08.01.1968

ZOOLOGIE / MENSCHDurchaus animalisch

Einst hoben die Kerls auf den Bäumen gehackt, behaart und mit böser Visage. Dann hat man sie aus dem Urwald gelackt und die Wett asphaltiert und aufgestockt, bis zur dreißigsten Etage. Erich Kästner
Da hocken sie nun, die Kerls, in ihren Bürohäusern, Parlamenten und Forschungszentren, ihren Autos, Super-Jets und Raumkapseln. Sie leben in komplizierten Sozialverbänden, spielen mit hohen Gedanken erforschen, entdecken, erfinden, träumen, spekulieren und produzieren.
Sie haben es weit gebracht, das gibt auch der englische Zoologe und Verhaltensforscher Desmond Morris, 39, zu. Und doch erkennt Morris, Direktor am Londoner Institut für zeitgenössische Kunst, vormais Kurator für Säugetiere der Zoologischen Gesellschaft London, in diesem so erfolgreichen, stolzen Homo sapiens noch immer das alte Tier -- ein Wundertier zwar, doch eines voll unausrottbarer animalischer Triebe: Der Mensch, belehrt Morris in einer Studie über die Ursprünge menschlicher Verhaltensweisen, ist "immer ein nackter Affe geblieben".
Ende letzten Jahres kam "Der nackte Affe" in die Londoner Buchläden*. Er kletterte die Bestsellerlisten hoch und wird demnächst aus illustrierten Blättern grinsen: Amerikas "Life", Italiens "Epoca" und Deutschlands "Quick" präsentieren ihn per Serienabdruck. Im März wird der Münchner Verlag Droemer/Knaur 30 000 in Leinen gebundene nackte Affen deutscher Sprache loslassen -- das Exemplar zu 20 Mark.
"Ich bin Zoologe", erläuterte Morris seinen Forscherstandpunkt, "und der nackte Affe ist ein Tier." Deshalb sei er als Tierforscher berechtigt, sich über diese Spezies zu äußern.
Bislang hatten sich die Verhaltensforscher, wie etwa der Seewiesener Professor Konrad Lorenz, auf die Beobachtung von Tieren, wie Graugänsen und Buntbarschen, beschränkt und nur mit Vorsicht Analogieschlüsse auf menschliches Verhalten gewagt. Morris hingegen hält es für angezeigt, die zoologischen Methoden der Verhaltensforschung konsequent auch auf den nackten. Affen anzuwenden.
Morris räumt ein, der Homo sapiens sei nach wie vor ein Unikum unter den 193 heute lebenden Affenarten, die der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707 bis 1778) als "Primaten" (Herrentiere) etikettiert hat. Er sei als einziger haarlos, zudem sei er besonders stimmbegabt und habe unter allen Primaten das größte Hirn sowie den größten Penis. Der Mensch, meint Morris, sei der klügste und der sexuell aktivste aller Affen.
Und der Londoner Zoologe liefert auch eine Erklärung, wie es dazu gekommen sei. Des Menschen Vorfahr,
* Desmond Morris: "The Naked Ape". Verlag Jonathan Cape, London; 252 Seiten; 30 Shilling.
vor 25 bis 35 Millionen Jahren aus kletternden, hüpfenden, springenden Voraffen herangebildet, war ein hangelnder Dschungelbewohner, der vor etwa 15 Millionen Jahren "fast im Sinne des Bibelwortes aus dem Paradies vertrieben" wurde: Ein ungünstiger Klimawechsel, so meint Morris, zwang ihn, die Urwälder zu verlassen und sich in den Steppen gegen andere Raubtierarten zu behaupten.
Er erlernte diese Lebensführung. Sein Gehirn verfeinerte sich. Er richtete sich auf. Er wurde ein schnellerer Läufer. Seine Hände entwickelten sich zu kräftigen Greifwerkzeugen, die künstliche Waffen herstellen und benutzen konnten. Aus dem Früchte, Nüsse und Grünzeug knabbernden Dschungelherrn wurde ein fleischfressender "Raubaffe", der in Rudeln nach Beute jagte und sich in der Technik des Tötens übte.
Als Waldbewohner war er gemeinsam mit seinem Weibchen in der Horde umhergestreift, ohne festen Wohnsitz. Jetzt wurde aus ihm ein Affe im abgegrenzten Revier, der nur noch mit männlichen Artgenossen auf Jagd ging, während das Weibchen an der Wohnstelle seine Jungen versorgte -- er wurde ein Biest mit doppelter Persönlichkeit, ein raubtierhafter Primat, der andererseits sogar Feuer zu schlagen lernte und sich damit zum Kulturaffen emporhangelte: Er war bereit, meint Morris, für "jenen dramatischen Fortschritt, der ihn in rund einer halben Million Jahren vom Anzünden des Lagerfeuers zum Zünden von Raumschiff-Raketen geführt hat".
Doch auch so war der äffische Jäger noch nicht hinreichend fürs gefährliche Leben am Steppenboden ausgerüstet. Zum Beispiel hatte er auf der ständigen Hatz unbedingt Überhitzung zu vermeiden, und dieser Zwang, beteuert Morris, sei mit Sicherheit der entscheidende Faktor für die Umwandlung des behaarten Raubaffen in den "nackten Affen" gewesen. Zum anderen war seine Muskelkraft für den Konkurrenzkampf auf freier Wildbahn so gering, daß zum Ausgleich "durch irgendeinen dramatischen Entwicklungsschritt die Hirnkraft wesentlich gesteigert werden" mußte. Auch dieser Schritt wurde getan: "Der Raubaffe wurde zum Kindsaffen" -- die Kindheit des nackten Raubaffen wurde drastisch in die Länge gezogen, so daß er von seinen Eltern und anderen Erwachsenen mehr lernen konnte als je ein Tier vor ihm.
Das freilich bedeutete, daß Affenmann und -weib eine enge, dauerhafte Paarbindung eingehen mußten, wenn sie für erfolgreiche Kinderaufzucht sorgen wollten: Sie mußten sich ineinander verlieben und -- eine äußerst rare Sache bei Primaten -- einander treu bleiben. Und diese Liebe und Treue wiederum waren, nach Morris, nur unter einer Voraussetzung möglich: "Sex mußte sexyer werden."
Während andere Primaten, etwa der Pavian, den Zeugungstrieb in Aktionen von sieben bis acht Sekunden entladen, entwickelte der Nackte, mit sensiblen Händen und nuancierten Hautreizen ausgestattet, ein höchst differenziertes Werbungs- und Begattungszeremoniell, das nicht mehr ausschließlich dem Zeugen von Nachkommen zu gelten scheint.
Diese "biologisch fundierte, stammesgeschichtlich tief verwurzelte Eigenheit unserer Art" soll, wie Morris formuliert, vor allem "die Paarbindung dadurch vertiefen, daß die Begattung den Partnern wechselseitig Lust verschafft" -- eine Lust, wie sie den Weibchen anderer Affenarten versagt blieb: Das Nacktaffen-Weibchen ist die einzige Primatin, die einen Orgasmus haben kann.
Aber in allem Nacktaffen-Verhalten -- auch im sexuellen -- sieht Morris noch die alte, stammesgeschichtlich nicht verwundene Spannung walten: hie Kulturaffe mit Lebensart, dort Raubaffe, gepeitscht von Trieben.
So wäre die Monogamie, durch zumeist langwierige Werbekampagnen
* Hitler, Hindenburg 1933 in Potsdam.
eingeleitet, durch eine Fülle attraktiver Sexualsignale (Nacktheit mit Teilbehaarung, künstliche Geruchsreize, Lippen, Brüste) schmackhaft gemacht, der Natur des Kulturaffen durchaus angemessen. Doch der alte Raubaffen-Trieb bricht häufig durch -- so beim vor- und außerehelichen Beischlaf.
Auch im Hinblick auf die menschliche Bekleidung sei scheinbar Ungereimtes zu beobachten: Feigenblatt und Lendenschurz, ursprünglich dazu bestimmt, die Genitalgegend zu verhüllen, werden andererseits wieder benutzt, sexuelle Reize zu verstärken: mit raffinierten Kurvenbetonern für die Dame und wattierten Schultern für den Herrn.
Affe bleibt Affe, das bezeugt der zivilisierte Nackte im Asphaltdschungel auch mit all seinem Aggressions- und Beschwichtigungs-Gebaren, seinen Droh- und Demutsgesten. Der Schimpanse zeigt dem überlegenen Rivalen seine Unterwürfigkeit mit offen hingestreckter Hand. Der Mensch übt die Beschwichtigungsgeste des Händeschüttelns und gibt dabei noch ein Signal, das kein Tier sonst kennt: Er lächelt.
Ein ähnliches Signal -- seid nett zueinander -- gibt ein Pavian-Pärchen, wenn es sich gegenseitig den Pelz filzt. Dieser "sozialen Körperpflege" entspricht beim nackten Affen das mit höflichen Phrasen bestrittene "Putzsprechen" auf Cocktail-Partys.
Von animalischen Trieben beherrscht ist der neue Hauseigentümer, der sein Namensschild an die Tür schraubt, der Fahrzeughalter, der sich ein Maskottchen ins Auto hängt, der Abteilungsleiter, der sich im Büro ein Familienphoto auf den Schreibtisch stellt -- sie alle handeln aus denselben Motiven wie etwa der Wolf oder der Hund, der sein Bein hebt und eine Duftmarke hinterläßt: Sie markieren ihre Reviere mit persönlichen Zeichen.
Durchaus animalisch funktioniert vor allem auch der Aggressions-Mechanismus des Nacktaffen, namentlich in seiner ritualisierten Form: Drohbewegungen, Kampfgesten und Imponierhaltungen, die den Feind einschüchtern und einen Sieg ohne Blutvergießen herbeiführen sollen. "Bei den höheren Formen tierischen Lebens", schreibt Morris, "sind Drohen und Zurückdrohen weitgehend an die Stelle des tatsächlichen Kampfes getreten." Und: "Je gefährlicher die Waffen sind, desto stärker müssen auch die Riegel sein, die dem Gebrauch der Mordwerkzeuge ... vorgeschoben werden. Das ist das wahre "Gesetz des Dschungels'."
Zumindest in seinem Alltagsleben hat der nackte Affe, die gefährlichste aller Bestien" dieses Gesetz befolgt. Auch er begnügt sich gewöhnlich mit Drohsignalen. Er wird rot vor Wut, er atmet heftig, er stampft mit dem Fuß auf, er runzelt finster die Augenbrauen, er schimpft, er ballt die Faust -- doch in einiger Entfernung vom Gegner. Und wenn er schon einmal zuschlägt, dann -- mit einem "umgelenkten" Angriffsschlag -- auf den Tisch, von dem keine Gefahr droht.
Am reichhaltigsten jedoch ist der nackte Affe mit Beschwichtigungssignalen ausgestattet. Er schlägt die Augen nieder -- Morris: "Seinem Gegenüber ins Gesicht zu starren, gehört ganz typisch zur schärfsten Aggression" -, er verneigt sich, duckt sich, wirft sich auf den Boden und küßt seinem Schah die Schuhe.
In besonders reinem Ritual sieht Morris solche Beschwichtigungsgesten bei religiösen Handlungen verwirklicht. Der Nacktaffe versucht, "ein übergeordnetes herrschendes Wesen" milde zu stimmen, das "in keiner greifbaren Gestalt existiert" und das er selbst erst erfunden hat -- Zoologe Morris weiß, warum:
In der Affenhorde des Urwalds, so rekonstruiert der Wissenschaftler die Frühest-Geschichte der Menschheit, herrschte ein einziger Tyrann. Der Affen-Diktator alten Stils mußte abtreten, als der Raubaffe in den Savannen zu jagen begann." Seinen Platz nahm nun ein duldsamerer, auf Zusammenwirken und Hand-in-Hand-Arbeiten eingestellter Anführer ein."
Bei diesem Rollenwechsel aber, der für die soziale Entwicklung der Nacktaffen-Population ausschlaggebende Vorteile brachte, entstand laut Morris eine Art kultureller Leerstelle: "Aus der alten Urwaldaffenzeit war nämlich noch immer das Verlangen nach dem einen Allmächtigen da, der seine Gruppe in Zucht hielt."
Naheliegende Schlußfolgerung des Zoologen: "Diese Lücke wurde geschlossen dadurch, daß man einen Gott erfand."

DER SPIEGEL 2/1968
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