29.01.1968

„Der erste fähige Mann“

Endlich waren die Bedingungen für Kim Philbys Eindringen in den britischen Geheimdienst günstig. Wie diese Bedingungen aussahen, illustrieren die Zustände in der Londoner Bentinck Street Nr. 5, wo Philbys alter Freund Guy Burgess hauste. Philby verbrachte damals in diesem Haus, das zum Gespött in sämtlichen Geheimdienstkreisen geworden war, viele lange Abende.
Das Gebäude diente einer bemerkenswerten Clique als Quartier -- in erster Linie Mitarbeitern der beiden größten Organisationen des britischen Geheimdienstes. Außerdem war hier ein Schwarm von Schmarotzern der Geheimdienstleute untergekommen. Manche von ihnen waren Homosexuelle, andere galten als notorische Trinker.
Früher hatte der Physiker Victor Rothschild das Haus in Beschlag genommen, bevor er dann für die Spionageabwehr tätig wurde, jenen "Security Service" (Sicherheitsdienst), der im Volksmund noch immer MI 5 genannt wird (siehe Kasten auf S. 98). Er kam gelegentlich zum Dinner, doch der ständige Bewohner war jetzt Rothschilds Studienfreund Burgess, der erstaunlicherweise seit Anfang 1939 einer der Sonderabteilungen des Geheimdienstes SIS (Secret Intelli-
© 1967 The Sunday Times und Opera Mundi.
gence Service, Geheimer Nachrichtendienst) angehörte. Burgess hatte inzwischen seine profaschistische Tarnung abgelegt und liebte es, seinen Äußerungen einen marxistischen Unterton zu geben.
Philbys Eintritt in den Geheimdienst trug dazu bei, das Übergewicht von MI 5 in dem sonderbaren Haus ein wenig auszugleichen. Fast unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Frankreich wurde er in dieselbe Abteilung des 515 aufgenommen, für die Guy Burgess tätig war: Abteilung D.
Diese Abteilung befaßte sich nicht mit Informationsbeschaffung, sondern mit Sabotage, Unterwanderung und Propaganda. Philbys spezielle Aufgabe bestand darin, Vorträge über das Verfassen von Propaganda-Broschüren zu halten.
Zu Beginn des Jahres 1941 wurde die Abteilung D aufgelöst; ihre Funktionen übernahm eine neue Organisation, die "Special Operations Executive" (SOE). Philby konnte in die SOE überwechseln und wurde nun für den Einsatz als Agent geschult. Bei der Ausbildung in den Disziplinen "Waffenloser Kampf", "Kleine Handfeuerwaffen", "Zerstörung" und "Überleheu" zeichnete er sieh hervorragend aus.
Man kam dann allerdings doch zu dem Schluß, daß es selbstmörderisch sei, Philby in die besetzten Gebiete Europas zu schicken: Sein Stottern fiel zu sehr auf, und wegen seiner Tätigkeit in Spanien war er zu vielen deutschen Militärs bekannt.
Und so wurde Philby im Sommer 1941, nachdem er ein Jahr in diesen Rand-Abteilungen der "Geheimwelt" zugebracht hatte, in die Sektion V des SIS versetzt: Damit war er endgültig in den eigentlichen "Secret Intelligence Service" eingeschleust.
MI 5 oder "Security Service" war für Spionage-Abwehr in Großbritannien und den Kolonien verantwortlich, MI 6 oder "Secret Intelligence Service" für Spionage und Spionage-Abwehr im Ausland.
Seit den glorreichen Zeiten des Ersten Weltkriegs waren beide Organisationen beträchtlich zusammengeschrumpft. Als ihr dauerhaftestes Kennzeichen -- abgesehen von der traditionell militärischen Leitung -- hatte sich der Geist heftiger gegenseitiger Rivalität erwiesen, der schon bei ihrer Gründung spürbar gewesen war.
Als Chef von MI 5 fungierte noch immer der Gründer der Organisation, Oberst Sir Vernon Kell, ein Armeeoffizier, der schon den Boxeraufstand mitgemacht hatte. In den ersten Jahren hatte er sich der Navy widersetzt, die seine Organisation überwachen wollte, und aus diesem Streit war der SIS hervorgegangen.
Damals erkannte man nämlich, daß sich Operationen im Ausland wesentlich von Sicherheitsmaßnahmen im Inland unterscheiden. Die Auslands-Operationen wurden dem Kandidaten der Navy, Captain Mansfield Cumming, übertragen.
Etwas vom Flair jener romantischen Zeit, in der die Geheimdienst-Chefs noch selbst die großen Operationen ausführten, vermittelt die Episode eines Besuchs in Paris. Der Chef des Deuxième Bureaux hatte seinem Kollegen Cumming mitgeteilt, er habe einen Mann aus Schleswig ausfindig gemacht, der genaue Einzelheiten über die deutschen Abwehrmaßnahmen gegen Englands modernste Kriegsschiffe, die Dreadnoughts, wisse.
Es wurde ein Treffen in einem Hotel vereinbart. Cumming entdeckte im Foyer einen aufgeregten Burschen, der tatsächlich das vereinbarte Kennwort hervorstieß. Er dirigierte den Kontaktmann in das Zimmer, in dem Kell wartete. Doch der Informant brach tot zusammen, ehe er seine Informationen loswerden konnte: Beim Anblick Keils hatte er einen Herzanfall erlitten -- vor Schreck über die Maske, die sich der Chef des MI 5 aus krankhaftem Sicherheitsbedürfnis über das Gesicht gestülpt hatte.
1939 war Kell ein sehr alter Mann. Seine Leute hatten sich seit zwanzig Jahren hauptsächlich damit beschäftigt, hin und wieder bedrohliche Aktionen der Bolschewisten aufzuspüren. Sie stammten fast ausschließlich von der britischen Kolonialpolizei in Indien. Und aufgrund dieser Herkunft hatten sie eine große Vorliebe für eine Organisation mit genauem Budget und begrenzter Arbeit.
Da der Subkontinent Indien das Haupttätigkeitsfeld der britischen Abwehrarbeit war, besaßen Keils Männer einen hochgeschätzten Vorteil -- Fronterfahrung. Außerdem waren sie pensionsberechtigt, zuverlässig und standen kaum in Verdacht, die Ruhe der Organisation zu stören.
Auch der SIS lag fast im Sterben. Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verschied der Chef des SIS, Admiral Hugh Sinelcir; es gab an der Spitze ein Revirement, doch am Geist änderte sich nichts.
Neuer Chef wurde Oberst Stewart Menzies, ein ehemaliger Eton-Schüler, der während des Ersten Weltkriegs als Gardeoffizier an der Front gewesen und dann in den Geheimdienst gegangen war. Sogleich verstärkte sich eine interne Fehde zwischen seinen beiden Stellvertretern, Oberst Claud Dansey und Oberst Valentine Vivian.
Dansey hatte während der letzten Amtsjahre Sinclairs praktisch die ganze Organisation geleitet und rechnete vertrauensvoll darauf, Sinclairs Nachfolger zu werden. Menzies speiste ihn jedoch mit dem neuen Titel "ViceChief" ab.
Valentine Vivian, der bei Philbys Aufstieg eine wesentliche Rolle spielte, war ebenfalls ein tüchtiger Offizier und Politiker und wurde zumindest von einigen Männern seines Stabes sehr geschätzt; untereinander nannten sie ihn voll Zuneigung "Vee-Vee".
Während des Krieges zeichnete sich der SIS hauptsächlich dadurch aus, daß er es fertigbrachte, jeder grundlegenden Umbildung zu entgehen. Die übrigen Organisationen des Geheimdienstes wurden Ende 1940 gründlich reformiert. Im SIS dagegen änderte sich nichts Wesentliches -- teils dank der politischen Geschicklichkeit von Menzies, teils dank der geheimnisvollen Atmosphäre, mit der die ganze Organisation sich zu umgeben wußte. Die erste Reform, der Aufbau der SOE, hatte den SIS zwar etwas beeinträchtigt, aber ihm keinen großen Schaden zugefügt. Die "Special Operations Executive", für Sabotage in den besetzten Gebieten Europas und für Unterstützung der Widerstandskämpfer zuständig, wurde aus dem Wirrwarr konkurrierender und sich überschneidender Geheimdienst-Abteilungen gebildet, die in den vergangenen drei Jahren entstanden waren.
Die wichtigste dieser Abteilungen war Department D, das Ergebnis der plötzlichen Erkenntnis, daß der drohende Krieg wahrscheinlich nicht nur die Beschaffung von Informationen, sondern auch Sabotage und Propaganda nötig machen werde.
In einem beschlagnahmten Landhaus in Hertfordshire hatte die Abteilung eine Ausbildungsstätte für Saboteure eingerichtet, in einem anderen Gebäude befaßte sie sich dilettantisch mit Propaganda. Außerdem war sie für jene kurzlebige Operation "leave-behind" zuständig, die in Erwartung einer Invasion Englands gestartet wurde und Vorbereitungen für den Widerstand treffen sollte.
Es ist bezeichnend für die Atmosphäre im Department D, daß Burgess während einer etwas konfusen Besprechung beinahe alle Anwesenden überzeugte, man könne die Deutschen aushungern, indem man Ballons mit Brandbomben auf die Weizenfelder der ungarischen Pußta treiben ließ.
Im Spätherbst 1940 machte Hugh Daltons Ministerium für wirtschaftliche Kriegführung dieser Pfuscherei ein Ende. In der alten Sherlock-Holmes-Straße Baker Street wurde die Organisation SOE aufgebaut, nachdem man die groteskeren Abenteurer und Parasiten drakonisch entfernt hatte. Urteilsvollstrecker war vor allem Gladwyn Jebb, damals ein vielversprechender junger Mann, der vom Foreign Office gefördert wurde.
Philby gehörte zu den wenigen Glücklichen des Departments D, die von der SOE übernommen wurden. Seinen Freund Burgess aber hielt Jebb für ungeeignet, und so mußte er grollend gehen.
Zu etwa derselben Zeit machte auch MI 5 die Entdeckung, daß der Krieg eine zu ernsthafte Sache war, als daß man ihn Amateuren und uralten Männern überlassen konnte. Auch hier hatte man sich angewöhnt, irgendwelche Freunde von Freunden, die an die Tür klopften, zu beschäftigen.
Ein extremes Beispiel war Brian Howard, Dichter, Homosexueller und Nachtclub-Kumpan von Burgess und Macleun. Evelyn Waugh charakterisierte ihn: "Verrückt, verdorben, und als Bekannter gefährlich. Ein anderer nannte ihn "das führende arrogante Schwein seiner Generation".
Trotzdem wurde Howard, zum Entsetzen sogar seiner Freunde, vom MI 5 engagiert, woraufhin er mit möglichst vielen Leuten ausgiebig aß und trank und Berichte für MI 5 schrieb. An Stelle eines Gehalles erhielt er großzügig bemessene Spesen.
Er wurde rasch überflüssig, nachdem er alles berichtet hatte, was er wußte. Seine Indiskretion war geradezu absurd. So hatte er zum Beispiel die Gewohnheit, sich in Bars an Ausländer heranzumachen und ihnen zu sagen, er arbeite für eine sehr geheime Organisation und halte die Fremden für faschistische Spione.
Diese lächerliche Neuerwerbung des Geheimdienstes wurde nur deshalb unter die Lupe genommen, weil Kell und fast alle seine indischen Günstlinge im Herbst 1940 hinausgeworfen worden waren. Den Beschluß zu diesem vielleicht gründlichsten Großreinemachen des ganzen Krieges fällte die Security Executive, deren Chef damals Lord Swinton war.
Erstmals in der Geschichte des britischen Geheimdienstes gewannen nun zivile Fachleute die Oberhand. An der Spitze der Mannschaft, die jetzt ans Ruder kam, stand Sir David Petrie, ein zuverlässiger Schotte mit langjähriger Geheimdiensterfahrung.
Während der Amtszeit Petries wurde MI 5 praktisch von zwei Männern geleitet, die man als erste Vertreter einer neuen Generation geschulter Experten bezeichnen kann: Guy Liddell und Sir Dick White. White war der erste junge Akademiker, der 1936 in den Geheimdienst eintrat, um dort womöglich eine Lebensstellung zu finden. Schon bald nach Beginn des Krieges galt er als zukünftiger Leiter von MI 5.
Der junge White und Liddell gingen rasch daran, MI 5 umzubilden, wobei sie auf geistige Fähigkeiten mehr Wert legten als auf Dienstalter. Die Routinetätigkeit dieser Organisation bestand im wesentlichen darin, Akten zu bearbeiten, und das erledigte ein Heer von Bürokraten.
Für die eigentliche Abwehrarbeit aber brauchte man Köpfe. Und Köpfe waren in erster Linie Anthony Blunt, heute Verwalter der Gemälde der Königin, und Victor Rothschild, ein begabter Physiker. Zwei Juristen vervollständigten das tonangebende Quartett: Herbert Hart, jetzt Professor für Jurisprudenz in Oxford, und Helenus "Buster" Milmo, jetzt Richter am Obersten Zivilgericht.
Eine Organisation allerdings ließ die Security Executive bei der großen Säuberungsaktion fast ungeschoren: den SIS. Möglicherweise war der SIS schon durch seine eigene undurchdringliche Atmosphäre genügend abgeschirmt. Außerdem hatten kurz vor dem Krieg Gladwyn Jebb und Maurice Hankey die Organisation inspiziert und für "kriegsdienstverwendungsfähig" erklärt.
Traditionsgemäß rekrutierte sich der SIS in den dreißiger Jahren teils aus demselben Reservoir wie MI 5, nämlich der Kolonial-Polizei in Indien, teils fand er seinen Nachwuchs unter den reichen Leuten der City-Oberklasse. Die Posten waren erstrebenswert und ziemlich angenehm, da die Gelder nicht versteuert werden mußten und die meisten Leute keinen großen Wert auf anstrengende Arbeit legten.
Oberst Dansey gewann die jungen Leute in der Regel mit dem Argument, als Ausgleich für die Anonymität ihrer Tätigkeit würden sie Mitglieder einer erlesenen Elite. Ohnehin waren sie nur in den seltensten Fällen intelligent genug, einen entsprechenden Posten im Foreign Office zu erhalten. Und so begnügten sie sich damit, in Europa umherzureisen und Informationen beizubringen, die meistens nicht wertvoller waren als Gerüchte aus Kadettenkasinos.
Durch diese sogenannten "Börsenmakler" unterhielt der Geheimdienst jene Verbindung mit White's Club in St. James, die von den übrigen Regierungsorganen, vor allem von dem neuentstehenden Experten-Team des MI 5, in den folgenden zehn Jahren immer mehr verabscheut wurde. Die meisten hohen SIS-Funktionäre pflegten diese Liaison. Menzies hielt sich während des Kriegs oft und lange in White's Club auf und vertiefte sich dort in Gehemigespräche mit seinem persönlichen Assistenten, Peter Koch de Gorreynd. Beide glaubten, die Bar sei einer der sichersten Orte Londons. Die Club-Etikette schrieb vor, sie in Ruhe zu lassen, wenn sie zusammensaßen: Es hieß, "sie leiten den Geheimdienst oder etwas Ähnliches".
Außerdem erwies sich der Club für die im Krieg notwendig werdende Rekrutierung als reiches Reservoir -- entsprechend der englischen Devise: "Wenn man seinem Club nicht trauen kann, wem soll man denn dann noch trauen?"
Der SIS war in fünf Sektionen eingeteilt:
* Sektion I (Politik) unterstand David Footman, einem Veteranen des Ersten Weltkriegs, der vom Konsulardienst in den SIS übergewechselt war.
Die Sektionen II, III und IV entsprachen den drei Waffengattungen der Streitkräfte; die Sektion Kriegsmarine war die wichtigste, da sie die Verantwortung für Kinde-Entschlüsselungen hatte.
* Sektion V befaßte sich mit Spionageabwehr oder, genauer, mit der Ausforschung des deutschen Spionage-Netzes.
Als Kirn Philby 1941 in die Sektion V eintrat, hatte der SIS bereits eine Reihe Schlappen erlitten. Premier Winston Churchill begann, sich über den Mangel an Informationen vom Kontinent zu beunruhigen und forderte sogar die Sabotage-Organisation SOE auf, ihm Informationen zu beschaffen.
Der einzige Coup, dem SIS-Chef Menzies noch seinen guten Ruf verdankte, war die glänzende Kode-Aktion, die Kapitän zur See Edward Hastings von Bletchley aus leitete.
Die Deutschen hatten, in Erinnerung an die eklatanten Dechiffrier-Erfolge der Briten im Ersten Weltkrieg, endlich eine Chiffriermaschine hergestellt, die sie für absolut sicher hielten. Um ihren Kinde zu brechen, hätte der Feind ihn nicht nur analytisch dechiffrieren, sondern ein ganzes Entschlüsselungssystem entwickeln müssen. Das war praktisch nur möglich, wenn man über dieselbe Chiffriermaschine verfügte, die zur Übermittlung der Nachrichten verwendet wurde.
Der vielleicht wichtigste Maschinen-Kode wurde beim Kontakt mit U-Booten verwendet. Alle U-Boot-Kommandanten besaßen eine sogenannte "Enigma"-Maschine, mit der sie täglich ihre Position an den Befehlshaber der deutschen U-Boot-Flotte, Admiral Doenitz, durchgaben. Wäre dieser Kode nicht entschlüsselt worden, hätten die Angriffe auf die Atlantik-Konvois sehr viel länger fortgesetzt werden können.
Am 27. August 1941 -- also viel früher, als bisher vermutet wurde -- fiel der britischen Marine das U-Boot U 570 mit einer intakten "Enigma" in die Hand. Sein unglücklicher -- oder vielleicht mit dem britischen Geheimdienst zusammenarbeitender -- Kommandant hieß Hans Joachim Rahmlow.
Das U-Boot wurde in ein Forschungsschiff umgebaut und erhielt den Namen "Graph". Ehe das Jahr zu Ende ging, hatten die Kode-Spezialisten der Navy nach der erbeuteten Enigma ein Modell hergestellt, an dem sich rekonstruieren ließ, wie die deutsche Chiffriermaschine funktionierte. Diese bemerkenswerte Leistung wurde noch dadurch übertroffen, daß es der Navy gelang, ihren Erfolg den ganzen Krieg hindurch vor den Deutschen geheimzuhalten.
Als die "Bismarck" durch Entzifferung von Kode-Meldungen geortet werden konnte, ließ die RAF das deutsche Schlachtschiff von Aufklärungsflugzeugen anfliegen, um die Deutschen über die Entdeckungsmethode zu täuschen
Ohne die Erfahrung und die Geschicklichkeit der Marine wäre dieser Erfolg nicht möglich gewesen. Und die Kode-Entschlüsselung fiel nur zufällig in den Amtsbereich von Menzies, denn in allen praktischen Dingen war die "General Code and Cipher School" ein selbständiger Apparat.
Menzies sorgte jedoch dafür, daß er persönlich Churchill die aufgefangenen Kode-Informationen übermittelte. Dieses "Rohmaterial" aus "höchst geheimen Quellen", dessen ausschlaggebende Bedeutung Churchill selbst bestätigt hat, bewahrte den SIS davor, den letzten Rest seines Ansehens zu verlieren.
Als Philby in den SIS eintrat, lag der Enigma-Coup noch in der Zukunft. Was den Ruf der Organisation eben noch aufrechterhielt, war in erster Linie die Kode-Schule und der stete Strom von Informationen, die mit Hilfe der im Ersten Weltkrieg entwickelten Methoden dechiffriert werden konnten, schließlich noch die von Menzies geschickt betriebene Eigenpropaganda.
Da Philby nicht Mitglied von White's Club war, brauchte er auf jeden Fall eine persönliche Empfehlung, um den jämmerlichen Schauplatz des SIS betreten zu können. Höchstwahl scheinlich erhielt er sie von einem Kollegen der Abteilung D -- nämlich von Guy Burgess.
Burgess hatte zumindest eine ausgezeichnete Beziehung zum SIS, denn er war seit mehreren Jahren mit David Footman, dem Leiter der politischen Sektion, bekannt. Footman wiederum kannte zufällig Philbys Familie aus der Zeit, als Kim noch ein Kind war. Diese Verbindung scheint Philby den Pfad zu seinem erwählten Lebensweg geebnet zu haben.
Für die eigentliche Zulassung zum SIS war allerdings Oberst Vivion verantwortlich. Wieder wirkte sich Kims Herkunft zu seinen Gunsten aus. "Ich hole mir den Sohn vom allen St. John Philby", sagte Vivian zu einem Kollegen. "Kenne den Alten von Indien. Der Junge war Kriegsberichterstatter für die "Times'. Offenbar ein kluger Kerl.
Um gerecht zu sein, muß man jedoch sagen, daß niemand Oberst Vivians Entscheidung anzweifelle. Im Gegenteil, sobald Philbys Ankunft angekündigt worden war, wurde er ungeduldig erwartet. Draußen in Prae Wood, dem Quartier der Sektion V in Renfordshire, hieß es allgemein: "Es wird alles anders, wenn Philby erst mal hier ist.
Diese freudige Erwartung ist durchaus nicht unverständlich. Von den allgemeinen Kümmernissen im Geheimdienst abgesehen, litt die Sektion V unter einer besonderen Plage in Gestalt ihres Chefs, Major Felix Cowgill. Er leitete die Abteilung in Prae Wood wie eine schlechte Privatschule.
Bezeichnend für Cowgills Qualitäten ist das Argument, das er jedesmal vorbrachte, wenn von der Einrichtung einer Unterabteilung Deutschland die Rede war: Er verteidigte hartnäckig die traditionelle Vorschrift, daß jeder neue SIS-Stab im Ausland einer der bereits bestehenden britischen Vertretung angegliedert werden müßte.
Gab es in dem betreffenden Land eine Botschaft, so wurde der Geheimdienst-Stab der Botschaft angegliedert, gab es ein Expeditionskorps, dann wurde er dessen Haupt quartier beigeordnet. In Deutschland existierte weder eine britische Armee noch eine britische Botschaft; deshalb -- so Cowgui -- gebe es keine Möglichkeit, dort SIS-Leute unterzubringen.
Verglichen mit solcher "indischen" Sturheit. verfügte Philby über nützliche Voraussetzungen. Er hatte sich als Reporter einen Namen gemacht. Nach seiner Rückkehr aus Spanien und nach seiner Tätigkeit beim britischen Expeditionskorps war er sogar im aktiven Dienst gewesen. Daheim hielt man es für einen Glücksfall, daß Vivian ihn für den Job im SIS gewonnen halte.
Philby übernahm die Iberisehe Unterabteilung der Sektion V, und sein Freund lan wurde Stellvertreter. Der abgesetzte Oberst Dansey hatte die Sektion V verächtlich "die Brigade der roten Flanell-Pluderhosen" genannt. Doch da sie sich ausschließlich mit Spionage-Abwehr befaßte, war sie für Philbys wahres Metier recht gut geeignet.
Chef Vivian nannte Philby und lan "meine beiden kleinen Intellektuellen", und damit waren sie, im Vergleich zu den Börsenmaklern, mit denen Vivian bisher gearbeitet hatte, angemessen definiert. Allerdings konnte man Kirn Philby nur in höchst relativem Sinn als Intellektuellen bezeichnen. Es gibt kaum ein Anzeichen dafür, daß er sich jemals für abstrakte Gedanken interessiert hätte.
Im Grunde war er alles andere als "intellektuell". Doch in Prae Wood wurde er wohl deshalb sofort ein Erfolg, weil Vivian ihn mit wohlwollendem Respekt als Intellektuellen betrachtete. Die Intellektuellen von Prae Wood wiederum begrüßten ihn als belebende Sauerstoffzufuhr. "Der erste fähige Mann, der einen einflußreichen Job bekommt", hieß es von ihm.
Für die Iberische Unterabteilung, die in der Schlacht der Geheimdienste ein besonders wichtiges Operationsfeld hatte, bedeutete Philby ein Gewinn. Spanien war neutral, aber deutschfreundlich und bildete einen idealen Stützpunkt für die Operationen gegen die Schlüsselstellung der britischen Verbindungslinien, Gibraltar.
Portugal sympathisierte mit Großbritannien, Portugiesisch-Mozambique dagegen, das ebenfalls zum Bereich der Sektion V gehörte, war das Zentrum der deutschen Abwehrtätigkeit im südlichen Afrika.
Philby schickte den Satiriker Malcolm Muggeridge als "unseren Mann" nach Laurenço Marques und Graham Greene nach Sierra Leone; beide hatten den Auftrag, die Deutschen daran zu hindern, die Bewegungen britischer Schiffe auszuspionieren.
Als Boß setzte sich Philby sehr rasch durch. Er bewies eine rasche Auffassungsgabe und erwarb sich durch menschliche Anteilnahme die starke persönliche Loyalität seiner Leute. Noch heute erinnern sich seine Kollegen mit undefinierbarer Ironie an das Wort, mit dem sie ihn stets summarisch charakterisierten: "Integrität".
"Es war nicht nur so, daß man ihn gut leiden mochte, ihn bewunderte, mit ihm übereinstimmte", sagte einer der Männer, die von Beginn des Krieges bis zu Philbys Flucht oft mit ihm zusammen waren. "Man verehrte ihn." Ein anderer drückte es plastisch aus: "Wenn er mir gesagt hätte, ich sollte den Polizeichef erschießen, hätte ich es getan."
Sein stärkster dienstlicher Tadel lautete: "Ich muß schon sagen, das hätten Sie wirklich nicht tun sollen, wissen Sie." Daß Klm Philby einen Report ohne Entwurf in ordentlichem Englisch abfassen konnte, scheint seinen Kollegen ebenfalls imponiert zu haben.
Es waren die etwas oberflächlichen Wesenszüge" die den tiefsten Eindruck machten. Charme, Liebenswürdigkeit, logisches Denken, dazu das rührende Stottern -- das waren die Merkmale seines verderblichen Erfolgs. Und je höher er stieg, desto unwahrscheinlicher wurde es, daß man ihn verdächtigte.
Bald offenbarte sich in Prae Wood eine andere Stärke Philbys: seine Trinkfestigkeit. Wenn er trank, trank er kräftig, aber nie verlor er die Selbstbeherrschung, nie vergaß er seine Wachsamkeit -- ein weiterer Beweis innerer Kraft, die auch in einem Verhör niemand mit überraschenden Argumenten hätte vernichten können. Schon zwei Jahre nach seinem Eintritt galt er im SIS als einer der fähigsten Leute, "ein Mitreisender in der Gangsterwelt der Oberschicht". Richtiger gesagt: Der Mitreisende bahnte sich einen Weg zum Stand des Lokomotivführers.
Man kann nicht behaupten, daß sich die Iberische Unterabteilung der Sektion V unter Philbys Leitung durch berühmte Coups ausgezeichnet hätte. Viel stärker fiel sein diplomatisches Geschick ins Gewicht, das er innerhalb des SIS bewies, und auch die Zähigkeit, mit der er die Organisation gegen deren bürokratische Gegner verteidigte.
Hauptgegner war der inzwischen gründlich renovierte MI 5, dem die Leute vom SIS, wie sich zeigte, ebensoviel Abwehr-Aufmerksamkeit widmen mußten wie den Deutschen.
Graham Greene wurde fast hinausgeworfen, als er bei der Aufgabe versagte, einen SIS-Mann auf den Azoren abzusetzen. Der Agent konnte erst nach Tagen mit Hilfe von MI 5 die Verbindung herstellen. Die hohen Tiere im SIS waren wütend, doch Philby, Greenes Vorgesetzter, stellte sich mit Erfolg hinter ihn.
Anfang 1944 begannen die engen Grenzen der Iberischen Unterabteilung Philby lästig zu werden. Etwa um diese Zeit wurde die Sektion V nach London in ein Haus in der Ryder Street zurückverlegt. Philby: "Ich bin richtig froh, aus dem verdammten Grünen wegzukommen."
Kurz nach dem Umzug ging Philby daran, das unmittelbare Hindernis seiner Beförderung loszuwerden, den glücklosen Cowgill. Philbys Verbündeter hierbei war sein Assistent lan. Philby scheint Oberst Vivian überzeugt zu haben, daß Cowgill seinen Aufgaben nicht gewachsen sei. Cowgill wurde später nach Deutschland geschickt und mit weniger anstrengender Polizei-Arbeit betraut.
Philby hatte offensichtlich vor, selbst Chef der Sektion V zu werden. Das Gelingen dieses Plans hing allerdings davon ab, daß dann die Iberische Unterabteilung und Graham Greene wiederum Ians bisherigen Posten als Stellvertreter bekommen würde. Greene, plötzlich von Skrupeln befallen, soll aus Ekel vor diesem Kuhhandel sein Amt niedergelegt haben, und so scheiterte der Plan.
Dadurch geriet Philby vorübergehend in ein Vakuum, und irgend jemand alarmierte Philbys früheren Arbeitgeber, die "Times". Ende Januar 1944 bot die "Times" ihm den Posten eines Berichterstatters bei den Streitkräften an, die damals für den Tag der Invasion zusammengezogen wurden.
Die Herren der "Times" luden ihn zum Mittagessen im "Reform Club" ein. Philby bekundete höfliches Interesse, erklärte aber, das Foreign Office habe zu entscheiden, ob er seine jetzige Arbeit aufgeben könne oder nicht.
Einige Wochen vergingen, ehe das Foreign off ice durch Frank Roberts (später Botschafter in Moskau und in Bonn) wissen ließ, daß es seine Zustimmung nicht geben könne. Philby, so hieß es in dem Schreiben an die "Times" vorsichtig, gehöre zwar nicht zum Stab des Foreign Office, doch seine Arbeit sei von besonderem Interesse, und das Außenministerium würde "höchst entschieden empfehlen, ihn nicht von seiner jetzigen Arbeit zu entbinden".
Unterdessen erhielt Philby ein Angebot, das die mißglückte Ämterintrige innerhalb der Sektion V als erfreuliches Zwischenspiel erscheinen ließ.
Die Sektion verlor ohnehin insgesamt an Bedeutung. Es gab in dieser Zeit nur noch eine einzige Front, an der Spionageabwehr eventuell den Sieg beschleunigen konnte -- Westeuropa. Und dieser beinahe letzte Tätigkeitsbereich wurde dem SIS von einem speziellen Team im Lagezimmer des Kabinetts entzogen. Leiter des neuen Teams war ein Mann von MI 5.
Wenige Tage vor dem Beginn der Invasion gaben Menzies und Vivian ausgerechnet Philby den Auftrag, die nicht mehr bestehende Abteilung der Spionage-Abwehr gegen die Sowjet-Union zu neuem Leben zu erwecken. Diese Entscheidung dürfte schwerwiegendere Folgen gehabt haben als jedes andere Einzelereignis in der Geschichte des britischen Geheimdienstes.
Philby muß der neue Auftrag ideal erschienen sein, von wunderbar symmetrischem Gefüge -- geradezu neiderregend für jeden Spion der Vergangenheit und der Zukunft. Außerdem muß er die Entscheidung seiner Vorgesetzten als nicht zu überbietende Torheit angesehen haben.
Erstaunlich war sie auf jeden Fall. Immerhin wurde der Aufbau der Sowjet-Sektion in einer Zeit beschlossen, in der Rußland noch ein wichtiger Partner der Allianz gegen Deutschland war und in der außerdem die Amerikaner ebenso wie die Sowjets die Überzeugung vertraten, eine Verständigung zwischen Washington und Moskau werde ein wesentlicher Pfeiler der Nachkriegswelt sein.
Es läßt sich denken, wie verblüfft und interessiert die Russen die Geheiminformation ihres "Mannes in London" aufgenommen haben, daß England in der Sowjet-Union den neuen Feind sah und eine große Spionage-Operation gegen sie in Gang brachte.
Der alternde Oberst, der als einziger in der stillgelegten Sowjet-Sektion noch ein Amt innehatte, wurde pensioniert, und Philby zog ein, um ein Reich aufzubauen, das innerhalb von 18 Monaten ein ganzes Stockwerk in der Ryder Street einnahm und über hundert Leute beschäftigte.
Es dauerte nicht lange, und Philbys alter Charme wirkte von neuem. Wieder war er ein hart arbeitender Chef, der nichts schwernahm. "Um neun oder zehn Uhr abends", erzählte ein Mitglied seines Teams, "saß Kim in der Regel immer noch über seinen Papieren. Man hatte stets das Gefühl, er arbeite bis spät in die Nacht." In den letzten Kriegs- und den ersten Friedenstagen machten sich viele junge Engländer Gedanken darüber, wie sie ihre abgebrochene berufliche Laufbahn wieder aufnehmen könnten. Die meisten hatten dabei nur einen sehnlichen Wunsch: irgend etwas zu tun, das sie nicht an ihre Kriegstätigkeit erinnerte. Diesen Impuls schien Kim Philby nicht zu kennen.
Er hatte offenbar keine Lust, seine journalistische Karriere aus der Vorkriegszeit fortzusetzen. Freunden, die von der wahren Natur seiner "amtlichen Tätigkeit" im Kriege nichts wußten, erklärte er: "Ich habe beschlossen, mich den Bürokraten anzuschließen. Ihnen gehört die Zukunft."
Seinen kriegsmüden Kollegen vom SIS, zum Beispiel Malcolm Muggeridge, demonstrierte er, wie sehr er darauf brannte, jetzt gegen russische statt deutsche Gegner weiterzumachen.
Nach einer Zecherei in Paris machte Philby seinem Kumpan Muggeridge den Vorschlag, auf dem Heimweg einen Blick auf die russische Botschaft zu werfen. Aufgeregt ging Philby vor dem stillen Gebäude auf und ab, drohte mit der Faust zu den dunklen Fenstern hinauf und fragte: "Was können wir bloß anstellen, um hier einzudringen?"
Im Rückblick läßt sich Philbys Diensteifer sehr leicht erklären: Für ihn begann der Krieg erst jetzt, und das Theater vor der sowjetischen Botschaft in Paris war genauso gezielt wie die Schau eines Rennfahrers, der eine Kurve besonders scharf schneidet, um seine Meisterschaft zu zeigen.
Innerhalb von zwei Jahren hatte seine Sowjet-Sektion einen riesigen Informationsvorrat zusammengebracht -- über Kommunisten in westlichen Ländern und über Geheimorganisationen, den ganzen, jetzt wohlbekannten Spionagekram des Kalten Krieges. Und Klm Philby. hatte sich das unerschütterliche Vertrauen seines Stabs erworben.
"Er hatte erreicht, daß sie ihm zuliebe alles machten", erklärt heute einer seiner Kollegen. Die Mitarbeiter der Sektion waren von ihren früheren Stellungen her an strengste Sicherheitsmaßnahmen gewöhnt, so mußten sie etwa jeden Abend selbst alle Büroschreibtische abschließen. Philby durchbrach diese Tradition. "Halten Sie sich damit nicht auf", sagte er, "ich schließe sie später selbst ab."
"Mir war nicht ganz wohl dabei", berichtet ein Kollege, "aber er war so liebenswürdig, daß ich ihm keine Bitte abschlagen konnte."
Wie sehr die SIS-Leute das Wesen des Fremdlings mißdeuteten, den sie selbst herangezogen hatten, geht aus dem Kommentar hervor, den Menzies heute über seinen ehemaligen Mitarbeiter abgibt: "Was für ein Schuft war Kim Philby!"
Klm Philby wird jedoch von seinen ehemaligen Kollegen völlig verschieden beurteilt. Einige empfinden ihm gegenüber noch immer eine Spur von Zuneigung und grübeln über den "irregeleiteten Idealismus", der Philby dazu trieb, für die Russen zu arbeiten. Andere sehen in seiner Karriere hauptsächlich eine technische Glanzleistung: "Er gehörte zu den Agenten, die ihre Doppelrolle nicht spielen, sondern wirklich in ihr leben."
Einer von Philbys SIS-Kollegen äußert sich weniger gelassen: "Philby war ein ausgepichter Schweinehund und hat eine Menge Menschenleben auf dem Gewissen."
Spionage und Spionageabwehr erwecken manchmal so sehr den Anschein sauberer Schreibtischarbeit, daß in Vergessenheit gerät, wieviel Blut dabei fließt. Einige Episoden aus Philbys Karriere lassen das große Spiel in seiner ganzen Realität sichtbar werden.
Anfang August 1945 sprach im britischen Konsulat im Beyoglu-Bezirk von Istanbul ein nicht angemeldeter Besucher vor, dessen Englisch einen starken russischen Akzent hatte. Der Mann, offensichtlich nervös, bat um eine Unterredung mit einem bestimmten britischen Diplomaten hohen Ranges; bei dem Gespräch dürfe niemand sonst anwesend sein, nicht einmal ein Dolmetscher.
Als er schließlich mit dem Diplomaten ungestört allein war, nannte er den Grund seines Besuchs: Er heiße Wolkow, und nach außen hin sei er ein neuernannter sowjetischer Konsul in Istanbul, in Wirklichkeit aber habe man ihm die Leitung der sowjetischen Spionageabwehr innerhalb der Türkei übertragen.
Erst vor Monaten sei er von der Moskauer Zentrale des sowjetischen Geheimdienstes (NKWD) nach Istanbul gekommen, und er habe einen Vorschlag zu machen. Für 27500 Pfund Sterling und einen Transitpaß nach Zypern sei er bereit, bestimmte, für die britische Spionageabwehr recht wertvolle Informationen preiszugeben. Ob die Briten daran Interesse hätten? Der britische Diplomat, entgegen der Vermutung der Russen keiner der verkappten SIS-Leute in der Botschaft, äußerte vorsichtiges Interesse und fragte, worum es sich bei den angebotenen Informationen handele. Wolkow entgegnete, ehe der Handel abgeschlossen sei, könne er leider keine Einzelheiten, sondern allenfalls ein paar Stichworte angeben. Und damit überreichte er dem Engländer ein Bündel handschriftlicher Notizen und Skizzen.
Mit wachsender Verblüffung überflog der Diplomat die Überschriften: Adressen und Beschreibungen der NKWD-Gebäude in Moskau mit Einzelheiten· über Alarmsystem, Angaben über Schlüsselabdrücke und Dienstpläne der Wachmannschaften, Liste der polizeilichen Kennzeichen aller NKWD-Autos; Verzeichnis aller Sowjet-Agenten in der Türkei, dazu ihre Übermittlungs-Methoden; und schließlich Namen von sowjetischen Agenten, die in Regierungsbehörden in London arbeiteten.
Anscheinend hatte Genosse Wolkow, ehe er seinen Posten in Istanbul antrat, in Moskau Material zusammengetragen, mit dem er sich eine Fahrkarte in den Westen kaufen wollte.
Der englische Beamte informierte sofort den britischen Botschafter. Sir Maurice Peterson war entsetzt: Seit geraumer Zeit versuchte er, im Konsulat die "Invasion" getarnter SIS-Leute zu unterbinden, und in der Wolkow-Affäre konnte er nur einen weiteren Schritt dieser Geheimdienst-Unterwanderung sehen.
"Ich denke gar nicht daran, das Konsulat in ein Spionage-Nest verwandeln zu lassen", empörte sich Peterson. "Wenn Sie mit dieser Geschichte weitermachen müssen, dann tun Sie das bitte über London."
Der Diplomat mußte dem wartenden Russen erklären, London brauche etwas Zeit, um über das Angebot zu entscheiden. Wolkow war einverstanden, stellte aber zwei Bedingungen. Erstens dürfe ein Bericht über seine Schriftstücke nur handschriftlich von seinem Gesprächspartner aufgesetzt und auf keinen Fall mit der Maschine abgeschrieben werden. In der britischen Botschaft arbeite ein sowjetischer Agent und daher könne Wolkow nicht riskieren, daß von seinem Material Abschriften angefertigt würden.
Zweitens müsse die Entscheidung über seinen Vorschlag innerhalb von drei Wochen fallen. Wenn er am Abend des 21. Tages nichts gehört habe, werde er annehmen, das Geschäft sei nicht Zustande gekommen. Nachdem Wolkow mit dem Briten Vereinbarungen über die Wiederaufnahme der Verbindung getroffen hatte, ging er.
Der Brite verbrachte fast die ganze Nacht damit, einen handschriftlichen Bericht für den SIS zu verfassen. Am nächsten Tag ging die Sendung per Kurier ab. Als "nach einer Woche noch kein Bescheid aus London gekommen war, bat der Diplomat telegraphisch um Antwort. Die zweite Woche verstrich, und noch immer hatte er keine Nachricht, am 20. Tag war er der Verzweiflung nahe.
Am Morgen des 21. Tages endlich traf ein Agent aus London ein und sagte, er werde die Wolkow-Sache selbst in die Hand nehmen. Es war ein wortkarger, keineswegs aufgeregter Mann mit Cutaway-Kragen und flatternder Byron-Krawatte -- Kim Philby.
Der Diplomat, der mit Wolkow gesprochen hatte, gab gereizt zu verstehen, die Verzögerung habe wahrscheinlich den ganzen Handel zunichte gemacht, und fragte, warum zum Teufel niemand früher gekommen sei. Darauf Philby: "Tut mir leid, alter Freund, aber dann hätte es Überschneidungen bei unseren Urlaubsterminen gegeben."
Sie versuchten, Kontakt zu Wolkow aufzunehmen, aber sie warteten umsonst auf dessen Nachricht. Schließlich schickten sie einen Mann los, der sich nach "Konsul Wolkow" erkundigen sollte; aber auch er konnte den Russen nicht ausfindig machen.
Den ganzen Nachmittag hindurch versuchte der Diplomat vergebens, von Philby Auskunft über die Gründe der Verzögerung des SIS zu bekommen. "Schließlich konnte ich es mir nicht anders erklären", sagte er später, "als daß Philby entweder geradezu verbrecherisch unfähig oder selber ein Sowjet-Agent war."
Als eindeutig feststand, daß Wolkow nicht kommen würde, kehrte Philby nach London zurück. Und wenige Tage später kam es zu einem merkwürdigen Vorfall in Istanbul. Auf dem Flugplatz landete außerplanmäßig und ohne Landeerlaubnis eine sowjetische Militärmaschine.
Während die Leute im Kontrollturm noch überlegten, was zu tun sei, raste ein Wagen über die Betonpiste zu dem Flugzeug. Eine in Verbandmaterial gepackte menschliche Gestalt wurde auf einer Tragbahre aus dem * In Londons Ryder Street.
Wagen gehoben und in das Flugzeug gebracht. Einen Augenblick später startete die Maschine.
Es war eine jener Entführungen im sowjetischen Bravour-Stil, die damals ziemlich häufig vorkamen. Und es darf wohl angenommen werden, daß der Entführte der unglückselige Wolkow war. Jedenfalls verstärkte sich in dem britischen Konsulatsbeamten der Verdacht gegen Kim Philby, und er setzte einen britischen SIS-Mann über seine eigene Version des Wolkow-Vorfalls in Kenntnis. Doch offenbar hatte seine Meldung keinerlei Folgen.
Das Jahr 1946 begann für Philby sehr erfreulich, denn bei den Ehrungen zum Jahresanfang wurde ihm der "Orden des Britischen Empire" verliehen. In der Neujahrs-Liste wird die Verleihung zwar nicht im einzelnen begründet; aber Philbys Kollegen waren überzeugt, daß er den Orden wohl verdient habe: Er war ein pflichtbewußter, fleißiger Beamter, meist der letzte abends im Büro, und der Mann, der sich erboten hatte, alles abzuschließen.
Im Frühsommer 1946 gab Philby sein Amt in der Londoner Abteilung ab und übernahm einen neuen wichtigen Posten "an der Front". Er wurde als angeblicher Diplomat in die Türkei versetzt. Nach außen hin war er als "zeitweiliger Erster Sekretär" am Generalkonsulat in Istanbul für Paßangelegenheiten zuständig. In Wirklichkeit betätigte er sich natürlich als Spion.
Als Philby mit seiner zweiten Ehefrau Alleen Furse in Istanbul eintraf, wirkte er wie ein in der Wolle gefärbter Diplomat alter Schule. Die Stadt am Bosporus war schon im Krieg gegen Deutschland als neutrales Zentrum sehr wichtig gewesen, doch die westöstliche Konfrontation nach dem Kriege verlieh ihr eine noch größere Bedeutung.
Istanbul eignet sich hervorragend für Spionagetätigkeit. Den Bosporus passieren viele kommunistische Schiffe. In der Stadt selbst gibt es blühende armenische, bulgarische und albanische Kolonien, die in Verbindung zu ihren Heimatgemeinden hinter dem Eisernen Vorhang stehen. Zudem bieten sich unzählige Bars und Kaffeehäuser in den dunklen, windigen Gassen des alten Stambul als ideale Treffpunkte für geheime Zusammenkünfte an.
Philby operierte vom Britischen Generalkonsulat aus, einem langgestreckten, kasernenähnlichen Gebäude im neuen Teil der Stadt. Seine Familie quartierte er in einem Haus direkt am Ufer des Bosporus ein. Er brauchte sich in keiner Weise einzuschränken" doch er fand das Gesellschaftsleben todlangweilig.
Philbys Auftrag in Istanbul erscheint recht rätselhaft: Warum mußte ausgerechnet der Abteilungschef selbst einen "Frontauftrag" ausführen -- selbst wenn es sich um ein so kritisches Gebiet wie die Türkei handelte?
In den Akten des türkischen Geheimdienstes findet sich nur ein einziger Hinweis auf Philbys Tätigkeit. Die Notiz spricht von Zusammenkünften mit bulgarischen und anderen osteuropäischen "Studenten", die von den Türken für Spione gehalten wurden.
Während seines Aufenthalts in der Türkei stand er zweifellos in engem Kontakt mit dem sowjetischen Geheimnetz, und sicherlich wußten seine Vorgesetzten in London davon: Wie ein Detektiv kann auch ein Spionageabwehr-Agent im Einsatz nur zum Ziel kommen, wenn er mit den "Tätern" verkehrt, die er zu Fall bringen will.
Entscheidend ist die Frage, ob Philbys Vorgesetzte ihm erlaubt hatten, den Russen gegenüber die Rolle eines "Doppelagenten" zu spielen -- ob er sich also auf Weisung Londons bei den Russen als britischer Agent ausgeben sollte, der bereit sei, für sie zu arbeiten.
Eine derartige Weisung wäre eine Erklärung dafür, daß Philby von seinen SIS-Kollegen so leidenschaftlich in Schutz genommen wurde, als die Sicherheitsbeamten des MI 5 überzeugt waren, er sei ein Verräter.
Die Aktionen eines Agenten, der dem Feind gegenüber die Rolle eines Doppelagenten spielt, können praktisch von Verrat nicht unterschieden werden. Falls ihm seine Freunde nicht beistehen, hat er keinerlei Möglichkeiten, sich zu rechtfertigen, wenn irgend etwas schiefgeht. Kurz nach Philbys türkischer Reise ging tatsächlich nach und nach einiges für ihn schief, und der SIS stand ihm in ungewöhnlicher Entschlossenheit bei.
Unterdessen war Donald Maclean in seiner Karriere als Diplomat -- und als Spion -- in Washington gut vorangekommen. Er hatte seine Arbeit dort als Erster Botschaftssekretär im Frühjahr 1944 aufgenommen und galt mit seinen 31 Jahren als Glückskind des diplomatischen Dienstes.
Hinter ihm lagen vier erfolgreiche Jahre in London, in denen sich sein Talent für rasche, sorgfältige Erledigung von Papierkram gezeigt hatte. Aufgrund seiner Tüchtigkeit in diesen Jahren dürfte er die späteren Beförderungen wohl automatisch erhalten haben, zumal seine Leistungen nach Ende des Krieges schon nachließen.
Warum er weniger leistete, läßt sich leicht erklären. Im Gegensatz zu Kim Philby war es Maclean anzumerken, daß ihn seine Doppelrolle beunruhigte und daß er unter schockartigen Anfällen von Zweifeln litt.
Während des Krieges war es für ihn einfacher gewesen. Jeder Marxist von Macleans Einstellung mußte das Bündnis mit der Sowjet-Union als willkommene Befreiung aus einem quälenden Zustand empfinden. Maclean ahnte in diesen Jahren nichts von der unheimlichen Persönlichkeitsspaltung, die ihm bevorstand; denn noch konnte er sowohl seinem Vaterland als auch seiner ideologischen Überzeugung dienen.
Während auf Paris Bomben fielen, hatte er geheiratet, und die Ehe brachte den geselligen jungen Mann, der in den Cafés auf dem linken Seine-Ufer verkehrte, zur Ruhe. Er und Ehefrau Melinda verstanden sich gut, obwohl sie grundverschieden waren.
In Washington fiel ihr Lebensstil nicht aus dem Rahmen, und man hielt Maclean für einen eher verdienstvollen als brillanten Mann. Er spielte viel Tennis, oft mit George Middleton, dem späteren Chef der Personalabteilung des Foreign Office. Nur die außerdienstlichen Verpflichtungen eines Botschaftssekretärs waren ihm verhaßt.
Maclean und seine Frau waren dafür bekannt, daß sie auf Cocktailpartys in seltsamer Unbeholfenheit mitten im Trubel hartnäckig für sich allein blieben, in einer Ecke standen und einander an der Hand hielten.
Wäre Maclean nur ein normaler Erster Botschaftssekretär gewesen, so hätte er Moskau kaum wertvolle Informationen zukommen lassen können. Als jedoch die Hälfte seiner Dienstzeit in Washington abgelaufen war, bekam er einen weit wichtigeren Auftrag. Der neue Botschafter, Sir Archibald Clark Kerr, ein sogar nach den Maßstäben des Foreign Office politisch exzentrischer Mann, hielt Maclean für geeignet, den Posten des britischen Sekretärs beim "Combined Committee on Atomic Affairs" (Gemeinsamer Ausschuß für Atompolitik) zu übernehmen.
Die Gründung dieses Komitees war auf der Quebec-Konferenz zwischen den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Kanada beschlossen worden; seine Hauptfunktion sollte die Kontrolle des Austausches von Atominformationen zwischen den drei Regierungen sein.
Als Maclean im Februar 1947 Sekretär des Komitees wurde, war allerdings das MacMahon-Gesetz, das die Beteiligung der USA an dem Informations-Austausch eng begrenzte, bereits ein halbes Jahr in Kraft. Und so vermitteln denn auch alle Erklärungen der britischen Regierung, die seit Macleans Flucht abgegeben worden sind, den Eindruck, als seien dem roten Spion keinerlei wichtige Informationen zugänglich gewesen.
Diese harmlose Version ist inzwischen widerlegt worden. 1956 schlug der amerikanische Senats-Unterausschuß für Innere Sicherheit vor, eine Untersuchung über den Schaden vorzunehmen, der den Vereinigten Staaten von Burgess und Maclean zugefügt worden war. Der Ausschußvorsitzende, Senator James Eastland, erhielt vom State Department ein Schreiben, in dem die Informationsbereiche, zu denen Maclean Zugang hatte, im einzelnen aufgeführt wurden.
In diesem Brief vom 21. Februar 1956 heißt es: "Es waren Maclean Informationen zugänglich über Patente, freigegebene Geheimsachen, Forschungsergebnisse und Entwicklungen aus dem Bereich der Beschaffung ausländischen Rohmaterials einschließlich Schätzungen über Rohstoffreserven und -bedarf."
Das Material stammte zum Teil aus einer Unterabteilung des "Combined Policy Commitee", die vor allem die Aufgabe hatte, beim Einkauf von Rohstoffen den Russen zuvorzukommen -- so erwarb sie zum Beispiel durch Vorkaufsrechte Uranium, meist aus Belgisch-Kongo.
Das Schreiben des State Department illustriert, wie wenig wirksam das Mac-Mahon-Gesetz in der Praxis war. Erst im Januar 1948 waren die Ausführungsbestimmungen endgültig ausgehandelt worden.
Bis dahin "hatte Maclean aufgrund seiner Stellung Zugang zu Informationen, die sich auf folgende Gebiete bezogen: Schätzungen der Erzvorkommen. die den drei Regierungen zur Verfügung standen, Schätzungen des voraussichtlichen Uraniumbedarfs für die Atomenergie-Projekte in der Zeit von 1948 bis 1952, Abgrenzung der wissenschaftlichen Gebiete, auf denen nach Ansicht der drei Regierungen eine technische Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil zu erreichen sein würde".
General Lesile Groves, der Vater des amerikanischen Atomprogramms, nennt ein Beispiel: 1946 hatten die USA eine neue Methode zur Umwandlung von uraniumarmem Erz in konzentriertes Uranium entwickelt, wobei Abfallprodukte der südafrikanischen Goldbergwerke verwendet wurden. Dadurch erhöhten sich die Reserven während zugleich die Kosten sanken. Allein die Information, daß es eine solche Methode gab, mußte für die Moskauer Physiker außerordentlich wertvoll gewesen sein.
Macleans "offizielle Befugnis" beschränkte sich jedoch nicht auf das Komitee, sondern verschaffte ihm auch Zugang zu dem Gebäude der Atomenergiekommission (AEC). Einzelheiten enthüllte Admiral Lewis Strauss, der frühere Vorsitzende der AEC.
Strauss schilderte, wie er "erfuhr, daß ein Ausländer für die Zentrale der Atomenergiekommission einen Dauerausweis besaß, der ihm erlaubte, sich unbegleitet innerhalb des Gebäudes aufzuhalten". Der Ausweisinhaber war Donald Maclean.
Der damalige Hauptgeschäftsführer der AEC, Professor Carroll L. Wilson, hatte den Antrag ohne Bedenken genehmigt, als sich Macleans Vorgesetzter Sir Gordon Munro an ihn wandte. Wilson Ja ich habe angeordnet, Maclean einen "non-escort-pass' auszustellen. Ich hatte keine Veranlassung, es zu verweigern. Hätte ich Verdacht geschöpft, würde ich den Antrag abgelehnt haben. Aber ich hielt Maclean für vertrauenswürdig."
Gegen Vorlage des Ausweises erhielt man am Schalter im Vorraum eine Plakette. Als Admiral Strauss dann von der Sache erfuhr, entdeckte er sogleich, daß Maclean nach Angaben im Kontrollbuch des Wachhabenden "häufig abends und nach den üblichen Dienststunden" gekommen war.
Brian La Plante, damals Sicherheitsbeamter in der AEC-Zentrale, erinnert sich, Maclean habe von seinem Ausweis "so oft und zwar nachts" Gebrauch gemacht, daß Plante schließlich darüber Meldung erstattete. Macleans Ausweis wurde eingezogen, zu
* Heute Philbys vierte Ehefrau.
einer Untersuchung kam es jedoch nicht.
Wenn die Eingänge eines Gebäudes streng überwacht werden, gibt es im Inneren meistens nur wenige Sicherheitsmaßnahmen. Aus den Aussagen früherer Angestellter geht hervor, daß Maclean praktisch jeden Raum betreten konnte und zu allen Akten Zugang hatte. Und da er regelmäßig spät abends kam, ist wohl anzunehmen, daß er auch fand, was er suchte.
Wenn also das MacMahon-Gesetz möglicherweise verhinderte, daß Maclean Zugang zu den laufenden Informationen bekam, so konnte er doch ungestört sämtliche früheren Protokolle ausplündern, die mit allen ihren Einzelheiten aufgehoben wurden.
Diese Leistung beweist, daß Maclean ein viel gefährlicherer Atomspion war, als man bisher zugeben wollte. Heute allerdings läßt sich erkennen, daß Maclean damals kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Verrat ist ihm niemals leichtgefallen; und daß er Erfolg hatte, scheint ihn tief beunruhigt zu haben. Er gewöhnte sich allmählich an, mehr zu trinken; die Ehe mit Melinda wurde zum Problem.
Die seelische Belastung wurde plötzlich sichtbar, als er im November 1948 von Washington nach Kairo versetzt und zum Leiter der Botschaftskanzlei ernannt worden war. Während sich Melinda in der gesellschaftlichen Atmosphäre Kairos sichtlich wohl fühlte, kam bei Donald Maclean bald nach der Übersiedlung die bisher latente Aggression zum Ausbruch.
In Washington hatte seine Antipathie gegen Amerika kaum Aufsehen erregt; sie wurde ohnehin von vielen seiner Botschaftskollegen geteilt. In Kairo aber machte er sich bald wegen seiner "bolschewistischen" Einstellung unbeliebt. Er bekundete deutlich seinen Widerwillen gegen das korrupte Regime König Faruks ebenso wie gegen die abgestandene Nahost-Politik Englands.
Statt sich wie ein Gentleman zu betrinken, begab er sich jetzt auf lange Bierreisen. Einmal wurde er ohne Schuhe und stockbetrunken von der ägyptischen Polizei festgenommen. Oft war er so verkatert, daß er nicht ins Amt ging. Schließlich nahm der Sicherheitsoffizier der Botschaft, Major "Sammy" Sansom, offiziell von Macleans Entgleisungen Kenntnis.
Sansom hatte schon einmal einen Zusammenstoß mit Maclean gehabt: Maclean untersagte ihm, beim Botschaftspersonal Durchsuchungen in Form von Stichproben vorzunehmen. Ein andermal warf Sansom dem Kanzleichef vor, die fünfte Kopie eines höchst geheimen Telegramms aus London "verbummelt" zu haben.
Da Kairo eine Botschaft der Stufe "A" war, erhielt sie Kopien sämtlicher wichtigen diplomatischen Berichte, die das Foreign Office durchliefen, wurde also über die gesamte außenpolitische Tätigkeit Englands ständig informiert. Als Chef der Kanzlei bekam Maclean alle diese Nachrichten als erster in die Hand.
Während Maclean in Kairo war, hatte Philby einen neuen Auftrag in Washington übernommen: Im Oktober 1949 ging er als Verbindungsmann des britischen SIS zur amerikanischen CIA nach Amerika. Damit war er ins Herz des westlichen Geheimdienstsystems vorgedrungen -- und zwar zu einer Zeit, in der, wie ein führender CIA-Mann bezeugte, "die Beziehungen zwischen SIS und CIA enger waren als je zwischen zwei Geheimdiensten". Für die CIA war Philby zu jener Zeit besonders wertvoll. Er stand in dem Ruf, Englands glänzendster Geheimdienstmann zu sein. Als Fachmann des Westens für Spionageabwehr gegen kommunistische Staaten baute er praktisch die Abteilung Sowjet-Union der CIA auf.
Der Schaden, den Philby während seiner zweijährigen Tätigkeit in Washington anrichtete, dürfte kaum abzuschätzen sein. Die schlimmste Katastrophe, die man endgültig auf Philbys Konto setzen muß, ist zweifellos das Albanien-Fiasko.
Der Wolkow-Vorfall im Jahre 1945 läßt sich mit einer kurzen, kaltblütig ausgeführten chirurgischen Maßnahme vergleichen. Das Albanien-Fiasko dagegen, zu dem es fünf Jahre später kam, war insgesamt eine mehr durchdachte und sehr viel blutigere Angelegenheit.
Die Albanien-Operation ereignete sich zu einer Zeit, als der Kalte Krieg seinen Höhepunkt erreicht hatte; sie war der Versuch Englands und Amerikas, den sowjetischen Einfluß in Albanien mit Hilfe eines Guerilla-Aufstandes auszuschalten.
17 Jahre lang blieb diese mißglückte Aktion eines der merkwürdigsten und von beiden Seiten gehüteten Geheimnisse des Kalten Krieges. Für den Westen bedeutete das unternehmen eine Katastrophe, die rund 150 Menschen das Leben kostete. Für die Russen war es eine unerfreuliche Vorschau auf Vorgänge, die sich anderswo innerhalb ihres Imperiums wiederholen konnten.
Das unsicherste Gebiet des sowjetischen Machtbereichs bildete im Jahre 1949 der Balkan. In Griechenland standen die kommunistischen Rebellen kurz vor dem Zusammenbruch, Jugoslawien hatte mit Rußland gebrochen. Sogar Albanien galt als unzuverlässig. Seit Kriegsende hatten in Albanien die jugoslawischen Kommunisten die führende Rolle gespielt; jetzt waren die Russen wegen Titos Bruch mit der Sowjet-Union gezwungen, eigene "Berater" nach Tirana zu schicken.
An diesem Punkt der Entwicklung kamen Foreign Office und State Department auf dieselbe Idee: Konnte man nicht den russischen Einfluß mit Hilfe des albanischen Nationalismus beseitigen?
Englands Außenminister Ernest Bevin war entschieden gegen solche Vorschläge. Doch es gab im Foreign Office eine unüberhörbare Gruppe, die sich dafür einsetzte, in praktisch allen von den Sowjets besetzten Ländern Osteuropas "Widerstandsbewegungen" zu bilden. Diese Idee wurde von abgebrühten 515-Leuten, vor allem von den alten Sabotage-Spezialisten des SOE, begeistert unterstützt, nach der Devise: Politik ist die Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln -- oder vielleicht auch mit denselben Mitteln.
Offenbar hat die aus Foreign-Office-Beamten und SIS-Leuten bestehende Gruppe mit den "Falken im amerikanischen State Department gemeinsame Sache gemacht. Bevin wurde überredet, ein "erstes" Unterwanderungs-Experiment zu genehmigen; Partisanengruppen sollten nach Albanien geschleust werden, um Aufstände gegen die Russen anzufachen und zu unterstützen.
Verantwortlich für die Koordination der britischen und amerikanischen Geheimdienst-Maßnahmen war natürlich der britische Verbindungsmann in Washington, Kirn Philby. Da er früher den Außenposten Türkei kontrolliert und dabei viele Erfahrungen gesammelt hatte, wurden seine Ratschläge bei der Planung von Geheimoperationen besonders geschätzt.
Die Operation wurde tatsächlich gut vorbereitet. Noch im Sommer 1949 gründete man ein "Komitee Freies Albanien", das seinen Stützpunkt in Italien hatte und augenscheinlich nichts anderes war als eine vorgeschobene Organisation zur Rekrutierung von Guerillakämpfern.
Im Frühjahr 1950 waren die Partisanen aufbruchbereit. In kleinen und dann auch größeren Gruppen zogen sie ins Gebirge und überquerten heimlich die Grenze nach Albanien. Sie sollten sich in ihre früheren Heimatorte begeben und versuchen, dort Unruhen anzuzetteln. Wenn Gefahr drohte, sollten sie sich in die Berge zurückziehen.
Das Unternehmen wurde zur Katastrophe. Die Russen schienen genau zu wissen, daß Partisanen zu erwarten waren. Innerhalb eines Monats waren rund 150 Guerillakämpfer -- etwa die Hälfte der ganzen Truppe -- getötet oder gefangengenommen, ebenso eine große Anzahl einheimischer Albanier, die so unvorsichtig waren, die Partisanen bei sich aufzunehmen.
Die 150 Überlebenden schlugen sich nach Griechenland durch -- zur größten Verlegenheit der griechischen Regierung. In London mußte der SIS das Innenministerium unter Druck setzen, 150 geheimnisvollen Albaniern die Einreise nach England zu gestatten. Dem Ministerium für öffentliche Dienste fiel dann die Aufgabe zu, für die Albanier Arbeitsplätze zu suchen. Schließlich steckte die Forstabteilung eine größere Gruppe in Holzfällerjacken, und für die meisten der übrigen wurden in einer Rüstungsfabrik neue Arbeitsplätze erfunden.
Die Untersuchung der Katastrophe zog sich hin. Die Amerikaner waren halb und halb überzeugt, es sei Verrat im Spiele gewesen. Und die wenigen verfügbaren Indizien deuteten ihrer Ansicht nach auf Philby. Der SIS in England aber hielt offenbar einen Verrat für nicht erwiesen.
Heute ist klar, daß die Vorbereitung des Albanien-Unternehmens genauso wie viele andere Informationen, die zwischen dem britischen und dem amerikanischen Geheimdienst ausgetauscht wurden, zu den Russen durchgesickert sein müssen. Und so geriet in England die Politik der "positiven Einmischung" in kommunistische Länder Europas völlig in Mißkredit, und auch in Amerika wurde sie einige Jahre lang kaum mehr unterstützt.

DER SPIEGEL 5/1968
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