DER SPIEGEL



ALTER KOMPLEX

Von Köhler, Otto

Eine Betrachtung der Bundesregierung ereilte die Hörer des NDR am letzten Dienstag als Nachricht: "Die Bundesregierung betrachtet die Angriffe auf Bundespräsident Lübke wegen dessen angeblicher politischer Vergangenheit als unerträglich. Wie der Parlamentarische Staatssekretär im Innenministerium Benda in der Fragestunde des Bundestages mitteilte, wird gegenwärtig geklärt, wie dagegen vorgegangen werden kann."

Da mochten sich nun die Hörer ihrerseits Betrachtungen hingeben, wogegen vorgegangen werden soll, wenn man kann. Natürlich: "dagegen". Aber gegen die Unerträglichkeit, gegen die Vergangenheit oder gegen die Angriffe? Indes die unklare grammatische Form dient einem möglichst unklaren Sinn.

Wollte da im Ernst einer dem Bundespräsidenten die politische Vergangenheit als lediglich "angebliche" in Zweifel ziehen? Soll Heinrich Lübke etwa in der Vergangenheit -- bevor er Präsident wurde -nicht als CDU-Mann und Minister politisch tätig gewesen sein?

Das wenigstens will sicherlich keiner abstreiten, Die "angebliche politische Vergangenheit" war vielmehr die harmloseste Umschreibung für den Vorwurf, Architekt Heinrich Lübke habe unter Hitler Pläne für Konzentrationslager entworfen, einen Vorwurf, den gerade wieder anhand neuer Erkenntnisse -- der "Stern" erhoben hatte.

Immerhin, die NDR-Hörer dürfen sich glücklich schätzen, daß ihnen wenigstens die Ahnung vermittelt wurde, es gäbe da möglicherweise oder auch nur "angeblich" in der Vergangenheit Lübkes etwas, das Angriffen ausgesetzt ist.

Bereits vier Tage vor dieser geheimnisumwitterten NDR-Meldung hatte der "Stern" am vorletzten Donnerstag Vorausexemplare seines Lübke-Artikels den Nachrichten-Agenturen übergeben. Die altrenommierte englische Nachrichtenagentur Reuter -- bei uns wenig verbreitet -- fand sofort heraus, was an dem "Stern"-Artikel meldenswert war: Der bekannte US-Schriftexperte J. Howard Haring erklärte, die Unterschrift Lübkes unter KZ -- Plänen sei echt. Reuter funkte noch am gleichen Tag diese Nachricht in alle Welt.

Anders die Agenturen, die von den meisten deutschen Zeitungen bezogen werden, dpa, UPI und AP. Sie hüllten sich erst einmal mehrere Tage lang in Schweigen. Viele ihrer deutschen Kunden hatten sich ohnehin in dieser Angelegenheit bereits auf eine objektive Wahrheit festgelegt, die durch eine Meldung über die "Stern"-Enthüllung nur Schaden hätte nehmen können. Als nämlich das Bundesinnenministerium früher schon -- aufgrund fehlerhafter Unterlagen -- behauptete, die Lübke belastenden Dokumente seien gefälscht, da erhoben viele bundesdeutsche Zeitungen die Aussage des Ministeriums zur reinen und unumstößlichen Wahrheit. Etwa die "FAZ": Die "Verleumdungen" gegen Lübke "haben sich als Fälschungen herausgestellt".

So war es schon ein echter Kundendienst, daß dpa, UPI und AP darauf verzichteten, von den anderslautenden Erkenntnissen des amerikanischen Schriftexperten zu berichten. Erst als ein Dementi aus Bonn vorlag -- "alter Komplex", sagte man dort -- und als in Ost-Berlin eine Pressekonferenz angekündigt wurde, da brach AP nach drei Tagen das Schweigen, um über das Bonner Dementi zu berichten. Nach vier Tagen schließlich folgte -- ohne Hinweis auf den "Stern" -- UPI mit jener mysteriösen Meldung über die Angeblichkeit von Lübkes politischer Vergangenheit, die dann der NDR-Hörfunk -- kaum umformuliert -- übernahm.

Auch dpa, die "Deutsche Presse-Agentur", berichtete erst am fünften Tag. Inzwischen hatte nämlich in Ost-Berlin die Pressekonferenz stattgefunden. Und so brauchte dpa nicht zu melden, daß der westliche "Stern" das neue Schriftgutachten über Lübke präsentiert habe, sondern nur das ohnedies unglaubwürdige kommunistische "Ost-Berlin".

Wie die Agenturen, so verhielten sich auch die deutschen Weltblätter. Die "New York Times" hatte mit 27 Zeilen über die "Stern"-Publikation berichtet, die "New York Post" mit 98 Zeilen und der "Messaggero" mit 114 Zeilen. Der "treue Freund, der uns täglich die Wahrheit sagt" dagegen, die "FAZ", berichtete ohne Hinweis auf das neue Schriftgutachten in einem 32-Zeiler voll schöner Parteilichkeit über das Bonner Dementi mit dem Titel: "Die verleumderischen Angriffe auf Lübke". Und für die "Welt" tat es ein Mini-Sechszeiler -- nur über das Dementi.

Nahezu lückenlos berichtet dpa über die Veröffentlichungen von "Welt am Sonntag". Gab es deshalb einen besonderen Grund, daß die Agentur über die wichtige "Stern"-Publikation schwieg? Der stellvertretende dpa-Chef Köster beantwortete diese Frage mit einer Gegenfrage: "Möchten Sie es persönlich wissen oder für eine Veröffentlichung?" Für eine Veröffentlichung natürlich. Köster: "Lassen Sie mich soviel sagen: Einen politischen Grund gab es hierfür nicht."

Das allerdings ist, wie gesagt, die für eine Veröffentlichung bestimmte Antwort.


DER SPIEGEL 5/1968
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