15.01.1968

SPUK-FORSCHUNG / ROSENHEIMDreh mit Lilien

Mal brannten die Sicherungen durch, dann knallte es wie bei Kurzschlüssen, und immer wieder gingen in der Kanzlei des Rosenheimer Rechtsanwalts Sigmund Adam die Lampen aus.
Der Monteur Bauer aus dem örtlichen Elektrohaus Stern -- von Anwalt Adam bei einem der Lichtausfälle zu Hilfe gerufen -- glaubte zunächst an Schabernack. Er murmelte: "Da hat doch einer dran gedreht", stieg auf eine Leiter, befestigte die Neonröhre und blickte zufrieden an die Decke, wo es wieder leuchtete.
Doch kaum war Bauer auf der untersten Sprosse, da knallte es, und sämtliche Röhren erloschen erneut. Die Lampen hatten sich, wie zuvor, in ihren Fassungen um 90 Grad gedreht. Nun glaubte der Monteur "an Hexerei".
Seine Firma bat das städtische Elektrizitätswerk -- wegen der "Eigenart der Störungen" -- um Messungen im Leitungsnetz. Denn von eigenartigen Störungen wurden nicht nur Lampen und Sicherungen befallen. Schon im Frühjahr 1967 hatte Rechtsanwalt Adam beim Telephonieren Eigenartiges wahrgenommen. Gespräche brachen zusammen, die Rechnungen waren unerklärlich hoch, es klingelte gleichzeitig an allen vier Apparaten, ohne daß jemand angerufen hatte. Die Firma Siemens prüfte wochenlang die Leitungen; sie fand keinen Fehler.
Am 19. Oktober letzten Jahres, als Anwalt Adam gerade mit einem Steuerbevollmächtigten verhandelte, schrie plötzlich im Vorzimmer der Anwaltslehrling Annemarie Schaberl, 19, auf: "Der Zähler bewegt sich schon wieder."
Rechtsanwalt und Steuerberater ("Ich dachte, ich unterliege einer Sinnestäuschung") stürzten herein. Wie bei einem Ferngespräch rückte der Zeiger auf der Telephon-Zähluhr um vier Teilstriche vor, obwohl mit Sicherheit niemand telephonierte. Die Fernsprechleitung war tot, und bei der Post, die zu jener Zeit bereits alle Gespräche in der Kanzlei aufzeichnete, registrierte ein Schreiber um die fragliche Zeit ständige Anrufe bei der Zeitansage-Nummer 0119.
An diesem Tag wurde für Anwalt Adam ein Verdacht zur Gewißheit: Das alles gehe "nicht mit rechten Dingen zu".
Ähnlich sieht es inzwischen der Freiburger Professor Dr. med. et phil. Hans Bender, 60, Leiter des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene. Der Wissenschaftler, Inhaber des einzigen deutschen Lehrstuhls für Parapsychologie (SPIEGEL-Titel 9/1967) und seit Jahrzehnten allen Poltergeistern auf der Spur, hält das gespenstische Geschehen in Rosenheim für "vollkommen einmalig".
Einmalig ist zumindest die methodische Spürarbeit, mit der nüchterne Techniker dem Spuk zu Rosenheim auf die Schliche zu kommen hofften.
Nach den Fernmeldemännern rückten am 16. November die Revisoren Zacher, Mayr und Schartel vom Prüfamt des Rosenheimer E-Werks mit Kabeln, Stromspannungsmessern und anderem Gerät an. Binnen vier Wochen hörten sie es nicht nur knallen, sahen nicht nur Glühbirnen und Leuchtstoffröhren zerborsten am Boden liegen. Der Leiter der Prüfamtsaußenstelle, Paul Brunner, sah, wie ein goldgerahmtes Ölgemälde mit Lilien, Margeriten und Glockenblumen sich über der Besucherecke im Vorzimmer "sehr rasch ca. 320 Grad im Linksdrehsinn drehte, so daß sich der Aufhängedraht am Haken verwickelte".
Manuelle Betätigung, so bezeugte Brunner, scheide "mit aller Bestimmtheit" aus, denn er habe nur einen Meter von dem Bild entfernt mit der Bürokraft Schaberl geplaudert.
Nach dem Dreh mit den Lilien registrierte der Revisor Zacher: "Im Vorzimmer wackelten beide Bilder, ohne daß jemand diese berührte." Und während die Revisoren Sicherungen plombierten und erneuerten, Stromspannungsschreiber anbrachten und alle möglichen technischen Schaltungen durchprobierten, begann das Kanzleipersonal damit, die außergewöhnlichen Ereignisse zu protokollieren. Protokoll vom 4. Dezember 1967: 10.15: Das Telephon läutet unentwegt.
11.10: Knall, wurde auch von den Herren KOM Seitz und KOM Wendl <Kripo) gehört.
11.30: Lampe im kleinen Flur schwingt aus.
11.55: Knall, wurde auch von Herrn Toni Appel, der vor der Türe stand, wahrgenommen.
14.13: Knall, vermutlich aus dem Flur der Wohnung kommend.
15.00: Lampe im kleinen Flur schwingt schräg.
15.12: Lampe im kleinen Flur schwingt erneut, diesmal längs.
15.19: Lampe im kleinen Flur schwingt.
16.23: Lampe ... schwingt schräg so stark aus, daß sie am gegenüberliegenden Türrahmen anschlägt. Unmittelbar darauf schwingt auch die Lampe im Flur der Wohnung.
17.29: Lampe im Flur der Wohnung schwingt aus.
Nicht genug damit: Aus einem Kopiergerät, das von der Firma Lumoprint bereits zweimal erneuert worden war, lief oder spritzte ohne erkennbare "Ursache immer wieder die Flüssigkeit heraus. Am Freitag, dem 24. November, (Adam: "Ein Föhntag") knallte und knatterte es nach des Anwalts Angaben etwa hundertmal -- wie von elektrischen Entladungen.
Besonders gespenstisch aber sind die Daten eines Stromspannungsschreibers" der während der ganzen Zeit am Netz des Rechtsanwalts angebracht war. Sie zeigen Ausschläge bis zu 50 Ampere (normale Stromstärke bis etwa 10 Ampere), die manchmal zeitgleich zum Bilderwackeln und Lampenplatzen registriert wurden.
Um manuelle Zauberei auszuschließen, wurden sowohl Adams Sicherungen wie der Stromspannungsschreiber plombiert. Doch zu Ausschlägen kam es immer noch. Stück um Stück mußten die Elektrotechniker ihre Hypothese aufgeben, daß in der Leitung oder im Stromnetz etwas nicht in Ordnung sei.
Die Männer besorgten schließlich ein Notstromaggregat, das vom 4. Dezember an den Strom für Adams Wohnung und Kanzlei lieferte. Wieder registrierte dort der Stromschreiber starke Ausschläge, während ein gleichartiges Gerät am Aggregat keinerlei außergewöhnliche Reaktion zeigte. Oberprüfer Brunner verfaßte am 21. Dezember einen 26-Seiten-Bericht an seine Direktion. Fazit:
* "Das Stromversorgungsnetz war von Anfang an einwandfrei in Ordnung."
* "Für diese phänomenalen Erscheinungen müssen für die Technik bisher unbekannte Kräfte verursachend sein."
Welche Kräfte das sind, möchte nun auch der Freiburger Professor Hans Bender ermitteln, der am 1. Dezember in die Spukwohnung kam. Benders noch heftig umstrittene Wissenschaft, die Parapsychologie, erforscht Erscheinungen wie Telepathie, Heilsehen und die sogenannte Psychokinese -- Bewegung von Gegenständen ohne bekannte physikalische Ursache.
Der Freiburger Professor ist über den "vollkommen einmaligen" Rosenheimer Fall besonders glücklich, weil "dank der Stromschreiber-Ausschläge jetzt endlich der objektive Beweis für die Existenz der spontanen Psychokinese erbracht" sei.
Wie das Phänomen aber zustande kommt, darüber weiß auch Benders Wissenschaft wenig. Beispiele deuten nach Auffassung der Parapsychologen lediglich darauf hin, daß besonders pubertierende Jugendliche psychokinetisch begabt sind. Und auch in Rosenheim gerieten die Lampen nur aus der Fassung, schlug der Zeiger nur dann aus, wenn die Kraftfahrerstochter Annemarie Schaberl in der Nähe war. Dann reagierte das Kontrollgerät so heftig, daß oft das Meßpapier einriß. Und seit der Lehrherr das Mädchen Annemarie beurlaubt hat, hängen die Ölgemälde wieder gerade.
Zwar ist das Fräulein Schaberl schon über die Pubertät hinaus, doch starke innere Spannungen sollen laut Bender bewirkt haben, daß Annemarie mediale Kräfte entfaltete. Sie verriet ihrem Lehrherrn: "Ich habe gedacht, jetzt müßte gerade wieder die Zähleruhr weiterlaufen." Und als sie hinsah, habe sie sich schon bewegt.
Trotz des beträchtlichen Sachschadens, den angeblich Annemarie Schaberls außergewöhnliche Begabung in der Rosenheimer Kanzlei angerichtet hat, soll sie von ihrem Arbeitgeber weiter beschäftigt werden. Denn Anwalt Adam, der sich viel mit okkulten Begebenheiten beschäftigt hat, möchte "einen solchen Geist nicht gern aufgeben".

DER SPIEGEL 3/1968
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