03.11.1969

VERLAGE / RAUBDRUCKELaßt blühen!

Es gibt kein geistiges Eigentum", dekretierte auf der Frankfurter Buchmesse die Literaturproduzenten-Postille "Extra" unter Berufung auf Horkheimer und Adorno. Und messerscharf folgerten die linken Literaten: "Darum: Organisiert ein, zwei, viele Autoren- und Druckersyndikate! Zerschlagt das bürgerliche Copyright!"
Vor dem Messe-Haupteingang wurde dieser Lehrsatz längst praktiziert: Bärtige Copyright-Zerschlager verteilten eine deftig-pornographische Leseprobe aus dem Roman "Die Akte der Barbara", der im Original 24 Mark koste, "als ungekürzter hektographierter Raubdruck einer Kölner Kommune" jedoch schon für sieben Mark zu haben sei. Als Auslieferer dieser "ausführlichen Sexuellenszenen" zeichnete ein "Verlag Iris Vetter" in Stuttgart, der für Besteller drei Konto-Nummern und auch den Schein eines linken Alibis parat hält: "Dieses Buch trägt mit dazu bei sich von angemaßten Verboten zu befreien."
Das Buch, das für sieben Mark Befreiung beiträgt, ist ein hektographierter Schreibmaschinentext und bietet in sorgloser Orthographie ("Ger Hund gegann, vorischtig an Frank zu lacken") eine Abschrift des inzwischen als "unzüchtige Schrift" verklagten Olympia-Press-Titels "Barbara" von Frank Newman (Ladenpreis: 18 Mark).
Der getippte Porno aus dem Untergrund ist das jüngste Beispiel für eine Apo-Aktivität, die neuerdings den Markt der etablierten Buchmacher beunruhigt: das Geschäft der Linken mit dem Raubdruck.
Ohne Genehmigung, zumeist auch ohne Wissen der Autoren und ihrer Verlage, drucken sozialistische Gruppen und Kommunen nach, was ihnen für die Arbeit der Linken wichtig erscheint und was im seriösen Buchhandel nicht oder nur zu hohen, mitunter überhöhten Preisen erhältlich ist.
Angefangen hat dieser Raubdruck-Betrieb, als die Frühschriften Herbert Marcuses und die Werke des sozialistischen Sexkundlers Wilhelm Reich zur Hauptlektüre in der Berliner Kommune I der Teufel, Langhans und Kunzelmann avanciert waren: Die Kommunarden, die immer nach einer kollektiven, politisch wirksamen und dabei einträglichen Tätigkeit suchten, vervielfältigten, was sie als besonders interessante Trouvaillen in Bibliotheken und Antiquariaten entdeckten und brachten es unter dem Firmen-Signum "Verlag Philosophie und Revolution" unter die Genossen.
Inzwischen sind neben die handwerklichen Produkte der ersten Raubdruck-Zeit, als der auf Matrizen abgeschriebene Text nur in Kleinauflagen von wenigen hundert Stück abgezogen werden konnte, längst einwandfreie, saubere Offsetdrucke und die besonders leicht zu fabrizierenden photomechanischen Vervielfältigungen getreten, die den Text der Vorlage getreu faksimilieren.
Eine komplette Ausrüstung für derlei moderne reprographische Druckverfahren, bei denen in der Regel das Original Seite um Seite photographiert wird und dann der Film als Druckvorlage dient, ist schon für weniger als 10 000 Mark zu haben. Allein im Berliner Untergrund stehen heute fast ein Dutzend Raubdruckerpressen, die in Auflagen zwischen 300 und 4000 Exemplaren linke Bücher ausstoßen.
Vertriebsstellen der um 50 bis 75 Prozent billigeren Piraten-Ausgaben sind linke Buchläden wie Röhrbein in Berlin, "Libresso" in Frankfurt und "Spartakus" in Hamburg, die zeitweilig über 100 Titel ohne Copyright anbieten. Aber auch bürgerliche Sortimenter -- so etwa der Taschenbuchhändler Gernot W. Elmenhorst im Hamburger Universitätsviertel -- handeln da mit: "Wir bestellen die Raubdrucke über Postfach-Adressen und werden dann per Nachnahme beliefert. Es gibt keine Rechnungen und keine richtigen Absenderangaben. Aber meistens klappt alles."
Ladenhüter gibt es unter den Raubdruck-Titeln kaum; die Nachfrage nach den wohlfeilen Broschüren steigt immer noch, und die unbekannten Genossen, deren Namen keiner nennt, kennen die Marktlücken genau.
Ihr Bestseller-Autor ist der erst vor einigen Jahren entdeckte kommunistische Psychoanalytiker Wilhelm Reich, von dem insgesamt etwa zehn Arbeiten über die Funktion von Sex im politischen Kampf auf dem roten Markt sind. Reich-Hauptwerk "Die Funktion des Orgasmus", das billig im fiktiven "Bumms-Verlag Hamburg" erschien, erlebte jetzt auch eine legale Ausgabe bei Kiepenheuer & Witsch, die gewiß ohne den Druck der Raubdrucke so schnell nicht erschienen wäre.
Andere bevorzugte Autoren der Freibeuter-Verlage sind Karl Korsch und Michail A. Bakunin, Felix Weil und Theodor W. Adorno, Walter Benjamin und Georg Lukács. Nächst den Anregern und Opas der Apo stehen seit der Gründung der ersten sozialistischen Kinderläden in Berlin und der Diskussion über revolutionäre und antiautoritäre Erziehung die Praktiker der "psychoanalytischen Pädagogik" -- Nelly Wolffheim, Wera Schmidt, Melanie Klein, Anna Freud, Alice Balint -am höchsten im Kurs.
Aus der Selbsthilfe linker Gruppen, die nur ideologisch relevante Texte drucken und mit dem Erlös zudem häufig Kinderläden, Basisgruppen oder politische Agitationen finanzieren, sind unterdes mit dem Erfolg mancherorts rein kommerzielle Geschäftsbetriebe entstanden, die bedenkenlos auch -- wie im Falle "Barbara", von der augenblicklich schon mindestens drei verschiedene Untergrund-Ausgaben kursieren -- aus Pornographie Profit schlagen.
Seit sich herumgesprochen hat, daß -- so der Berliner Raubdruck-Kenner und Chef der "Ca Ira Presse" Jürgen Beverförden -- "man von Raubdrucken ganz gut leben kann", haben nun auch einige etablierte Verlage auf die lizenzlosen Publikationen reagiert:
* Der Wiesbadener Limes Verlag warnte "alle Kollegen im Sortiment" vor einem Raubdruck von William S. Burroughs' Sucht- und Sex-Suada "The Naked Lunch" und drohte, gegen "Hersteller wie Verbreiter ... mit allen gerichtlichen Mitteln" vorzugehen.
* Der Suhrkamp Verlag konterte einen Berliner Raubdruck seines Autors Walter Benjamin (Preis: 4 Mark), in dem ein "den frankfurter Monopolarchivaren", ergo "den Händen revisionistischer Kulturpolitiker entrissenes" Manuskript zum erstenmal veröffentlicht wurde, mit einem editorischen Trick: Suhrkamp -- sonst bei Benjamin eher auf profitable Dosierung bedacht -- publizierte nun den geraubten Text selbst, ein halbes Jahr früher als geplant und für drei Mark.
* Der S. Fischer Verlag bemühte sich, "mit Hilfe des antiquierten bürgerlichen "Copyrights"" (so der SDS) den Verkauf von Horkheimer/Adornos "Dialektik der Aufklärung" (für 10 Mark) zu verhindern, und forderte über seine Hausjuristen von den Buchhandlungen "Libresso" und "Spartakus" ultimativ, freilich vergebens, die Preisgabe des Raubdruckers. Fischers jetzt herausgekommene Neuausgabe nämlich ist übermäßig teuer -- 24 Mark.
Besonders dieser letzte Fall bat die Raubdruck-Diskussion mächtig angeregt. Nicht die Raubdrucker seien schuldig, so befand "Spartakus", sondern Horkheimer und Adorno, die sich einer Neuauflage des vor 22 Jahren erschienenen Werks widersetzten, Diese "Verhinderung von kritischer Information", so ein Flugblatt, sei "Diebstahl von etwas uns Zustehendem". Und der um eine Sympathie-Adresse für die Bedrängten gebetene Berliner (Legal-) Verleger Klaus Wagenbach entschied, "daß kein sozialistischer Autor das Recht haben darf, seine Werke der Benutzung zu entziehen".
Diese erste Konfrontation von Lizenz-Inhabern und Rechte-Räubern bescherte den Linken eine Reihe neuer, heroischer Slogans à la "Laßt 1000 Raubdrucke blühen!" und einen neuen Begriff für die umstrittene Sache: "resozialisierter Druck". Den Verlegern dienten die Nachdruck-Affären derweil vornehmlich als kostenlose Werbung für die Titel ihres Programms; geschäftlicher Schaden trat kaum auf.
Für weitere Auseinandersetzungen wollen sich die Copyright-Bekämpfer besser präparieren: Noch in diesem Monat will der "Ausschuß der Literaturproduzenten" in Neuwied eine Arbeitskonferenz über Raubdrucke veranstalten. Literaturproduzent und Luchterhand-Lektor Frank Benseler, der selbst seinen Lukács in einem Sieben-Mark-Raubdruck studiert, der zehn Aufsätze mehr enthält als die große, teure Luchterhand-Gesamtausgabe, ist sich darüber ganz klar: "Die Frage des geistigen Eigentums ist jetzt das wichtigste Thema für uns."
Eine Risikominderung ihres ungesetzlichen Tuns, das auf Antrag mit Geldstrafen oder Gefängnis bis zu einem Jahr geahndet werden kann, erwarten die Raubdrucker nach der Ratifizierung des umkämpften "Stockholmer Protokolls" (SPIEGEL 46 1968), das die entschädigungslose Aufhebung von Urheberrechten für Veröffentlichungen in Entwicklungsländern vorsieht.
Gewitzte Untergrund-Verleger, die jetzt schon Namen und Adressen wie "Acid Books New York" oder (so der Hannoveraner J. Höpfner) "Rene Götz Luxemburg, Rongweh 9" (= Wrong Way, Falsche Straße) fingieren, träumen bereits von Briefkasten-Firmen In der Dritten Welt, um von dort aus Urhebern und bürgerlichen Verlagen ein legalistisches Schnippchen zu schlagen.
Gegen die Raubdruckschwemme" die nach einem Stockholmer Abkommen auf die Verleger zukommen wird, erscheint die bisherige Praxis linker Heimarbeit als harmloser Studentenulk. Schon jetzt zeichnet sich ab, wie solche Importe aus den Entwicklungsländern aussehen könnten: Ein neugegründeter "Verlag Zerschlagt das bürgerliche Copyright" nämlich nennt neben Hamburg und Berlin bereits sein letztes und juristisch schwer erreichbares Ausweichquartier: Fidel Castros Havana.

DER SPIEGEL 45/1969
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