29.01.1968

HALLSTEINMarsch auf Bonn

Zwei Tage lang zog sich der Europa-Pensionär auf Schloß Halberg bei Saarbrücken zu strenger Klausur zurück. In der Gästesuite des saarländischen Rundfunkintendanten und ehemaligen Adenauer-Referenten Dr. Franz Mai bereitete sieh Walter Hallstein, 66, auf sein Comeback in die deutsche Politik vor.
Dann, am Donnerstag vergangener Woche, präsentierte sieh der ehemalige EWG-Präsident in der Saarbrücker Kongreßhalle dem christdemokratischen "Euroforum 68" als neuer Star seiner Partei.
Von der CDU-Versammlung heftig gefeiert, setzte der Adenauer-Zögling zum Marsch auf Bonn an, der ihn -- wie führende Christdemokraten hoffen -- nach einem Wahlsieg ihrer Partei 1969 an die Spitze des Auswärtigen Amtes führen wird.
Mit Hallstein will die CDU ihren außenpolitischen Führungsanspruch wieder anmelden, den sie seit Gründung der Großen Koalition an die Sozialdemokraten abtreten mußte. Im schwarz-roten Kabinett werden die Sehaltzentren der Außen- und Europapolitik (Auswärtiges Amt, Wirtschafts-, Entwicklungshilfe- und Gesamtdeutsches Ministerium) ausschließlich von SPD-Mitgliedern kontrolliert.
Diese Konzentration roter Macht soll Hallstein knacken, "Wir brauchen einen Plan", so rief er am Freitag letzter Woche seinen Freunden zu, "der über die aktuellen Schwierigkeiten hinausweist." Das Parteivolk spendete überreichlich Beifall.
Hallsteins europäisches Planziel: "Ein massiver Gegenangriff gegen die konstanten Bemühungen eines Mitglieds der Gemeinschaft, sie zu entwerten und zu schwächen." Im Gegensatz zu SPD-Außenminister Willy Brandt, der immer noch hofft, de Gaulles hartes Nein gegen eine Aufnahme Englands in die EWG modifizieren zu können, will der neue CDU-Star seinem Kanzler Kiesinger noch in dieser Woche raten: Alle Hoffnungen auf ein Einschwenken des Pariser Generals fahrenzulassen.
Hallstein hatte mit seiner Rückkehr in die Parteiarena lange gezögert. Ihn schmerzte die Willfährigkeit, mit der Kiesinger im Sommer letzten Jahres auf den de-Gaulle-Wunsch eingegangen war, den eigensinnigen deutschen EWG-Präsidenten abzuservieren.
Überdies fand Hallstein, sein Name sei im Bonner Kandidatenspiel der letzten Jahre überstrapaziert worden: > Kanzler Adenauer bot ihm die Nachfolge Heinrich von Brentanos als AA-Chef an, später spielte er mit dem Gedanken, ihn als Erhard-Kontrolleur zum Europaminister zu berufen. Hallstein zog Brüssel vor. > Kanzler Erhard wollte ihn auf seiner Suche nach einem Westrick-Nachfolger zum Bundesminister im Kanzleramt ernennen. Der eigens von Brüssel ins Palais Schaumburg nach Bonn gerufene Hallstein ließ den glücklosen Kanzler abblitzen. > Kanzler Kiesinger war während der Verhandlungen um die Große Koalition im November 1966 von seiner CDU gedrängt worden. aus Teilen der an die SPD gefallenen Ressorts Außen und Wirtschaft für Hallstein ein Europaministerium zusammenzustellen. Der Teilungsplan scheiterte am Widerstand der SPD. So vom Bonner Ränkespiel vorgewarnt, ging der ordentliche Professor der Rechte jetzt behutsam vor. Von seinem Landhaus in Rennerod im hohen Westerwald begab sich der EWG-Altenteiler zunächst einmal auf Abschieds- und Erinnerungstournee durch Klein-Europa.
In Deutschland verliehen die katholischen Ritter vom Heiligen Grabe dem Protestanten ihren "Pour le Mérite", in Brüssel erhielt er den Großkordon des belgischen Leopold und in Den Haag das Großkreuz des niederländischen Löwen-Ordens.
* Am Freitag letzter Woche vor dem "Euroforum 68" der CDU in Saarbrücken.
Schmerzlich vermißte der Europareisende den gewohnten Komfort. Neuneinhalb Jahre lang hatte er sich in Brüssel der Hilfe von Beamten bedient und in einer mit Barocksehreibtisch, Perserteppichen und indischen Skulpturen ausgestatteten Präsidentensuite residiert. Sein Ruhesessel war an der rechten Armlehne mit einem weißen Knopf bestückt, mit dem er jederzeit Domestiken herbeirufen konnte.
Als der Pensionär jüngst seine römische Antrittsrede als Präsident der Europabewegung konzipierte, mußte er sich von der Sekretärin eines befreundeten Anwalts im Nachbarort Westerburg aushelfen lassen. Gelegentlich holte er sich auch Schreibhilfe vom nahen Marienberger Europahaus.
Mit diesem Kümmerdasein soll es jetzt ein Ende haben. Der rheinlandpfälzische CDU-Chef Helmut Kohl bot dem geborenen Mainzer in Rheinland-Pfalz die ersehnte "politische Nestwärme".
Auf der Weihnachtsfeier der Mainzer CDU-Landtagsfraktion am 11. Dezember letzten Jahres präsentierte er Hallstein als Ehrengast und bot ihm zugleich für die Bundestagswahl 1969 den sicheren CDU-Wahlkreis Montabaur im Westerwald an.
Kandidat Hellstem ist den Umgang mit Hinterwäldlern gewöhnt. Seine Vorfahren, die nach fester Familienlegende von einem schwedischen Soldaten aus der Armee Gustav Adolfs abstammen, siedeln nach neuester Familienforschung seit dem 30jährigen Krieg im Odenwald.
Noch während des Dritten Reichs hatte sich Hallstein mit einer Ahnentafel zufriedengeben müssen, die nur bis ins 18. Jahrhundert zurückreichte. Den damals unerläßlichen großen Ariernachweis komplettierte er mit dem wirkungsvollen Hinweis, einer der zahlreichen Söhne Wotans habe auch schon "Hallstein" geheißen.
Zugleich mit dem Mainzer Wahlkreis-Angebot erreichte den Alteuropäer im Dezember eine Offerte aus Bonn. Brieflich lud Bundeskanzler und Parteichef Kiesinger den brachliegenden Außenpolitiker zum Eintritt ins CDU-Parteipräsidium ein.
Die Gelegenheit war günstig. Durch den Tod von Hans-Christoph Seebohm war der Posten des CDU-Schatzmeisters vakant geworden. Da ein Schatzmeister automatisch Mitglied des Parteipräsidiums wird, braucht ein Kandidat nicht bis zu einer Neuwahl auf dem nächsten Parteitag zu warten.
Trotz der Kiesinger-Avance sträubte sich Hallstein zunächst: Er wolle Außenpolitik machen und nicht Geld schnorren.
Generalsekretär Heck suchte den Widerspenstigen auf und verharmloste die Schatzmeisterbürde: Für den Geldverwalter der Partei komme es nur darauf an, gelegentlich wohlmögende Spender aus der Wirtschaft zu hofieren. Außerdem werde Hallstein ein Stellvertreter beigegeben, der ihm die Arbeit abnehme.
Da zierte sich der Umworbene nicht länger. Am Montag dieser Woche befindet der CDU-Parteivorstand über Hallsteins Kandidatur. Der einzige ernsthafte Gegenkandidat, Kurt Schmücker, hat wissen lassen, er wolle dem Aufstieg des Professors nicht im Wege stehen. Junggeselle Hallstein ist bereits auf Wohnungssuche in Bonn.

DER SPIEGEL 5/1968
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