in den USA die Ungeduld wegen der Kombinationswaffe größer, so schlägt sich der deutsche Partner mit der aus den Fugen geratenen Tonnage des Panzers herum. Entwicklungsziel war ein Kampffahrzeug mit 46,3 Tonnen Gewicht. Erstes Arbeitsergebnis: ein Koloß von 54 Tonnen, der in der Bundesrepublik die Straßen zerwühlen, viele Brücken überlasten und beim Eisenbahntransport den Gleis-Unterbau ruinieren würde. Außerdem: Das Riesenbaby wäre mit dem Pionier- und Instandsetzungsmaterial der Bundeswehr nicht zu bewältigen.

Mit nur einem lachenden Auge nahmen deshalb die Verteidigungstechniker auf der Hardthöhe zur Kenntnis, daß Abmagerungsversuche, zu denen sich die Amerikaner höchst widerwillig bereit fanden, an deutscher Qualitätsarbeit zu scheitern drohten: Nachdem der US-gefertigte Continental-Motor (Brigadegeneral Dietrich Willikens, zweiter Mann der Abteilung "Technik" im Verteidigungsministerium: "In der Konzeption viel fortschrittlicher und leichter als der deutsche") nur 1100 PS statt der verlangten 1500 PS leistete, zudem nach jeweils 400 Kilometern qualmend seinen Geist aufgab, liegt Daimler-Benz mit einem bulligen, zuverlässigen, aber viel zu schweren Motor in der Konkurrenz vorne.

Die Abmagerungskur für den MBT 70 ist nach diesem Rückschlag erst recht Zentralthema der Bonner Rüstungstechniker. Ein Kompromiß mit den Amerikanern führte zwar zu einem neuen Planziel von 48,5 Tonnen, nicht aber zum gewünschten Ergebnis, Heutiger Entwicklungsstand: 50,3 Tonnen.

Finanzielle Auswüchse und technisches Rätselspiel sowohl in den USA wie in der Bundesrepublik erzeugen zunehmend Verdrossenheit. Noch vor kurzem hatte der inzwischen abgelöste Projekt-Manager für den MBT 70, US-Generalmajor Edwin H. Burba, getönt: "Zum erstenmal in der modernen Tankentwicklung haben die Techniker des MBT für ihre Arbeit Carte blanche bekommen." Jetzt höhnt Senator Thomas F. Eagleton (US-Staat Missouri): "Ein Ausbund aller Panzer. Der MBT 70 würde (beim 500-Meilen-Rennen) in Indianapolis glorreich abschneiden. Er braucht nur einen Intellektuellen am Steuer."

Ebenso sarkastisch beurteilt Senator James W. Fulbright aus Arkansas die technische Überfrachtung: "Um diesen komplizierten Tank zu fahren, braucht man einen Wunderknaben mit dem Diplom einer TH."

Die Folgen solcher Senatskritik zeigten sich im vergangenen Sommer: Der Kongreß strich dem Pentagon den Entwicklungsetat des MBT 70 zusammen. Zusätzlich erhielt das unabhängige Batelle-Institut den Auftrag für eine Kostenstudie. Die Prüfer sollen herausfinden, mit welchen Vereinfachungen der Tank, der beim derzeitigen Stand der Entwicklung zwischen 2,2 und 2,8 Millionen Mark kosten würde, unter einen Serienpreis von 500 000 Dollar (1,83 Millionen Mark) gedrückt werden kann.

Ahnungsvoll gestand der stellvertretende US-Verteidigungsminister David Packard dem deutschen Programmleiter für den MBT 70, Brigadegeneral Hans L. Eberhard: "Wenn es uns nicht gelingt, unter 500 000 zu bleiben, werden wir's nicht schaffen."

Auch ein totaler Entwicklungsstopp ist demnach, obwohl die USA dringend einen modernen Panzer brauchen, nicht mehr auszuschließen. Flottillen-Admiral Herbert Trebesch, Chef des bundesdeutschen Attachéstabes in Washington, beantwortete die Frage. ob der MBT 70 auf dem Sterbebett liege: "Auf dem Krankenbett sicher."

Die Panzerbeschaffer in Bonn lassen sich von den düsteren Signalen aus den USA nicht schrecken. Sie warten auf den 15. Dezember, wenn in Washington die Batelle-Studie vorliegt und Entscheidungen fallen sollen.

Im übrigen herrscht Durchhalte-Stimmung auf der Hardthöhe. Brigadegeneral Eberhard: "Wir haben die Absicht, den MBT 70 auch allein durchzuziehen. Ein großer Teil der Baugruppen ist entwickelt und fertig. Es wäre unverantwortlich, im Januar zu sagen: "Wir fangen jetzt was Neues an.""

Unbeirrbar hält Bonn vor allem an der von den Militärs verlangten "Kampfentfernung 3000" und damit am Flugkörperpanzer fest -- obgleich diese Kapazität auf dem europäischen Gefechtsfeld in höchstens 19 Prozent aller Fälle wirksam werden kann. Für 75 Prozent der denkbaren Kampfsituationen reicht die 2000-Meter-Kanone, in sechs von hundert Fällen sichten die Panzerkommandanten den Gegner in mehr als 3000 Meter Entfernung und damit allemal außerhalb der Reichweite ihrer Waffen.

Falls die Bundesverteidiger angesichts dieser Zahlen doch noch auf den MBT 70 verzichten sollten -- sie stehen nicht eben nackt da.

Schon Anfang 1968 hat Bonn beim Leopard-Generalunternehmer Krauss-Maffei AG, München-Allach, für 70 Millionen Mark die Entwicklung einer rein deutschen Version des Kampfpanzers 70 ("Keiler") in Auftrag gegeben. Gleich ob die binationale Entwicklung weiterläuft oder nicht -- der pro Stück etwa 1,5 Millionen Mark teure Keiler soll auf alle Fälle durch deutsches Unterholz brechen.

Wichtigster Unterschied zum MBT 70 ist die Bewaffnung. Für den Keiler ist eine konventionelle Kanone vom Kaliber 120 Millimeter vorgesehen, die zur Zeit von der Firma Rheinmetall in Düsseldorf entwickelt wird.

Im übrigen dürfte es ein recht intellektuelles Wildschwein werden. Die Münchner Panzerbauer wollen für den Keiler großenteils die neuen Bauelemente verwenden, die binational für den MBT 70 fertig entwickelt sind. Riskante Techniken wie Hydro-Federung und Ladeautomatik bleiben allerdings von vornherein beiseite. Dafür bekommt der kapitale Keiler die hochmoderne, aber auch anfällige Elektronik des MBT 70.

Optimistische Erklärung auf der Hardthöhe: "In diesem Programm haben wir zum erstenmal beim Heer das System der Fehlerkennung und Einkreisung in den Griff bekommen, das für die Luftwaffe längst eine Selbstverständlichkeit ist. Wenn der Kommandant eines Panzers den Fehler selber finden kann, geht damit die Zahl der notwendigen Reservepanzer zurück" (Eberhard).

Der Optimismus, mit dem die Bonner Generale ihr Kampfpanzer-Programm betrachten, kann sich angesichts des neuen Herren auf der Hardthöhe leicht als voreilig erweisen. Aus der Partei von Verteidigungsminister Helmut Schmidt war bislang nur Skeptisches zu diesem Projekt zu hören. Der Politisch-Parlamentarische Pressedienst der SPD am 19. September, neun Tage vor der Bundestagswahl: "Panzer 70: ein teurer Spaß."


DER SPIEGEL 45/1969
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