22.01.1968

POLEN / MACHTKAMPFFeier für Feinde

Weinend bat der Ingenieur Jerzy Strawa um Gnade. Ein polnisches Militärgericht verurteilte ihn -- drei Tage vor Weihnachten -- zum Tode. Als Beamter des polnischen Außenhandelsministeriums soll er bei Dienstreisen in die Bundesrepublik dem US-Geheimdienst Staatsgeheimnisse verraten haben.
Das polnische Fernsehen übertrug täglich stundenlange Prozeßberichte. Die Straf-Propaganda verbreitete Furcht vor der Allgewalt der Polizei- und vor der Macht des Polizeichefs Moczar. Denn General Mieczyslaw Moczar, Innenminister und Aufseher der Sicherheitsbehörden, strebt nach der Herrschaft über die polnische KP.
Polens Partei hat sich zerstritten. Die sowjetfreundlichen Stalinisten, 1956 entmachtet, lasten ihren Nachfolgern wirtschaftliche Unfähigkeit an und -- als deren Folge -- steigendes Mißvergnügen der Bevölkerung. Vier Wochen vor Weihnachten mußten die Preise für des Polen Leibgerichte -- Wurst, Schinken, Braten -- um durchschnittlich 16,7 Prozent erhöht werden.
Die Feinde der Stalin-Polen, eine Fraktion von Liberal-Kommunisten -- unter ihnen viele Juden -, sind gleichfalls unzufrieden. Sie hatten sich nach 1956 Unabhängigkeit von Moskau, wirtschaftlichen Aufschwung und liberale Kulturpolitik erhofft. Keiner dieser Wünsche erfüllte sich.
Parteichef Gomulka gehörte ursprünglich einer dritten Fraktion an, den Nationalkommunisten. Sie waren während des Krieges im Gegensatz zu den stalinistischen und jüdischen Moskau-Emigranten in ihrer polnischen Heimat geblieben und Widerstandskämpfer geworden.
Diese "Partisanen" hegen eine deutliche Abneigung gegen Russen und Juden. Jetzt greifen sie, angeführt von Polizeiminister Moczar, nach der Macht. Sie stützen sich auf die Geheimpolizei, den Partisanenkrieger-Verein und die "Freiwillige Bürgermiliz-Reserve" ("Ormo"), eine Hilfspolizei von 260 000 Mann.
Parteichef Gomulka versuchte dem mächtigen Moczar wenigstens das Grenzschutzkorps zu entwinden, das gelang ihm auch. Die Grenzhüter wurden dem Vize-Verteidigungsminister General Korczynski unterstellt -- der aber ist ein Mann Moczars.
Im Juni vergangenen Jahres, während der Nahost-Krise, setzten die "Partisanen" den streng antizionistischen Kurs der Partei durch. In Warschau erschienen judenfeindliche Inschriften an Synagogen. Parteichef Gomulka -- selbst mit einer Jüdin, Zofla Unszlicht, verheiratet -- mußte öffentlich mangelnden Patriotismus jüdischer Genossen rügen, die "in Trinkgelagen" Israels Sieg gefeiert hätten.
Eine "Säuberung der Partei wurde angeordnet: Sechs bis zehn Prozent der Mitglieder sollten unter dem Blickwinkel der "gegenwärtigen internationalen Situation" überprüft werden -- vor allem die Parteiorganisation der Hauptstadt, der die meisten Intellektuellen, Journalisten, führenden Beamten und Militärs angehören
Am 11. August meldete das Parteiorgan "Trybuna Ludu", 80 Prozent der Warschauer Parteimitglieder seien durchleuchtet worden. Der Oberbefehlshaber der polnischen Luftwaffe, General Mankiewicz, und mehrere hohe Offiziere -- meist Juden -- erhielten den Abschied.
Bis dahin hatten die "Partisanen." nur einen Mann, ZK-Sekretär Ryszard Strzelecki, an der Spitze des Parteiapparats. Nach den Feierlichkeiten zum Jubiläum der Sowjet-Revolution im November waren sie in Schlüsselpositionen vorgerückt:
* Moczar-Freund Stanislaw Mojkowski wurde am 20. Dezember Chefredakteur der Parteistimme "Trybuna Ludu". Vorgänger Leon Kasman und dessen gleichfalls gestürzter Vize Wiktor Borowski sind Juden.
* Moczar-Freund Jan Ptasinski, 1956 ausrangierter Staatssicherheitsfunktionär, wurde Botschafter Polens in Moskau.
Der geschäftsführende Redakteur der größten Warschauer Zeitung "Zycie Warszawy", Leopold Unger, ein Jude, wurde entlassen. Während General Moczar selbst -- als Ehrengast zum Gründungsjubiläum der sowjetischen Geheimpolizei -- sich in Moskau zeigte, schoben seine Leute daheim den Parteisekretär von Warschau, Stanislaw Kocziolek, nach Danzig ab: Kocziolek hatte nach der Nahostkrise Israels "Recht auf Existenz" anerkannt -- "deshalb haben wir niemals übereingestimmt mit dem reaktionären arabischen Nationalismus, der die Ausrottung Israels anstrebt", erläuterte der Hauptstadt-Parteisekretär.
Kocziolek galt als Kronprinz des Ersten Parteisekretärs Gomulka. Auf dessen Posten möchten die "Partisanen" einen Partisanen heben. Gomulka, der im Krieg in Polen blieb und -- wie Moczar -- Widerständler wurde, gilt längst als Überläufer zu den Moskau-Freunden. Er soll auf den Repräsentationsposten des Staatspräsidenten abgeschoben werden.
Dann wollen die "Partisanen" endlich die 1956 erwartete außenpolitische Unabhängigkeit, ähnlich den rumänischen Nationalkommunisten, durchsetzen -- freilich, wie in Rumänien, ohne innenpolitische Liberalisierung. Die Bukarester Moskau-Feinde sind intern nach wie vor harte Stalinisten
Am 20. Dezember wurde ein Handelsvertrag zwischen Polen und Rumänien abgeschlossen, der eine Verdoppelung des bisherigen Güteraustauschs vorsieht. Die Rumänen wollen polnische Personenwagen vom Typ "Warszawa" ("Warschau") fahren.
Warschaus Oberbürgermeister aber mußte seinen Dienstwagen abgeben: Am 30. Dezember meldete die "Trybuna Ludu" seine Entlassung. Stadt-Chef Jerzy Zarzycki, der eigentlich Neugebauer heißt, stand schon seit Jahren auf Moczars Abschußliste" weil er an der Beerdigung des polnischen Kommunisten Henryk Holland teilgenommen hatte. Holland hatte während einer Untersuchung durch Moczars Ministerium Selbstmord begangen.
Am vorletzten Wochenende verließ die gesamte Führungsspitze der Sowjet-Union den Kreml, um in Polen Ordnung zu schaffen: Drei Tage lang beschworen Parteichef Breschnew" Premier Kossygin und Staatschef Podgorny die polnischen Führer, im Interesse der Einheit des sozialistischen Lagers Geschlossenheit zu zeigen.
Denn nach dem Führungswechsel in Prag (SPIEGEL 3/1968) könnte ein Sieg der polnischen Nationalkommunisten das Band zerreißen, das Moskaus treueste Verbündete in Osteuropa -- Prag, Pankow, Warschau -- zusammenhält: das "Eiserne Dreieck".

DER SPIEGEL 4/1968
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