29.01.1968

MUSICAL / CERVANTESTestament des Sklaven

Die Wiener Theaterkritiker, Feinde des Operetten-Bastards Musical, hatten nur noch starke Worte: Nachdem sie eine "Don Quijote"-Musicalisierung gesehen hatten, sprachen sie von einem "Wunder der Illusion", von einem "realisierten Traum" und vom "tollsten Musical, das es je gab und geben wird".
Den Rezensenten gefiel ein Singspiel des Amerikaners Dale Wasserman, das mit der Musik von Mitch Leigh und Liedertexten von Joe Darion schon seit 1965 am Broadway gespielt wird und auch in Spanien, Skandinavien, Israel und der Tschechoslowakei gute Laufzeiten hat: "Der Mann von La Mancha"" im Theater an der Wien nun erstmals in deutscher Sprache aufgeführt.
Das rührend-romantische Musical berichtet die Lebensgeschichte des "Don Quijote"-Autors Cervantes und verknüpft sie mit Episoden aus seinem berühmten Ritter-Epos: So erblickten die Wiener ihren Burgschauspieler Josef Meinrad in Traumszenen als dürren Don Quijote, der aus der Wirklichkeit flüchtet und die Dirne Aldonza (Blanche Aubry) für das Ritterfräulein Dulcinea hält. Zwischendurch jedoch erschien ihnen Meinrad auch als Miguel de Cervantes Saavedra, als Verfasser des "Don Quijote".
Zum Doppelspiel über den dichtenden Shakespeare-Zeitgenossen (1547 bis 1616) und seinen populären Recken hatte den vielschreibenden Wasserman ("50 Stücke -- alle aufgeführt") im Jahre 1959 ein Spanien-Urlaub inspiriert: "Aus Langewelle" griff er zum "Don Quijote"; denn "wie die meisten Leute, die den Roman kennen, hatte ich ihn natürlich nie gelesen".
* Fritz Muliar, Josef Meinrad, manche Aubry.
** Shmuel Rodensky.
Die Ferien-Lektüre deprimierte den stets nach neuen Stoffen spähenden Autor: "Dieses Dokument gescheiter Narrheit", so mußte er bald einsehen, "darf und kann kein Mensch des 20. Jahrhunderts dramatisieren."
Statt dessen dramatisierte Wasserman fürs Fernsehen die Biographie von Cervantes, der nach einem bewegten Leben als Soldat, Sklave, Dramatiker, Steuereinnehmer und Kerkerbewohner im Alter "das überwältigende Testament" (Wasserman) seines "Don Quijote" aufgesetzt hatte.
Doch sein Cervantes-Spiel ohne Don Quijote dünkte Wasserman so unvollkommen, daß er sich -- mitten in der Arbeit an einer Broadway-Version des Stoffes -- nun doch am Testament des Spaniers vergriff und ihn um einige bildhafte Roman-Episoden beerbte. Aber erst, als er in dem Komponisten Mitch Leigh und in dem Song-Texter Joe Darion neue Mitarbeiter gefunden hatte, wurde "Der Mann von La Mancha" zur Broadway-Uraufführung angenommen -- als Musical.
Flamenco-Rhythmen, von Leigh vorwiegend für Holz, Blech und Schlagzeug arrangiert, begleiten nun einen singenden Cervantes mit seinem Diener (Fritz Muliar) in ein Inquisitions-Gefängnis: Er hat einfältigerweise in einem Kloster Steuerschulden pfänden lassen und erwartet sein Todesurteil.
Vorher machen ihm jedoch seine Zellengenossen einen Privat-Prozeß. Sie klagen Cervantes an, ein "Idealist und ein schlechter Dichter" zu sein, dessen Habseligkeiten verteilt werden müssen.
Um seinen einzigen Besitz, das Manuskript des "Don Quijote", zu retten, verwandelt sich Cervantes vor seinen Richtern in Don Quijote, entrückt sie in ein Traumland und kämpft gegen Windmühlen.
Die naive Fabel vom Ritter von der traurigen Gestalt rührte librettogerecht die Mitspieler und ganz unvorhergesehen bei der Wiener Premiere auch die Zuschauer: Als der sterbende Ritter zum letzten Mal sein sieghaftes Lied "Ich, Don Quijote" anstimmte, wurde Cervantes zum Schluchzen des Parketts freigesprochen.
Die Tränen über den "Mann von La Mancha" sollen bald in aller Welt fließen. 15 Neuinszenierungen des Musicals sind allein für 1968 vorgesehen, und auch die Verfilmungsrechte hat sich Autor Wasserman schon bezahlen lassen. Wasserman: "Teurer als "My Fair Lady'."

DER SPIEGEL 5/1968
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