03.11.1969

ZEITGESCHICHTE / KOMMUNISMUSKöstliche Entdeckung

"Somit fraß ich die Menschen vorurteilslos in mich hinein, je nach Appetit und Laune. Glaubte ich mich an einem satt gegessen, sprang ich einen anderen an -- ohne Skrupel und Bedauern."
Die kannibalische Passage entstammt den Memoiren einer Edeldame aus Teplitz-Schönau in Böhmen, die zeitweilig Sowjet-Spionin war und sogar Major der Roten Armee. Zwei Jahrzehnte lang war sie auch die Ehefrau des vor zwei Wochen aus der KPÖ gefeuerten Schriftstellers Ernst Fischer, 70. Ihr Erinnerungsbuch veröffentlicht sie jetzt unter ihrem Mädchennamen Ruth von Mayenburg*.
Der Appetit auf Menschen -- keineswegs bloß literarisch gemeint -- begleitete sie ihr Leben lang. Er verhalf ihren Memoiren auch zu den besten Partien. Gelegenheit, ungewöhnliche Menschen zu erleben, boten ihr Milieu und Werdegang. Ihr Vater war Bergwerksdirektor, ihr Onkel der Chlorodont-Millionär und Apotheker Ottomar Heinsius von Mayenburg, ihr
* Ruth von Mayenburg: "Blaues Blut und rote Fahnen". Molden-Verlag, Wien; 400 Seiten; 25 Mark.
** Ernst Fischer: "Erinnerungen und Reflexionen". Rowohlt; 480 Seiten: 28 Mark,
erster Verlobter ein Herrenreiter und SA-Führer namens Hansi von Herder. den die Röhm-Affäre um ein Haar das Leben kostete. Vor der Ehe mit einem anderen Edelmann bewahrte sie General Freiherr Kurt von Hammerstein-Equord, der damals Chef der Heeresleitung gewesen war und den sie später im Auftrag des russischen Geheimdienstes auszuhorchen versuchte.
In Wien lernte sie den k. u. k. Generalssohn Ernst ("Ernstl") Fischer kennen, der damals Redakteur der "Arbeiter-Zeitung", Lyriker, Stückeschreiber und Führer einer revolutionären Opposition innerhalb der SPÖ war. Die Heirat mit Fischer verschaffte ihr den Zugang zu der Welt des Marxismus, dessen Ideen, dessen Problemen und dessen Männern.
Nach dem mißlungenen Aufstand des sozialdemokratischen "Schutzbundes" gegen das Dollfuß-Regime floh das Paar 1934 zunächst in die Tschechoslowakei, später in die Sowjet-Union. Während Ernst dort als .Journalist für die Organisation des Weltkommunismus, die Komintern, arbeitete, kehrte Ruth noch einmal als Agentin des militärischen Nachrichtendienstes der Sowjet-Union nach Deutschland zurück. Während des Krieges diente sie zeitweilig als russischer Propaganda-Offizier an der Front. Seit 1945 lebt sie in Österreich; 1954 wurde sie von Fischer geschieden.
Ruth von Mayenburgs Buch erscheint -- Zufall oder keiner -- zu gleicher Zeit wie der Memoiren-Band Ernst Fischers**. Den Vergleich der beiden Bücher braucht Frau von Mayenburg nicht zu scheuen -- auf jeden Fall, was die Personenschilderungen angeht.
Ihr Porträt von Herbert Wehner zum Beispiel, der wie das Ehepaar Fischer einige Zeit im Moskauer Prominenten-Hotel "Lux" wohnte, ergänzt das ihres Mannes vorzüglich (siehe Seite 86). Ihr Blick für die kleinen Schwächen bedeutender Zeitgenossen ist möglicherweise schärfer als der ihres ehemaligen Mannes.
Als die damalige Sowjet-Spionin Ruth im Zug dem ausreisenden Schriftsteiler Lion Feuchtwanger begegnet, erkennt sie blitzschnell, daß der Pelz der Dichter-Sekretärin größer ist als der der Dichter-Frau.
Daß Theodor Plievier ("Stalingrad") im "Lux" nackend oder nur mit Baskenmütze bekleidet vor der Schreibmaschine zu sitzen pflegte, verzeichnete sie mit ebensoviel Vergnügen wie die russischen Dienstmädchen seinerzeit mit Empörung: "Njekulturnost" -- Kulturlosigkeit!
Nicht ohne Schadenfreude beobachtet sie, wie Ulbricht sich 1945 hinsichtlich Stalins Entscheidung über Schlesien täuscht.
Sie selbst und Ernst Fischer hätten damals, so berichtet Frau von Mayenburg, von vornherein gemeint, Schlesien sei für die Deutschen verloren, weil Stalin die Lausitzer Neiße (nicht die schlesische) als künftige Grenze bezeichnet habe. Doch Johannes R. Becher (die "Lux"-Bewohner: "Johannnes Erbrecher") habe getobt und sei mit den Worten aus ihrem "Lux"-Zimmer gestürzt: "Das melde ich Walter Ulbricht. Das ist eine Verleumdung der Sowjet-Union!" Und dann sei Ulbricht "in höchste Aufregung" gekommen und habe geschimpft: Die Fischers sollten sich hüten, denn "der Fakt ist, da gibt's gornischt wie die Neiße",
Die Deutschen, auch die deutschen Kommunisten, kommen bei Ruth und bei Ernst Fischer selten gut weg, Sie gelten als nationalistisch und ihr Essen als ungenießbar, Ernst verzeichnet, daß am 15. Juni 1910 einer in sein Zimmer gestürmt sei -- mit dem Ruf: "Wir haben Paris erobert!" Ruth beschreibt ein Tarock-Spiel auf der Terrasse von Klement Gottwalds Datscha. Als dabei die Karten zwischen die Bretter der Terrasse fielen und sie ein Beil aus dem benachbarten Haus Wilhelm Piecks holen wollte, habe der Tschechoslowakei entsetzt abgewehrt: "Ich möchte keine Gefälligkeit von die Deitschen -- ein Beil schon gar nicht."
Freilich ließ sich Frau von Mayenburg dadurch nicht abhalten und forschte gleichwohl bei Pieck nach dem Beil. Dabei machte sie "eine köstliche Entdeckung", nämlich daß "über der Schlafcouch des alten Pieck in Lebensgröße ein holdselig-nacktes Weib lag -- ein Aktgemälde in Farbdruck".
Für beide Memoirenschreiber, für Ernst und Ruth, bilden Erotik und Kommunismus eine (nach orthodoxmarxistischen Begriffen höchst ungewöhnliche) Einheit -- so etwa in Ernsts Vision einer zukünftigen Welt, "durch die ein Duft von Frauen und Flieder weht", oder in den emphatischen Worten, mit denen Ruth gleichsam das Programm ihrer Ehe mit Ernst beschreibt: "Eros und die Internationale, Eros und der Sozialismus, Eros und die Revolution, Eros im Kampf gegen den Faschismus."

DER SPIEGEL 45/1969
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 45/1969
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGESCHICHTE / KOMMUNISMUS:
Köstliche Entdeckung

Video 00:59

Video zeigt extrem seltenen Fisch Riesenmaulhai vor Japan gefilmt

  • Video "Video zeigt extrem seltenen Fisch: Riesenmaulhai vor Japan gefilmt" Video 00:59
    Video zeigt extrem seltenen Fisch: Riesenmaulhai vor Japan gefilmt
  • Video "Weltgrößtes Teleskop in Chile: Dieses Auge soll Leben im All entdecken" Video 02:11
    Weltgrößtes Teleskop in Chile: Dieses Auge soll Leben im All entdecken
  • Video "US-Präsident auf Reisen: Trump rempelt - und gerät unter Druck" Video 01:48
    US-Präsident auf Reisen: Trump rempelt - und gerät unter Druck
  • Video "Seidlers Selbstversuch: Wie man die ISS rammt" Video 03:45
    Seidlers Selbstversuch: Wie man die ISS rammt
  • Video "Testflug im Video: Russisches Amphibienflugzeug Be-200" Video 00:59
    Testflug im Video: Russisches Amphibienflugzeug Be-200
  • Video "Riskante Aktion: Frau springt auf SUV, um Diebstahl zu verhindern" Video 00:45
    Riskante Aktion: Frau springt auf SUV, um Diebstahl zu verhindern
  • Video "Filmstarts der Woche: Verflucht noch mal" Video 08:00
    Filmstarts der Woche: Verflucht noch mal
  • Video "Fußball-Pub in Manchester: Wir sind mutig, wir halten zusammen" Video 02:52
    Fußball-Pub in Manchester: "Wir sind mutig, wir halten zusammen"
  • Video "Urteil im Bodyshaming-Prozess: Ex-Playmate muss Graffiti entfernen" Video 00:51
    Urteil im "Bodyshaming"-Prozess: Ex-Playmate muss Graffiti entfernen
  • Video "Spott im Netz für Trumps: #Handgate" Video 01:33
    Spott im Netz für Trumps: #Handgate
  • Video "Kalifornien: Erdrutsch begräbt legendären Highway 1" Video 00:34
    Kalifornien: Erdrutsch begräbt legendären Highway 1
  • Video "Mexiko: Albtraumfahrt auf der Autobahn" Video 00:52
    Mexiko: Albtraumfahrt auf der Autobahn
  • Video "Manchester nach dem Terror: Es lag irgendwie auf der Hand zu feiern" Video 01:48
    Manchester nach dem Terror: "Es lag irgendwie auf der Hand zu feiern"
  • Video "Augenzeugen vom Attentat in Manchester: Überall lagen Schuhe und Handys rum" Video 02:21
    Augenzeugen vom Attentat in Manchester: "Überall lagen Schuhe und Handys rum"
  • Video "Video aus Manchester: Der Schock ist umso größer" Video 01:40
    Video aus Manchester: "Der Schock ist umso größer"