22.01.1968

POLIZEI / BREMENGroßer Graben

Bremens Polizei-Präsident Erich von Bock und Polach, 56, befahl: "Draufhauen, draufhauen, nachsetzen!" Und auch die zivilen Anführer der sonst so betulichen Grünkohl- und-Pinkel-Stadt an der Weser gaben markige Parolen aus.
Der Landesvater und Bürgermeister des sozialdemokratisch regierten Stadtstaates, Hans Koschnick, 38, verkündete: "Terror kann nur durch Gewalt gebrochen werden. Und Innensenator Franz Löbert, 61, pflichtete bei: "Wir müssen uns hier durchsetzen."
So programmiert, gingen letzte Woche Hundertschaften hanseatischer Polizisten, den Tschakoriemen fest unters Kinn geschoben, mit Schlagstöcken und Wasser-Kanonen gegen Tausende jugendlicher Demonstranten vor, die rund um den Roland zu Bremen gegen drastische Fahrpreis-Erhöhungen bei der städtischen Straßenbahn AG protestierten.
Augenzeugenberichte und ausführliche Reportagen bremischer Lokaireporter schildern, daß Polizisten auf Beteiligte wie Unbeteiligte einschlugen und Passanten verfolgten, die in Hauseingängen vor den Wasserwerfern in Deckung gingen. Sie griffen zwei Schüler aus der Menge heraus, die ein Plakat trugen mit der Aufschrift: "Demonstrieren, nicht randalieren." Ein 16jähriger wurde laut "Bremer Nachrichten" von einem Kriminal-Polizisten mit Handkanten-Schlägen bearbeitet.
Der Aufstand, der am letzten Montag harmlos begonnen hatte -- 50 Pennäler, Lehrlinge und junge Gewerkschaftler hockten sich auf die Straßenbahn-Schienen nieder und wurden von gutgelaunten Polizisten abgeschleppt -, weitete sich am Donnerstag zu einer Anti-Polizei-Rebellion aus. Sprechchöre skandierten: "Menschenjäger -- Knüppelschläger."
118 Straßenbahnwagen und 19 Omnibusse, fast ein Drittel des gesamten Straßenbahn-Fuhrparks, wurden lädiert. Die Straßenbahn-Gesellschaft schaltete für mehrere Stunden den Strom ab und stoppte den Betrieb in der gesamten Innenstadt.
Ein alter Bremer brach vor Erregung tot zusammen, zwei Polizisten wurden verletzt, 130 Fahrpreis-Protestanten festgenommen, die meisten inzwischen wieder freigelassen.
Im Schnellverfahren fällte das Bremer Amtsgericht ungewöhnlich hohe Strafen. Vier Demonstranten wurden wegen "Widerstandes gegen die Staatsgewalt", "Auflaufs" oder "Beeinträchtigung des Straßenverkehrs" zu Gefängnisstrafen zwischen zwei Wochen und acht Monaten verurteilt. Staatsanwalt Wolfgang Litzig plädierte: "In dieser Situation muß hart durchgegriffen werden."
Innensenator Löbert über die Situation: "In großen Teilen unserer Innenstadt herrscht das Chaos."
Das Chaos aber bewirkten nicht nur die Demonstranten, sondern erst recht die Truppe des Weltkrieg-II-Generalstäblers von Bock. Denn statt zu besänftigen, provozierte sie; statt das nun von Randalierern unterwanderte Jungvolk zu zerstreuen, lockte sie es in die Falle.
Um 17 Uhr des Donnerstags wich die Polizeikette in den Straßenschlauch zwischen Dom und Baumwollbörse zurück. Protestanten und Randalierer folgten ihr. Dann gingen Wasser-Kanonen vor der Schlauchöffnung in Stellung, und Polizisten traktierten die Eingekesselten mit Knüppeln und Fäusten.
Als sich die Demonstranten gegen 19 Uhr an der Domsheide schon langweilten und abzuwandern begannen, forderte Polizeirat Robert Pulver unnötigerweise: "Räumen Sie sofort die Domsheide in Richtung Balgebrückstraße. "Prompt machte die Menge trotz Wasser und Knüppel wieder Front. Darauf Pulver: "Kette schneller vor, der Schlagstock ist freigegeben." Und als einige der Demonstranten sich schließlich -- wie ihnen befohlen worden war -- zur Balgebrückstraße absetzten, waren dort Greifkommandos.
Nach der Schlacht kam der Jammer. Ein leitender Polizeioffizier klagte: "Der Bruch zwischen uns und der Bevölkerung ist bedrohlich. Der Graben, der uns jetzt trennt, ist kaum wieder zuzuschütten."
Und Bürgermeister Koschnick sah nun ein: "Dienstag und Mittwoch mußte die Polizei eingreifen, da wurden Straßenbahnen demoliert und Passanten belästigt. Aber am Donnerstag wäre die Polizei besser nicht eingesetzt worden."

DER SPIEGEL 4/1968
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