29.01.1968

AFFÄREN / HENTGESVerdienst im Halbdunkel

Wiener Mandeln, Buttertrüffel und gebrannte Nüsse sind die Spezialitäten von Roger Hentges, 51, der in der Merovingerstraße zu Köln einen Süßkramladen unterhält, das -- "Knusperhäuschen".
Sein selbstgemachtes Süßzeug. verkauft sich seit Jahren gut, und nun hat er auch der Staatsanwaltschaft etwas zu knabbern gegeben. Denn Roger Hentges gibt die abenteuerlichste aller bundesdeutschen Korruptionsgeschichten zu Protokoll.
Seine Erzählungen -- wenn sie mehr als nur Erzählungen sind -- lassen den Streit um einen der fragwürdigsten Nachkriegsprozesse (Vera Brühne) wieder aufleben und bereichern die deutsche Wiederaufrüstung um ein Kriminalstück mit Toten und Boten, die Millionen transportierten.
Alles ist seltsam an Mann und Mär. Roger Hentges, der jetzt am Rhein Nougat knetet, arbeitete ein Jahrzehnt lang für die Abwehr der deutschen Wehrmacht. Nach dem Kriege geriet er ins Halbdunkel der Lobbyisten, die sich um Westdeutschlands Wiederbewaffnung Verdienst machten. Sein Leben war lebhaft, und so wildbewegt ist auch die Geschichte, die seit vier Monaten die Strafverfolger der Bundeshauptstadt beschäftigt.
Was der freundliche und rundliche Herr gegen Staatsdiener und Würdenträger vorbringt, wäre -- wenn es stimmt -- dazu angetan, Staat und Würden zu lädieren. Hentges und seine Frau Gitta, 34, behaupten,
* daß sie vor zehn Jahren Millionensummen von Frankreich nach Deutschland geschleust und an Beamte aus dem Bundesverteidigungsministerium oder private Mittelsmänner weitergeleitet hätten;
* daß Vera Brühne und Johann Ferbach, die 1962 wegen Mordes an dem Münchner Arzt Dr. Otto Praun zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt wurden, mit großer Wahrscheinlichkeit unschuldig seien. Praun sei in eine Rüstungsaffäre verwickelt gewesen und noch nach der vom Gericht angegebenen Todeszeit mit zwei deutschen Offizieren zusammengetroffen.
Das klingt traumhaft, und weil Bonns Staatsanwälte nicht einem mandelmachenden Mystifikateur aufsitzen wollten, haben sie nichts unversucht gelassen, Roger Hentges der Unwahrheit zu überführen, die Glaubwürdigkeit seiner Aussagen und Unterlagen zu erschüttern. Sie stöberten nach alten Akten über das turbulente Leben ihres Zeugen, alarmierten Interpol und den Verfassungsschutz, und sie taten sich mit den Korruptionsjägern im Bundesverteidigungsministerium zusammen.
Doch was sie auch unternahmen -- die Berichte des Konfekt-Konfidenten konnten bis zur letzten Woche nicht bündig widerlegt werden. Und wie sie ihm auch zusetzten -- Hentges blieb bei seiner Aussage, die ihm selbst am meisten schaden würde, wenn sie sich als unwahr erweisen sollte.
Nach den Erinnerungen des abgerüsteten Abwehrmanns und Frau Gittas sind zwischen 1957 und 1960 Schmiergelder unter anderem gezahlt worden an
* Generalingenieur a. D. Heinrich Sellschopp, den inzwischen pensionierten Direktor beim Koblenzer Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung und späteren General-Manager der Nasmo (Nato Starfighter Management Office): "etwa 30 000 Mark";
* Regierungsdirektor a. D. Karl Evers, den ehemaligen Leiter des Referats "Bordausrüstung" in der Abteilung Technik des Bundesverteidigungsministeriums, der im vergangenen April vom Bonner Landgericht bereits wegen schwerer passiver Bestechung in zwölf Fällen zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden ist; "cirka 60 000 Mark"; > den Münchner Arzt Dr. Otto Praun, der laut Schwurgerichtsurteil am Gründonnerstag 1960 in seiner Pöckinger Villa von Vera Brühne und Johann Ferbach ermordet wurde: "fast 300 000 Mark";
* den Bonner Obersten und späteren Brigadegeneral Werner Repenning, der von 1959 bis 1962 persönlicher Referent des Bundesverteidigungsministers Franz-Josef Strauß war: "etwa 2,3 Millionen Mark". Schon laufen bei der Bonner Staatsanwaltschaft mehrere Ermittlungsverfahren wegen schwerer passiver Bestechung. Roger Hentges und Frau Gitta sind als Zeugen gehört worden, und sie haben einen Teil ihrer Angaben vor dem Vernehmungsrichter beschworen.
Die Verfahren richten sich gegen den Bundeswehr-Beschaffer Sellschopp und den Regierungsdirektor a. D. Karl Evers, der seinerseits gegen Hentges Strafanzeige wegen falscher Anschuldigung erstattet hat. Um den einstigen Strauß-Adjutanten Repenning jedoch kann sich die Staatsanwaltschaft nicht mehr kümmern: Er starb am 22. Januar 1967 an Herzmuskelentzündung. Im Paß des Mannes, der Deutsche derart attackiert, heißt es: "Staatsangehörigkeit: Luxemburg ungeklärt." Roger Hentges wurde am 16. Januar 1917 als Sohn eines luxemburgischen Konditors und einer flämischen Mutter in Schaerbeek bei Brüssel geboren. Schon als Jüngling engagierte er sich für einen Anschluß Flanderns ans Reich. Diese illegale Tätigkeit brachte ihn in Kontakt mit der deutschen Abwehr, die den Frühbegabten fortan beschäftigte.
Am 17. Juni 1940 schrieb ein Nachrichtenmann der Feldkommandantur 515 an den Militärbefehlshaber in Belgien: "Es meldete sich heute bei mir ein Flieger Roger Hentges ... Hentges hat lange Zeit für den deutschen Geheimdienst zuverlässig und gut gearbeitet, und er wird mir durch die entsprechende deutsche Wehrmachtsstelle bestens empfohlen ... Ich halte Hentges für geeignet, in die ... Aktion für die Bergung deutscher Flugzeuge eingespannt zu werden."
Vor Kriegsausbruch photographierte Hentges, der bei der belgischen Fluggesellschaft "Sabena" zum Piloten geschult wurde, von Reklameflugzeugen aus belgische Militärbasen und war mit Agenten-Aufträgen für die Benelux-Länder versehen. Am 10. Mai 1940 wurde er von dem Canaris-Mitarbeiter Oscar Reile aus luxemburgischer Haft befreit, und später, so erzählt Hentges, sei er mit dem Fallschirm hinter der Maginot-Linie abgesetzt worden. Schließlich habe er Kontakte zu Politikern aus den besetzten Benelux-Gebieten halten und dann V-1-Basen in Holland abschirmen müssen.
Die Franzosen verurteilten Hentges in Abwesenheit wegen Spionage zum Tode, die Luxemburger wegen "Gefährdung der äußeren Sicherheit des Staates" zu Gefängnis. Nach dem Krieg mogelte sich der arbeitslose Agent durch die nun wieder befreiten Benelux-Länder, wobei ihm ehemalige Abwehrkameraden zur Hand gegangen sein sollen. Später entwich Hentges -- wie Interpol ermittelte -- nach Portugal. Dort richtete er ein "Reisebüro" ein, mit dessen Hilfe er belgischen Kollaborateuren über Rotterdam zur Flucht nach Südamerika verholfen haben will.
Wegen etlicher White-Collar-Delikte verurteilten belgische Richter Hentges in Abwesenheit zu zwei Jahren Gefängnis -- aber haben wollten sie ihn nicht: Ein Einreiseantrag, den Hentges 1950 von Holland aus gestellt hatte, wurde in Brüssel abgelehnt. Noch heute sitzen in belgischen Positionen Männer, die Roger Hentges aus dessen Abwehrzeit gut kennen.
Schließlich ging der vaterlandslose Konditorgeselle nach Deutschland wohin es ihn stets gezogen hatte. In Bonn traf er den einstigen Canaris-Mitarbeiter Friedrich Großkopf" der sich in der Bundesrepublik als Mittelsmann in- und ausländischer Industrie-Firmen betätigte. Großkopf heuerte Hentges als "Sachbearbeiter und Dolmetscher" für sein Frankfurter Außenbüro in der Mainzer Landstraße an -- einer Kontaktstelle der Pariser Flugelektronik-Firmen "Radio A.I.R." (Funkgeräte) und "Socapex-Ponsot" (Kopfausrüstungen).
Beide Unternehmen bemühten sich damals darum, Aufträge für eine Serie von französischen "Noratlas"-Transportflugzeugen zu bekommen, die bei der Hamburger "Flugzeugbau Nord" in Lizenz für die Bundeswehr produziert wurden.
Bonns Beschaffungsamts-DirektOr Sellschopp, vom Dritten Reich her mit dem Industrieberater Großkopf befreundet, reiste selber nach Paris, um mit dem Präsidenten der "Socapex" und Vizepräsidenten der "Radio A.I.R.", Louis Macaigne, über die "Noratlas" -Funkausrüstung zu verhandeln.
Das Geschäft klappte. Für 1,8 Millionen Mark erwarb die Bundeswehr von der Radio A.I.R. 100-Watt-Sender vom Typ ERT 282 -- obwohl die in Frankreich operierenden "Noratlas"-Maschinen bereits mit Funkanlagen der amerikanisch-französischen Firma "Air Equipement" flogen, die nach Überzeugung von Luftfahrtfachleuten nicht schlechter als die "Radio A.I.R."-Geräte, hingegen billiger waren.
Und das Geschäft soll, wie Roger Hentges behauptet, auch für den Bundeswehrbeschaffer Sellschopp geklappt haben. Am 19. September letzten Jahres gab Hentges vor dem Bonner Staatsanwalt Dr. Wolfgang Meyer-Hollatz und vor einem Vernehmungsrichter zu Protokoll, er habe Sellschopp sowie dem Bordausrüstungsreferenten Karl Evers Millionen alter französischer Franken übergeben.
Darüber, wie das Geld über die Grenze gekommen ist, sagte am 27. Dezember Hentges Ehefrau Gitta vor einem Kölner Amtsrichter aus: Sie habe die Beträge jeweils per Bahn aus Paris geholt. Gitta -- damals nur erst verlobt mit Roger Hentges -- will eingesprungen sein, weil der einstige Abwehrmann in Frankreich zum Tode verurteilt worden war.
Die Verwendung der Frankenscheine läßt, wie das Ehepaar Hentges meint, nur einen Verdacht zu: Bestechung. Louis Macaigne, dessen "Radio A.I.R" 1960 zusammen mit einer anderen französischen Firma einen weiteren Auftrag (über 60 Millionen Mark) aus Bonn ergatterte, sieht es anders: "Ich habe nur Geld für den persönlichen Unterhalt von Hentges gegeben. Der Name Radio A.I.R. ließ nicht zu, den Mann einfach hungern zu lassen." Denn: Macaigne hatte sich unterdessen mit seinem Kontaktmann Grollkopf zerstritten, und der zahlte deswegen an seinen Dolmetsch Hentges kein Gehalt mehr.
Um diese Zeit, Herbst 1958, übergab Großkopf an den Sicherheitsbeauftragten des Koblenzer Beschaffungsamtes eine Notiz, die der Handelsvertreter Hans Brandes -- zeitweilig Mitmieter im Großkopf-Büro -- verfaßt hatte: Hentges habe einer Sekretärin gegenüber angedeutet, daß der Manager Macaigne Mitglied des französischen Nachrichtendienstes sei, und die Dame gefragt, ob sie mit ihm, Hentges, in einem neuen Büro für den Franzosen arbeiten wolle.
Im Bonner Verteidigungsministerium rührte sich nichts auf diesen Wink hin. Roger Hentges blieb unbehelligt. Er verließ schließlich das Großkopf-Büro und traf sich fortan in Frankfurter Lokalen mit seinen französischen Freunden. Und Frau Gitta will, wie sie vor dem Vernehmungsrichter sagte, neues Geld herangeschafft haben -- aus Straßburg, wo sie mit einem
Verbindungsmann namens Pierot zusammengetroffen sei.
Gefährte Roger behauptet, er habe die Notenbündel verteilt: unter anderem an den Bundeswehr-Oberst Werner Repenning, von Mai 1959 an persönlicher Referent des Verteidigungsministers Franz-Josef Strauß, und an den Münchner Dr. Otto Praun. Hentges heute. " Ich dachte, Transaktionen auf so hoher Ebene, das habe schon seine Ordnung."
Gründonnerstag 1960 wurde Otto Praun ermordet, und das Münchner Schwurgericht verurteilte zwei Jahre später die Praun-Freundin Vera Brühne und den Brühne-Freund Johann Ferbach zu lebenslangem Zuchthaus. Beide, so sagte das Urteil, hätten den Arzt sowie dessen Haushälterin Elfriede Kloo aus Habgier gegen 19.45 Uhr erschossen.
Der Spruch, der sich auf Indizien stützt, ist umstritten. Gerüchte etwa, wonach Otto Praun zum internationalen Waffenhändler-Klan gehört hat, erschienen den Richtern nicht beweiskräftig. Und das Gericht maß in seinem Urteil auch der Tatsache keine Bedeutung bei, daß der Münchner Mediziner nach den Aussagen mehrerer Zeugen ständig in Todesangst gelebt hatte, drei Pistolen besaß und sogar bei kleinen Spaziergängen, die er nahe seiner Villa in Pöcking am Starnberger See machte, immer eine Waffe bei sich hatte. Roger Hentges glaubt zu wissen, warum.
Denn der Kölner Konditor ist davon überzeugt, daß Praun mit Waffenhandel und Nachrichtengeschäft zu tun hatte. Und durch eines dieser zwielichtigen Gewerbe, so meint Hentges, sei der Arzt schließlich umgekommen.
Was Roger Hentges und Frau Gitta in der Mordnacht erlebt haben wollen, ist geeignet, deutsche Bilderblätter zu neuen Plädoyers für die Zuchthausinsassin Vera Brühne zu ermuntern. Gitta Hentges bezeugt, sie habe am Gründonnerstag 1960, gegen 21 Uhr, noch mit Otto Praun telephoniert -- zu einer Zeit also, als der Arzt nach dem Gerichtsurteil längst tot war.
Praun hatte sich, wie Hentges behauptet, schon einige Zeit vor jenem Anruf darüber beklagt, daß es mit dem Geldnachschub aus Bonn hapere. Der Konditor bekundet, durch ihn sei diese Beschwerde an den Bonner Obristen Repenning weitergereicht worden. Und in dem Telephonat, das Frau Gitta am Gründonnerstag entgegengenommen haben will, soll Kurier Hentges dem Arzt bedeutet haben, die Sache werde noch am gleichen Abend erledigt.
Um diese Stunde habe Repenning schon in der "Goldenen Glocke" gesessen, einem Frankfurter Restaurant, das von den Hentges damals bewirtschaftet wurde. In Begleitung des Obersten sei ein Oberstleutnant Schröder gewesen, den Roger Hentges so beschreibt: "Gesicht Voller Sommersprossen, Hamburger Akzent, etwa 45 Jahre, große, sportliche Figur, ich glaube, dunkelblondes Haar, zeitweise trug er eine Brille mit trüben Gläsern." Zusammen mit ihm, Hentges, seien die beiden zivil gekleideten Offiziere dann in einem Mercedes gen Pöcking gestartet, um den aufmuckenden Praun zu besänftigen.
Was dann geschehen sein soll, schildert Roger Hentges dem Bonner Ersten Staatsanwalt Dr. Hugo Koerth so:
Etwa um Viertel nach zwölf kamen wir in München an. Vom Hauptbahnhof habe ich sofort Dr. Praun angerufen, ich sei in der Stadt und werde etwa in einer Viertel. Stunde bei ihm sein. Davon, daß Repenning und Schröder mit mir kommen sattten, habe ich in diesem Telephonat nichts gesagt. Zu diesem Zeitpunkt war ich nach der Auffassung, daß ich gemeinsam mit den beiden Offizieren zu Praun gehen würde.
Als ich von der Telephonzelle zurückkam, sagte mir der Repenning, sie hätten es sich anders überlegt. Es sei besser, wenn sie ohne mich nach Pöcking führen.
Die beiden sollten in einer guten Stunde wieder zurück sein, kamen ledoch erst gegen zwei Uhr am Hauptbahnhof an.
Da sie beide sehr aufgeregt waren und ich wußte, daß Praun ein Choleriker war, dachte ich mir, daß sie mit Praun Differenzen gehabt hätten. Auf meine Frage, wie es geklappt habe, erhielt ich keine Ant-Wart.
Wir fuhren dann ... nach Frankfurt zurück ... Unterwegs erzählte Schröder, sie hätten mit Praun Schwierigkeiten gehabt: Praun wollte uns angreifen." Mehr bekam ich nicht heraus. Frühmorgens kamen wir in Schwanheim an ... Ich stieg aus, die beiden Herren fuhren weiter.
Erst am Osterdienstag 1960 fand man die Leiche Otto Prauns in der Villa am Starnberger See. Eine Woche danach will Hentges einen Brief an den damaligen Bundesverteidigungsminister Strauß -- "betreff Reise nach München-Pöcking bei Herrn Dr. Praun" -- getippt haben.
Am 7. November vorigen Jahres legte Hentges der Bonner Staatsanwaltschaft vor, was er als Kopie dieses Briefes an Strauß bezeichnete: Er melde "schärfsten Protest" gegen die "Vorkommnisse" an, "die sich in München-Pöcking abgespielt haben". Und: Es ist Ihnen, sehr geehrter Herr Bundesminister, ohne irgendeinen Zweifel bekannt, daß ich mit dieser Angelegenheit nichts zu tun haben witt und daß ich von den Absichten Ihrer zwei Vertrauenspersonen vorher nicht informiert gewesen bin, Ich bin gegen solche Gewaltanwendung, und es gab noch andere elegantere Möglichkeiten, unseren Kontrahenten zur Raison zu bringen ...
Just um jene Zeit wurde die Familie Hentges vorübergehend reich: Frau Gitta verbuchte von Mitte 1959 bis Ende 1960 auf ihrem Konto Nr. 50-44656 bei der "Frankfurter Sparkasse von 1822" Gutschriften in Höhe von rund 250 000 Mark.
Die Bankquittungen sind greifbar, doch außer dem Durchschlag eines Briefes an Strauß und einigen alten Aktennotizen über weitergereichte Franc-Beträge hat Hentges ("Man kriegt ja schließlich bei solchen Transaktionen keine Quittung") der Staatsanwaltschaft nichts an Dokumenten zu bieten, die seine Kriminalgeschichte belegen könnten.
Der SPIEGEL, der mit Hentges noch vor der Staatsanwaltschaft bekannt wurde, legte die alten Aktennotizen dem Leiter des Wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich, Dr. Max Frei-Sulzer, vor -- einem auf dem Gebiet mikroskopischer Untersuchungen international gerühmten Wissenschaftler. Diagnose: Die Aktenvermerke sind "erst wenige Wochen vor unserer Untersuchung geschrieben worden"*.
Gleichzeitig wurde Frei-Sulzer von der Bonner Staatsanwaltschaft beauftragt, die Kopie des Hentges-Briefes an Strauß zu untersuchen. Ergebnis: "Eine datumsrichtige Entstehung ... im Jahre 1960" könne "weder bewiesen noch ausgeschlossen werden" -- Der Abwehrmann aber bleibt bei seinen Aussagen, und der Erste Staatsanwalt Koerth sieht sich außerstande, die Akte Hentges zu den Akten zu legen. Denn immer wieder in den letzten Monaten stürzte der Konditor den Strafverfolger in Zweifel: "Jedesmal, wenn man glaubt, man hat Hentges einer Lüge überführt, hat er stets im letzten Augenblick für alles eine glaubhafte Erklärung."
Ungeklärt sind vorerst zwei düstere Begebenheiten, die sich glatt in die abenteuerlichen Erlebnisse des Roger Hentges einfügen.
Im April letzten Jahres will der Kölner Konditor von einem Zulieferanten für Krokant- und Dauerbackwaren aus Kehl am Rhein angerufen worden sein. Bernhard Kunz, 30, habe sich gesorgt: Er sei von einem unbekannten Besucher bedroht worden; wenn er, Kunz, weiterhin mit Roger Hentges zusammenarbeite, werde ihm etwas passieren.
Er wolle sich "auf dem Feldberg mit drei Herren treffen", erläuterte Kunz bald danach dem Verwalter seines Golfplatzes. Sieben Monate später, am 31. Oktober 1967, wurde Kunz auf dem Feldberg tot aufgefunden. Befund der Kripo: "Im Nebel verirrt". Das nächste Hotel lag 300 Meter weit entfernt.
Im Oktober letzten Jahres will Hentges von einem anderen Zulieferanten aus Köln angesprochen worden sein. Rolf Reuter, 30, habe sich gesorgt: Er sei von einem unbekannten Besucher bedroht worden; wenn er, Reuter, weiterhin mit Roger Hentges zusammenarbeite, werde ihm etwas passieren.
In seinem Betrieb in der Kölner Rolandstraße 103 wurde Reuter am 13. Oktober tot aufgefunden. Er lag über einer Mandelbrennmaschine, von einem Zwillings-Gashahn waren die Schläuche abgezogen. Befund der Kripo: "Freitod". Indiz für diesen Schluß: "Die TOr war von innen verschlossen."
Einen zweiten Ausgang, der in den Keller und von dort ins Freie führt, hatten die Kriminalisten nicht beachtet.
Bonns Staatsanwälte wissen noch nicht, was sie von den seltsamen Erzählungen des Roger Hentges halten sollen. Sie wissen nicht" was dieser Mann ist: ein Phantast, ein Betrüger, ein Agent oder der beste Kronzeuge, den es in der westdeutschen Korruptionsgeschichte. je gab.
* Bei der Altersbestimmung der Aktenvermerke ging Frei-Sutzer davon aus, daß sich die Schreibrillen, die ein Kugelschreiber auf normalem Papier hinterläßt, mit der Zeit zurückbilden. Unter einem Spezialmikroskop mit 100facher Vergrößerung beobachtete er bei den Hentges-Papieren binnen eines Monats eine Abnahme der Ritten-Tiefen um 0,012 bis 0,017 Millimeter. Hätten die Schriften das angegebene Alter von rund acht Jahren gehabt und wären die Schreibrillen in diesen acht Jahren pro Monat im Schnitt um 0,012 bis 0,017 Millimeter flacher geworden, müßten sie zur Zeit ihrer Entstehung 1,2 bis 2,0 Millimeter tief gewesen sein -- "eine ursprüngliche Tiefe", so Frei-Sulzer, "die einfach nicht vorhanden gewesen sein kann". Bewußt ließ der Wissenschaftler dabei außer acht, daß das Tempo der Rückbildung der Rillen (Frei-Sulzer: "Erholungsgeschwindigkeit") zur Zeit der mikroskopischen Messung noch geringer gewesen sein muß als zur Zeit, da die Schrift noch frisch war.

DER SPIEGEL 5/1968
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 5/1968
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFFÄREN / HENTGES:
Verdienst im Halbdunkel

Video 01:35

"Viking Sky" Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera

  • Video "Viking Sky: Ich dachte, ich müsste mit meiner Mutter sterben" Video 01:52
    "Viking Sky": "Ich dachte, ich müsste mit meiner Mutter sterben"
  • Video "Wenn Haie angreifen: Rekonstruktion eines Phänomens" Video 45:07
    Wenn Haie angreifen: Rekonstruktion eines Phänomens
  • Video "Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf" Video 00:50
    Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf
  • Video "Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde" Video 00:38
    Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde
  • Video "Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung" Video 02:31
    Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung
  • Video "Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn..." Video 01:18
    Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn...
  • Video "Amateurvideo von der Viking Sky: Als der Sturm zuschlägt" Video 01:22
    Amateurvideo von der "Viking Sky": Als der Sturm zuschlägt
  • Video "Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan" Video 01:07
    Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan
  • Video "Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet" Video 01:13
    Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet
  • Video "Kerber-Frust in Miami: Größte Drama-Queen aller Zeiten" Video 01:49
    Kerber-Frust in Miami: "Größte Drama-Queen aller Zeiten"
  • Video "Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens" Video 03:57
    Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens
  • Video "Duisburg: Wohnblock Weißer Riese gesprengt" Video 00:59
    Duisburg: Wohnblock "Weißer Riese" gesprengt
  • Video "Rettung aus Seenot: Havarierte Viking Sky erreicht sicheren Hafen" Video 01:15
    Rettung aus Seenot: Havarierte "Viking Sky" erreicht sicheren Hafen
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?
  • Video "Viking Sky: Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera" Video 01:35
    "Viking Sky": Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera