22.01.1968

SIZILIEN / ERDBEBENSarg unterm Bett

Die Erde bebte drei Tage lang. 32 Erdstöße trieben die Bevölkerung West-Siziliens immer wieder aus ihren Häusern und Städten. In den eisigen Nächten kampierten drei Millionen Inselbewohner unter freiem Himmel. Es war zwar nicht das schlimmste Erdbeben, das die Welt erlebte, wohl aber der größte Erdbeben-Exodus.
In der Inselhauptstadt Palermo rafften schon beim ersten Stoß Hunderttausende Geld, Papiere und, Schmuck zusammen und stürzten auf die Straßen. Beim zweiten Stoß brach Panik aus: Laut schreiend irrten Tausende mit ihren Koffern und Bündeln durch die Straßen des Zentrums.
Die Flucht aus der bedrohten Stadt begann. Mit Autos, mit Fahrrädern oder zu Fuß versuchten 600 000 Palermitaner, einen freien Platz zu erreichen, wo stürzende Mauern sie nicht bedrohten.
An die 60 000 überladene Autos starteten und verfilzten sich in den Straßen binnen weniger Minuten zu laut hupenden Verkehrsknäueln. Viele ließen ihr Auto stehen und schlossen sich den Flüchtlingskolonnen an.
Am nächsten Morgen war Palermo eine Geisterstadt. Büros, Bars, Geschäfte, Schulen und Ämter blieben verriegelt. Auf den Straßen fuhren nur Polizeiautos und (leere) Omnibusse. Als die Polizei die baufälligen Armenquartiere Castello und San Pietro räumen wollte, fand sie nur noch ein paar Dutzend Greise vor. Im Ucciardone-Gefängnis durften die Häftlinge ihre Zellen verlassen und auf den Gefängnishöfen kampieren.
Draußen vor der Stadt standen Zehntausende von Pkw, zum Teil mit laufendem Motor, damit sich die Insassen wärmen konnten. Parks und Friedhöfe verwandelten sich in Zeltplätze, auf denen riesige Wärmefeuer brannten. Am Strand von Mondello hockten die Flüchtlinge in Holzbungalows und Badekabinen, die sie aufgebrochen hatten. Die Polizei ließ sie gewähren.
Am frühen Nachmittag kehrte ein Teil der Palermitaner in die Stadt zurück. Einzelne Geschäfte und Kaufhäuser öffneten. Doch es gab weder Brot noch Milch. In den Apotheken waren die Beruhigungsmittel ausverkauft.
Jedem neuen Erdstoß folgte neue Massenflucht. Moral und Nerven wurden immer schlechter: Als am Dienstag gegen 18 Uhr noch einmal drei starke Stöße -- einer davon 52 Sekunden lang die Stadt schüttelten und die Telephonverbindungen unterbrachen, kam es zur schlimmsten Panik.
Schaffner ließen ihre Autobusse mitten auf der Straße stehen. Angestellte stürzten aus Kaufhäusern und Banken, ohne hinter sich abzusperren. Männer und Frauen warfen sich zu Boden und schrien um Hilfe, obwohl in Palermo nur ein paar Mauern einstürzten und niemand verletzt wurde.
Am schwersten betroffen wurde das Armenhaus Siziliens in den Bergen 50 Kilometer südwestlich von Palermo. Dort verwüstete der zweite Erdstoß in der Nacht zum Montag binnen weniger Sekunden 15 Ortschaften. Von Montevago, Gihellina, Salaparuta und Sambuca di Sicilia, die zusammen 20 000 Einwohner zählten, blieben nur noch Geröllhaufen übrig.
Unter den Trümmern lagen Hunderte begraben -- fast nur Frauen, Greise und Kinder; denn aus den vier am schwersten betroffenen Orten emigrierten 70 Prozent der arbeitsfähigen Männer nach Deutschland oder in die Schweiz.
Tausende retteten ihr Leben, weil sie nach dem ersten Erdstoß auf Eseln, Pferden oder Fahrrädern in die schneebedeckten Weinberge flüchteten.
Am Montagmorgen fischten Rettungsmannschaften aus den Schutthaufen die Reichtümer der Menschen von Montevago: kunstvoll gehäkelte Bettdecken in Rosa und Hellblau, handgemachten Puppen, bunte Madonnenstatuen und Bilder von Papst Johannes. Unversehrt fanden sie fünf dilettantisch geschnitzte Särge, die bei alteingesessenen Bauernfamilien. unter den Betten bereitstehen.
Staatspräsident Saragat flog in das Katastrophengebiet und spendete Trost. "Wir werden euch neue, erdbebensichere Häuser bauen", versprach er. Doch die Davongekommenen blieben argwöhnisch.
Das Mißtrauen der Sizilianer gegenüber der römischen Staatsgewalt ist nicht unberechtigt. Nach dem Erdbeben von Messina. bei dem vor 60 Jahren 84 000 Menschen umkamen, ließ Rom eigene Dienststellen für die Wiedergutmachung einrichten. Sie sind noch heute mit der Bearbeitung der Entschädigungsanträge beschäftigt.

DER SPIEGEL 4/1968
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